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Das Tagebuch der Eva Schiffmann

Ziel des Projektes ist eine digitale Repräsentation und umfassende Erschließung des Tagebuchs von Eva Schiffmann (1925–1930) auf einem Wissenschafts- und Bildungsportal. Im Anschluss an gegenwärtige Konzepte und Praktiken aus den Informationswissenschaften, aus der Geschichtswissenschaft und der Geschichtsdidaktik entwickelt dieses Projekt neue Ansätze: zum einen für die Repräsentation von Tagebüchern und die Transformation historischer Quellenkritik unter digitalen Bedingungen und zum anderen für eine Auseinandersetzung mit der Weimar Republik, die einen integrierten Ansatz deutsch-jüdischer Geschichte wählt und auf ein demokratische Bildung zielt.


Die angestrebte Verschränkung historischer Methoden und Erkenntnisse ist so auf die Förderung von reflexivem und reflektiertem Geschichtsbewusstsein angelegt. Das hier entwickelte Angebot der Quellennutzung und -interpretation, das sowohl an wissenschaftliche als auch außerwissenschaftlichen Nutzer/innen gerichtet wird, ermöglicht es, durch das Internet begünstigte Stereotype und Geschichtsbilder zu hinterfragen und zu revidieren und neue Wege in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Moderne im 20. Jahrhundert zu gehen.


Das Tagebuch ist als Original im Stadtarchiv Gotha überliefert und sicher aufbewahrt. Verfasst wurde es in den Jahren 1925–1930 von Eva Schiffmann (1912–2003). Auf 177 handschriftlich verfassten Seiten hielt diese junge jüdische Frau sowohl ihre Erfahrungen aus der Schulzeit fest, die sie an einer  der nach 1918/19 gegründeten Reformschulen der Weimarer Republik verbrachte als auch Erlebnisse in der Freizeit, in der sie zeitgenössische Filme, Büchern und Theatervorstellungen besuchte. Darüber hinaus enthält das Tagebuch erstaunlich tiefgehende Überlegungen zu Fragen nach Krieg, Gerechtigkeit und sozialer Ungleichheit sowie Reflexionen über ihre (ost-)jüdische Sozialisation und das moderne Frauenbild, das im Kontrast zu den bürgerlichen Moralvorstellungen der Mutter stand.


Die historische und didaktische Erschließung soll heutigen Nutzer/innen die Zukunftsmöglichkeiten vergegenwärtigen, die die Weimarer Demokratie ihren Bürger/innen eröffnete, aber auch den Entscheidungsdruck, der auf ihnen lastete, wenn sie sich zwischen alternativen Lebensmodellen hin- und hergerissen sahen, nach denen alles möglich schien. Über viele Tagebucheinträge wird der Zwang des Individuums zur Entscheidung erfahrbar, der für die moderne, plurale Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts – im Unterschied zu Diktatur und autoritären Ordnungen – charakteristisch ist. Die Biographie Eva Schiffmanns steht für die Aufstiegschancen, die die Weimarer Verhältnisse (jüdischen) Kindern aus kleinbürgerlichen Verhältnissen boten. Die begabte Schülerin wechselte 1925 von  der Volksschule auf die Aufbauschule, um dort ihr Abitur abzulegen. Ihr Wunsch ein Studium aufzunehmen und einen Beruf als Richterin oder Lehrerin zu ergreifen stand jedoch im Widerspruch zu den Anforderungen des zionistisch-sozialistischen Jungjüdischen Wanderbunds (JJWB), in dem sie organisiert war und der seine Mitglieder mittels landwirtschaftlicher Ausbildung darauf vorbereitete, als Pioniere nach Palästina auszuwandern. Der innere Konflikt, der sich aus den Handlungs- und  Entscheidungsspielräumen eines Teenagers in der Weimarer Republik ergibt, und den Eva Schiffmann im Tagebuch mit sich austrug, ist Grundlage eines problemorientierten und forschend-entdeckenden Lernsettings. Über den individuell-biographischen Ansatz hinaus gewährt das Tagebuch auch kulturraumspezifische Einblicke in die Lebensrealität und Alltagswahrnehmung eines in einer Kleinstadt aufwachsenden jüdischen Mädchens. Es zeigt, dass die Kultur der „Goldenen Zwanziger“, die Schulreform und die Errungenschaften der ersten Frauenbewegung weit über die Großstädte hinausreichten.


Aufgrund seiner thematischen Bandbreite und seiner Relevanz für den Lernprozess im Umgang mit historischen Quellen, soll das Tagebuch insbesondere Lehrenden und Lernenden in Schule und Universität zugänglich gemacht werden, indem es digitalisiert wird, Einträge kontextualisiert und mit anderen Archiv- und Bibliotheksbeständen verlinkt werden.


Mit dem Projekt werden dabei in mehrfacher Hinsicht innovative Impulse gesetzt.


  • Erstens zielt es auf die Open-Access-Politik sammlungshaltender Institutionen (Archive, Museen, Bibliotheken) und im Besonderen die der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, welche nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Bildung fruchtbar zu machen ist. Damit ist zugleich ein erkennbares Desidarat in der Geschichtsdidaktik aufgegriffen, das unter dem aktuellen Zwang zur Distanzlehre aufgrund der Einschränkungen der Corona-Pandemie deutlich geworden ist: In Bezug auf die historisch-politische Bildung in der digitalen Welt ist die Geschichtsdidaktik bislang stark in der Theorie und teilweise auch in der Empirie, indem sie etwa das veränderte und unspezifische Quellenverständnis (z.B. „Internet als Quelle“) thematisiert. Dagegen gibt es kaum Angebote für quellenkritisches historisches Lernen mit, an und über digitale Medien.
  • Zweitens ist die Erschließung des Tagebuchs für historische Lernprozesse ein wichtiger Beitrag zur Demokratiebildung, da hier das festgefahrene Deutungsmuster von der zwangsläufig gescheiterten Weimarer Republik, das den Geschichtsunterricht und die Geschichtskultur immer noch prägt, aufgebrochen wird.
  • Drittens soll mit dem geplanten Wissenschafts- und Bildungsportal ein Angebot unterbreitet werden, mit dem die didaktische Konzeption einer über den Holocaust hinausgehenden integrierten deutsch-jüdischen Geschichte umgesetzt werden kann.

Kontakt

Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Dr. Anke John
Historisches Institut
Professur für Geschichtsdidaktik

Zwätzengasse 3, Raum 203
07743 Jena

Telefon 03641 94 44 38 / 29 (Sekretariat)
anke.john@uni-jena.de