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Gefundene Objekte: 147

B

Familie Braunthal

Alfred Braunthal (1897–1980) war verheiratet mit Erna (1902– 1929 geb. Elkan). Das Ehepaar stammte aus Wien. In Gera geboren wurden ihre Kinder Gerhard „Gerard“, auch „Jerry“ (1923–2014) und Jagna (1927–1990). Erna starb 1929 bei einem Bergunfall im Alter von 27 Jahren. Dadurch wurden Gerhard (6) und Jagna (2) zu Halbwaisen. Alfred heiratete im selben Jahr seine Schwägerin Hildegard (geb. 1903), Ernas jüngere Schwester. Als Dozent und Leiter der SPD-nahen Heimvolkshochschule Gera von 1921-29 musste er frühe Anfeindungen ertragen als Jude und als Sozialist. 1929 zog die Familie nach Berlin. Im März 1933 flüchteten sie nach Wien und weiter nach Brüssel. Über England erreichten sie im März 1936 New York und blieben dort bis zum Kriegsende. 1950 zog das Ehepaar beruflich erneut nach Brüssel. Ab 1967 lebten sie wieder in den USA, wo Alfred im Alter von 83 Jahren in Boston starb. Sohn Gerard war seit 1943 Angehöriger der US Army. Er kam als Befreier nach Deutschland und blieb 15 Monate stationiert. Zurück in den USA heiratete er 1950 Sabina Diamond (+2009). Nach dem Studium an Queens College, U. of Michigan und Columbia Univ. wurde er Professor für Politologie an der University of Massachusetts, und lehrte auch in Deutschland. Er erhielt 1999 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Er starb am 26.10.2014 in Amherst (USA). Jagna hat Mathematik und Anglistik studiert. Sie war als College-Lehrerin und Schriftstellerin tätig und gründete später ein Puppentheater.

Familie Bachmann

Max und Alma Bachmann heirateten Anfang der 1900 Jahre. Wann ihre Tochter, Sophie Bachmann, geboren wurde, ist nicht dokumentiert. Sie lebte in Berlin, bevor sie nach Palästina ausreiste. Umzug nach Themar vor dem 1. Weltkrieg. Die erste Spur ist eine Zeitungsannonce für eine Haushaltshilfe im Dezember 1913. Zu der Zeit lebten die Bachmanns in der Schulstraße 334. Später wohnten sie in einer Wohnung an Schlagetererstr. 11 (heute Römhilderstrasse). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Max Bachmann zweimal verhaftet. In der Reichskristallnacht wurde Max Bachmann mit anderen Männern ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert und im Dezember 1938 wieder nach Themar entlassen. Im Dezember 1939 wurden die Bachmanns wie andere Familien gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und mit Familie Frankenberg und Sander in ein von der SA zugewiesenes Haus zu ziehen. 1941 wurde Max Bachmann denunziert, weil er keinen Judenstern trug, worauf er verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen wurde und mit sofortiger Wirkung der Gestapo in Weimar übergeben wurde. Von dort aus wurde Max Bachmann nach Bernburg deportiert und dort nach seiner Ankunft am 2. März 1942 umgebracht. Alma Bachmann überlebte die erneute Festnahme ihres Mannes nicht und verstarb bereits am 27. November 1941.

Familie Baer (Bär)

Samuel Bär, später Baer, ist der erste dokumentierte jüdische Bürger Themars im 19. Jahrhundert. Ein Reisedokument, ausgestellt am 10. September 1856 erlaubte es Samuel Bär, von Themar nach Leipzig zu reisen, um die Handelsmesse zu besuchen. Samuel und Jette Bär, geborene Walther, wurden beide in Marisfeld in grosse, gut situierte Familien geboren. Im Familienregister wurde Samuel Bär als Kaufmann aufgeführt. Die Entscheidung, von Marisfeld nach Themar zu ziehen, hing mit der Lockerung der Siedlungsrechte für Juden und Jüdinnen zusammen, wie auch den sozio-ökonomischen Möglichkeiten in der Kleinstadt Themar. Nach ihrem Umzug änderten sie ihren Namen von Bär zu Baer. In Themar lebte der „Schnittwarenhändler“ Samuel Baer und Jette Baer am Marktplatz 187, später zogen sie an den Markt 8. Das Paar hatte sieben Kinder, die alle im Geburtenregister aufgeführt sind. Die Kinder besuchten eine jüdische Schule, geleitet von Leopold Ludwig in der Nähe der St. Bartholomäus Kirche. Alle Kinder lebten später entweder in Themar oder den naheliegenden Städten Meiningen und Hildburghausen. Samuel Baer starb im Alter von 55 Jahren im Jahr 1883, Jette lebte bis 1909. Samuel und Jette Baer waren Schlüsselfiguren für die Gründung der jüdischen Gemeinde in Themar.

C

Max Carl Hauptmann (1897–1961)

Max Carl Hauptmann, (1897 in Gera) war das jüngste von 3 Kindern von Gustav Hauptmann (1863 in Militsch/Schlesien) und Rosalie (1863 in Halle/Saale geb. Goldschmidt). Als Soldat wurde er vor Verdun 1916 schwer verwundet und verlor sein linkes Bein. Er studierte Jura ab 1918 in Jena und Heidelberg. In Gera war ab 1920 in Gera als Gerichts-Referendar tätig. Seit 1924 hatte er eine Anwaltskanzlei mit Notariat gemeinsam mit Dr. Rudolf Paul. 1933 erhielt er als Jude Berufsverbot. Dr. Max Carl Hauptmann überlebte 1937 auf der Flucht einen Schiffbruch. Sie retteten sich nach Buenos Aires, wo sie längere Zeit leben. Er stirbt dort 1961. Seine Eltern, Gustav und Rosalie Hauptmann, beide 74 Jahre alt, blieben zunächst in Gera. Nachdem Max' Tante Berta Goldschmidt 1935 in Gera gestorben und er selbst 1937 geflohen war, zog Max' Cousine Wally Goldschmidt (unverheiratet, 46) aus Weimar nach Gera. Sie versorgte die alten Leute und sie wohnten gemeinsam Tivolistr. 8 zur Miete. Gustav und Rosalie Hauptmann mussten 1939 ins Judenhaus Zschochernstr. 32 (Eigentümer ist ihr Sohn Max Carl!) Am 22. September 1939 kamen sie nach Hannover. Der Kriegsausbruch verhinderte die geplante Emigration. Während Rosalie 1941 78-jährig starb, musste Gustav noch in mehrere Hannoversche Judenhäuser und wurde über Theresienstadt (23.07.1942) nach Treblinka (23.09.1942) deportiert und dort ermordet. Der Name Wally Goldschmidt steht auf der Thüringer Deportationsliste vom 10.5.1942 von Weimar nach Belcyze. Dort wurde auch sie ermordet.

Hildegard Czech (1899–1969)

Hildegard Czech wurde am 18. Dezember 1899 in Bad Charlottenbrunn (Schlesien) als Tochter des begüterten jüdischen Fabrikbesitzers Eugen Schachtel und seiner Ehefrau Emma, geb. Wieruszowski, geboren. Nachdem sie die mittlere Reife abgelegt hatte, lernte sie Buchführung, Stenografie und Schreibmaschine, um dann kurze Zeit im Porzellanwerk des Vaters tätig zu sein. 1919 heiratete sie den nichtjüdischen Arzt Dr. med. Adolf Czech. Die drei Kinder, Ursula (geb. 1920), Barbara (geb. 1924) und Hans Günther (geb. 1925), wurden in Bad Charlottenbrunn geboren. Alle Mitglieder der Familie waren evangelischer Konfession. Nachdem sich Adolf Czech nach 20-jähriger, seit längerer Zeit zerrütteter Ehe 1939 scheiden ließ, zog Hildegard Czech mit ihren Kindern nach Breslau. Weil sie als Jüdin galt, hatte sie unter den fortwährenden Schikanen der Gestapo zu leiden, die Familie musste in ein "Judenhaus" ziehen. Als 1942 ihre älteste Tochter bei der Arbeit im Zellwollwerk Hirschberg bei einer Explosion schwer verunglückte, fuhr Hildegard Czech ohne Erlaubnis der Gestapo zur Pflege ihrer Tochter, die noch fünf Tage überlebte, und zu deren Beerdigung nach Hirschberg. Zur Strafe sollte sie in ein Lager nach Polen geschickt werden, nur knapp konnte sie dem entgehen. Jeden Morgen musste sie sich bei der Gestapo einfinden, wo sie stundenlangen quälenden Verhören und gemeinen Anschuldigungen ausgesetzt war. Am 7. Januar 1944 wurde sie unerwartet abgeholt und zwei Tage später mit einem Transport in das Konzentrationslager Theresienstadt geschafft. Infolge der Kälte, des Hungers und der schweren Arbeit bekam sie eine Rippenfellentzündung und eine offene Lungentuberkulose. Nach der Befreiung des Lagers konnte sie mit ihrem Sohn, der noch Anfang 1945 nach Theresienstadt verschleppt worden war, im Juli 1945 nach Bad Charlottenbrunn zurückkehren. Kaum gehfähig, brachte sie der Sohn in einem Handwagen nach Hause. Ihre Tochter Barbara, selbst durch Schachtarbeiten in einem Zwangsarbeitslager schwer erkrankt, kümmerte sich um sie. 1946 schied die Tochter – vermutlich freiwillig – aus dem Leben. Im Juli 1947 musste Hildegard Czech ein zweites Mal die Heimat verlassen. Zusammen mit ihrem Sohn wurde sie evakuiert und gelangte als "Umsiedlerin" zunächst in das thüringische Ilmenau. Nach einem über einjährigen Aufenthalt im Sanatorium Tannenfeld zog Hildegard Czech 1950 zu ihrem Sohn nach Jena. Hans Günter Czech, der inzwischen das Abitur nachholen konnte, hatte an der Friedrich-Schiller-Universität ein Theologiestudium begonnen und die Kurrende der Studentengemeinde übernommen. Das Studium musste er jedoch aus gesundheitlichen Gründen bald wieder aufgeben. Danach strebte er eine Ausbildung in der Jugendarbeit an. Um 1955 nahm er in West-Berlin eine Ausbildung zum Heilerzieher auf. Nur wenige Jahre später wählte er den Freitod. Hildegard Czech, wegen ihrer Gebrechlichkeit stets in ärztlicher Betreuung und seelisch zerstört, blieb in Jena. Trost fand sie im Glauben und in der Bibel, "der alte Hiob – das ist mein Bruder". Als ihr 1956 das Pflegegeld entzogen werden sollte, setzte sich die Stadtverordnete Ilse Burghardt persönlich für sie ein: "Frau Hildegard Czech wohnt in meiner Nachbarschaft und ist mir seit Jahren bekannt; sie ist anerkannt(e) VdN [Verfolgte des Naziregimes]. Dies allein sollte für uns alle Mahnung und Verpflichtung sein, ihr zu helfen, wo wir nur können." Eine sehr enge, fast familiäre Beziehung pflegte Hildegard Czech, die sich noch im Alter für Sport, Schach und Briefmarken interessierte, zur Familie des Pfarrers Karl-Heinz Maeß. Am 25. April 1969 starb sie in Jena. Auf einem vergilbten Zettel in ihrem Tagebuch fand sich der 126. Psalm, der schließlich auch über ihrer Trauerfeier stand: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden."

Wohnungen in Jena: 1950 Treunertstraße 1; 1953 Camburger Straße 24 

D

Paul Dattelbaum (1867–1937)

Der Kaufmann Paul Dattelbaum (1867) kam gebürtig aus dem polnischen Kattowice und lebte in Leipzig. Im Jahr 1901 heiratete Paul Dattelbaum in Apolda die nichtjüdische Direktrice Helene Meyer. Paul Dattelbaum war in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands tätig, was an den Geburtsorten der Kinder erkennbar ist. Der Sohn  Wilhelm (1902) und Tochter Charlotte (1903) wurden in Hanau geboren, Tochter Erika (1907) im schlesischen Goldberg, das jüngste Kind Sohn Fritz (1912) in Apolda. Seit 1911 wohnte die Familie in Mietwohnungen in der Herressener Straße 5 und An der Karlsquelle 1. Paul Dattelbaum war Mitglied im Kaufmannsgericht.1917 errichtete er ein eigenes Wohnhaus an der Müllerstraße 10, in das die Familie einzog und bis 1937 bewohnte.1938 wurde das Haus der Eltern „arisiert“. Vater Paul hat die Enteignung nicht mehr erlebt, denn im Januar 1937 war er verstorben. Helene zog im Oktober gleichen Jahres nach Leipzig, wo sie verstarb.

Rudolf Diener (1904-1941)

Rudolf Diener wurde am 15.7.1904 in Gera geboren. Er hatte einen Bruder. Er erlernte den Beruf eines Tischlers und wurde 1923 Funktionär im Rotfrontkämpferbund und Mitglied der KPD. 1934 wurde er verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach kam er in "Schutzhaft" nach Bad Sulza, Lichtenburg und Buchenwald. 1939 amnestiert, verteilte er wieder Flugblätter und malte Transparente. Deshalb wurde er 1940 erneut verhaftet. Am 13.3.1941 starb Rudolf Diener gewaltsam durch Verhör-Folter im Geraer Untersuchungs- und Gestapo-Gefängnis Amthorpassage. Er wurde 36 Jahre alt. 

Familie Derbuel

Der Franzose Victor Derbuel kam als Kriegsgefangener des 1.Weltkriegs nach Berlin. Hier heiratete er im Jahr 1920 Alice, geb. Heidemann, eine junge Frau jüdischer Herkunft. Als das Ehepaar Victor und Alice Derbuel nach Gera zogen, waren sie 29 und 28 Jahre alt. Ein Jahr später wurde ihr einziges Kind, die Tochter Fernande, geboren. Schwiegervater Max Heidemann gab das Startkapital. Sie pachteten ein Grundstück in der Gneisenaustr. 32. Darauf wurden Fabrikgebäude errichtet. So entstand die Präzisions-Werkzeug- und Kompressorfabrik Victor Derbuel. Er rüstete Fahrzeuge mit Autokompressoren nach und hatte 1945 immer noch 75 angestellte Mitarbeiter. Als Max Heidemann starb, nahm die junge Familie die verwitwete Schwiegermutter von Berlin zu sich  nach Gera. Frau Heidemann überlebt das Kriegsende und starb 1979 in Berlin im Alter von 88 Jahren. Nach den Nürnberger Gesetzen führten Derbuels eine Misch-Ehe. Bis Herbst 1944 blieben sie verschont. Da Victor die Ehescheidung ablehnte und dazu auch noch Franzose war, kam er im Oktober 1944 in ein Arbeitslager bei Halle. 1945 im April war Victor wieder in Gera. Zuvor, im Januar 1945, spitzte sich die Situation der drei Frauen zu. Großmutter, Mutter und Kind sollten nach Theresienstadt deportiert werden. Stunden vor dem Zugriff der Gestapo wurden sie gewarnt. Bis heute unbekannte Mitglieder der Betriebsbelegschaft und deren Familien schützten sie. Sie erlebten das Kriegsende in Verstecken, wo sie versorgt werden mussten. 1945 wird die Fabrik enteignet und demontiert. Sie diente bis 1955 als Unterkunft für sowjetische Soldaten. Victor starb 1965 im Alter von 75 Jahren, Alice 1979 im Alter von 87 Jahren, die in Gera geborene Fernande 2009 im Alter von 89 Jahren. Fernande war verheiratet und hatte einen Sohn. Nachkommen leben heute in den USA.

Oskar Dallmann (1881–1942)

Oskar Dallmann wurde am 26. September 1881 in Beuthen (Schlesien) geboren. Er war mit der 1887 im schlesischen Alt Berun geborenen Putzmacherin Hulda Ehrlich verheiratet. Erstmals erscheint Oskar Dallmann 1923 im Jenaer Adressbuch. Er hatte das seit 1913 bestehende Hutgeschäft von Paul Möller in der Leutrastraße 33 übernommen und führte es als Spezialgeschäft für Damen- und Kinderhüte unter dessen Namen weiter. In unmittelbarer Nähe des Geschäftes, im Hause Leutrastraße 1, betrieben er bzw. seine Frau Hulda noch eine Damenhut- und Damenputzwerkstatt. Zehn Jahre florierte der Handel, bis am 1. April 1933 auch dieser Betrieb den ersten Boykottmaßnahmen der Nazis ausgesetzt war. In der Pogromnacht 1938 waren die Schaufenster des Geschäftes mit Plakaten "Geschlossen wegen Mord!" überklebt worden. Oskar Dallmann selbst wurde mit weiteren Jenaer Männern verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald geschafft (Übersicht 2). Gleichzeitig erfolgte auf der Grundlage der "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938 die Abwicklung seines Hutgeschäftes. Anfang Dezember erging dazu folgende Aktenmitteilung: "Dallmann ist noch nicht zurück aus dem Lager. Das Geschäft wird von der Frau weiterbetrieben. Die Waren sollen bis zur Auflösung verkauft werden. […] Der Laden ist schon wieder anderweitig vermietet." (StadtAJ, D Ih 10/1, Bl. 186). Bereits am 14. Dezember meldete der mit der Abwicklung beauftragte Carl Schmidt Vollzug. Warenlager und Inventar der Firma waren für nur 1200 RM an die Putzmachermeisterin Marta Knoblauch verkauft worden, "die jüdische Firma Oskar Dallmann ist damit abgewickelt" (Bl. 209). Im Dezember aus Buchenwald zurückgekommen, erhielt der inzwischen Enteignete darüber hinaus zum 31. März 1939 die Kündigung seiner Wohnung in der Kleinen Camsdorfer Straße. Da seine Nachfragen nach Wohnraum in einem »arischen« Haus scheiterten, wandte er sich an die jüdischen Hausbesitzer. Seine dies- bezüglichen Bemühungen beschrieb Oskar Dallmann wie folgt: »Herr Max Meyerstein sagte mir er darf seinem arischen Mieter nicht kündigen. Herr Dr. Eppenstein hat 7 Kinder und beschränkten Raum. Die Räume des verstorbenen Abteilungsleiters Großmann Scheidlerstraße sind schon vermietet. Nur bei Fr Professor Joseffi [Josephy] Sedanstr. 4 die mit 2 erwachsenen Töchtern 1 ganzes Haus bewohnt wurde ich von der Tochter mit der Begründung abgewiesen, die überzähligen Räume kämen für auswärtige Verwandte   in Frage. […] Fr Professor Mayer Steineck [Meyer-Steineg], die eine große Villa allein bewohnt ließ mir kurz durch einen Angestellten sagen Sie hat nichts abzugeben." (StadtAJ, F 2335, Bl. 1). In seiner Not und Sorge vor drohender Obdachlosigkeit schrieb er im Januar 1939 an den Oberbürgermeister. Dabei betonte er besonders den Umstand, dass er Frontsoldat und im Krieg verschüttet und verwundet worden war. Die Stadt verfügte schließlich am 22. März 1939 die Einweisung des Ehepaares Dallmann in das Wohnhaus Josephy, Sedanstraße 4. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber die Familie Jena bereits verlassen und war nach Leipzig verzogen. Hier ist belegt, dass das Ehepaar zunächst in der Kronprinzenstraße 94, später in einem  "Judenhaus" in der Gohliser Straße 11 untergebracht war. Oskar Dallmann musste im Tiefbau Zwangsarbeit leisten. Am 21. Januar 1942 wurden Hulda und Oskar Dallmann nach Riga verschleppt und gelten seitdem als verschollen. Ihre Kinder konnten emigrieren.

Wohnungen in Jena: 1923 Spitzweidenweg 20; 1925 Hardenbergweg 37; 1929 Kleine Camsdorfer Straße 1 

Richard Dannemann (1887–1950)

Richard Dannemann wurde am 29. Juni 1887 in einem jüdischen Elternhaus in Grabow bei Stettin geboren. Seine Eltern, Zacharias Dannemann und Hanna Dannemann, geb. Malach, wohnten seit Anfang der 1870er Jahre in Stettin. 1902 verließ der junge Mann Stettin, um sich nach mehrjähriger kaufmännischer Ausbildung in Wismar, Dresden und Breslau ab 1909 eine berufliche Existenz in Jena aufzubauen. Im Oktober 1909 übernahm er hier die erst 1908 von dem jüdischen Kaufmann Adolph Krojanker aus Burg bei Magdeburg gegründete Schuhwarenhandlung in der Leutrastraße 2. Seine Schwester Hildegard Dannemann, am 15. Januar 1892 geboren, kam 1909 ebenfalls nach Jena und arbeitete im Laden ihres Bruders. Das Geschäft, ab September 1911 mit Sitz in der Johannisstraße 24, firmierte als "Schuh- und Sporthaus Richard Dannemann". Richard Dannemann, selbst sportlich aktiv und wie  Otto Eppenstein ein begeisterter Ballonfahrer, gehörte dem Verein für Bewegungsspiele e. V. Jena an und führte zeitweilig dessen Geschäftsstelle. Darüber hinaus war der künstlerisch Interessierte auch Mitglied im Jenaer Kunstverein. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Richard Dannemann als Freiwilliger und diente als Unteroffizier und Vizefeldwebel in Feldluftschiffer-Abteilungen. 1917 beantragten Richard und Hildegard Dannemann, beide besaßen die russische Staatsangehörigkeit, ihre Einbürgerung in den Sachsen-Weimarischen Staat. In seinem Antrag auf Einbürgerung wies er sich in seinem Glaubensbekenntnis als Freidenker aus. Bis 1917 hatte er noch zu den Beitragszahlern für das Landesrabbinat gezählt. Seine Schwester Hildegard Dannemann gehörte ebenfalls der Freidenkerbewegung an. Gegen sie, die im Schuhgeschäft tätig war, wurde im April 1917 ein anonymer Hinweis an die Stadtverwaltung gegeben, dass sie an einen Schauspieler Schuhe und Stiefel ohne Bezugsschein verschenkt hätte. Im Dezember 1920 heiratete Richard Dannemann die aus einem jüdischen Elternhaus in Berlin stammende Studentin Käthe (eigentlich Katharina) Neumann (1898– 1935). Die Ehefrau, gleichfalls Dissidentin, studierte an der Jenaer Universität Medizin und ließ sich zum Wintersemester 1922/23 für das Studium der Philosophie umschreiben. 1923 wurde der gemeinsame Sohn Ulrich geboren, der später Schüler an der Universitätsschule von Peter Petersen wurde. Das Schuhhaus war inzwischen 1921 in die Löbderstraße 6 umgezogen und besaß den Alleinverkauf von Salamander-Schuhen in Jena und Umgebung. In Jena war die Familie Dannemann mit den Rechtsanwälten Kurt May und Walter Ledermann, die ihre Kanzlei ebenfalls im Haus Löbderstraße 6 hatten, sowie mit der Familie von Dr. Heinrich Schmidt, Direktor des Ernst-Haeckel- Hauses und Herausgeber der "Monistischen Monatshefte" befreundet. Aus wirtschaftlichen Gründen er- folgte im Februar 1927 die Geschäftsauflösung Dannemann. Der bereits ab November 1926 durchgeführte Totalausverkauf fand selbst in Fachblättern wie "Der Schuhmarkt" (Frankfurt a. M.) Beachtung. Die Geschäftsräume und das Personal wurden von der Bottina Schuhgesellschaft m. b. H. (Berlin) übernommen und das Geschäft unter dem Namen "Bottina" am 26. Februar 1927 neu eröffnet. Richard Dannemann übernahm zunächst bis auf weiteres die Leitung der Filiale. 1929 zog die Familie aus beruflichen Gründen nach Köln, wo Richard Dannemann als Geschäftsführer der "Hess-Schuhkette" tätig war. Nach dem Tod seiner Ehefrau Käthe 1935 wanderte Richard Dannemann mit Sohn Ulrich nach Brasilien aus. Die Jenaer Verkaufsstelle der "Bottina" war bereits 1933 als jüdisches Schuhgeschäft von der Warenlieferung ausgeschlossen und 1938 im Zuge eines Arisierungsverfahrens an den Kaufmann Karl Fischer veräußert worden. Richard Dannemann starb 1950 in São Paulo. Sein Sohn Ulrich Dannemann hatte zunächst 1933/34 in Köln ein Gymnasium besucht und konnte 1934 am Gymnasium in Visé (Belgien) die Ausbildung fortsetzen. Von 1935 bis 1938 war er Schüler an einer höheren Schule in São Paulo. Bereits in Köln hatte Ulrich Dannemann Violinunterricht genommen, den er in São Paulo bei dem ebenfalls emigrierten Berliner Geiger und Dirigenten Max Modern wieder aufnahm. Seine erste Anstellung erhielt er 1943 beim Orquestra Sinfônica Brasileira in Rio de Janeiro. 1953 wurde er Mitglied des Orchesters des Teatro Municipal in Rio de Janeiro. Als Freund der Kammermusik war er zudem Mitglied verschiedener Kammermusikvereinigungen. Sein besonderes Interesse galt der Geigenpädagogik. Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Außenministerien Italien und Brasilien ermöglichten es ihm, Anfang der 1960er Jahre bei den Violinisten Remy Principe (Rom) und Max Rostal (Köln und Bern) Unterricht zu nehmen, wobei ihm vor allem an den Unterrichtsmethoden und -praktiken dieser Meisterlehrer gelegen war. Er veröffentlichte später eine Reihe von Methodenlehren und Übungen zum Erlernen des Violinspiels. Seit 1962 Mitglied des Nationaltheaters Mannheim, folgte er 1967 der Aufforderung von Paul Rolland (University of Illinois), an dessen "String Research Project", einem Projekt für den Anfangsunterricht mit Streichinstrumenten, mitzuarbeiten. 1968 wurde er zum Assistenzprofessor am Music Department der Universität Missouri bestellt und unterrichtete dort im Fach Violine und Bratsche. 1972 hatte er die Stellung eines "Lecturer in Music" am Kansas State Teachers College inne. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1973 arbeitete er zunächst als Lehrer für Geige und Bratsche an der Kreismusikschule Viersen. Seit 1976 gehörte Ulrich Dannemann als Bratschist den Niederrheinischen Sinfonikern in Krefeld an. Zudem war er von 1981 bis 1988 nebenberuflich als Lehrkraft an der Musikschule Mönchengladbach tätig. Ulrich Dannemann verstarb 2004 in Mönchengladbach. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Krefeld.

Wohnungen in Jena: 1910 Leutrastraße 2; 1914 Beethovenstraße 34a; 1917 Sophienstraße 55; 1920 Weimar- Geraer Bahnhofstraße 6 

Willy Demuth (1878–1957)

Willy Jakob Demuth stammte aus einem Berliner jüdischen Elternhaus, am 3. Dezember 1878 wurde er dort als Sohn des Kaufmanns Otto Philipp Demuth und Minna Demuth, geb. Loewing, geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1899 bis 1902 an der Technischen Hochschule Charlottenburg die Fächer Allgemeiner Maschinenbau und Nationalökonomie. Am 1. April 1902 begann er als Büro-Assistent und Korrespondent bei der Firma Carl Zeiss in Jena. Bereits im folgenden Jahr heiratete er die aus Bischofstein stammende, nichtjüdische Anna Stankewitz (1876–1952). 1904 wurde der gemeinsame Sohn Hilmar, 1909 die Tochter Traute geboren. Neben seiner Tätigkeit für Zeiss setzte er sich für die Jugendpflege im Lehrlings- und Gehilfenverein ein. Ende 1912 verließ er das Zeisswerk, um das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Jena als Assistent von Julius Pierstorff fortzusetzen. 1915 promovierte er hier mit der Arbeit "Die Bedeutung der Zuschußkassen für die wirtschaftliche Lage der deutschen gewerblich-industriellen Arbeiterschaft. Mit besonderer Berücksichtigung der in den beiden Betrieben der Carl Zeiß- Stiftung zu Jena obwaltenden Verhältnisse" zum Dr. phil. Im Juli 1915 erfolgte seine Einberufung zum Kriegsdienst. Als aktiver Frontkämpfer in Frankreich, er hatte in den Argonnen, bei Verdun und in der Champagne gekämpft, erhielt er 1918 verschiedene Auszeichnungen. Nach seiner Rückkehr ließ er sich am 28. Juli 1918 taufen, vor dem Jenaer Archidiakon August Auffarth erklärte er seinen Übertritt vom israelitischen Glauben zur evangelischen Kirche. Bereits im November 1904 hatte er in einem Schreiben an den Landesrabbiner mitgeteilt, dass er sich als "aus dem Judentum ausgetreten" betrachte. Seine Frau, bislang Dissidentin, trat gleichfalls der evangelischen Kirche bei. Ab Dezember 1918 wirkte er zunächst für ein Jahr als volkswirtschaftlicher Lehrer an der Jenaer Volkshochschule. Von Oktober 1919 bis März 1926 baute Willy Demuth in Jena und Thüringen die Technische Nothilfe mit auf. Hier war er als Organisator, Redner, Bezirksleiter und Referent für Fachwerbung der "Technischen Nothilfe beim Reichsministerium des Innern" in Leipzig, Dresden, Halle, Jena und Berlin tätig. Bei seinem Ausscheiden war er nach eigener Aussage politisch vollkommen mit dieser Organisation zerfallen. Ausdruck dessen waren publizistische Angriffe Demuths gegen die Korruption bei der Nothilfe, die der Schriftleiter Conrad Finkelmeier 1927 in der sozialdemokratischen Tageszeitung "Das Volk" veröffentlichte. In den Jahren der Wirtschaftskrise war Demuth kurzfristig als Vertreter des Gerling-Konzerns tätig. Die Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete auch für seine berufliche Entwicklung das Ende. Bereits am 15. Februar 1933 wurde ihm seine Stelle als Berufsberater beim Arbeitsamt Saalfeld, wo er seit 1929 beschäftigt war, "wegen mangelnder Eignung" gekündigt. Neben seiner politischen Einstellung spielte dabei sicher auch eine Rolle, dass Demuth seit 1919 Mitglied der Freimaurerloge "Friedrich zur ernsten Arbeit" in Jena gewesen war. Als Jude im Sinne der  Nürnberger Gesetze wurde er am 10. November 1938 verhaftet und bis zum 23. November in Buchenwald festgehalten (Übersicht 2). Am 24. Juli 1939 gelang es ihm, unterstützt durch die Hilfsorganisation der Quäker, nach Großbritannien zu emigrieren, wo er nach kurzer Internierung als anerkannter Flüchtling lebte und arbeitete. Vor seiner Ausreise aus Deutschland musste er noch 1800 RM in bar als "Judenbuße" entrichten, da er andernfalls die unumgängliche Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes nicht erhalten hätte. In England fertigte er auftragsmäßig die deutsche Übersetzung des mehrbändigen Werkes "A History of Europe" von H. A. L. Fisher an. Nachdem ihm die Erlaubnis zur Heimkehr und zur Einreise in die sowjetische Besatzungszone erteilt worden war, kam Willy Demuth am 19. Dezember 1950 aus Purley nach Jena zurück. Bereits 1947 signalisierte ihm der Rat der Stadt die Bereitschaft zu seiner Einstellung. Demuths Ehefrau Anna hatte die Jahre der Emigration ihres Mannes in Jena verbracht, wo sie in der Kaiserin-Augusta-Straße 18 lebte. Nach 1945 setzte sie sich unter anderem für die Anerkennung von Julius Wolf als Opfer des Faschismus ein. Willy Demuth starb als anerkanntes Opfer des Faschismus am 13. August 1957 im Pflegeheim Bethesda in Eisenberg. Zuletzt war er von Krankheit gezeichnet, die ursächlich mit den Misshandlungen in Buchenwald zusammenhing. Seine Grabstätte auf dem Jenaer Nordfriedhof existiert nicht mehr.

Wohnungen in Jena: 1903 Dornburger Straße 87; 1910 Berghoffsweg 5; 1916 Sophienstraße 55; 1934 Kaiserin- Augusta-Straße 18; 1950 Käthe-Kollwitz-Straße 18 G. 

Hilmar Demuth (1904–1965)

Hilmar Demuth war am 30. Dezember 1904 in Jena geboren und 1907 evangelisch getauft worden. Nach der Volksschule besuchte er ab 1914 das Gymnasium Carolo-Alexandrinum, welches er Ostern 1924 mit dem Abitur verließ. Unmittelbar darauf schloss sich ein Studium neuer Sprachen (Französisch) und Germanistik an der Universität Jena an. Nach erfolgreichem Abschluss der Turn- und Schwimmlehrerprüfung (1926) und der Ablegung beider Staatsexamen (1930, 1932) erhielt er im April 1932 eine Anstellung als Studienassessor an der privaten Höheren Mädchenschule in Niederkrossen. Denunziatorische Hinweise eines Gefolgschaftsführers der Hitler-Jugend an das Thüringische Volksbildungsministerium, dass Demuth das Deutschland- und Horst-Wessel Lied nicht mitgesungen, den Hitler-Gruß nicht gezeigt und angeblich Schülerinnen, die Mitglied des BDM waren, besonders streng behandelt habe, führten zur Nachprüfung seiner Abstammung. 1935 wurde er als »Halbjude« aus dem Schuldienst entlassen. Aus der Assessorenliste war er bereits gestrichen worden. Es folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, bis ihn Freiherr von Gumppenberg im Oktober 1936 als privaten Hauslehrer auf Schloss Deining (Oberpfalz) einstellte. Nach dem Unterrichtsverbot kam er nach Jena zurück und reiste ab Oktober 1938 als Handelsvertreter für die Deutschen Kunstlederwerke Wolfgang G. m. b. H., für die 1938 auch sein Vater tätig war. 1939 stellte der Oberstaatsanwalt am Sondergericht Weimar das gegen ihn wegen staatsfeindlicher Einstellung durchgeführte Ermittlungsverfahren ein. Am 10. Januar 1940 wurde er aufgrund seiner Freiwilligenmeldung Soldat, bald darauf aber wieder aus dem Militärdienst entlassen. Die Bearbeitung seines 1940 gestellten Antrages auf Ehegenehmigung nach dem »Blutschutzgesetz« stellten die Behörden 1942 nach allgemeinem Runderlass des Reichsministers des Innern ein. Am 28. Juni 1941 wurde Hilmar Demuth kriegsdienstverpflichtet und als Buchhalter und Korrespondent bei der Jenaer Firma Hans Fieber, einem Fahrrad-, Nähmaschinen- und Kinderwagengeschäft in der Neugasse 16, eingesetzt. Ausgelöst durch die persönliche Auseinandersetzung mit einer dort angestellten Bürokraft, die Mitglied der NSDAP war, führte deren Anzeige des Vorfalls an die Kreisleitung und die Deutsche Arbeitsfront zu schwersten Konsequenzen. Am 30. Juni 1944 verhaftete ihn die Gestapo "wegen tätlicher Beleidigung einer Reichsdeutschen" und hielt ihn bis zum 16. August im Polizeigefängnis Jena fest. Von hier kam er nach Weimar, wo er zunächst im Gestapo-, dann im Polizeigefängnis inhaftiert war. Am 14. November 1944 wurde er als Häftling Nummer 40846 in das Konzentrationslager Buchenwald überführt. Ab März 1945 bis zum 11. April 1945 war er dem Außenkommando Schönebeck / Elbe zugeteilt. Kurz vor der Kapitulation wurde das Lager am 11. April 1945 evakuiert und die Insassen auf einem mörderischen Fußmarsch von ca. 250 km in sieben Tagen nach Oranienburg getrieben. Von dort folgte ein weiterer Todesmarsch bis kurz vor Schwerin, wo Demuth die Befreiung erlebte. Anfang Juli 1945 konnte Hilmar Demuth nach Jena zurückkehren und heiratete noch im gleichen Monat seine Partnerin Kunigunde (Kuni) Stenz. Ab September 1945 durfte er wieder als Lehrer unterrichten, zunächst war er als Dozent und stellvertretender Leiter an der Pädagogischen Fachschule in Keilhau, ab Oktober 1946 an der Aufbauschule in Jena und schließlich ab November 1946 an der Vorstudienabteilung (Arbeiter- und Bauern-Fakultät) der Universität beschäftigt. Dr. Herbert Koch hatte sich als Leiter des Volksbildungsamtes für seine Anstellung eingesetzt. Von 1953 bis 1959 als Studienrat an der Jenaer Westschule, anschließend als technischer Redakteur im VEB Gustav Fischer Verlag fand er ab 1961 seine letzte Wirkungsstätte als Fachdozent für Deutsch an der Betriebsakademie des VEB Carl Zeiss Jena. Die letzten Jahre waren geprägt durch schwere Krankheit und den Kampf um Wiederanerkennung als Verfolgter des Naziregimes (VdN). 1952 waren ihm aufgrund "VdN-schädigenden Verhaltens" sein VdN-Status und damit alle materiellen Vergünstigungen aberkannt worden. Begründet wurde dieser Schritt mit zwei »Verfehlungen« Demuths: zum einem hatte er 1947 in größter materieller Not von seiner früheren Denunziantin, die auf dem Lande wohnte, Lebensmittel zur Wiedergutmachung gefordert, zum anderen wurde ihm eine 1946 ausgestellte Entlastungsbescheinigung für den früheren Jenaer Oberbürgermeister Armin Schmidt zum Vorwurf gemacht. Physisch und psychisch hatten die Jahre der Verfolgung, die schweren Schicksalsschläge, aber auch die gnadenlose Entscheidung des VdN-Referates tiefe Wunden bei ihm hinterlassen. Der Tod seiner Frau im September 1962 traf ihn zusätzlich hart. Nur drei Jahre später, am 15. Oktober 1965, starb Hilmar Demuth in Jena. Im Interesse der beiden hinterlassenen minderjährigen Kinder, die nun Vollwaisen waren, setzte sich ein ehemaliger Buchenwald-Mithäftling, Hans Guttmann aus Leipzig, mit großer Vehemenz und bis in die höchsten Stellen für seine Rehabilitierung ein. Er appellierte eindringlich an die Prüfungskommission, auch die seelischen Schäden, die der sensible Mann, Demokrat und Antifaschist in der Zeit der Haft erlitten hatte, und die daraus folgenden menschlichen Fehlreaktionen zu bedenken. Nur durch diesen unnachgiebigen Einsatz wurde Hilmar Demuth 1966 posthum als Verfolgter des Naziregimes wieder anerkannt.

Wohnungen in Jena: 1904 Dornburger Straße 87; 1910 Berghoffsweg 5; 1916 Sophienstraße 55; 1938 Kaiserin-Augusta-Straße 18; 1946 Johann-Griesbach-Straße 16, 1958 Hufelandweg 12 

Moritz Dessen (1868–1931)

Moritz Gidalja Dessen, am 13. Juli 1868 in Warschau geboren, und seine am 20. August 1870 ebenfalls in Warschau geborene Ehefrau Anna, geb. Gutheim, kamen 1905 nach Jena. Zur Familie gehörten die Söhne Nathan und Bernhard sowie die 1909 in Jena geborene Tochter Jitta. Das Paar, das 1897 in Warschau geheiratet hatte, war – bevor es sich in Jena niederließ – um die Jahrhundertwende in Breslau wohnhaft gewesen. In Jena meldete Moritz Dessen im Dezember 1905 die Fabrikation von Zigaretten als Gewerbe an; seine Zigarettenhandlung befand sich in der Saalstraße 15. 1909 verzog die Familie zwischenzeitlich nach Leipzig und Plauen, um ab 1913 wieder dauerhaft in Jena ansässig zu sein. In den Jahren des Weltkrieges stand das Ehepaar Dessen als Ausländer, "die einem feindlichen Staat angehörten", unter besonderer polizeilicher Aufsicht. Dazu gehörten eine spezielle Ausländermeldepflicht und ständige Gesuche um Erlaubnis für gewerbliche Aufenthalte außerhalb Jenas. In einem Schreiben der Stadt Jena an den Bezirksdirektor zu Apolda vom 18. Januar 1915 heißt es: "Der Handelsmann Moritz Dessen und seine Frau, beide russische Staatsangehörige, halten sich seit längeren Jahren in Jena auf und bestreiten ihren Lebensunterhalt in der Hauptsache durch Feilhalten ihrer Waren auf den Märkten und Messen. Die Eheleute Dessen haben sich bisher in keiner Weise verdächtig oder lästig gemacht. Wie bereits früher dargelegt, ist den Eheleuten Dessen eine allgemeine Erlaubnis zum Herumreisen nicht erteilt, dagegen in Gemässheit einer früheren Verfügung des Generalkommandos gestattet worden, einzelne Jahrmärkte innerhalb des Korpsbezirkes zu besuchen und Jena auf bestimmte Zeit zu verlassen. Die Eheleute Dessen haben die gesetzten Bedingungen immer regelrecht eingehalten […]" (StadtAJ, B XVIIIg 81, Bl. 267). Ähnlich begründete Moritz Dessen im Februar 1915 sein Gesuch, einen Jahrmarkt in Reichenbach (Sachsen) besuchen zu dürfen, was aber abgelehnt wurde: "Ich wohne 20 Jahre in Deutschland, bin unbestraft, habe mir nichts zu schulden kommen lassen. Ein Bruder von mir ist seit 40 Jahren deutscher Unterthan und meine beiden Söhne, von denen der eine jetzt schon der hiesigen Jugendwehr angehört, werden demnächst in Deutschland ihre Militairzeit absolvieren." (StadtAJ, B XVIIIg 81, Bl. 314). Aufgrund der Unterbindung von Jahrmarktsbesuchen, er vertrieb hier Stickereiwaren, sah er sich gezwungen, auf seine alte Profession der Zigarettenherstellung zurückzugreifen. Seine Bemühungen um die Eröffnung eines Zigarettenladens am Steinweg wurden im Juli 1915 jedoch mit der Begründung abgewiesen, dass er als Ausländer und aus Konkurrenzgründen "in solcher Zeit keine Genehmigung bekomme". Um seine Familie vor Hunger zu bewahren und nicht die Unterstützung durch das Armenamt in Anspruch nehmen zu müssen, bat er inständig um einen Gewerbeschein und schrieb in größter Verzweiflung an den Gemeinderat "was soll ich nur anfangen, wenn ich meiner Existenz nicht nachgehen kann d. h. ich darf die Stadt nicht verlassen um etwas zu verdienen und auch hier wird mir verboten eine Arbeit auszuüben." (StadtAJ, B XIIa 107 Bl. 58). Die Stadtverwaltung blieb jedoch bei ihrem ablehnenden Bescheid. Auch der Sohn Nathan Dessen (geb. 1899 in Warschau) stand unter polizeilicher Beobachtung. Im Oktober 1914 gab die Geschäftsleitung der Firma Zeiss der städtischen Polizeiverwaltung Meldung über die im Werk beschäftigten acht »dem feindlichen Ausland angehörigen Personen«, darunter befanden sich der Mechaniker  Elias Hirschowitz und der jüdische Hilfsarbeiter Moses Bornstein. Als "jugendlicher Arbeiter" war Nathan Dessen im Lagerraum für astronomische Fernrohre beschäftigt. Die Stellung der ausländischen Arbeiter wird in der Mitteilung wie folgt eingeschätzt: "Gegen keine der genannten Personen liegt Spionageverdacht vor. […] Alle unter 2–8 genannten Personen gehören nicht den gebildeten Kreisen an. Sie sind in untergeordneten Stellungen und in Werkstätten beschäftigt, wo die weitgeführte Arbeitsteilung es unmöglich macht, einen Überblick sowohl über die Konstruktion wie über die Menge der bestellten Instrumente zu gewinnen. Keiner der Angestellten ist oder war mit der Justierung militärischer Instrumente betraut. […] Das Betreten und Verlassen der Fabrikanlagen […] wird […] scharf überwacht." (StadtAJ, B XVIIIg 62, Bl. 324). Der Hilfsoptiker Moses Bornstein war bereits ab März 1913 bei der Firma Zeiss beschäftigt, zum Ende des Krieges wurde er "als minderwertige Arbeitskraft" entlassen. Anfang der 1920er Jahre übernahm Moritz Dessen ein Textilwarengeschäft in der Leutrastraße. Die Tochter Jitta heiratete 1929 in Jena den aus Chrzanow stammenden und in Eisenach wohnhaften Kaufmann Samuel Davidowicz. Trauzeugen der Hochzeit waren ihr Vater Moritz Dessen und der Kaufmann  Martin Kiewe. Die junge Familie Davidowicz, 1930 wurde ein Sohn geboren, blieb nicht in Jena. Moritz Dessen starb am 3. Dezember 1931 in Jena. Seine Söhne Nathan und Bernhard lebten zu dieser Zeit bereits in Magdeburg bzw. New York. Seine Witwe Anna verstarb als Staatenlose am 29. August 1939 in Jena.

Wohnungen in Jena: 1905  Kollegiengasse  27; 1908  Saalbahnhofstraße  8; 1909  Oberlauengasse  15; 1913 Steinweg 6; 1914 Steinweg 35; 1915 Löbdergraben 4; 1923 Leutrastraße 30; 1933 Camsdorfer Ufer 4; 1935 Wilhelm-Ernst-Straße 4 

Leiser Don Wiszenko (1901–1983)

Ich Leiser Don Wiszenko geb. am 8.12.01 als Sohn der ledigen Elke Wiszenko in LukowBezirk Lublin russisch Polen geboren. Besuchte von 1907 bis 1913 die Grundschule (Hebräische Schule). Meine Mutter war Köchin und von meinem Erzeuger ist mir nichts bekannt. Nach meiner Schulentlassung erlernte ich den Beruf eines Schneiders. Nach Abschluß meiner Lehre im Jahre 1918 wurde ich im Herbst des gleichen Jahres zur Poln. Armee eingezogen. Da ich nicht gewillt war, mit der poln. Armee gegen Rußland zu kämpfen, bin ich 1920 desertiert mit dem Ziel, zu meinem Bruder nach Magdeburg zu kommen. [...]
1930 habe ich geheiratet. Da ich nun als junger Handwerker auf jeden Kunden angewiesen war, schlug mir mein Schwiegervater vor, mich doch bei dem Schützenverein anzumelden, wo er auch dabei war. Hatte auch kein Bedenken, denn es war ja ein sportlicher u. kein politischer Verein, das war im Jahre 1932. [...]
Dann fing für mich schon die schlechte Zeit an, es durfte nicht jeder bei mir arbeiten lassen. Auch mußte ich am 31.12.38 meinen Gewerbeschein abgeben. 1938 nach der Kristallnacht, kam die Verhaftung nach dem Buchenwald. Auf ein Gesuch hin von meiner Frau, daß wir auswandern wollten, kam ich 1939 frei. Haben uns auch sehr darum bemüht, war aber sehr schwer, weil ich keine Verwandten im Ausland hatte, die für mich die Bürgschaft übernahmen. Mit was mußte ich nun ja meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich ging als Kraftfahrer zur Fa. Max Wetzler Färberei. 1940.
Lange war ich da nicht, denn ich kam im selben Jahr nach Bad Dürrenberg zur Zwangsarbeit. 1941 kam ich dann nach Hohen Warte (Saale-Talsperre). 1942 verpflichtete man mich wieder Trillig-Hosen zu nähen. Dadurch, daß unsere Ehe kinderlos war, mußte ich auch den gelben Stern tragen, mit der Aufschrift Jude. Durfte auch nicht nach 8 Uhr abends auf die Straße keine öffentliche Verkehrsmittel benutzen u. die Stadt nicht verlassen.
An den Lebensmittelkarten waren Mangelwaren rausgeschnitten, hatten auch nur bestimmte Läden, wo wir einkaufen durften.1944 wurde ich dann von der Gestapo zur Zwangsarbeit nach Weißenfels geschickt (3 Wegelager). 1945 kamen wir nach Halle, Grenzstr. Das war ein russ. Gefangenenlager. Nach ungefähr 2 Monaten wurden wir nach Wörmlitz bei Halle verlegt, wo wir bis Ende des Krieges blieben, bis wir befreit wurden. Nach meiner Rückkehr 1945 war ich überzeugt, daß ich in die Partei der Arbeiterklasse gehöre, u. trat 1945 in die Partei ein. Auch bin ich Mitglied der DSF seit d. 2.12.50.
Apolda, den 25. Aug. 1978              
Leiser Wiszenko

Erika Dattelbaum (1907–1978)

Erika Dattelbaum wurde als das dritte Kind ihrer Eltern, des Paul Dattelbaum und der Helene geborene Meyer, evangelischer Konfession, im niederschlesischen Goldberg geboren, bis die Familie nach einigen Jahren in Apolda sesshaft wurde. Ihr Vater war Kaufmann und in angesehener Stellung. In den Jahren der Nazidiktatur musste sie die blichen Beleidigungen durch ihre „arischen“ Mitmenschen hinnehmen. So erklärte 1988 die alt gewordene Linda Wiszenko, die mit dem Halbjuden Lejzor Wiszenko verheiratet war und sich in altersweiser Selbstkritik bezichtigte, als Kind das jüdische Mädchen, das garstig zu ihr war, mit „Du Judenmensch“ beschimpft zu haben. Im Zuge der anschwellenden Judendiskriminierung vor dem September-Parteitag in Nürnberg 1935 führten SA-Männer im August regelrechte Pranger Fahrten mit Lastwagen durch die Stadt durch, wo mitgeführte Plakate „Feinde des Führers“ und „Hetzer“ gegen den nationalen Staat“namentlich anprangerten oder selber mitfahren mussten wie der Malermeister Künstler aus der Stobraer Straße. Mit Erika Dattelbaum hatten die Nazis etwas Besonderes vor. Sie sollte, da sie angeblich „arische“ Volksgenossen übel beleidigt hätte, öffentlich durch die Stadt geführt werden. Sie wurde aus der Wohnung gezerrt und von SA-Männern geschlagen, so dass sie blutüberströmt war und bis zur Polizeiwache geführt wurde. Dort fand ein Verhör durch einen Gestapobeamten statt, der ihr erklärte, dass sie in „Schutzhaft“ genommen und in das KZ Bad Sulza überführt werde. Hier brachte sie elf Tage zu. Ihr weiterer Lebensweg führte sie nach Leipzig. Vater Paul starb 1937, die Witwe zog zur Tochter Charlotte nach Leipzig und starb noch im gleichen Jahr. Von Erika ist bekannt, dass sie einen Mann namens Marquardt heiratete. Es blieb eine kinderlose Ehe. Erika starb am 22. Mai 1978 in Halle/Saale.

E

Ignaz Eckstein (1876–1948)

Ignaz Eckstein wurde am 24. Juni 1876 als Sohn des Kaufmanns Simon Eckstein und der Rika Eckstein, geb. Kahn, im unterfränkischen Oberlauringen geboren. Bereits 1901 war Ignaz Eckstein als Bankprokurist in Suhl, vermutlich zunächst im jüdischen Bankhaus „D. Meyers Söhne“, tätig. Im Oktober 1908 heiratete er in Eisenach die 1886 in Bibra geborene Hilda Sachs, Tochter des Weimarer Kaufmanns und Vorsitzenden der dortigen jüdischen Religionsgemeinde, Rudolf Sachs. Ihr erstes Kind Werner Simon Eckstein wurde 1909 in Suhl geboren. 1911 wechselte Ignaz Eckstein nach Jena, wo er ab 1. Mai als Bankbeamter in die Jenaer Filiale der „Bank für Thüringen vormals B.M. Strupp“ eintrat. Das Meininger Bankhaus B. M. Strupp, seit 1901 mit einer Niederlassung in Jena vertreten, war 1905 von dem jüdischen Bankier Gustav Strupp und seinen Brüdern in eine Aktiengesellschaft, die „Bank für Thüringen vormals B. M. Strupp“, umgewandelt worden. Seit 1909 befand sich die Jenaer Filiale im Erdgeschoss des Stadthauses in der Weigelstraße. Im Zusammenhang mit der Errichtung des Ernst-Abbe-Denkmals und des dafür gestifteten Fonds erfolgte ein Großteil des Zahlungsverkehrs über dieses Bankhaus, ab 1911 mit der Unterschrift des Prokuristen Ignaz Eckstein. Im September 1912 bat Ignaz Eckstein um die Aufnahme als Bürger der Stadt Jena. Dabei gab er die preußische Staatsangehörigkeit, sein Bekenntnis zur israelitischen Konfession und ein Vermögen von etwa 10 000 Mark an. Nach dem Weltkrieg übernahm er die Leitung der Filiale, die bis dahin der jüdische Bankdirektor Julius Reutlinger innehatte, der Jena im September 1918 verließ. Als neuer Prokurist stand ihm der Bankbeamte Willy Siering zur Seite. Nach Erwerb des Hauses Löbdergraben 9 (ehemals Café Passage) und verschiedenen Umbaumaßnahmen durch das Büro Schreiter & Schlag bezog das Bankhaus im September 1921 dort ein eigenes repräsentatives Geschäftsgebäude. Unweit der Niederlassung nahm die Familie Eckstein in der Paradiesgasse 2 ihre neue Wohnung. Diese Adresse war auch Sitz der nach dem Krieg neu gegründeten  „Israelitischen Religionsgesellschaft zu Jena“, deren Vorsitz Ignaz Eckstein führte und die zum Deutsch-Israelitischen Gemeindebund (DIGB) zählte. Neben Ignaz Eckstein gehörten Hermann Friedmann  und Arthur Behrendt  zu ihrer Leitung. Insbesondere zwischen den Familien Friedmann und Eckstein bestanden freundschaftliche Beziehungen, die auch zwischen deren Kindern weiter gepflegt wurden. 1915 und 1919 waren die beiden Töchter Ellenrose und Elfriede Eckstein geboren worden. Ihre Mutter Hilda Eckstein starb nur wenige Jahre später im März 1923. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt beigesetzt. Die zweite Ehe schloss Ignaz Eckstein im Juli 1925 mit der 1886 in Haßfurt geborenen Betty Frank. Die „Bank für Thüringen vormals B. M. Strupp“ unterhielt 1926 27 Filialen mit 294 Bankbeamten und gehörte zu den 25 größten Banken in Deutschland. 1926 wurde das Bankhaus von der Direktion der Disconto-Gesellschaft Berlin übernommen. In deren Geschäftsbericht für 1926 sind Ignaz Eckstein und Richard Zimmermann als Filialdirektoren der Jenaer Niederlassung verzeichnet. Mitarbeiter in der Jenaer Bank war auch der aus Suhl stammende jüdische Kaufmann Lothar Sander, der 1938 nach Südafrika auswandern konnte. Nach der Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank 1929 wurde das Jenaer Haus zur Zweigstelle der „Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft“ herabgestuft und erschien damit nicht mehr im Geschäftsbericht des vereinigten Unternehmens. Vermutlich infolge der fusions- und krisenbedingten Personalreduzierung schied Ignaz Eckstein bereits am 31. Dezember 1930 aus. Direktor der Zweigstelle Jena ab 1. Oktober 1930 bis zu deren Schließung im Juni 1943 war Joseph Knoben, der nach 1945 in der Stadtsparkasse eine leitende Stellung einnahm. Betty Eckstein, die eine Ausbildung zur  Krankenschwester absolviert hatte, engagierte sich für wohltätige Zwecke. So war sie 1930 Ansprechpartnerin der Aktion „Kinder in Not“ und leitete 1932 den jüdischen Frauenverein. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde nach den Aussagen der Tochter Elfriede Lorch zunächst nicht als Bedrohung empfunden. Nach ihrer Erinnerung war ihr Vater der Auffassung, „der Hitler kann sich nicht lange in der Regierung halten“. Für die jüdische Religionsgesellschaft organisierte er, nun Bankdirektor i. R., weiterhin Veranstaltungen und Zusammenkünfte. So erbat er im November 1934 vom Jenaer Kulturamt die Genehmigung, einen Konzertabend im Kleinen Volkshaussaal als geschlossene Veranstaltung für die Israelitische Religionsgesellschaft ausrichten zu dürfen. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus Werken von Meyerbeer, Rubinstein, Händel („Judas Maccabäus“), Schumann („Belsazar“) und Halévy („Die Jüdin“), vorgetragen durch den jüdischen Opernsänger Emil Fischer, der bis 1933 am Weimarer Nationaltheater engagiert war. Der Sohn Werner Eckstein hatte sich im Mai 1928 nach der Ablegung des Reifezeugnisses in der Fachrichtung Jura an der Jenaer Universität immatrikuliert. Bereits 1929 verließ er Jena und ging in die USA. Die Tochter Ellenrose, die ab Sommersemester 1933 in Jena Medizin studierte, musste das Studium 1937 abbrechen, als mit dem Erlass des Reichserziehungsministers vom 15. April 1937 deutsche Juden nicht mehr zur Promotion zugelassen wurden. Ellenrose Eckstein und ihre Schwester Elfriede, die das Lyzeum besucht hatte, emigrierten im Sommer 1937 in die Vereinigten Staaten, wobei ihnen ihr Bruder Werner und andere Verwandte behilfl ich waren. Ellenrose Eckstein konnte an der Universität in Buffalo ihr Medizinstudium fortsetzen. Als Ignaz Eckstein nach der Pogromnacht 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war, wandte sich Betty Eckstein verzweifelt an die Kinder, die sofort ein Affi davit übersandten. Nach Vorweisung dieser Bürgschaftserklärung wurde Ignaz Eckstein nach etwa zehn Tagen aus der Haft entlassen. Am 27. Juni 1939 konnten die Eltern, die seit Juli 1938 in Hamburg wohnhaft waren, in die USA emigrieren. Vom Ausland aus überwies Ignaz Eckstein noch 1941 Gelder an Thüringer Juden, so 40 RM an Franziska Meyerstein und 50 RM an Louis Zamory. Das Ehepaar Eckstein lebte in New York, wo Betty Eckstein wieder als Krankenschwester arbeitete und Ignaz Eckstein am 28. September 1948 starb. Die Pflege der Grabstätte der ersten Ehefrau Hilda Eckstein auf dem Erfurter Friedhof hatten über Jahrzehnte sein Mitarbeiter, der Prokurist Willy Siering, und später dessen Sohn Hans Siering übernommen.

Siegmund Eichenbronner (1872-1941)

Sigmund Eichenbronner (1872-1941) leitete zusammen mit seinem Bruder David Eichenbronner (1870-1934) das Kaufhaus "Gebrüder Eichenbronner" in der Lindenstraße (heute: Straße des Friedens). Das Kaufhaus prägte mit seiner eindrucksvollen Architektur das Ilmenauer Stadtbild der 20er Jahre. Mit einer modernen Verkaufskultur, besonderer Kundenfreundlichkeit und innovativen Ideen setzten sie zu ihrer Zeit neue Maßstäbe in der Kaufhaus-Kultur. 1931 gegründeten sie die Ilmenauer Einheitspreis-GmbH „ILEP“. Hier wird das Sortiment für wenige runde Beiträge verkauft. Das Konzept stammte aus den USA, verbreitete sich ab den 1920er Jahren auch in Deutschland. Das Einheitspreisgeschäft gilt als Vorläufer des „1-Euro-Shops“ und Wegbereiter der Selbstbedienung. Im Zuge der „Arisierung“ der Nazis mussten die Brüder sowohl das „ILEP“ als auch das Kaufhaus unter Wert verkaufen. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 nahmen die Repressalien gegen jüdische Geschäftsinhaber zu. Siegmund Eichenbronner war zunächst mit Gretta (geb. Lehrmann) verheiratet. Sie bekamen zwei Kinder. Nach dem Tod seiner Frau Gretta 1939 heiratete Siegmund Eichenbronner seine zweite Frau Mathilde (geb. 1874). 1941 starb Siegmund Eichenbronner an den Folgen einer Operation im Ilmenauer Krankenhaus. Seine Frau Mathilde (geb. 1874) wurde 1942 in Theresienstadt ermordet.

F

Familie Falkenstein

Das Ladengeschäft Theodor Falkenstein war Jahrzehnte stadtbildprägend am Johannisplatz. Das Haus wurde 1906 neu erbaut. Im gleichen Jahr eröffneten sie ihr Geschäft. Familie Falkenstein stammte aus Konitz/Westpreußen und wohnte in Gera von 1906-38. Mutter Rosa war aus Halberstadt. In Gera wurden ihre beiden Kinder geboren, Herbert und Anneliese. Sie gehen hier zur Schule: Bergschule, Henriette auf die Zabelschule, Herberst aufs Rutheneum. Theodor Falkenstein war gelernter Textilkaufmann.  Sein Geschäft  bildete die Lebensgrundlage der 5-köpfigen Familie. Er war aktives Mitglied der israelitischen Kulturgemeinde Gera. Ihre Mietwohnung war Burgstraße 5. Im August 1938 flüchten Theodor, seine Frau Rosa und Tochter Anneliese mit der S.M.S. Mosel von Bremen nach Melbourne/Australien. Der Frachtdampfer ist 6 Wochen unterwegs. Das Leben in dem fremden Land ist schwer. Theodor bügelt Wäsche in einer Textilreinigung. Er stirbt 1951. Rosa erlebt die Befreiung Europas noch und stirbt 1945. Sohn Herbert ist bereits seit 1936 in Melbourne. 40 Jahre arbeitet er in Melbourne als Doktor der Zahnmedizin. Er stirbt 1981. Anneliese und Herbert gründen Familien in Melbourne und haben Nachkommen. Anneliese stirbt 2010. Von ihr sind Briefe an Werner Simsohn im Stadtarchiv Gera erhalten. Großvater Julius, von Beruf Fleischer, wohnte als Witwer auch in Gera. Seit 1938 ist er in Berlin und starb mit 91 Jahren im jüdischen Hospital 1940. Er hat ein Grab auf dem Friedhof Berlin-Weissensee. Alle anderen Geraer Falkensteins sind in Melbourne begraben.

Helene Fleischer (1899–1941)

Helene Fleischer wurde als Margarete Helene Lätzsch am 11.06.1899 in Leumnitz bei Gera geboren. Sie arbeitete als Stubenmädchen und im AOK-Sanatorium. 1919 trat sie in die SPD ein und wechselte 1923 zur KPD. Sie war im Betriebsrat der Geraer Firma Hirsch. 1931 wurde sie für die KPD Mitglied des Thüringer Landtages, 1932 auch Reichstagsabgeordnete. 1934 wurde sie in Apolda verhaftet und vom OLG Jena verurteilt. Das Urteil verbüßte sie im Zuchthaus Gräfentonna und im Zuchthaus Hohenleuben. Danach kam sie ins KZ Moringen in „Schutzhaft“. Nach zwischenzeitlicher Freilassung wurde sie 1941 erneut verhaftet. Helene Fleischer starb am 26.06.1941 in der Landesheilanstalt Stadtroda. Sie wurde 42 Jahre alt.

Julius Friedländer (1850)

Julius Friedländer (1850) kam Ende der 1870er Jahre nach Apolda und hatte dort Emma Bußler (1853) geheiratet. Sie haben drei Kinder bekommen, Margaretha, Max und Katharina. Im Jahre 1888 kaufte er das Haus in der Ackerwand 19, welches er bis zwei Jahre vor seinem Tod bewohnte. Nadem er sein Wollwaren-Handelsgesellschaft „J. Friedländer" 1912 aufgab, investierte er sein Kapital für eine Tochter Margaretha und ihrem Mann, die 1917 eine Wollwarenfabrik bauen ließen. Diese befand sich in der Lessingstraße.