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Linda Wiszenko (1908–1988)

„Den Namen Wiszenko hörte ich das erstemal 1987 bei einem Gespräch in der Arbeitsgruppe 'Jüdisches Leben im Kulturbund Apolda'. Ende April 1988 besuchte ich sie in ihrer noblen Villa in der Straußstraße. Zen Ablauf dieses Gesprächs habe ich wiedergegeben in dem Heft 'Apoldaer Judengeschichten"“ Nr. 10. „Der geheimnisvolle Schneider. Hereingeweht vom Winde der Geschichte', Apolda 2018, S. 5-11.
Dame, was ich bzw. die Arbeitsgruppe 'Jüdisches Leben' des Kulturbundes vorhatten. Wir hatten uns, angeregt durch die Existenz des Namens der Bernhard- Prager-Gasse von Apolda, hauptsächlich um die Rekonstruktion einer Familiengeschichte der Pragers gekümmert, deren Name offensichtlich für viele ältere Apoldaer noch eine richtige Leuchtkraft hatte. Man sprach mit Hochachtung von diesem Bernhard und seiner Frau Gertrud, die in den Hungerzeiten nach dem Krieg und während der Inflation den Müttern in ihrer Gasse die Milch für ihre Kinder bezahlten.
Und deswegen das war der Aufhänger für mein Gespräch hätten wir uns entschlossen, anlässlich seines 100. Geburtstages am 29. Juni eine Gedenktafel an seinem Haus anzubringen.
Diese Eröffnung und Beschreibung unseres Vorhabens fand sichtlich das Interesse von Frau Wiszenko und weckte eine freudige Erwartung. Mein Hinweis, dass es in der unteren Otto-Nuschke-Straße (heute: Goerdelerstraße) im Schaufenster des Gardinenladens Koppe demnächst eine Ausstellung über die Apoldaer Juden zu besichtigen gäbe, ließen ihre Augen aufleuchten. 'Diese Ausstellung schaue ich mir sofort an, wenn ich wieder in der Stadt zu tun habe!', teilte sie mir begeistert mit.
 'Gut, Frau Wiszenko, schauen Sie sich die Tafeln in Ruhe an vielleicht fällt Ihnen dazu noch einiges ein, von dem wir noch nichts wissen', antwortete ich ihr.  'Herr Franz, ich kann Ihnen etwas mitgeben, was Sie vielleicht interessiert'. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und trat an einen Schrank, aus dem sie eine Mappe hervorzog. Linda griff in die Mappe und holte ein Stück aus Stoff heraus und zeigte es mir. Mit großen Augen blickte ich auf den sogenannten Judenstern, den sie auf den Tisch gelegt hatte. 
'Das ist der Stern, den mein Lejzor seit 1941 tragen musste. Normalerweise sollten sie ihn an der Jacke aufnähen. Aber Lejzor fand es abscheulich, wenn er gute Freunde oder Bekannte besuchte und dann mit dem Stern vor ihnen erschien. Deshalb hat er das gelbe Zeichen auf einen Stern aus Pappe genäht und hinten mit einer Verschlussnadel zum Anstecken an die Kleidung versehen. So konnte er den Stern auch abnehmen, wenn er es wollte. Hier, Herr Franz, den können Sie in Ihrer Ausstellung gern zeigen!'
Bei diesen Worten der alten Frau wurden mir die Augen feucht. 'Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll für dieses Vertrauen! Sie dürfen gewiss sein ich bewahre ihn zu treuen Händen auf!', sprach ich zu ihr und drückte ihr gerührt die Hand. 'Darf ich gelegentlich noch einmal wiederkommen, Frau Wiszenko?"fragte ich sie zum Abschied.
'Aber gern, kommen Sie nur, ich erzähle Ihnen noch mehr'. Ich winkte Frau Wiszenko noch einmal zu und rief: 'Dann bis zum nächsten Mal!' Es dauerte auch nicht mehr lange bis zu unserem nächsten Treffen. Inzwischen hatte ich den Stern bereits in die Ausstellung eingefügt.
Beim nächsten Besuch bei der Witwe des Schneiders ergab sich ein Gespräch, das noch tiefer führte als das letzte. Sie eröffnete mir nämlich, dass sie auch noch ein Stück aus dem Eigentum der Pragers besaß: einen Chanukka-Leuchter, den das Ehepaar vor seiner Deportation dem Schneider übergeben hatte als Andenken. Ich staunte über den hübschen Leuchter, der zwar, aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammend, keinen besonderen Kunstwert hat, aber durch
den Gebrauch bei der Fellhändler-Familie aus der Sandgasse einen hohen symbolischen Erinnerungswert besitzt.
'Herr Franz, Sie können den Leuchter mitnehmen, wenn Sie wollen. Ich bin eine alte Frau, wir hatten auch keine Kinder, so dass ich nichts an jemanden zu vererben habe', sagte die Schneidersfrau zu mir, die offensichtlich Zutrauen gefunden hatte zu uns, die wir für sie ganz erstaunlicherweise nach einem längst vergessenen Lebenskreis von Menschen forschten, die wie ihr verstorbener Mann zu den Juden gehörten.
Ich antwortete: 'Ich bin ganz bewegt von dem, was Sie mir erzählt haben von Ihrer Freundschaft mit den Pragers, die Sie nicht vergessen können.'
' Wissen Sie was', erwiderte sie und holte noch einmal die Mappe hervor, aus der sie bereits den Judenstern herausgenommen hatte, 'ich schenke Ihnen alles, die Papiere, die Dokumente und Ausweise meines Mannes, seinen Schriftwechsel mit den Behörden und die Fotos. Ich freue mich, wenn es in gute Hände
kommt und dort bleibt! Ich glaube mich zu erinnern, dass ich Linda Wiszenko nach diesen Worten umarmte. Als ich die Mappe in meiner Tasche verstaute, sagte sie zu mir einige Sätze, die ich nie wieder vergessen konnte. 'Sie wissen ja, Herr Franz, dass ich evangelisch getauft bin, eine Frau, wie es in Apolda Tausende davon gibt. Wir haben aus Liebe geheiratet, mein Mann hat meinen Glauben akzeptiert, und ich habe auch nicht versucht, ihn zum Christen zu bekehren. Wenn ich heute das Wort 'Jude' höre, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Das ist alles die Strafe dafür, dass ich als Kind die Tochter von Dattelbaums in der Müllerstraße, wo wir wohnten und die garstig zu uns war, beschimpft habe: 'Du Judenmensch!'.
Hier hatte jemand ein Schuldbekenntnis abgelegt, wie es selten aus deutschen Mündern zu vernehmen ist: mit einer Erschütterung darüber, dass man selber den gewöhnlichen Antisemitismus einer ganzen Geschichtsepoche wie selbstverständlich geteilt hat mit den meisten anderen Deutschen. Linda war die Witwe des ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiters Leiser Wiszenko, der aus der Zwangsarbeit im Dreiwegelager Weißenfels nach Apolda zurückkehren konnte. Nach den aufregenden Besuchen bei ihr war sie selbstverständlich hoch interessiert daran, an dem Gedenken zum 100. Geburtstag von Bernhard Prager teilnehmen zu können, das am 29. Juni 1988 in der unteren Dr.-Otto- Nuschke-Straße stattfand. Das Foto zeigt sie als Greisin mit aufrechtem Gang, angetan mit einer dunklen Jacke. In der Hand das Einladungsschreiben der Arbeitsgruppe Christliche Kreise haltend. Sie lauscht aufmerksam, was Jugendchor und Sprecher von sich geben.
Geboren am 12. Dezember 1908 in Apolda, wurde sie evangelisch getauft und konfirmiert. Nach dem Abschluss ihrer Schulzeit ging sie zur Arbeit 'in die Wolle' und wurde Heimarbeiterin. Am 29. Dezember 1930 heiratete sie den 'israelitischen' Schneider Lejzor don Wiszenki (so die Heiratsurkunde. Der Name taucht in verschiedenen anderen Varianten auf, siehe 'Judengeschichten' Nr. 10). Kinder bekamen sie keine.
Als sich 1942 die Deportation der jüdischen Familie Prager abzeichnete, vertraute Bernhard Prager seinem jüdischen Freund Wiszenko einen Chanukka-Leuchter aus seinem Besitz an, sicher in dem Wunsch, ihn in gute Hände gegeben zu haben. Leider dauerte die meinerseits mit großer Dankbarkeit erworbene Bekanntschaft mit der alten Dame nur noch kurze Zeit: einen Monat nach ihrer Teilnahme an der Gedenkfeier für Prager verstarb sie. Eine Mitteilung über ihren Tod sandte mir der im gleichen Hause wohnende Dr. Zorn.Die Kreiskommission 'Verfolgte des Naziregimes' veröffentlichte am 13. August 1988 eine Todesanzeige in der Tageszeitung 'Das Volk'.“