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Gefundene Objekte: 153

B

Arthur Behrendt (1887–1963)

Arthur Behrendt hatte sich durch den Architekten Paul Engelhardt am Oberen Philosophenweg 62 eine Villa errichten lassen, Hans Behrendt zog in den Hufelandweg 1. 1929 eröffneten Arthur und Hans Behrendt mit einer Filiale der neu gegründeten Einheitspreis-Handelsgesellschaft Wohlwert ein weiteres Kaufhaus, das im Grundgeschoss des Hauses Unterm Markt 8 sein Domizil hatte. Zur Eröffnung am 1. November 1929 luden sie auch den Oberbürgermeister Alexander Elsner ein und betonten dabei ihre Intention, mit dem Geschäft „unserer Heimatstadt ein Unternehmen anzugliedern, das nach modernen Grundsätzen geleitet wird, und der Bevölkerung eine neue günstige Kaufmöglichkeit bietet“ (StadtAJ, D Ib 39, Bl. 161). Das Wohlwert-Kaufhaus Hans und Arthur Behrendt bot ein vielfältiges Angebot an Lebensmitteln, Haushaltsartikeln und Textilien an. Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolges wurde 1931 das Kaufhaus um die erste Etage erweitert, wo eine neue, nach modernsten Grundsätzen eingerichtete Lebensmittel-Halle mit Imbissecke entstand. 1933 änderte sich die Situation schlagartig. Vom Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 waren beide Kaufhäuser Behrendt betroffen. Aus den Vorschlagslisten für den auf Veranlassung der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation neu aufzustellenden Angestelltenrat der Firmen Wohlwerth und A. M. Behrendt geht hervor, dass beide Firmen 1933 über je 43 Angestellte verfügten. Hans Behrendt, verheiratet mit Irene Behrendt, starb schwer erkrankt 1934 in München. Im August desselben Jahres wurde Dr. Rudolf Jobst, Jurist und von 1931 bis 1933 als Vertreter der DDP (bzw. Deutschen Staatspartei) Mitglied des Thüringer Landtages, Personal- und Bürochef des Kaufhauses Behrendt. Seine Anstellung bei Behrendt brachte ihm Anfeindungen und Beschimpfungen als „Judenknecht“ ein. Nach den Erinnerungen von Annemarie Metz, die um diese Zeit eine Lehre als Kontoristin im Kaufhaus Behrendt absolvierte und mit Jobst in einem Büro saß, hatten beide Brüder Behrendt eine ausgeprägt soziale Gesinnung: „Sie hätten Verständnis für die Sorgen und Nöte ihrer Angestellten gehabt. Die Brüder Behrendt organisierten einmal pro Jahr ein Betriebsfest und spendeten für gemeinnützige Zwecke, so auch für das von den Nationalsozialisten ins Leben gerufene 'Winterhilfswerk'.“ (EBERT 2007, S. 184) Anfang 1937 konnten noch Jubiläums-Briefköpfe „50 Jahre Behrendt Jena“ benutzt werden, doch unter dem Druck der Verhältnisse musste Arthur Behrendt im April 1937 beide Kaufhäuser an den „arischen“ Kaufmann Kurt Hepprich für 85 000 RM bzw. 50 000 RM verkaufen. Am 4. September 1937 eröffnete dieser das Kaufhaus Hepprich am Markt „in rein arischem Besitz, mit nur arischem Personal, geleitet in echtem deutschen Kaufmannsgeist“. Die Firma A. M. Behrendt wurde am 9. September 1937 im Handelsregister A des Amtsgerichtes Jena endgültig gelöscht. Das Kaufhaus Wohlwert schloss am 31. Dezember 1937 und wurde am 8. Januar 1938 unter dem Namen „Heka“ weitergeführt. Als beim Novemberpogrom 1938 SA-Trupps die Schaufensterscheiben der geschlossenen jüdischen Geschäfte einschlugen, befand sich darunter auch das einstige Kaufhaus Behrendt, weil das Gerücht kursierte, es würde sich bei dem Besitznachfolger Hepprich nur um einen „Strohmann“ Behrendts handeln. Arthur Behrendt, der in der Pogromnacht 1938 verhaftet und am 10. November in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert worden war (Übersicht 2), verkaufte noch 1938 seine Villa am Oberen Philosophenweg und fand zuletzt Asyl am Landgrafenstieg 1 bei Dr. Max und Siegfried Peters. Hier lebte auch der Philosoph Professor Hans Leisegang, der 1933 wegen „Beschimpfung des Reiches“ seines Amtes enthoben wurde und zuvor im Haus Kahlaische Straße 1 gewohnt hatte. Anfang März 1939 meldete die Kriminalpolizei Jena an das örtliche Finanzamt die von Arthur Behrendt veranlassten „vorbereitenden Maßnahmen zur Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland“. Unter dem Hinweis, dass Behrendt bereits seit längerer Zeit seine Auswanderung plane, wurde mitgeteilt, dass dieser „für den 3. und 4. März 1939 den Antrag auf Verpackung und Verladung von Umzugsgut nach Rotterdam und von da nach USA., beim hiesigen Hauptzollamt gestellt“ hat. Arthur Behrendt konnte gemeinsam mit seiner Frau Grete, geb. Corth, in die USA emigrieren. Als Offizier der US-Army übte er 1945 eine leitende Stellung im Lager für deutsche Kriegsgefangene in Bad Kreuznach aus. Nach dem Krieg bemühte sich Arthur Behrendt um Restitution für das Grundstück Oberer Philosophenweg 62 sowie die Kaufhäuser Markt 17 und Unterm Markt. Bereits am 6. Juni 1945 hatte Willy Klimpel die Wiedereröffnung der „für die Versorgung besonders wichtigen Betriebe Kaufhaus Kurt Hepprich und Heka, Kurt Hepprich, Jena, Unterm Markt 8–12“ beantragt. Der aus Berlin stammende Klimpel, seit 1933 im Kaufhaus Hertie, dann im „Kaufhaus des Westens“ beschäftigt, war 1942 nach der Einberufung Rudolf Jobsts zur Wehrmacht zum Geschäftsführer bestellt worden. Im September 1945 wandte sich die Präsidialkanzlei Thüringen an den Jenaer Oberbürgermeister, um zur Vorbereitung der Rückführung der "sogenannten arisierten Geschäfte“ an die früheren Eigentümer geeignete Verwalter einzusetzen. Als Treuhänder für die beiden Kaufhäuser sollte Max Blau, nach dortigen Angaben ein „entfernter Verwandter von Behrendt", bestellt werden. Gegen die Einsetzung Blaus gab es jedoch städtischerseits Bedenken, da, „nachdem der frühere Geschäftsführer der Firma Kurt Hepprich, Herr Dr. Jobst, wieder die Leitung des Betriebes übernommen hat", dies für nicht notwendig erachtet wurde. Noch 1948 beantragte Blau seine Einsetzung als Treuhänder für die seit 1946 sequestrierten Firmen Heka und Hepprich. So sehr das Verständnis der Stadt dafür bestehe, „daß Herr Behrendt den Wunsch hat, Sie [Max Blau] als seinen Vertrauensmann in der Stellung des Treuhänders der beiden Betriebe zu sehen“, könne sie dem nicht Folge leisten, da bereits eine von der Landeskommission zur Durchführung der Befehle Nr. 124 und Nr. 126 übertragene Treuhänderschaft vorliege. Solange die Sequestrierung bestünde, könnten Wiedergutmachungsansprüche nicht erfüllt werden. Letztendlich gelang eine Rückgabe der Geschäfte nicht. Das Stammhaus Behrendt am Markt musste 1949 als Ruine abgerissen werden; es war im Dezember 1939 durch einen Brand schwer zerstört worden. Der Verkauf fand danach in den Rosensälen statt. Das frühere Heka eröffnete am 7. Januar 1949 – nach der Überführung in Volkseigentum – als neues Konsum-Kaufhaus Unterm Markt. Das Grundstück Ricarda-Huch-Weg 16 hingegen wurde 1952 vom Rat der Stadt als ausländisches Grundstück, Besitzer Arthur Behrendt, New York, verwaltet. Arthur Behrendt starb am 1. August 1963. Die älteste Tochter Adolph und Rosa Behrendts, Betty, hatte 1902 in Jena den Kaufmann Hermann Sklow (1887–1938) geheiratet. Sklow, Direktor der Geraer Filiale des Warenhauskonzerns Hermann Tietz, war bereits vor 1933 den Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Nach dem Verlust seiner Stellung zog die Familie, in der Absicht schnellstmöglich auszuwandern, von Gera nach Berlin-Grunewald. Nach dem Versuch, Gelder ins Ausland zu schicken, wurde Sklow durch die Gestapo verhaftet und im Polizeipräsidium Berlin inhaftiert, wo er am 17. Oktober 1938 verstarb. Seine Frau Betty erhielt die Urne mit der Asche ihres Mannes und dem Vermerk „Selbstmord begangen“. Die Urne wurde im Grab von Adolph und Rosa Behrendt in Berlin-Weißensee beigesetzt. Betty Sklow, die in die USA ausreisen wollte, gehörte 1939 zu den Passagieren des bekannten Schiffes St. Louis, dem die Landung in Kuba verweigert wurde und musste nach Europa zurückkehren. Sie überlebte, wohnte für kurze Zeit in Holland und ging später nach New York. Die zweite Tochter Else (1883–1952) war seit 1907 mit dem jüdischen Kaufmann Ludwig Mayer aus Aschaffenburg verheiratet. Meta, die dritte Tochter, wurde die Ehefrau des Meininger Kaufmanns Leopold Grünstein. 1935 wanderte die Familie Grünstein nach New York aus. Gertrud Behrendt heiratete 1912 den Erfurter Kaufmann Max Arenstein. 1918, als die Brüder Hans und Arthur Behrendt Kriegsdienst leisteten, hatte „Geschäftsführer Arnstein [es dürfte sich um den in dieser Zeit in Jena wohnhaften Moritz Arenstein handeln, vermutlich ein Bruder Max Arensteins] hier [im Hause Behrendt]“ eine Versammlung »der etwa 25 Personen zählenden jüdischen Einwohner Jena’s" in der Sonne angemeldet, auf deren Tagesordnung die "Stellungnahme zum jüdischen Religionsunterricht und Neubelebung der bereits bestehenden Religionsgemeinschaft" stand. Zur Leitung der dann nach dem Ersten Weltkrieg neu gegründeten Jenaer Religionsgesellschaft gehörte neben Ignaz Eckstein auch Arthur Behrendt. Der 1922 in Jena geborene Sohn von Gertrud und Max Arenstein, Hans Arenstein, wurde als 16-Jähriger im November 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Wie seine Eltern konnte er emigrieren. Er fiel 1944 als Soldat der British Army in Frankreich. Die jüngste Tochter von Adolph und Rosa Behrendt, Paula, heiratete 1926 in Erfurt in zweiter Ehe den Kaufmann Sigmund Mayer und starb 1930 in Frankfurt a. M.

Siegfried Blumenthal (1872–1926)

Die Brüder Schaye und Sally Blumenthal stammten aus Fordon, wo sie am 19. April 1872 bzw. 24. Januar 1878 als Söhne des Händlers Jakob Blumenthal und dessen Ehefrau Marie, geb. Levin, geboren wurden. Der Kaufmann Schaye (auch Schaja) Blumenthal, später nur noch Siegfried genannt, kam 1900 vermutlich von Erfurt nach Jena. Mit der am 17. September 1879 in Peine geborenen Ida Plaß war er seit 1901 verheiratet. Die drei Kinder des Ehepaares, Kurt (geb. 17. September 1901), Margarethe (1902–1903) und Käthe (geb. 30. Juli 1906), wurden in Jena geboren. Im Germarschen Haus in der Leutrastraße 1 führte Schaye Blumenthal ein Schuhwarengeschäft, welches er im Januar 1901 von dem Erfurter Kaufmann Isaak Horn übernommen hatte und das unter dem Namen „Erfurter Schuhwarenhaus“ im Handelsregister firmierte. 1914 folgte ihm sein Bruder Sally, von Beruf Schuhmacher, zusammen mit seiner Frau Johanna, geb. Rehfeld, nach Jena. Sie wohnten zunächst mit im Haushalt von Siegfried Blumenthal. Ab Juli 1917 nahm Sally als Frontkämpfer am Weltkrieg teil. Im Februar 1920 stellte Siegfried Blumenthal, der die preußische Staatsangehörigkeit besaß, einen Antrag auf Aufnahme in den Staatsverband des damaligen Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach. Sein Vermögen bezifferte er zu diesem Zeitpunkt auf 60 000 Mark. Noch im April erhielt er den ersuchten Staatsangehörigkeitsausweis. Bereits sechs Jahre später, am 12. Mai 1926, starb Siegfried Blumenthal in Jena. Seine Witwe Ida, 1927 noch in Jena in der Liste zur Besoldung des Landrabbinats zu finden, verzog zu ihrer Tochter nach Glauchau und starb dort am 30. Januar 1931. Ihre Grabstätte befindet sich gemeinsam mit der ihres Mannes Siegfried auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Erfurt. Ihre Kinder Kurt und Käthe hatten Jena ebenfalls nach dem Tod des Vaters verlassen. Kurt nahm seinen Wohnsitz in Hamburg, Käthe, die eine Ausbildung als Kindergärtnerin abgeschlossen hatte, wohnte bis 1936 in Glauchau. 1937 heiratete sie den jüdischen Kaufmann Ludwig Maas in Mainz. Ihr Bruder Kurt wurde Opfer der nationalsozialistischen Rassenverfolgung. Von Hamburg-Fuhlsbüttel nach Auschwitz deportiert, kam er dort am 9. April 1943 ums Leben. Sally Blumenthal und seine Frau Johanna, die Jena 1927 verlassen hatten, waren bereits im Januar 1943 von Berlin aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort zu einem bisher unbekannten Zeitpunkt ermordet worden.

Elisabeth Blochmann (1892–1972)

Elisabeth Blochmann wurde am 14. April 1892 in Apolda geboren. Nach Abschluss des Oberlyzeums, Ablegen des Lehrerinnenexamens und des externen Abiturs immatrikulierte sie sich am 15. Mai 1917 an der Philosophischen Fakultät der Jenaer Universität. Während des hier absolvierten Sommersemesters wohnte sie weiterhin in Weimar. Es folgten Studien der Geschichte, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Straßburg und Marburg sowie der Pädagogik bei Herman Nohl in Göttingen, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. 1923 promovierte sie bei Karl Brandi mit einer Dissertation zum Thema „Die Flugschrift 'Gedencke, daß Du ein Teutscher bist'. Ein Beitrag zur Kritik der Publizistik und der diplomatischen Aktenstücke“. Seit 1926 Leiterin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin wurde sie 1930 zusammen mit Adolf Reichwein auf eine Professur für Sozialpädagogik an der neu gegründeten Pädagogischen Akademie in Halle berufen. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung im September 1933 entlassen, emigrierte sie 1934 nach England. Über Marie Kuhn in Oxford, eine Tochter  Bertha Nohls, entstand eine Verbindung, die sie an die Pädagogische Abteilung der Universität Oxford führte. Als Elisabeth Blochmann 1952 einen Ruf an die Philipps- Universität Marburg erhielt, kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde damit nach dem Zweiten Weltkrieg für fast zwei Jahrzehnte die einzige Lehrstuhlinhaberin im Fach Pädagogik an einer bundesdeutschen Universität. Nach ihrer Emeritierung 1960 widmete sie sich der Sichtung des Nachlasses von Herman Nohl. 1966 erschien ihre Studie „Das Frauenzimmer und die Gelehrsamkeit. Eine Studie über die Anfänge des Mädchenschulwesens in Deutschland“, es folgte 1969 ihre bedeutende Biographie über „Hermann Nohl in der pädagogischen Bewegung seiner Zeit. 1879–1960“. Am 27. Januar 1972 starb Elisabeth Blochmann in Marburg.

C

Max Carl Hauptmann (1897–1961)

Max Carl Hauptmann, (1897 in Gera) war das jüngste von 3 Kindern von Gustav Hauptmann (1863 in Militsch/Schlesien) und Rosalie (1863 in Halle/Saale geb. Goldschmidt). Als Soldat wurde er vor Verdun 1916 schwer verwundet und verlor sein linkes Bein. Er studierte Jura ab 1918 in Jena und Heidelberg. In Gera war ab 1920 in Gera als Gerichts-Referendar tätig. Seit 1924 hatte er eine Anwaltskanzlei mit Notariat gemeinsam mit Dr. Rudolf Paul. 1933 erhielt er als Jude Berufsverbot. Dr. Max Carl Hauptmann überlebte 1937 auf der Flucht einen Schiffbruch. Sie retteten sich nach Buenos Aires, wo sie längere Zeit leben. Er stirbt dort 1961. Seine Eltern, Gustav und Rosalie Hauptmann, beide 74 Jahre alt, blieben zunächst in Gera. Nachdem Max' Tante Berta Goldschmidt 1935 in Gera gestorben und er selbst 1937 geflohen war, zog Max' Cousine Wally Goldschmidt (unverheiratet, 46) aus Weimar nach Gera. Sie versorgte die alten Leute und sie wohnten gemeinsam Tivolistr. 8 zur Miete. Gustav und Rosalie Hauptmann mussten 1939 ins Judenhaus Zschochernstr. 32 (Eigentümer ist ihr Sohn Max Carl!) Am 22. September 1939 kamen sie nach Hannover. Der Kriegsausbruch verhinderte die geplante Emigration. Während Rosalie 1941 78-jährig starb, musste Gustav noch in mehrere Hannoversche Judenhäuser und wurde über Theresienstadt (23.07.1942) nach Treblinka (23.09.1942) deportiert und dort ermordet. Der Name Wally Goldschmidt steht auf der Thüringer Deportationsliste vom 10.5.1942 von Weimar nach Belcyze. Dort wurde auch sie ermordet.

Hildegard Czech (1899–1969)

Hildegard Czech wurde am 18. Dezember 1899 in Bad Charlottenbrunn (Schlesien) als Tochter des begüterten jüdischen Fabrikbesitzers Eugen Schachtel und seiner Ehefrau Emma, geb. Wieruszowski, geboren. Nachdem sie die mittlere Reife abgelegt hatte, lernte sie Buchführung, Stenografie und Schreibmaschine, um dann kurze Zeit im Porzellanwerk des Vaters tätig zu sein. 1919 heiratete sie den nichtjüdischen Arzt Dr. med. Adolf Czech. Die drei Kinder, Ursula (geb. 1920), Barbara (geb. 1924) und Hans Günther (geb. 1925), wurden in Bad Charlottenbrunn geboren. Alle Mitglieder der Familie waren evangelischer Konfession. Nachdem sich Adolf Czech nach 20-jähriger, seit längerer Zeit zerrütteter Ehe 1939 scheiden ließ, zog Hildegard Czech mit ihren Kindern nach Breslau. Weil sie als Jüdin galt, hatte sie unter den fortwährenden Schikanen der Gestapo zu leiden, die Familie musste in ein "Judenhaus" ziehen. Als 1942 ihre älteste Tochter bei der Arbeit im Zellwollwerk Hirschberg bei einer Explosion schwer verunglückte, fuhr Hildegard Czech ohne Erlaubnis der Gestapo zur Pflege ihrer Tochter, die noch fünf Tage überlebte, und zu deren Beerdigung nach Hirschberg. Zur Strafe sollte sie in ein Lager nach Polen geschickt werden, nur knapp konnte sie dem entgehen. Jeden Morgen musste sie sich bei der Gestapo einfinden, wo sie stundenlangen quälenden Verhören und gemeinen Anschuldigungen ausgesetzt war. Am 7. Januar 1944 wurde sie unerwartet abgeholt und zwei Tage später mit einem Transport in das Konzentrationslager Theresienstadt geschafft. Infolge der Kälte, des Hungers und der schweren Arbeit bekam sie eine Rippenfellentzündung und eine offene Lungentuberkulose. Nach der Befreiung des Lagers konnte sie mit ihrem Sohn, der noch Anfang 1945 nach Theresienstadt verschleppt worden war, im Juli 1945 nach Bad Charlottenbrunn zurückkehren. Kaum gehfähig, brachte sie der Sohn in einem Handwagen nach Hause. Ihre Tochter Barbara, selbst durch Schachtarbeiten in einem Zwangsarbeitslager schwer erkrankt, kümmerte sich um sie. 1946 schied die Tochter – vermutlich freiwillig – aus dem Leben. Im Juli 1947 musste Hildegard Czech ein zweites Mal die Heimat verlassen. Zusammen mit ihrem Sohn wurde sie evakuiert und gelangte als "Umsiedlerin" zunächst in das thüringische Ilmenau. Nach einem über einjährigen Aufenthalt im Sanatorium Tannenfeld zog Hildegard Czech 1950 zu ihrem Sohn nach Jena. Hans Günter Czech, der inzwischen das Abitur nachholen konnte, hatte an der Friedrich-Schiller-Universität ein Theologiestudium begonnen und die Kurrende der Studentengemeinde übernommen. Das Studium musste er jedoch aus gesundheitlichen Gründen bald wieder aufgeben. Danach strebte er eine Ausbildung in der Jugendarbeit an. Um 1955 nahm er in West-Berlin eine Ausbildung zum Heilerzieher auf. Nur wenige Jahre später wählte er den Freitod. Hildegard Czech, wegen ihrer Gebrechlichkeit stets in ärztlicher Betreuung und seelisch zerstört, blieb in Jena. Trost fand sie im Glauben und in der Bibel, "der alte Hiob – das ist mein Bruder". Als ihr 1956 das Pflegegeld entzogen werden sollte, setzte sich die Stadtverordnete Ilse Burghardt persönlich für sie ein: "Frau Hildegard Czech wohnt in meiner Nachbarschaft und ist mir seit Jahren bekannt; sie ist anerkannt(e) VdN [Verfolgte des Naziregimes]. Dies allein sollte für uns alle Mahnung und Verpflichtung sein, ihr zu helfen, wo wir nur können." Eine sehr enge, fast familiäre Beziehung pflegte Hildegard Czech, die sich noch im Alter für Sport, Schach und Briefmarken interessierte, zur Familie des Pfarrers Karl-Heinz Maeß. Am 25. April 1969 starb sie in Jena. Auf einem vergilbten Zettel in ihrem Tagebuch fand sich der 126. Psalm, der schließlich auch über ihrer Trauerfeier stand: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden."

Wohnungen in Jena: 1950 Treunertstraße 1; 1953 Camburger Straße 24 

D

Leiser Don Wiszenko (1901–1983)

Ich Leiser Don Wiszenko geb. am 8.12.01 als Sohn der ledigen Elke Wiszenko in LukowBezirk Lublin russisch Polen geboren. Besuchte von 1907 bis 1913 die Grundschule (Hebräische Schule). Meine Mutter war Köchin und von meinem Erzeuger ist mir nichts bekannt. Nach meiner Schulentlassung erlernte ich den Beruf eines Schneiders. Nach Abschluß meiner Lehre im Jahre 1918 wurde ich im Herbst des gleichen Jahres zur Poln. Armee eingezogen. Da ich nicht gewillt war, mit der poln. Armee gegen Rußland zu kämpfen, bin ich 1920 desertiert mit dem Ziel, zu meinem Bruder nach Magdeburg zu kommen. [...]
1930 habe ich geheiratet. Da ich nun als junger Handwerker auf jeden Kunden angewiesen war, schlug mir mein Schwiegervater vor, mich doch bei dem Schützenverein anzumelden, wo er auch dabei war. Hatte auch kein Bedenken, denn es war ja ein sportlicher u. kein politischer Verein, das war im Jahre 1932. [...]
Dann fing für mich schon die schlechte Zeit an, es durfte nicht jeder bei mir arbeiten lassen. Auch mußte ich am 31.12.38 meinen Gewerbeschein abgeben. 1938 nach der Kristallnacht, kam die Verhaftung nach dem Buchenwald. Auf ein Gesuch hin von meiner Frau, daß wir auswandern wollten, kam ich 1939 frei. Haben uns auch sehr darum bemüht, war aber sehr schwer, weil ich keine Verwandten im Ausland hatte, die für mich die Bürgschaft übernahmen. Mit was mußte ich nun ja meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich ging als Kraftfahrer zur Fa. Max Wetzler Färberei. 1940.
Lange war ich da nicht, denn ich kam im selben Jahr nach Bad Dürrenberg zur Zwangsarbeit. 1941 kam ich dann nach Hohen Warte (Saale-Talsperre). 1942 verpflichtete man mich wieder Trillig-Hosen zu nähen. Dadurch, daß unsere Ehe kinderlos war, mußte ich auch den gelben Stern tragen, mit der Aufschrift Jude. Durfte auch nicht nach 8 Uhr abends auf die Straße keine öffentliche Verkehrsmittel benutzen u. die Stadt nicht verlassen.
An den Lebensmittelkarten waren Mangelwaren rausgeschnitten, hatten auch nur bestimmte Läden, wo wir einkaufen durften.1944 wurde ich dann von der Gestapo zur Zwangsarbeit nach Weißenfels geschickt (3 Wegelager). 1945 kamen wir nach Halle, Grenzstr. Das war ein russ. Gefangenenlager. Nach ungefähr 2 Monaten wurden wir nach Wörmlitz bei Halle verlegt, wo wir bis Ende des Krieges blieben, bis wir befreit wurden. Nach meiner Rückkehr 1945 war ich überzeugt, daß ich in die Partei der Arbeiterklasse gehöre, u. trat 1945 in die Partei ein. Auch bin ich Mitglied der DSF seit d. 2.12.50.
Apolda, den 25. Aug. 1978              
Leiser Wiszenko

Paul Dattelbaum (1867–1937)

Der Kaufmann Paul Dattelbaum (1867) kam gebürtig aus dem polnischen Kattowice und lebte in Leipzig. Im Jahr 1901 heiratete Paul Dattelbaum in Apolda die nichtjüdische Direktrice Helene Meyer. Paul Dattelbaum war in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands tätig, was an den Geburtsorten der Kinder erkennbar ist. Der Sohn  Wilhelm (1902) und Tochter Charlotte (1903) wurden in Hanau geboren, Tochter Erika (1907) im schlesischen Goldberg, das jüngste Kind Sohn Fritz (1912) in Apolda. Seit 1911 wohnte die Familie in Mietwohnungen in der Herressener Straße 5 und An der Karlsquelle 1. Paul Dattelbaum war Mitglied im Kaufmannsgericht.1917 errichtete er ein eigenes Wohnhaus an der Müllerstraße 10, in das die Familie einzog und bis 1937 bewohnte.1938 wurde das Haus der Eltern „arisiert“. Vater Paul hat die Enteignung nicht mehr erlebt, denn im Januar 1937 war er verstorben. Helene zog im Oktober gleichen Jahres nach Leipzig, wo sie verstarb.

Erika Dattelbaum (1907–1978)

Erika Dattelbaum wurde als das dritte Kind ihrer Eltern, des Paul Dattelbaum und der Helene geborene Meyer, evangelischer Konfession, im niederschlesischen Goldberg geboren, bis die Familie nach einigen Jahren in Apolda sesshaft wurde. Ihr Vater war Kaufmann und in angesehener Stellung. In den Jahren der Nazidiktatur musste sie die blichen Beleidigungen durch ihre „arischen“ Mitmenschen hinnehmen. So erklärte 1988 die alt gewordene Linda Wiszenko, die mit dem Halbjuden Lejzor Wiszenko verheiratet war und sich in altersweiser Selbstkritik bezichtigte, als Kind das jüdische Mädchen, das garstig zu ihr war, mit „Du Judenmensch“ beschimpft zu haben. Im Zuge der anschwellenden Judendiskriminierung vor dem September-Parteitag in Nürnberg 1935 führten SA-Männer im August regelrechte Pranger Fahrten mit Lastwagen durch die Stadt durch, wo mitgeführte Plakate „Feinde des Führers“ und „Hetzer“ gegen den nationalen Staat“namentlich anprangerten oder selber mitfahren mussten wie der Malermeister Künstler aus der Stobraer Straße. Mit Erika Dattelbaum hatten die Nazis etwas Besonderes vor. Sie sollte, da sie angeblich „arische“ Volksgenossen übel beleidigt hätte, öffentlich durch die Stadt geführt werden. Sie wurde aus der Wohnung gezerrt und von SA-Männern geschlagen, so dass sie blutüberströmt war und bis zur Polizeiwache geführt wurde. Dort fand ein Verhör durch einen Gestapobeamten statt, der ihr erklärte, dass sie in „Schutzhaft“ genommen und in das KZ Bad Sulza überführt werde. Hier brachte sie elf Tage zu. Ihr weiterer Lebensweg führte sie nach Leipzig. Vater Paul starb 1937, die Witwe zog zur Tochter Charlotte nach Leipzig und starb noch im gleichen Jahr. Von Erika ist bekannt, dass sie einen Mann namens Marquardt heiratete. Es blieb eine kinderlose Ehe. Erika starb am 22. Mai 1978 in Halle/Saale.

Rudolf Diener (1904-1941)

Rudolf Diener wurde am 15.7.1904 in Gera geboren. Er hatte einen Bruder. Er erlernte den Beruf eines Tischlers und wurde 1923 Funktionär im Rotfrontkämpferbund und Mitglied der KPD. 1934 wurde er verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach kam er in "Schutzhaft" nach Bad Sulza, Lichtenburg und Buchenwald. 1939 amnestiert, verteilte er wieder Flugblätter und malte Transparente. Deshalb wurde er 1940 erneut verhaftet. Am 13.3.1941 starb Rudolf Diener gewaltsam durch Verhör-Folter im Geraer Untersuchungs- und Gestapo-Gefängnis Amthorpassage. Er wurde 36 Jahre alt. 

Familie Derbuel

Der Franzose Victor Derbuel kam als Kriegsgefangener des 1.Weltkriegs nach Berlin. Hier heiratete er im Jahr 1920 Alice, geb. Heidemann, eine junge Frau jüdischer Herkunft. Als das Ehepaar Victor und Alice Derbuel nach Gera zogen, waren sie 29 und 28 Jahre alt. Ein Jahr später wurde ihr einziges Kind, die Tochter Fernande, geboren. Schwiegervater Max Heidemann gab das Startkapital. Sie pachteten ein Grundstück in der Gneisenaustr. 32. Darauf wurden Fabrikgebäude errichtet. So entstand die Präzisions-Werkzeug- und Kompressorfabrik Victor Derbuel. Er rüstete Fahrzeuge mit Autokompressoren nach und hatte 1945 immer noch 75 angestellte Mitarbeiter. Als Max Heidemann starb, nahm die junge Familie die verwitwete Schwiegermutter von Berlin zu sich  nach Gera. Frau Heidemann überlebt das Kriegsende und starb 1979 in Berlin im Alter von 88 Jahren. Nach den Nürnberger Gesetzen führten Derbuels eine Misch-Ehe. Bis Herbst 1944 blieben sie verschont. Da Victor die Ehescheidung ablehnte und dazu auch noch Franzose war, kam er im Oktober 1944 in ein Arbeitslager bei Halle. 1945 im April war Victor wieder in Gera. Zuvor, im Januar 1945, spitzte sich die Situation der drei Frauen zu. Großmutter, Mutter und Kind sollten nach Theresienstadt deportiert werden. Stunden vor dem Zugriff der Gestapo wurden sie gewarnt. Bis heute unbekannte Mitglieder der Betriebsbelegschaft und deren Familien schützten sie. Sie erlebten das Kriegsende in Verstecken, wo sie versorgt werden mussten. 1945 wird die Fabrik enteignet und demontiert. Sie diente bis 1955 als Unterkunft für sowjetische Soldaten. Victor starb 1965 im Alter von 75 Jahren, Alice 1979 im Alter von 87 Jahren, die in Gera geborene Fernande 2009 im Alter von 89 Jahren. Fernande war verheiratet und hatte einen Sohn. Nachkommen leben heute in den USA.

Oskar Dallmann (1881–1942)

Oskar Dallmann wurde am 26. September 1881 in Beuthen (Schlesien) geboren. Er war mit der 1887 im schlesischen Alt Berun geborenen Putzmacherin Hulda Ehrlich verheiratet. Erstmals erscheint Oskar Dallmann 1923 im Jenaer Adressbuch. Er hatte das seit 1913 bestehende Hutgeschäft von Paul Möller in der Leutrastraße 33 übernommen und führte es als Spezialgeschäft für Damen- und Kinderhüte unter dessen Namen weiter. In unmittelbarer Nähe des Geschäftes, im Hause Leutrastraße 1, betrieben er bzw. seine Frau Hulda noch eine Damenhut- und Damenputzwerkstatt. Zehn Jahre florierte der Handel, bis am 1. April 1933 auch dieser Betrieb den ersten Boykottmaßnahmen der Nazis ausgesetzt war. In der Pogromnacht 1938 waren die Schaufenster des Geschäftes mit Plakaten "Geschlossen wegen Mord!" überklebt worden. Oskar Dallmann selbst wurde mit weiteren Jenaer Männern verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald geschafft (Übersicht 2). Gleichzeitig erfolgte auf der Grundlage der "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938 die Abwicklung seines Hutgeschäftes. Anfang Dezember erging dazu folgende Aktenmitteilung: "Dallmann ist noch nicht zurück aus dem Lager. Das Geschäft wird von der Frau weiterbetrieben. Die Waren sollen bis zur Auflösung verkauft werden. […] Der Laden ist schon wieder anderweitig vermietet." (StadtAJ, D Ih 10/1, Bl. 186). Bereits am 14. Dezember meldete der mit der Abwicklung beauftragte Carl Schmidt Vollzug. Warenlager und Inventar der Firma waren für nur 1200 RM an die Putzmachermeisterin Marta Knoblauch verkauft worden, "die jüdische Firma Oskar Dallmann ist damit abgewickelt" (Bl. 209). Im Dezember aus Buchenwald zurückgekommen, erhielt der inzwischen Enteignete darüber hinaus zum 31. März 1939 die Kündigung seiner Wohnung in der Kleinen Camsdorfer Straße. Da seine Nachfragen nach Wohnraum in einem »arischen« Haus scheiterten, wandte er sich an die jüdischen Hausbesitzer. Seine dies- bezüglichen Bemühungen beschrieb Oskar Dallmann wie folgt: »Herr Max Meyerstein sagte mir er darf seinem arischen Mieter nicht kündigen. Herr Dr. Eppenstein hat 7 Kinder und beschränkten Raum. Die Räume des verstorbenen Abteilungsleiters Großmann Scheidlerstraße sind schon vermietet. Nur bei Fr Professor Joseffi [Josephy] Sedanstr. 4 die mit 2 erwachsenen Töchtern 1 ganzes Haus bewohnt wurde ich von der Tochter mit der Begründung abgewiesen, die überzähligen Räume kämen für auswärtige Verwandte   in Frage. […] Fr Professor Mayer Steineck [Meyer-Steineg], die eine große Villa allein bewohnt ließ mir kurz durch einen Angestellten sagen Sie hat nichts abzugeben." (StadtAJ, F 2335, Bl. 1). In seiner Not und Sorge vor drohender Obdachlosigkeit schrieb er im Januar 1939 an den Oberbürgermeister. Dabei betonte er besonders den Umstand, dass er Frontsoldat und im Krieg verschüttet und verwundet worden war. Die Stadt verfügte schließlich am 22. März 1939 die Einweisung des Ehepaares Dallmann in das Wohnhaus Josephy, Sedanstraße 4. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber die Familie Jena bereits verlassen und war nach Leipzig verzogen. Hier ist belegt, dass das Ehepaar zunächst in der Kronprinzenstraße 94, später in einem  "Judenhaus" in der Gohliser Straße 11 untergebracht war. Oskar Dallmann musste im Tiefbau Zwangsarbeit leisten. Am 21. Januar 1942 wurden Hulda und Oskar Dallmann nach Riga verschleppt und gelten seitdem als verschollen. Ihre Kinder konnten emigrieren.

Wohnungen in Jena: 1923 Spitzweidenweg 20; 1925 Hardenbergweg 37; 1929 Kleine Camsdorfer Straße 1 

Richard Dannemann (1887–1950)

Richard Dannemann wurde am 29. Juni 1887 in einem jüdischen Elternhaus in Grabow bei Stettin geboren. Seine Eltern, Zacharias Dannemann und Hanna Dannemann, geb. Malach, wohnten seit Anfang der 1870er Jahre in Stettin. 1902 verließ der junge Mann Stettin, um sich nach mehrjähriger kaufmännischer Ausbildung in Wismar, Dresden und Breslau ab 1909 eine berufliche Existenz in Jena aufzubauen. Im Oktober 1909 übernahm er hier die erst 1908 von dem jüdischen Kaufmann Adolph Krojanker aus Burg bei Magdeburg gegründete Schuhwarenhandlung in der Leutrastraße 2. Seine Schwester Hildegard Dannemann, am 15. Januar 1892 geboren, kam 1909 ebenfalls nach Jena und arbeitete im Laden ihres Bruders. Das Geschäft, ab September 1911 mit Sitz in der Johannisstraße 24, firmierte als "Schuh- und Sporthaus Richard Dannemann". Richard Dannemann, selbst sportlich aktiv und wie  Otto Eppenstein ein begeisterter Ballonfahrer, gehörte dem Verein für Bewegungsspiele e. V. Jena an und führte zeitweilig dessen Geschäftsstelle. Darüber hinaus war der künstlerisch Interessierte auch Mitglied im Jenaer Kunstverein. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Richard Dannemann als Freiwilliger und diente als Unteroffizier und Vizefeldwebel in Feldluftschiffer-Abteilungen. 1917 beantragten Richard und Hildegard Dannemann, beide besaßen die russische Staatsangehörigkeit, ihre Einbürgerung in den Sachsen-Weimarischen Staat. In seinem Antrag auf Einbürgerung wies er sich in seinem Glaubensbekenntnis als Freidenker aus. Bis 1917 hatte er noch zu den Beitragszahlern für das Landesrabbinat gezählt. Seine Schwester Hildegard Dannemann gehörte ebenfalls der Freidenkerbewegung an. Gegen sie, die im Schuhgeschäft tätig war, wurde im April 1917 ein anonymer Hinweis an die Stadtverwaltung gegeben, dass sie an einen Schauspieler Schuhe und Stiefel ohne Bezugsschein verschenkt hätte. Im Dezember 1920 heiratete Richard Dannemann die aus einem jüdischen Elternhaus in Berlin stammende Studentin Käthe (eigentlich Katharina) Neumann (1898– 1935). Die Ehefrau, gleichfalls Dissidentin, studierte an der Jenaer Universität Medizin und ließ sich zum Wintersemester 1922/23 für das Studium der Philosophie umschreiben. 1923 wurde der gemeinsame Sohn Ulrich geboren, der später Schüler an der Universitätsschule von Peter Petersen wurde. Das Schuhhaus war inzwischen 1921 in die Löbderstraße 6 umgezogen und besaß den Alleinverkauf von Salamander-Schuhen in Jena und Umgebung. In Jena war die Familie Dannemann mit den Rechtsanwälten Kurt May und Walter Ledermann, die ihre Kanzlei ebenfalls im Haus Löbderstraße 6 hatten, sowie mit der Familie von Dr. Heinrich Schmidt, Direktor des Ernst-Haeckel- Hauses und Herausgeber der "Monistischen Monatshefte" befreundet. Aus wirtschaftlichen Gründen er- folgte im Februar 1927 die Geschäftsauflösung Dannemann. Der bereits ab November 1926 durchgeführte Totalausverkauf fand selbst in Fachblättern wie "Der Schuhmarkt" (Frankfurt a. M.) Beachtung. Die Geschäftsräume und das Personal wurden von der Bottina Schuhgesellschaft m. b. H. (Berlin) übernommen und das Geschäft unter dem Namen "Bottina" am 26. Februar 1927 neu eröffnet. Richard Dannemann übernahm zunächst bis auf weiteres die Leitung der Filiale. 1929 zog die Familie aus beruflichen Gründen nach Köln, wo Richard Dannemann als Geschäftsführer der "Hess-Schuhkette" tätig war. Nach dem Tod seiner Ehefrau Käthe 1935 wanderte Richard Dannemann mit Sohn Ulrich nach Brasilien aus. Die Jenaer Verkaufsstelle der "Bottina" war bereits 1933 als jüdisches Schuhgeschäft von der Warenlieferung ausgeschlossen und 1938 im Zuge eines Arisierungsverfahrens an den Kaufmann Karl Fischer veräußert worden. Richard Dannemann starb 1950 in São Paulo. Sein Sohn Ulrich Dannemann hatte zunächst 1933/34 in Köln ein Gymnasium besucht und konnte 1934 am Gymnasium in Visé (Belgien) die Ausbildung fortsetzen. Von 1935 bis 1938 war er Schüler an einer höheren Schule in São Paulo. Bereits in Köln hatte Ulrich Dannemann Violinunterricht genommen, den er in São Paulo bei dem ebenfalls emigrierten Berliner Geiger und Dirigenten Max Modern wieder aufnahm. Seine erste Anstellung erhielt er 1943 beim Orquestra Sinfônica Brasileira in Rio de Janeiro. 1953 wurde er Mitglied des Orchesters des Teatro Municipal in Rio de Janeiro. Als Freund der Kammermusik war er zudem Mitglied verschiedener Kammermusikvereinigungen. Sein besonderes Interesse galt der Geigenpädagogik. Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Außenministerien Italien und Brasilien ermöglichten es ihm, Anfang der 1960er Jahre bei den Violinisten Remy Principe (Rom) und Max Rostal (Köln und Bern) Unterricht zu nehmen, wobei ihm vor allem an den Unterrichtsmethoden und -praktiken dieser Meisterlehrer gelegen war. Er veröffentlichte später eine Reihe von Methodenlehren und Übungen zum Erlernen des Violinspiels. Seit 1962 Mitglied des Nationaltheaters Mannheim, folgte er 1967 der Aufforderung von Paul Rolland (University of Illinois), an dessen "String Research Project", einem Projekt für den Anfangsunterricht mit Streichinstrumenten, mitzuarbeiten. 1968 wurde er zum Assistenzprofessor am Music Department der Universität Missouri bestellt und unterrichtete dort im Fach Violine und Bratsche. 1972 hatte er die Stellung eines "Lecturer in Music" am Kansas State Teachers College inne. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1973 arbeitete er zunächst als Lehrer für Geige und Bratsche an der Kreismusikschule Viersen. Seit 1976 gehörte Ulrich Dannemann als Bratschist den Niederrheinischen Sinfonikern in Krefeld an. Zudem war er von 1981 bis 1988 nebenberuflich als Lehrkraft an der Musikschule Mönchengladbach tätig. Ulrich Dannemann verstarb 2004 in Mönchengladbach. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Krefeld.

Wohnungen in Jena: 1910 Leutrastraße 2; 1914 Beethovenstraße 34a; 1917 Sophienstraße 55; 1920 Weimar- Geraer Bahnhofstraße 6 

Moritz Dessen (1868–1931)

Moritz Gidalja Dessen, am 13. Juli 1868 in Warschau geboren, und seine am 20. August 1870 ebenfalls in Warschau geborene Ehefrau Anna, geb. Gutheim, kamen 1905 nach Jena. Zur Familie gehörten die Söhne Nathan und Bernhard sowie die 1909 in Jena geborene Tochter Jitta. Das Paar, das 1897 in Warschau geheiratet hatte, war – bevor es sich in Jena niederließ – um die Jahrhundertwende in Breslau wohnhaft gewesen. In Jena meldete Moritz Dessen im Dezember 1905 die Fabrikation von Zigaretten als Gewerbe an; seine Zigarettenhandlung befand sich in der Saalstraße 15. 1909 verzog die Familie zwischenzeitlich nach Leipzig und Plauen, um ab 1913 wieder dauerhaft in Jena ansässig zu sein. In den Jahren des Weltkrieges stand das Ehepaar Dessen als Ausländer, "die einem feindlichen Staat angehörten", unter besonderer polizeilicher Aufsicht. Dazu gehörten eine spezielle Ausländermeldepflicht und ständige Gesuche um Erlaubnis für gewerbliche Aufenthalte außerhalb Jenas. In einem Schreiben der Stadt Jena an den Bezirksdirektor zu Apolda vom 18. Januar 1915 heißt es: "Der Handelsmann Moritz Dessen und seine Frau, beide russische Staatsangehörige, halten sich seit längeren Jahren in Jena auf und bestreiten ihren Lebensunterhalt in der Hauptsache durch Feilhalten ihrer Waren auf den Märkten und Messen. Die Eheleute Dessen haben sich bisher in keiner Weise verdächtig oder lästig gemacht. Wie bereits früher dargelegt, ist den Eheleuten Dessen eine allgemeine Erlaubnis zum Herumreisen nicht erteilt, dagegen in Gemässheit einer früheren Verfügung des Generalkommandos gestattet worden, einzelne Jahrmärkte innerhalb des Korpsbezirkes zu besuchen und Jena auf bestimmte Zeit zu verlassen. Die Eheleute Dessen haben die gesetzten Bedingungen immer regelrecht eingehalten […]" (StadtAJ, B XVIIIg 81, Bl. 267). Ähnlich begründete Moritz Dessen im Februar 1915 sein Gesuch, einen Jahrmarkt in Reichenbach (Sachsen) besuchen zu dürfen, was aber abgelehnt wurde: "Ich wohne 20 Jahre in Deutschland, bin unbestraft, habe mir nichts zu schulden kommen lassen. Ein Bruder von mir ist seit 40 Jahren deutscher Unterthan und meine beiden Söhne, von denen der eine jetzt schon der hiesigen Jugendwehr angehört, werden demnächst in Deutschland ihre Militairzeit absolvieren." (StadtAJ, B XVIIIg 81, Bl. 314). Aufgrund der Unterbindung von Jahrmarktsbesuchen, er vertrieb hier Stickereiwaren, sah er sich gezwungen, auf seine alte Profession der Zigarettenherstellung zurückzugreifen. Seine Bemühungen um die Eröffnung eines Zigarettenladens am Steinweg wurden im Juli 1915 jedoch mit der Begründung abgewiesen, dass er als Ausländer und aus Konkurrenzgründen "in solcher Zeit keine Genehmigung bekomme". Um seine Familie vor Hunger zu bewahren und nicht die Unterstützung durch das Armenamt in Anspruch nehmen zu müssen, bat er inständig um einen Gewerbeschein und schrieb in größter Verzweiflung an den Gemeinderat "was soll ich nur anfangen, wenn ich meiner Existenz nicht nachgehen kann d. h. ich darf die Stadt nicht verlassen um etwas zu verdienen und auch hier wird mir verboten eine Arbeit auszuüben." (StadtAJ, B XIIa 107 Bl. 58). Die Stadtverwaltung blieb jedoch bei ihrem ablehnenden Bescheid. Auch der Sohn Nathan Dessen (geb. 1899 in Warschau) stand unter polizeilicher Beobachtung. Im Oktober 1914 gab die Geschäftsleitung der Firma Zeiss der städtischen Polizeiverwaltung Meldung über die im Werk beschäftigten acht »dem feindlichen Ausland angehörigen Personen«, darunter befanden sich der Mechaniker  Elias Hirschowitz und der jüdische Hilfsarbeiter Moses Bornstein. Als "jugendlicher Arbeiter" war Nathan Dessen im Lagerraum für astronomische Fernrohre beschäftigt. Die Stellung der ausländischen Arbeiter wird in der Mitteilung wie folgt eingeschätzt: "Gegen keine der genannten Personen liegt Spionageverdacht vor. […] Alle unter 2–8 genannten Personen gehören nicht den gebildeten Kreisen an. Sie sind in untergeordneten Stellungen und in Werkstätten beschäftigt, wo die weitgeführte Arbeitsteilung es unmöglich macht, einen Überblick sowohl über die Konstruktion wie über die Menge der bestellten Instrumente zu gewinnen. Keiner der Angestellten ist oder war mit der Justierung militärischer Instrumente betraut. […] Das Betreten und Verlassen der Fabrikanlagen […] wird […] scharf überwacht." (StadtAJ, B XVIIIg 62, Bl. 324). Der Hilfsoptiker Moses Bornstein war bereits ab März 1913 bei der Firma Zeiss beschäftigt, zum Ende des Krieges wurde er "als minderwertige Arbeitskraft" entlassen. Anfang der 1920er Jahre übernahm Moritz Dessen ein Textilwarengeschäft in der Leutrastraße. Die Tochter Jitta heiratete 1929 in Jena den aus Chrzanow stammenden und in Eisenach wohnhaften Kaufmann Samuel Davidowicz. Trauzeugen der Hochzeit waren ihr Vater Moritz Dessen und der Kaufmann  Martin Kiewe. Die junge Familie Davidowicz, 1930 wurde ein Sohn geboren, blieb nicht in Jena. Moritz Dessen starb am 3. Dezember 1931 in Jena. Seine Söhne Nathan und Bernhard lebten zu dieser Zeit bereits in Magdeburg bzw. New York. Seine Witwe Anna verstarb als Staatenlose am 29. August 1939 in Jena.

Wohnungen in Jena: 1905  Kollegiengasse  27; 1908  Saalbahnhofstraße  8; 1909  Oberlauengasse  15; 1913 Steinweg 6; 1914 Steinweg 35; 1915 Löbdergraben 4; 1923 Leutrastraße 30; 1933 Camsdorfer Ufer 4; 1935 Wilhelm-Ernst-Straße 4 

Willy Demuth (1878–1957)

Willy Jakob Demuth stammte aus einem Berliner jüdischen Elternhaus, am 3. Dezember 1878 wurde er dort als Sohn des Kaufmanns Otto Philipp Demuth und Minna Demuth, geb. Loewing, geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1899 bis 1902 an der Technischen Hochschule Charlottenburg die Fächer Allgemeiner Maschinenbau und Nationalökonomie. Am 1. April 1902 begann er als Büro-Assistent und Korrespondent bei der Firma Carl Zeiss in Jena. Bereits im folgenden Jahr heiratete er die aus Bischofstein stammende, nichtjüdische Anna Stankewitz (1876–1952). 1904 wurde der gemeinsame Sohn Hilmar, 1909 die Tochter Traute geboren. Neben seiner Tätigkeit für Zeiss setzte er sich für die Jugendpflege im Lehrlings- und Gehilfenverein ein. Ende 1912 verließ er das Zeisswerk, um das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Jena als Assistent von Julius Pierstorff fortzusetzen. 1915 promovierte er hier mit der Arbeit "Die Bedeutung der Zuschußkassen für die wirtschaftliche Lage der deutschen gewerblich-industriellen Arbeiterschaft. Mit besonderer Berücksichtigung der in den beiden Betrieben der Carl Zeiß- Stiftung zu Jena obwaltenden Verhältnisse" zum Dr. phil. Im Juli 1915 erfolgte seine Einberufung zum Kriegsdienst. Als aktiver Frontkämpfer in Frankreich, er hatte in den Argonnen, bei Verdun und in der Champagne gekämpft, erhielt er 1918 verschiedene Auszeichnungen. Nach seiner Rückkehr ließ er sich am 28. Juli 1918 taufen, vor dem Jenaer Archidiakon August Auffarth erklärte er seinen Übertritt vom israelitischen Glauben zur evangelischen Kirche. Bereits im November 1904 hatte er in einem Schreiben an den Landesrabbiner mitgeteilt, dass er sich als "aus dem Judentum ausgetreten" betrachte. Seine Frau, bislang Dissidentin, trat gleichfalls der evangelischen Kirche bei. Ab Dezember 1918 wirkte er zunächst für ein Jahr als volkswirtschaftlicher Lehrer an der Jenaer Volkshochschule. Von Oktober 1919 bis März 1926 baute Willy Demuth in Jena und Thüringen die Technische Nothilfe mit auf. Hier war er als Organisator, Redner, Bezirksleiter und Referent für Fachwerbung der "Technischen Nothilfe beim Reichsministerium des Innern" in Leipzig, Dresden, Halle, Jena und Berlin tätig. Bei seinem Ausscheiden war er nach eigener Aussage politisch vollkommen mit dieser Organisation zerfallen. Ausdruck dessen waren publizistische Angriffe Demuths gegen die Korruption bei der Nothilfe, die der Schriftleiter Conrad Finkelmeier 1927 in der sozialdemokratischen Tageszeitung "Das Volk" veröffentlichte. In den Jahren der Wirtschaftskrise war Demuth kurzfristig als Vertreter des Gerling-Konzerns tätig. Die Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete auch für seine berufliche Entwicklung das Ende. Bereits am 15. Februar 1933 wurde ihm seine Stelle als Berufsberater beim Arbeitsamt Saalfeld, wo er seit 1929 beschäftigt war, "wegen mangelnder Eignung" gekündigt. Neben seiner politischen Einstellung spielte dabei sicher auch eine Rolle, dass Demuth seit 1919 Mitglied der Freimaurerloge "Friedrich zur ernsten Arbeit" in Jena gewesen war. Als Jude im Sinne der  Nürnberger Gesetze wurde er am 10. November 1938 verhaftet und bis zum 23. November in Buchenwald festgehalten (Übersicht 2). Am 24. Juli 1939 gelang es ihm, unterstützt durch die Hilfsorganisation der Quäker, nach Großbritannien zu emigrieren, wo er nach kurzer Internierung als anerkannter Flüchtling lebte und arbeitete. Vor seiner Ausreise aus Deutschland musste er noch 1800 RM in bar als "Judenbuße" entrichten, da er andernfalls die unumgängliche Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes nicht erhalten hätte. In England fertigte er auftragsmäßig die deutsche Übersetzung des mehrbändigen Werkes "A History of Europe" von H. A. L. Fisher an. Nachdem ihm die Erlaubnis zur Heimkehr und zur Einreise in die sowjetische Besatzungszone erteilt worden war, kam Willy Demuth am 19. Dezember 1950 aus Purley nach Jena zurück. Bereits 1947 signalisierte ihm der Rat der Stadt die Bereitschaft zu seiner Einstellung. Demuths Ehefrau Anna hatte die Jahre der Emigration ihres Mannes in Jena verbracht, wo sie in der Kaiserin-Augusta-Straße 18 lebte. Nach 1945 setzte sie sich unter anderem für die Anerkennung von Julius Wolf als Opfer des Faschismus ein. Willy Demuth starb als anerkanntes Opfer des Faschismus am 13. August 1957 im Pflegeheim Bethesda in Eisenberg. Zuletzt war er von Krankheit gezeichnet, die ursächlich mit den Misshandlungen in Buchenwald zusammenhing. Seine Grabstätte auf dem Jenaer Nordfriedhof existiert nicht mehr.

Wohnungen in Jena: 1903 Dornburger Straße 87; 1910 Berghoffsweg 5; 1916 Sophienstraße 55; 1934 Kaiserin- Augusta-Straße 18; 1950 Käthe-Kollwitz-Straße 18 G. 

Hilmar Demuth (1904–1965)

Hilmar Demuth war am 30. Dezember 1904 in Jena geboren und 1907 evangelisch getauft worden. Nach der Volksschule besuchte er ab 1914 das Gymnasium Carolo-Alexandrinum, welches er Ostern 1924 mit dem Abitur verließ. Unmittelbar darauf schloss sich ein Studium neuer Sprachen (Französisch) und Germanistik an der Universität Jena an. Nach erfolgreichem Abschluss der Turn- und Schwimmlehrerprüfung (1926) und der Ablegung beider Staatsexamen (1930, 1932) erhielt er im April 1932 eine Anstellung als Studienassessor an der privaten Höheren Mädchenschule in Niederkrossen. Denunziatorische Hinweise eines Gefolgschaftsführers der Hitler-Jugend an das Thüringische Volksbildungsministerium, dass Demuth das Deutschland- und Horst-Wessel Lied nicht mitgesungen, den Hitler-Gruß nicht gezeigt und angeblich Schülerinnen, die Mitglied des BDM waren, besonders streng behandelt habe, führten zur Nachprüfung seiner Abstammung. 1935 wurde er als »Halbjude« aus dem Schuldienst entlassen. Aus der Assessorenliste war er bereits gestrichen worden. Es folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, bis ihn Freiherr von Gumppenberg im Oktober 1936 als privaten Hauslehrer auf Schloss Deining (Oberpfalz) einstellte. Nach dem Unterrichtsverbot kam er nach Jena zurück und reiste ab Oktober 1938 als Handelsvertreter für die Deutschen Kunstlederwerke Wolfgang G. m. b. H., für die 1938 auch sein Vater tätig war. 1939 stellte der Oberstaatsanwalt am Sondergericht Weimar das gegen ihn wegen staatsfeindlicher Einstellung durchgeführte Ermittlungsverfahren ein. Am 10. Januar 1940 wurde er aufgrund seiner Freiwilligenmeldung Soldat, bald darauf aber wieder aus dem Militärdienst entlassen. Die Bearbeitung seines 1940 gestellten Antrages auf Ehegenehmigung nach dem »Blutschutzgesetz« stellten die Behörden 1942 nach allgemeinem Runderlass des Reichsministers des Innern ein. Am 28. Juni 1941 wurde Hilmar Demuth kriegsdienstverpflichtet und als Buchhalter und Korrespondent bei der Jenaer Firma Hans Fieber, einem Fahrrad-, Nähmaschinen- und Kinderwagengeschäft in der Neugasse 16, eingesetzt. Ausgelöst durch die persönliche Auseinandersetzung mit einer dort angestellten Bürokraft, die Mitglied der NSDAP war, führte deren Anzeige des Vorfalls an die Kreisleitung und die Deutsche Arbeitsfront zu schwersten Konsequenzen. Am 30. Juni 1944 verhaftete ihn die Gestapo "wegen tätlicher Beleidigung einer Reichsdeutschen" und hielt ihn bis zum 16. August im Polizeigefängnis Jena fest. Von hier kam er nach Weimar, wo er zunächst im Gestapo-, dann im Polizeigefängnis inhaftiert war. Am 14. November 1944 wurde er als Häftling Nummer 40846 in das Konzentrationslager Buchenwald überführt. Ab März 1945 bis zum 11. April 1945 war er dem Außenkommando Schönebeck / Elbe zugeteilt. Kurz vor der Kapitulation wurde das Lager am 11. April 1945 evakuiert und die Insassen auf einem mörderischen Fußmarsch von ca. 250 km in sieben Tagen nach Oranienburg getrieben. Von dort folgte ein weiterer Todesmarsch bis kurz vor Schwerin, wo Demuth die Befreiung erlebte. Anfang Juli 1945 konnte Hilmar Demuth nach Jena zurückkehren und heiratete noch im gleichen Monat seine Partnerin Kunigunde (Kuni) Stenz. Ab September 1945 durfte er wieder als Lehrer unterrichten, zunächst war er als Dozent und stellvertretender Leiter an der Pädagogischen Fachschule in Keilhau, ab Oktober 1946 an der Aufbauschule in Jena und schließlich ab November 1946 an der Vorstudienabteilung (Arbeiter- und Bauern-Fakultät) der Universität beschäftigt. Dr. Herbert Koch hatte sich als Leiter des Volksbildungsamtes für seine Anstellung eingesetzt. Von 1953 bis 1959 als Studienrat an der Jenaer Westschule, anschließend als technischer Redakteur im VEB Gustav Fischer Verlag fand er ab 1961 seine letzte Wirkungsstätte als Fachdozent für Deutsch an der Betriebsakademie des VEB Carl Zeiss Jena. Die letzten Jahre waren geprägt durch schwere Krankheit und den Kampf um Wiederanerkennung als Verfolgter des Naziregimes (VdN). 1952 waren ihm aufgrund "VdN-schädigenden Verhaltens" sein VdN-Status und damit alle materiellen Vergünstigungen aberkannt worden. Begründet wurde dieser Schritt mit zwei »Verfehlungen« Demuths: zum einem hatte er 1947 in größter materieller Not von seiner früheren Denunziantin, die auf dem Lande wohnte, Lebensmittel zur Wiedergutmachung gefordert, zum anderen wurde ihm eine 1946 ausgestellte Entlastungsbescheinigung für den früheren Jenaer Oberbürgermeister Armin Schmidt zum Vorwurf gemacht. Physisch und psychisch hatten die Jahre der Verfolgung, die schweren Schicksalsschläge, aber auch die gnadenlose Entscheidung des VdN-Referates tiefe Wunden bei ihm hinterlassen. Der Tod seiner Frau im September 1962 traf ihn zusätzlich hart. Nur drei Jahre später, am 15. Oktober 1965, starb Hilmar Demuth in Jena. Im Interesse der beiden hinterlassenen minderjährigen Kinder, die nun Vollwaisen waren, setzte sich ein ehemaliger Buchenwald-Mithäftling, Hans Guttmann aus Leipzig, mit großer Vehemenz und bis in die höchsten Stellen für seine Rehabilitierung ein. Er appellierte eindringlich an die Prüfungskommission, auch die seelischen Schäden, die der sensible Mann, Demokrat und Antifaschist in der Zeit der Haft erlitten hatte, und die daraus folgenden menschlichen Fehlreaktionen zu bedenken. Nur durch diesen unnachgiebigen Einsatz wurde Hilmar Demuth 1966 posthum als Verfolgter des Naziregimes wieder anerkannt.

Wohnungen in Jena: 1904 Dornburger Straße 87; 1910 Berghoffsweg 5; 1916 Sophienstraße 55; 1938 Kaiserin-Augusta-Straße 18; 1946 Johann-Griesbach-Straße 16, 1958 Hufelandweg 12 

E

Jacob Elkan (1742-1805)

Jacob Elkan wurde von Herzogin Anna Amalia zum „Hofjuden“ ernannt und kam 1770 nach Weimar. Der Titel beschreibt einen Kaufmann, der dem Hof bestimmte Waren, bevorzugt Luxusgüter zu besorgen und Geldgeschäfte zu regeln hatte. 1790 folgte die Ernennung zum „Hoffaktor“, also zum offiziellen Hoflieferanten. Aus Werbeanzeigen in den »Weimarischen Wöchentlichen Anzeigen« geht hervor, dass Elkan seine Waren natürlich auch den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt anbot. Das Hoftheater belieferte er mit Stoffen und Requisiten. Elkan betrieb ein Verkaufslokal in seinem Wohnhaus als auch einen Stand auf dem Weimarer Markt. Elkan war mit Simcha Popper (geb. 1748 o. 1749) verheiratet. Das Ehepaar hatte mehrere Kinder, von denen die Söhne Meyer, Israel Julius, Alexander und die Töchter Emilie, Nanni, Jette, Jandel und Zerline das Erwachsenenalter erreichten. Die Familie lebte in einem Haus in der Kleinen Windischengasse (heute: Windischenstraße 25) Die Initialen „JE“ sind dort noch in einem Giebel zu sehen. Nachdem seit dem Mittelalter lange Zeit keine Juden und Jüdinnen in Weimar mehr gelebt haben, war die wohl aus dem Fränkischen stammende Familie Elkan die erste, die in das beginnende „Klassische Weimar“ umsiedelte. Als sogenannte „Schutzjuden“ besaßen sie allerdings nicht die vollen Bürgerrechte, bedurften z.B. für einem Hauskauf einen christlichen Vormund.  Gegen Zahlung von Schutzgeld an den Herzog durften sie in Weimar sesshaft werden und unterstanden damit dem persönlichen Schutz des Herzogs. Elkan belebte das religiöse Leben in Weimar neu. Neben einer Haussynagoge in seinem Wohnhaus, in der die wieder zahlreicher werdenden jüdischen Glaubensbrüder und Glaubensschwestern der Stadt zusammenkamen, befand sich <s>dort</s> auch eine Mikwe. Es war der Tatkraft Elkans zu verdanken, dass für die kleine Gemeinde bereits 1774 ein eigener jüdischer Friedhof angelegt werden durfte. Dafür erwarb er auf eigene Kosten ein Gelände oberhalb des Stadtschlosses entlang der Webichtallee (heute Leibnizallee). Der Friedhof war zu Elkans Zeit von mehreren Gartenanlagen umgeben, weswegen er auch als „Elkans Garten“ bezeichnet wurde. Heute ist die Umgebung eng bebaut. Der jüdische Friedhof, der bereits seit ca. 1890 zunehmend verwilderte, konnte 1983 im Kern rekonstruiert werden.

Meyer Elkan (1773 – 1813)

Meyer Elkan war einer von drei überlebenden Söhnen Jacob Elkans (neben Israel Julius und Alexander). Wie sein Vater betrieb er Handel und war Geschäftsmann in Weimar. Sein Wohn- und Geschäftshaus befand sich in der Schloßgasse. Anzeigen im „Weimarer Wochenblatt“ lassen auf Bekleidungs- und Modewaren für gehobene Ansprüche schließen: feine Stoffe und allerhand Fertigwaren wie Strümpfe, Schals, auch Umschlagtücher aus Merino- und Kaschmirwolle. Meyer Elkan war mit Zerline (geb. Israel) verheiratet. Das Ehepaar hatte fünf Kinder.

Nach seinem frühen Tod am 27. November 1813 blieben seine beiden Söhne Jacob und Moritz bei ihrem Onkel Alexander als Vormund. Später gingen sie bei ihm in die Lehre. Meyer Elkan hatte seiner Familie so wenig Vermögen hinterlassen, dass diese sich nicht in Weimar hätten halten können. Zerline zog nach dem Tod ihres Ehemanns zusammen mit ihren beiden Töchtern und dem ältesten Sohn Israel in ihre Geburtsstadt Meinigen, wo sie im Haus ihres Vaters lebten. Sie waren auf die Versorgung von Zerlines Vater angewiesen. Als dieser ebenfalls starb, richtete Zerline ein Bittschreiben an den Weimarer Stadtrat, um wieder in der Stadt leben zu dürfen. Nach einigen Verhandlungen zwischen dem Stadtrat und der Großherzoglichen Landesdirektion wurde der Antrag der alleinerziehenden Mutter jedoch am 30. Mai 1821 vom Stadtrat abgelehnt. Wörtlich heißt es in dem Bericht des Stadtrates an die Landesdirektion am 30. Mai 1821: _
 
„_Fern sey es von uns, der Religion halber billigen und gerechten Bitten entgegen zu sein, aber so lange der Jude in seinem Erwerb dem Christen in christlichen Staaten schroff gegenübersteht, seinen Erwerb nur im Handel und Geldmäkeley sucht und nicht vielmehr sich bürgerlicher Hantirung und Gewerbe anschließt, so lange müssen wir uns zum wahren Besten unserer Mitbürger gegen die Aufnahme von jüdischen Religionsverwandten erklären und hochpreißliche Landesdirektion um hochgeneigte Unterstützung dieser unserer Ansicht so angelegentlich als ehrerbietig erbitten.
Hier ist es auch nicht die Bittstellerin allein, die hierher ziehen will: sie hat 5 Kinder. Gestatten wir ihr den Aufenthalt – selbst angenommen, daß, wie sie anführt, sie einiges Vermögen von ihrem Vater zu erwarten habe -, so haben ihre 5 Kinder ebenfalls ein Recht hier zu bleiben, und leicht sind dann die hiesigen Juden um 5 Familien vermehrt, eine Vermehrung, die für die Folge schwer zu berechnen ist_.“¹

_ Aus dem Bericht geht hervor, dass Zerlines Bittschreiben auf Grund sozialer Gründe abgelehnt wurde. Die Begründung allerdings klingt fragwürdig, weil sie den Juden genau das vorwirft, wozu sie über Jahrhunderte ohne Alternative gezwungen worden sind, Handel zu treiben.    Zwei ihrer Söhne befanden sich zu dem Zeitpunkt noch in Weimar und für ihren Lebensunterhalt hatte sie doch etwas von ihrem Vater geerbt. Dennoch entschied der Stadtrat, diesen Zweig der Familie Elkan nicht wieder in Weimar aufzunehmen.
 


¹StadtA Weimar, HA I Loc 38 Nr 1 zitiert in: Schmidt, Eva: Jüdische Familien im Weimar der Klassik und Nachklassik. Mitarbeit von Else R. Behrend-Rosenfeld. Weimar: Stadtmuseum (Weimarer Schriften, 48), S.129.

Julius Elkan (1779 – 1839)

Julius Elkan, geboren am 21. April 1779 in Weimar als Israel Elkan, war einer der Söhne Jacob Elkans. Er folgte zunächst der Familientradition und betätigte sich als Kaufmann in Weimar. Später wechselte er ins Bankwesen. Noch vor 1807 heirate er Jeannette Borchardt. Das Paar hatte vier Kinder: Johanna (geb. 23. September 1807), Pauline (7. Februar bis 21. Mai 1809), Jacob Albert (16. April 1811 bis 12. März 1814), Louise (geb. 16. April 1816)). Anfangs lebt die Familie an der Esplanade, der heutigen Schillerstraße, bevor sie im April 1816 in das „Wiegandsche Haus in der Burgstr. 27“ (heute Burgplatz 3) zog.

An dieser Adresse etablierte Julius Elkan sehr erfolgreich sein Bankgeschäft. Neben der engsten Familie lebten dort Frieda Oppenheim, die Schwester seiner Ehefrau Jeanette, sowie die zum Geschäftspersonal gehörenden Angestellten, der Buchhalter Samson Callmann, der Handlungslehrlehrling Siegmund Callmann, und als dieser nach Paris ging, August Callmann. Die Callmanns kamen aus Rudolstadt und waren Brüder und Söhne von August Callmann, dem Schwiegersohn von Jacob Elkan. Julius Elkan wurde im Laufe seines Lebens zum „Hofbanquier“ des weimarischen Fürstenhauses ernannt und sein Bankgeschäft genoss über die Grenzen Weimars einen guten Ruf. Zu seinem Kundenkreis gehörten u.a.: Goethe, Johann Peter Eckermann (Schriftsteller und Vertrauter Goethes), Johann Daniel Falk (Schriftsteller und Sozialreformer), der Maler Ferdinand Jagemann und seine Tochter Karoline (Schauspielerin und Sängerin),  Anton Genast (Opernsänger), Franz von Dingelstedt (Dichter und Theaterintendant), Christoph Wilhelm Hufeland (Mediziner und Sozialhygieniker), Johann Nepumuk Hummel (Komponist und Pianist), Franz Liszt (Komponist und Pianist), die Schriftstellerinnen Johanna und Adele Schopenhauer und viele weitere Personen der Weimarer Gesellschaft.

Julius Elkan starb am 31. Juli 1839 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weimar bestattet. Nach seinem Tod übernahm August Callmann die Führung des Bankgeschäfts Julius Elkan.

Siegmund Eichenbronner (1872-1941)

Sigmund Eichenbronner (1872-1941) leitete zusammen mit seinem Bruder David Eichenbronner (1870-1934) das Kaufhaus "Gebrüder Eichenbronner" in der Lindenstraße (heute: Straße des Friedens). Das Kaufhaus prägte mit seiner eindrucksvollen Architektur das Ilmenauer Stadtbild der 20er Jahre. Mit einer modernen Verkaufskultur, besonderer Kundenfreundlichkeit und innovativen Ideen setzten sie zu ihrer Zeit neue Maßstäbe in der Kaufhaus-Kultur. 1931 gegründeten sie die Ilmenauer Einheitspreis-GmbH „ILEP“. Hier wird das Sortiment für wenige runde Beiträge verkauft. Das Konzept stammte aus den USA, verbreitete sich ab den 1920er Jahren auch in Deutschland. Das Einheitspreisgeschäft gilt als Vorläufer des „1-Euro-Shops“ und Wegbereiter der Selbstbedienung. Im Zuge der „Arisierung“ der Nazis mussten die Brüder sowohl das „ILEP“ als auch das Kaufhaus unter Wert verkaufen. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 nahmen die Repressalien gegen jüdische Geschäftsinhaber zu. Siegmund Eichenbronner war zunächst mit Gretta (geb. Lehrmann) verheiratet. Sie bekamen zwei Kinder. Nach dem Tod seiner Frau Gretta 1939 heiratete Siegmund Eichenbronner seine zweite Frau Mathilde (geb. 1874). 1941 starb Siegmund Eichenbronner an den Folgen einer Operation im Ilmenauer Krankenhaus. Seine Frau Mathilde (geb. 1874) wurde 1942 in Theresienstadt ermordet.

Ignaz Eckstein (1876–1948)

Ignaz Eckstein wurde am 24. Juni 1876 als Sohn des Kaufmanns Simon Eckstein und der Rika Eckstein, geb. Kahn, im unterfränkischen Oberlauringen geboren. Bereits 1901 war Ignaz Eckstein als Bankprokurist in Suhl, vermutlich zunächst im jüdischen Bankhaus „D. Meyers Söhne“, tätig. Im Oktober 1908 heiratete er in Eisenach die 1886 in Bibra geborene Hilda Sachs, Tochter des Weimarer Kaufmanns und Vorsitzenden der dortigen jüdischen Religionsgemeinde, Rudolf Sachs. Ihr erstes Kind Werner Simon Eckstein wurde 1909 in Suhl geboren. 1911 wechselte Ignaz Eckstein nach Jena, wo er ab 1. Mai als Bankbeamter in die Jenaer Filiale der „Bank für Thüringen vormals B.M. Strupp“ eintrat. Das Meininger Bankhaus B. M. Strupp, seit 1901 mit einer Niederlassung in Jena vertreten, war 1905 von dem jüdischen Bankier Gustav Strupp und seinen Brüdern in eine Aktiengesellschaft, die „Bank für Thüringen vormals B. M. Strupp“, umgewandelt worden. Seit 1909 befand sich die Jenaer Filiale im Erdgeschoss des Stadthauses in der Weigelstraße. Im Zusammenhang mit der Errichtung des Ernst-Abbe-Denkmals und des dafür gestifteten Fonds erfolgte ein Großteil des Zahlungsverkehrs über dieses Bankhaus, ab 1911 mit der Unterschrift des Prokuristen Ignaz Eckstein. Im September 1912 bat Ignaz Eckstein um die Aufnahme als Bürger der Stadt Jena. Dabei gab er die preußische Staatsangehörigkeit, sein Bekenntnis zur israelitischen Konfession und ein Vermögen von etwa 10 000 Mark an. Nach dem Weltkrieg übernahm er die Leitung der Filiale, die bis dahin der jüdische Bankdirektor Julius Reutlinger innehatte, der Jena im September 1918 verließ. Als neuer Prokurist stand ihm der Bankbeamte Willy Siering zur Seite. Nach Erwerb des Hauses Löbdergraben 9 (ehemals Café Passage) und verschiedenen Umbaumaßnahmen durch das Büro Schreiter & Schlag bezog das Bankhaus im September 1921 dort ein eigenes repräsentatives Geschäftsgebäude. Unweit der Niederlassung nahm die Familie Eckstein in der Paradiesgasse 2 ihre neue Wohnung. Diese Adresse war auch Sitz der nach dem Krieg neu gegründeten  „Israelitischen Religionsgesellschaft zu Jena“, deren Vorsitz Ignaz Eckstein führte und die zum Deutsch-Israelitischen Gemeindebund (DIGB) zählte. Neben Ignaz Eckstein gehörten Hermann Friedmann  und Arthur Behrendt  zu ihrer Leitung. Insbesondere zwischen den Familien Friedmann und Eckstein bestanden freundschaftliche Beziehungen, die auch zwischen deren Kindern weiter gepflegt wurden. 1915 und 1919 waren die beiden Töchter Ellenrose und Elfriede Eckstein geboren worden. Ihre Mutter Hilda Eckstein starb nur wenige Jahre später im März 1923. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt beigesetzt. Die zweite Ehe schloss Ignaz Eckstein im Juli 1925 mit der 1886 in Haßfurt geborenen Betty Frank. Die „Bank für Thüringen vormals B. M. Strupp“ unterhielt 1926 27 Filialen mit 294 Bankbeamten und gehörte zu den 25 größten Banken in Deutschland. 1926 wurde das Bankhaus von der Direktion der Disconto-Gesellschaft Berlin übernommen. In deren Geschäftsbericht für 1926 sind Ignaz Eckstein und Richard Zimmermann als Filialdirektoren der Jenaer Niederlassung verzeichnet. Mitarbeiter in der Jenaer Bank war auch der aus Suhl stammende jüdische Kaufmann Lothar Sander, der 1938 nach Südafrika auswandern konnte. Nach der Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank 1929 wurde das Jenaer Haus zur Zweigstelle der „Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft“ herabgestuft und erschien damit nicht mehr im Geschäftsbericht des vereinigten Unternehmens. Vermutlich infolge der fusions- und krisenbedingten Personalreduzierung schied Ignaz Eckstein bereits am 31. Dezember 1930 aus. Direktor der Zweigstelle Jena ab 1. Oktober 1930 bis zu deren Schließung im Juni 1943 war Joseph Knoben, der nach 1945 in der Stadtsparkasse eine leitende Stellung einnahm. Betty Eckstein, die eine Ausbildung zur  Krankenschwester absolviert hatte, engagierte sich für wohltätige Zwecke. So war sie 1930 Ansprechpartnerin der Aktion „Kinder in Not“ und leitete 1932 den jüdischen Frauenverein. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde nach den Aussagen der Tochter Elfriede Lorch zunächst nicht als Bedrohung empfunden. Nach ihrer Erinnerung war ihr Vater der Auffassung, „der Hitler kann sich nicht lange in der Regierung halten“. Für die jüdische Religionsgesellschaft organisierte er, nun Bankdirektor i. R., weiterhin Veranstaltungen und Zusammenkünfte. So erbat er im November 1934 vom Jenaer Kulturamt die Genehmigung, einen Konzertabend im Kleinen Volkshaussaal als geschlossene Veranstaltung für die Israelitische Religionsgesellschaft ausrichten zu dürfen. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus Werken von Meyerbeer, Rubinstein, Händel („Judas Maccabäus“), Schumann („Belsazar“) und Halévy („Die Jüdin“), vorgetragen durch den jüdischen Opernsänger Emil Fischer, der bis 1933 am Weimarer Nationaltheater engagiert war. Der Sohn Werner Eckstein hatte sich im Mai 1928 nach der Ablegung des Reifezeugnisses in der Fachrichtung Jura an der Jenaer Universität immatrikuliert. Bereits 1929 verließ er Jena und ging in die USA. Die Tochter Ellenrose, die ab Sommersemester 1933 in Jena Medizin studierte, musste das Studium 1937 abbrechen, als mit dem Erlass des Reichserziehungsministers vom 15. April 1937 deutsche Juden nicht mehr zur Promotion zugelassen wurden. Ellenrose Eckstein und ihre Schwester Elfriede, die das Lyzeum besucht hatte, emigrierten im Sommer 1937 in die Vereinigten Staaten, wobei ihnen ihr Bruder Werner und andere Verwandte behilfl ich waren. Ellenrose Eckstein konnte an der Universität in Buffalo ihr Medizinstudium fortsetzen. Als Ignaz Eckstein nach der Pogromnacht 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war, wandte sich Betty Eckstein verzweifelt an die Kinder, die sofort ein Affi davit übersandten. Nach Vorweisung dieser Bürgschaftserklärung wurde Ignaz Eckstein nach etwa zehn Tagen aus der Haft entlassen. Am 27. Juni 1939 konnten die Eltern, die seit Juli 1938 in Hamburg wohnhaft waren, in die USA emigrieren. Vom Ausland aus überwies Ignaz Eckstein noch 1941 Gelder an Thüringer Juden, so 40 RM an Franziska Meyerstein und 50 RM an Louis Zamory. Das Ehepaar Eckstein lebte in New York, wo Betty Eckstein wieder als Krankenschwester arbeitete und Ignaz Eckstein am 28. September 1948 starb. Die Pflege der Grabstätte der ersten Ehefrau Hilda Eckstein auf dem Erfurter Friedhof hatten über Jahrzehnte sein Mitarbeiter, der Prokurist Willy Siering, und später dessen Sohn Hans Siering übernommen.