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Gefundene Objekte: 147

F

Familie Fleischer

1996 wurde aus denkmalpflegerischen Gründen die Familiengruft Fleischer, gelegen im Feld 4a auf dem Jenaer Nordfriedhof, in das Verzeichnis der schützenswerten Grabstätten der Stadt Jena aufgenommen. Intensive Recherchen zur Geschichte dieser Grabstätte erbrachten folgendes Bild: Auftraggeber der einst ausgesprochen repräsentativen oberirdischen Gruft war der Kunstmaler Professor Fritz (Friedrich Martin) Fleischer, der ab 1900 mit seiner Frau, der Sängerin Jenny Fleischer-Alt in Weimar lebte. Seine Beweggründe, die Grabstätte für die auswärts wohnende Familie in Jena anzulegen, blieben bislang unbekannt. Die Entwurfszeichnung „Erbbegräbniss Prof. F. Fleischer“, in die sicher auch die künstlerischen Vorstellungen Fleischers einflossen, führte der Jenaer Architekt Johannes Schreiter im August 1904 aus. Die großzügig angelegte Grabstätte – es handelt sich um die größte Gruft auf dem Nordfriedhof – bot Raum für die Beisetzung von zehn Särgen. Der Genremaler Fritz Fleischer wurde 1861 in Breslau als Sohn von Max und Pauline Fleischer geboren. Er selbst war Autodidakt und stellte seit 1888 seine Werke unter anderem auf den Jahresausstellungen in Berlin, München und Dresden aus. Auch in Jena war er ein geschätzter Maler, der seine Bilder 1905 im Jenaer Kunstverein zeigte. Sein bekanntestes Werk ist das Gemälde „Mehr Licht“ (Sterbebild Goethes im Goethehaus Weimar), das vielfach als Kunstdruck und Postkarte veröffentlicht wurde. Ab 1917 unterrichtete er zudem an der Weimarer Kunst- schule, bat dort jedoch bereits im Mai 1919 um seine Entlassung. Direktor Walter Gropius teilte dazu aktenkundig mit, „daß Herr Professor Fleischer, der bisher als Hilfslehrer an der Hochschule Vorträge über Maltechnik gehalten, […] sein bisheriges Amt niederlegen wolle. Herr Professor Fleischer scheidet also am Schluss des Sommersemesters aus dem Lehrerverband des Bauhauses aus.“ (ThHStAW, Staatliches Bauhaus Weimar, Nr. 111 Personalangelegenheiten der Lehrkräfte 1919–1924, Bl. 19). Dem voraus- gegangen waren Differenzen über ein grundsätzlich anderes Kunstverständnis, so dass Fleischer zu der Überzeugung gelangte, „dass sich meine maltechnische Lehrweise, welche die strengste Formendurchbildung anstrebt, und die aus den Aufzeichnun- gen und Werken der großen alten Meister hergeleitet ist, nicht mit der Kunstrichtung verträgt, welche hier besonders gepflegt werden soll, da dieselbe […] die Zertrümmerung aller Form beabsichtigt. Ich lege deshalb mein Lehramt für Farben und Maltechnik nieder.“ (ebenda, Bl. 16). Die Familie Fleischer war eine ausgesprochen begüterte Familie, deren Wohlstand in der Zuckerherstellung gründete. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche Versuche unternommen, den erheblichen Anteil Restzucker aus der bei der Produktion von Zucker aus Zuckerrüben anfallenden Melasse zu gewinnen. Es gelang schließlich dem Zuckertechniker Max Fleischer und seinem Sohn, dem Chemiker Dr. Emil Fleischer, ein Verfahren zur Entzuckerung von Melasse mit Hilfe von Strontium-Verbindungen zu entwickeln. In der ursprünglich 1871 als „Dessauer Aktien Zuckerraffinerie“ durch Max und Emil Fleischer gegründeten Fabrik wurde erstmals in großem Maßstab dieses Verfahren für die Zuckerfabrikation angewandt. Max Fleischer, als Markus Maximilian Fleischer 1812 in einer jüdischen Familie in Ratibor geboren, starb bereits 1871 in Dresden und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Görlitz bestattet. Ein Großteil der Familie war später in Wiesbaden wohnhaft. Die dort seit 1890 lebende Witwe Pauline Fleischer, Tochter des Amtsmannes Salomon Freund, starb 1905 im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden und wurde als erste Angehörige der Familie Fleischer im Erbbegräbnis auf dem Jenaer Nordfriedhof beigesetzt. Es folgten ihre Kinder Dr. Emil Fleischer (1843 Breslau–1928), der Maler Philipp Fleischer (1850 Breslau–1927 Wiesbaden), Agnes Fleischer (1847 Breslau–1930 Wiesbaden) und Richard Fleischer (1849 Breslau–1937 Wiesbaden). Professor Fritz Fleischer starb am 1. Januar 1938 in Weimar. Sein Leichnam wurde nach Jena gebracht und hier eingeäschert, die Urne allerdings nicht im Erbbegräbnis beigesetzt, sondern nach Hummelshain abgeholt, wo sich die Spuren verlieren. Warum seine Beisetzung nicht in Jena erfolgte, ließ sich bis- lang nicht klären. Anfang 1939 forderte der Jenaer Oberbürgermeister vom städtischen Rechtsamt eine gutachtliche Äußerung zur Frage der Beseitigung „jüdischer Erbbegräbnisse und Reihengräber“ auf dem Nordfriedhof. Das Rechtsamt stellte im Ergebnis seiner Untersuchung fest, dass ein Widerruf der früher geschlossenen Einzelverträge zu „jüdischen Erbbegräbnissen“, dies betraf neben der Gruft Fleischer auch die Grabstellen  Rudolph Moritz, Richard Ollendorff, Josephy und Max Grossmann, rechtlich unmöglich sei. Zwar könnten sich „Volksgenossen“ durch die Bestattung von Juden auf öffentlichen Friedhöfen „in ihrer Ehre gekränkt fühlen“, doch sei zu berücksichtigen, „dass es hier nicht mehr um die Bekämpfung einer jüdischen Machtstellung geht“. Auch die Genehmigung zur Benutzung von Reihengräbern sollte – so das Gutachten – bis zum Erlass einer reichsrechtlichen Regelung Juden zu erteilen sein. Um aber „den unerwünschten Zustand, auch jetzt noch Juden neben deutschen Volksgenossen begraben zu müssen“ zu beseitigen, schlug der Rechtsrat Thomas vor, einen Teil des Friedhofes sichtbar abzutrennen und für die alleinige Aufnahme jüdischer Gräber zu bestimmen. Der Oberbürgermeister verfügte daraufhin am 18. April 1939: „Da im Augenblick Sonderaktionen in der Judenfrage untersagt sind, können wir wegen der Erbbegräbnisplätze zurzeit nichts unternehmen. Vielleicht sind die Angehörigen der verstorbenen Juden dafür zu gewinnen, daß sie selbst auf die Erbbegräbnisplätze verzichten und daß eine Umbettung nach einem besonderen Teil des Friedhofs für die Juden (Judenfriedhof) vorgenommen wird. Wegen der Einrichtung eines Judenfriedhofs bitte ich das Nötige zu veranlassen […]“ (StadtAJ D Ia 68, Bl. 4). Ein solcher „Judenfriedhof“ wurde im nordöstlichen Teil des Nordfriedhofs (unter dem Euletal, etwa 25 qm) ausgewiesen, „etwa vorkommende Judenbestattungen“ sollten ab 1940 dort erfolgen. Die letzten Beisetzungen in der Gruft Fleischer fanden 1942 statt, wobei ungeklärt ist, wer diese veranlasste. Es handelte sich dabei um die Witwe Jenny Fleischer-Alt und eine Schwester von Fritz Fleischer. Jenny Fleischer-Alt, ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammend, war 1942 in den Freitod getrieben worden und nahm sich am 7. April 1942 in Weimar das Leben. Ihre Urne wurde aus Weimar nach Jena überführt und im Mai 1942 im Erbbegräbnis Fleischer beigesetzt. Ihre Schwägerin Helene Anette Gräfin zu Leiningen-Neudenau, geb. Fleischer (1865 Breslau–1942 Wiesbaden), deren Sterbeurkunde den Zwangsnamen „Sara“ und als Religion „evangelisch, früher israelitisch“ ausweist, wurde am 26. Oktober 1942 beerdigt. Nach Beendigung des 60-jährigen Nutzungsrechtes erfolgten 1967 die Auflösung des Erbbegräbnisses und die Einäscherung der Särge. Die Urnen wurden im Urnenhain II auf dem Nordfriedhof beigesetzt. Dabei dürfte damals kaum Klarheit um die Bedeutung der Familie bestanden haben.
Nachtrag zur Dessauer Zuckerraffinerie: 1898 gelang es der Zuckerraffinerie aus der Schlempe, einem Abfallprodukt der Melasse-Entzuckerung, Cyanide und Ammoniak zu gewinnen. Die Raffinerie entwickelte sich bis in die 1920er Jahre zu einem Chemieunternehmen, in der 1924 eine Versuchsanlage zur Herstellung des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B (flüssige Blausäure auf Trägermaterial) errichtet wurde. In den faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern wurde Zyklon B zum industriell organisierten Massenmord eingesetzt, über eine Million Menschen wurden durch Zyklon B ermordet.

Abraham Frankenberg (1854–1925)

Die Geschäftspartner Abraham Frankenberg und Moritz Hofmann stammten beide aus jüdischen Familien in Marisfeld (Südthüringen). Hier wurde Abraham Frankenberg am 14. Januar 1854 als Sohn des Viehhändlers Jonas Frankenberg und dessen Frau Karoline Frankenberg, geb. Rosenbaum, geboren. Der Pferde- und Viehhändler Abraham Frankenberg kam bereits 1882 nach Jena. Seine Ehefrau Regine Frankenberg war die am 14. Juni 1862 in Themar geborene Schwester von Moritz Hofmann, der am 19. Januar 1861 in Marisfeld geboren wurde. Beider Eltern waren der Viehhändler Lippmann Hofmann (1826–1904) und seine Frau Friederike, geb. Sachs (1831–1917). Lippmann Hofmann, seine Frau und ihre jüngeren Kinder, darunter auch Salomon Hofmann, folgten 1884 den vorausgegangenen älteren Kindern Simon und Regine nach Jena. Abraham Frankenberg gehörte nach der Aufhebung der rechtlichen Beschränkungen zu den ersten in Jena fest ansässigen Juden, die hier ein Gewerbe betrieben. Im Verzeichnis der nach dem Handelsregister in der Stadt Jena bestehenden Firmen war die Firma Frankenberg & Hofmann 1882 die dritte eingetragene jüdische Firma nach dem Bankhaus Elkan (1857) und dem Kaufmann Leopold Hammerstein (1881). Erste Inhaber der zunächst in der Grietgasse ansässigen Viehhandlung waren Abraham Frankenberg und Simon Hofmann, der 1859 geborene ältere Bruder von Moritz Hofmann. Moritz Hofmann begann als Gehilfe in der Viehhandlung, deren Leitung er 1893 nach Ausscheiden seines Bruders Simon mit Abraham Frankenberg übernahm. Anhand der veranschlagten Beiträge zur Besoldung des Landesrabbiners, die im Maßstab der Steuerzahlungen erhoben wurden, florierte das Geschäft Frankenberg & Hofmann, auch wenn es im Juli 1897 zu einem wirtschaftlichen Schaden infolge eines im Pferdestall ausgebrochenen Brandes kam. Regelmäßig zählte Frankenberg & Hofmann zu den höchsten Beitragszahlern in Jena. Die bescheidene Anzahl der seit Beginn 1880er Jahre in Jena wohnhaften Juden hatte sich innerhalb von zehn Jahren soweit erhöht, dass die Gründung einer eigenen Gemeinde für möglich und notwendig erachtet wurde. Zu den elf Gründern der Israelitischen Religionsgemeinde im September 1896 gehörten Abraham Frankenberg sowie Moritz und Lippmann Hofmann. Insbesondere Abraham Frankenberg spielte eine aktive Rolle. Er stand im Briefwechsel mit dem Landesrabbiner und wurde als Repräsentant der Gemeinde anerkannt, wie Hermann Friedmann (Familien Friedmann ) 1904 in einem Brief an den Landesrabbiner Dr. Wiesen feststellte. Im Oktober 1896 beklagte sich Frankenberg beim Rabbiner, dass zahlreiche der in Jena wohnhaften vermögenden Israeliten nicht zu bewegen gewesen waren, der neugegründeten Gemeinschaft beizutreten. Besonderes Augenmerk legte er auf die Einstellung eines Religionslehrers. In einem Schreiben vom 19. September 1904 beurteilte er den Bewerber Samuel Heilmann „als Vorbeter in tadelloser Verfassung“. Den Religionsunterricht durch den noch 1904 angestellten Lehrer besuchten die Geschwister Frieda Hofmann (geb. 1893) und Erich Hofmann (geb. 1894), Kinder von Moritz Hofmann und seiner Frau Jetty (Jettchen), geb. Moses. Rosa, Bertha und Alfred Frankenberg, die Kinder von Abraham Frankenberg, waren bereits 1883, 1885 und 1889 in Jena geboren worden und hatten noch Religionsunterricht durch auswärtige Lehrer erhalten. Einen wichtigen Schritt zur Integration in die Stadtgemeinde vollzogen Abraham Frankenberg und Moritz Hofmann 1902 mit dem Erwerb des Bürgerrechts der Stadt und der damit verbundenen Berechtigung zur Wahl des Gemeindevorstandes. Möglicherweise aus wirtschaftlichen Erwägungen, sicher aber auch aus Alters- bzw. Krankheitsgründen beschlossen die Inhaber in den Jahren des Weltkrieges die Auflösung ihrer Viehhandlung. Das gemeinsame Haus am Löbdergraben, seit 1891 Sitz der Viehhandlung und Wohnstätte der Familien von Abraham Frankenberg, Moritz und Lippmann Hofmann, wurde 1916 an die Stadtgemeinde Jena verkauft, die das Gebäude für die Unterbringung städtischer Ämter – zunächst für das im Krieg dringend benötigte Lebensmittelamt – nutzte. Endgültig zum 1. April 1917 wurde das Geschäft Frankenberg & Hofmann geschlossen, das Gewerbe im Juni 1917 offiziell abgemeldet. Moritz Hofmann starb kurz danach am 30. Juni 1917 in Bad Nauheim. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt. Abraham Frankenberg war bereits am 1. April 1917 mit seiner Frau nach Münster verzogen, wo seine beiden Töchter mit ihren Familien lebten. Rosa Frankenberg war hier seit 1906 mit dem Kaufmann Hugo Hertz verheiratet, ihre Schwester Bertha seit 1908 mit dessen Bruder, dem Pferdehändler Sally Hertz aus Coesfeld. Abraham Frankenberg starb am 14. Dezember 1925 in Münster, seine Frau Regine am 11. Januar 1933. Die Grabstätte der Familie befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Münster. Die Tochter Bertha Hertz starb 1928 in Münster, ihre Schwester Rosa konnte emigrieren und verstarb 1952 in den USA. Die Witwe von Moritz Hofmann, Jetty Hofmann, blieb noch bis 1921 in Jena und lebte dann bis zu ihrem Tod 1932 ebenfalls in Münster. Ihr jüngster Sohn Walter, am 14. September 1901 in Jena geboren und 1935 in Münster verheiratet, wurde Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung. 1941 von Münster aus in das Ghetto Riga deportiert, wurde er 1944 im Konzentrationslager Riga-Kaiserswald ermordet.
Wohnungen in Jena:
Abraham Frankenberg: 1882 Grietgasse 535 (bei durchgängiger Nummerierung aller Häuser der Stadt, seit 1887 Nr. 21); 1891 Löbdergraben 14 (durch Umnummerierung seit 1905 = Nr. 23, seit 1907 = Nr. 34)

Alfred Friedmann (1881–1931)

Alfred Friedmann wurde am 9. August 1881 in Saalfeld geboren. Seine Eltern waren der Viehhändler Salomon Friedmann und dessen Ehefrau Fanny, geb. Frank, die beide zuletzt in Buttstädt wohnten. 1908 heiratete er in Hildesheim die am 1. Juli 1886 in Salzdetfurth geborene  Margarethe Dammann. 1911 zog das junge Ehepaar nach Jena, wo Alfred Friedmann eine Tätigkeit als Viehhändler auf-nahm. Am 6. März des Jahres meldete er bei der Stadtverwaltung die Eröffnung einer Viehhandlung an. Die Söhne des Ehepaares, Erich (geb. 26. Mai 1912) und Herbert (geb. 1. Februar 1914), kamen beide in Jena zur Welt. Für seine „Zucht- und Fettviehhandlung“ mietete er das Anwesen Camsdorfer Ufer 7, welches über ausreichende Stallanlagen verfügte und seit 1917 im Besitz der Stadtgemeinde Jena war. Am 23. Dezember 1931 starb Alfred Friedmann mit nur 50 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Erfurt. Seine Witwe Margarethe verzog nach dem Tod ihres Mannes aus Jena. Ihre weiteren Wohnsitze waren in Berlin, Erfurt (1936/37) und Bad Kissingen. Am 25. April 1942 wurde sie von Würzburg aus in das Ghetto Krasnystaw (bei Lublin) deportiert und dort ermordet. Der Sohn Erich Friedmann, der eine Lehre als Konditor abgeschlossen hatte, wohnte von 1928 bis 1930 und ab Januar 1937 erneut in Erfurt. Von hier meldete er sich im Juni 1937 nach Ahlbeck ab. Nach den Angaben im Gedenkbuch an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfolgte am 8. November 1941 von Hamburg aus seine Deportation in das Ghetto Minsk. Erich Friedmann und seine Mutter Margarethe wurden 1952 bzw. 1953 für tot erklärt. Der jüngere Sohn Herbert, seit 1930 Mechaniker-Lehrling im Zeisswerk, blieb bis 1933 in Jena. Sein Weg führte nach Berlin, wo er 1938 heiratete. Im Dezember desselben Jahres wurde in seinem standesamtlichen Geburtsregister der Zwangsname „Israel“ eingetragen. Sein weiterer Lebensweg blieb bislang noch unerforscht. 1986 starb Herbert Friedmann in Hamburg.

Wohnung in Jena: 1911 Wöllnitzer Straße (seit 1914 = Camsdorfer Ufer) 7

Jenny Fleischer-Alt (1863–1942)

Jenny Fleischer-Alt: geb. Jenny Charlotte Alt, in Pressburg (heute: Bratislava), in jüdischer Familie am 3. August 1863, arbeitete als Sängerin am höfischen Theater in Wiesbaden. Bei einem Gastspiel in Weimar erhielt sie ein Angebot für ein Engagement als Koloratursängerin am Weimarer Theater, das sie annahm. Ab 1884 lebte und arbeitete sie in Weimar. Großherzogs Carl Alexanders zeichnete sie mit dem Ehrentitel „Großherzogliche Kammersängerin“ aus. 1891 heiratete sie den Professor Friedrich Fleischer. Neue Residenz der Fleischers wurde 1900 die Villa in der Belvederer Allee 6. Seit 1920 unterrichtete sie an einer Musikschule in Weimar. Die Anstellung endete jedoch 1927. Mit dem Tod ihres Mannes zum Jahreswechsel 1937/38 stand Jenny Fleischer-Alt nicht mehr unter dem Schutz, den sie aufgrund ihrer so genannten "Mischehe" zu "genießen" pflegte. Die Auswirkungen ihres neuen Status als "jüdische" Alleinerbin der Besitztümer ihres verstorbenen Mannes wurden deutlich. Von da an galten alle Gesetze und Verordnungen, die von den nationalsozialistischen Machthabern zur sozialen Ausgrenzung der jüdischen Bürger aus der deutschen "Volksgemeinschaft" und auch zur systematischen Ausplünderung derselben erlassen worden waren, auch für sie. Unteranderem war ihr Konto, wie die Konten aller Juden, von den Steuerbehörden als nur "eingeschränkt verfügbar" deklariert worden. Auf diese Weise agierte die Finanzverwaltung des Naziregimes als faktische Kontoinhaberin. Der Entzug des Zugriffs auf ihr Vermögen bedeutete nicht nur eine große Einschränkung ihres gewohnten Haushalteniveaus, sondern erforderte auch den Verkauf von Wertpapieren, um Steuern für eine Immobilie zahlen zu können, über die sie nicht mehr frei verfügen konnte. Seit der Abschaffung des Schutzes jüdischer Mieter im gesamten Reich am 17. Januar 1939 und der Anordnung vom 30. April 1939, dass "Nicht-Arier" aus "arischen" Häusern vertrieben werden mussten, wurden Weimarer jüdische Bürger aus ihren Häusern verbannt und in "Judenhäusern" zusammengetrieben. Dies galt auch für Jenny Fleischer-Alt, allerdings in anderer Weise. Sie musste ihre Wohnung in der Belvederer Allee nicht verlassen, aber ihr Haus wurde ab 1940 zu einem der "Judenhäuser" erklärt. Zunächst musste die Witwe zwei Frauen, Käthe Friedländer und Martha Kreiß und später den Konzertmeister Eduard Rose, bei sich aufnehmen. Von da an musste sie aus den ohnehin knappen Mitteln noch drei weitere Personen versorgen. Neben den ständigen Schikanen litt Jenny Fleischer-Alt auch unter dem Verlust ihrer Schwester Ilka am 4. März 1942 und hatte ständig Angst vor der Deportation, die im Mai 1942 angekündigt worden war. Jenny Fleischer-Alt und ihre Nichte Edith Gal sahen im Selbstmord den einzigen Ausweg, und während des Osterwochenendes, am 7. April 1942, nahm sich Jenny Fleischer-Alt das Leben.

Familie Friedmann

Die Familie von Hugo und Eva Friedmann, geb. Kahn, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr wichtig für jüdische Gemeinde in Themar. Hugo arbeitete als Religionslehrer in der Gemeinde, die sich zu der Zeit im Aufschwung befand. Seit ihrer Gründung Anfang der 1860er Jahre kamen immer mehr jüdische Menschen nach Themar, sodass am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Gemeinde über 100 Mitglieder hatte. Dabei war die Familie Friedmann für das religiöse und kulturelle Leben in der Gemeinde zuständig. Eva Kahn wurde im Jahr 1877 in Medernach, in Luxemburg, geboren. Sie war die Tochter von deutsch-jüdischen Eltern, die jeweils aus den kleinen Dörfern, Wawern und Bosen, kamen. Die Familie Kahn war hauptsächlich im Viehhandel tätig und war seit etwa Mitte der 1800er sehr bekannt in Medernach. Eva war das älteste von insgesamt 9 Kindern, die Nathan Kahn mit seiner ersten Frau Sarah Levi (1855-1889) und seiner zweiten Frau Mathilde Kahn (1863-1921) hatte. Hugo Friedmann wurde im Jahr 1876 als fünftes Kind von Salomon, einem Lehrer, und Johanna geboren. Er hatte zwei Schwestern, Klothilde und Adèle, und einen Bruder, Adolf. Obwohl Hugo in Neu-Ulm geboren wurde, wuchs er höchstwahrscheinlich in Illingen, im Kreis Neunkirchen in Saarland, auf, wo sein Vater vom Jahr 1885 bis zum Jahr 1895 unterrichtet hatte. Hugo trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und begann am 1. Oktober 1892 sein Studium bei dem Königlichen Schullehrer-Seminar in Würzburg an. Er schloss das Studium im Juli 1895 erfolgreich ab und kehrte zurück nach Illingen für seine erste Anstellung. Ein Jahr später bekam Hugo eine Stelle in Schweich, einer kleinen Stadt mit etwa 90 jüdischen Einwohnern und zog dorthin. In Schweich arbeitete Hugo als Lehrer, Kantor und Schächter. Anfangs hatte Hugo nur 17 jüdische Schüler/innen, später, im Jahr 1897 waren es 20 Schüler/innen – 15 Mädchen und 5 Jungen. Im April 1898 verließ Hugo Schweich und zog nach Wetzlar. Vermutlich kam Hugo am 1. Oktober 1900 nach Themar, als die jüdische Gemeinde einen Religionslehrer, Kantor und Schächter brauchte. Diese Stelle wurde am 27. Juli 1900 in „Der Israelit“ ausgeschrieben. Nachdem Hugo und Eva am 1. Januar 1902 geheiratet hatten, nahm Eva die deutsche Staatsangehörigkeit an und zog zu Hugo nach Themar. Ende 1902 bekam das Paar ihr erstes Kind, die Tochter Johanna. Bruno, das jüngste Kind, kam am 15. Oktober 1908 zur Welt. Die Familie Friedmann lebte in der Oberstadtstraße, der heutigen Ernst-Thälmannstraße 17. Im Jahr 1909 nahm Hugo Friedmann eine Stelle in Berncastel-Kues an der Mosel an, und die Familie zog weg aus Themar. Zum Abschied erhielt Hugo von der jüdischen Gemeinde einen Krug, auf dem folgende Worte eingraviert waren: „Zur Erinnerung von seiner Gemeinde Themar.“

Frieda Fulsche (1894–1963)

Frieda Fulsche geb. am  27.10.1905.in Apolda. Sie war Tochter des Fotographen Walter Löwenstein. Sie heiratete 1919 den nicht-jüddischen Strickermeister Hermann Fulsche, zuvor war er mehrere Jahre an den Fronten des I. Weltkrieges. Wie die Zeitung berichtete, erkämpfte er sich das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Hermann Fulsche wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen, aber 1940 wieder entlassen, weil er an der Ehe mit der „Halbjüdin“ Frieda Fulsche festhielt. Mehrmals war er aufgefordert worden, sich scheiden zu lassen.

Berthold Fleischmann (1878–1947)

Berthold Fleischmann wurde am 15. Januar 1878 in Prichsenstadt in Unterfranken geboren. Er heiratete Ida Frank. Ende des 19. Jahrhunderts kamen sie nach Apolda und wohnten die längste Zeit in der Niederrosslaer Straße 8. In der Schulbergstrafle, später verlegt in die Bernhardstrafle, richteten sie eine Viehhandlung ein. Berthold Fleischmann war bis Ende der Dreifliger Jahre Pferdehändler. Ihnen wurde am 23. Juli 1904 die Tochter Elfriede geboren. Das Ehepaar gehörte zu den gläubigen Juden in Apolda. Am 1. April 1933 zogen sowohl vor seinem Haus in der Niederrosslaer Straße als auch vor der Viehhandlung in der Bernhardstraße SA-Leute auf. Als volljüdisches Ehepaar hatten beide von da an alle Repressalien durch die Nazis zu erleiden. So hatten sie ab Januar 1939 die diskriminierenden Vornamen Sara und Israel zusätzlich zu tragen. Während des Pogroms am 09./10. November 1938 wurden auch die Fenster der Viehhandlung der Fleischmanns in der Bernhardstraße zerstört. Wenige Wochen später wurde seine Viehhandlung geschlossen. Grundlage war die Durchführungsverordnung des Reichswirtschafts- und Reichsjustizministers vom 23. November 1938 zum Verbot jüdischer Einzelhandels- und Handwerksbetriebe. Wie alle Juden hatten auch sie den Judenstern ab September 1941 zu tragen. Die Katastrophe fand für das Ehepaar Fleischmann ihren ersten Höhepunkt am 19. September 1942. Ihre Tochter Elfriede Otto musste die Eltern zu dem Sammelpunkt für den Transport nach Theresienstadt im Marstall nach Weimar bringen (Elfriede Otto war mit einem sogenannten Arier verheiratet und damit lange Zeit vor Deportation geschützt). Berthold Fleischmann war 63 Jahre alt, seine Frau Ida 61 Jahre. Damit waren sie für das sogenannte "Altersghetto für Juden" vorgesehen. Sie wurden in Theresienstadt untergebracht im Haus der Langestraße 6, dann im Haus QU 312. Berthold Fleischmann verließ am 5. Februar 1945 mit einem Transport von 1.200 Juden Theresienstadt und kam in die Schweiz. Dort wurden sie in verschiedenen Flüchtlingslagern untergebracht. Er war u.a. in Montbrillant. Von dort holte ihn seine Tochter Elfriede noch 1946. Das war eigentlich verboten, weil Deutsche nicht die Besatzungszonen ohne Erlaubnis wechseln durften. In die Schweiz ging es aber nur durch die amerikanische Besatzungszone. Berthold Fleischmann starb am 5. Juni 1947 an seinen seelischen und körperlichen Leiden, die er im KZ Theresienstadt erfahren musste. Anders als Ida konnte er aber bei seiner Tochter in Apolda sterben.

Ida Fleischmann (1881–1943)

Als das Ehepaar Fleischmann nach Theresienstadt deportiert wurde, war Ida Fleischmann kränklich. Von Anfang an hatte ihre Tochter Elfriede Otto Angst um sie. Immer wieder schickte Elfriede Mittel nach Theresienstadt, damit die Mutter ihre Schmerzen lindern konnte. Da die Eltern monatelang nicht schreiben durften, waren die Informationen aus Theresienstadt sehr dürftig. Deshalb war der Briefwechsel ziemlich einseitig. Immer wieder sorgte sich Elfriede um die Gesundheit vor allem der Mutter. Und sie sehnte sich nach ihr. Durch die Postkarten plauderte sie mit ihrer Mutter. Über Alltagsangelegenheiten.
Ida Fleischmann erkrankte schwer und starb am 17. August 1943 im Siechenheim in der Parkstraße 4, Station I/57. Im Krematorium wurde ihr Leichnam eingeäschert. Die Asche wurde in einem speziellen Raum gelagert.
_"Meine liebe Mutter! Soeben habe ich lieben Papa geschrieben und nun sollst Du Deine Karte haben, damit keines benachteiligt wird. Heute sande ich an jeden von Euch ein Päckchen mit Wäsche. Ich legte Dir 2 Hemdchen von mir bei, mit ganz schmalen Trägern und hoffe, dass Du diese wegen Deinen Arm tragen kannst, ich denke sogar gut, da dieselben doch nirgends reiben können. In das nächste Paket lege ich Dir Stopfgarn und Nadeln bei, die Du doch sicher gebrauchen kannst. Der Schlüpfer in meinem heutigen Paket macht Dir bestimmt Freude, und die Nachtjacken wirst Du sicher auch gebrauchen können. Ich möchte Dir am liebsten jeden Tag ein Päckchen schicken, 195 denn wir denken immer nur daran, mit was wir Euch wohl Freude machen können. [...] Die größte Sorge ist nur immer, ob Du wohl noch solche Schmerzen hast. Hoffentlich nicht. Wir kaufen für Dich jetzt eine Kurpackung Neurosmon, Du mußt aber sobald Du das Päckchen bekommst auch die Kur anfangen und genau durchführen. Mir ist sie prima bekommen. Meine liebe Mutter sei für heute vielmals gegrüßt und geküßt von uns Dreien Besonders aber, von Deiner Friedel"_

Familie Frankenberg

Die Ursprünge der Familie Frankenberg in Thüringen lässt sich bis zu Nathan und Regine, geb. Neuberger, Frankenberg zurückverfolgen, die sich in Marisfeld um 1800 niederliessen und bis zu ihrem Tod dort lebten. Zwischen 1808 und 1822 wurden acht Kinder geboren, der älteste Sohn Jonas  heiratete Karolina Rosenbaum aus Gleicherwiesen und hatte ebenfalls acht Kinder. Löb heiratete Jette Hermann und gründete mit ihr eine Familie in Marisfeld. Die Familie zog im September 1870 mit ihren sieben Kindern nach Themar, wo sie sich in der Oberstadtstrasse 203 niederliessen. Löb Frankenberg war Viehändler, die Einwohnerliste belegt, dass er und sein Sohn Jonas auch mit Pferden handelten. Auch Sohn Samuel stieg Mitte der 1870er Jahre in den Familienbetrieb ein. Nach dessen Wegzug mit seiner Familie nach Schleusingen, wo er ein Schnittwarenladen führte, stieg der jüngere Bruder Louis in den väterlichen Viehandel ein. Sie waren als „Gebrüder Frankenberg“ in Themar bekannt. Löbs und Jettes jüngste Tochter Meta, die den Kaufmann Nathan Krakauer heiratete, wurde in Themar hoch angesehen.

Bei Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 waren 50 Mitglieder der Familie Frankenberg in Deutschland registriert, sie lebten in Themar, Schleusingen, and Suhl in Thüringen, und den Städten Coburg, Hannover, Essen und Dinslaken. Während der Deportationen Mitte Oktober 1941 waren noch 19 Familienmitglieder in Deutschland, 18 Frankeberg gelang rechtzeitig die Flucht in die USA, nach Palästina und Buenos Aires, Argentinien. Nathan Frankenberg, Sohn von Samuel und Karolina Frankenberg wurde 1937 nach Schleusingen deportiert und ermordet. Ein weiteres Familienmitglied wurde in der Euthanasieanstalt Hadamar umgebracht. 13 Mitglieder der Familie wurden in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Meta Krakauer, geborene Frankenberg überlebte Theresienstadt zusammen mit ihrer Nichte, Doris Lorenzen, geborene Frankenberg. Meta Krakauer starb 1955 in Dinslaken, wo sie auch beerdigt wurde.

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Familie Gutwilen

Abrahams Vater war Jocek Icek Gutwilen (geb. 1866 in Ilza/Rußland)), in zweiter Ehe verheiratet mit Ghizhjab Gizele (1862 geb. Serelks/Rußland). Abraham Gutwilen wurde 1894 mit seinem Zwillingsbruder in Smilow bei Kalisz geboren. Mirla (geb. 1893) war Abrahams Schwester. Abraham heiratete Renata (1889 in Zdunska Wola bei Kalisz geb. Pick). Abraham war selbständiger Textilkaufmann und Rena war Kunststopferin. Sie besaßen ein Ladengeschäft in der Zschochernstraße. Das Ehepaar Gutwilen, kam um 1920 auf der Flucht vor den Pogromen des polnisch-bolschewistischen Krieges nach Gera. Hier bekamen sie die Kinder Leo (geb.1921), Henriette (geb. 1922), und die Zwillinge Hermann und Helene (geb.1931). Leo und Henriette konnten 1937 mit der Jugend- Alijah nach Palästina fliehen. Zuvor lernten sie auf Gut Groß-Breesen (bei Trebnitz, Schlesien) Landwirtschaft. Henriette hieß verheiratet Gal. Die Tochter von Leo heißt Hagar Rubin. Vater, Mutter und die Zwillingskinder wurden am 28.10.1938 über die Grenze nach Bentschen (Zbaszyn, Polen) ausgebürgert. Nach dem zwangsweisen Aufenthalt im Ghetto Litzmannstadt wurde die Familie am 25.03.1942 nach Kulmhof zur Ermordung deportiert. Wahrscheinliche Todesursache ist vorsätzliche Kohlenmonoxyd-Vergiftung im Gaswagen am selben Tag. Abraham starb mit 47 Jahren, Renata wurde 53 und die Zwillinge nur 11 Jahre alt. Mirla starb am 16.01.1941 im Ghetto Litzmannstadt, 49 Jahre alt. Abrahams Stiefmutter Gizele verheiratete sich in zweiter Ehe mit Viktor Weisdorf. Daraus gingen Familien hervor, die heute in Chicago (USA) leben.

Arthur Glaser (unbekannt)

Er wanderte mit seinem Bruder Willi aus. Er sofort in die USA, sein Bruder erst über England in die USA. Beide wohnten in New York.
Sie waren Fabrikanten und besaßen eine Firma in Apolda. Zwischen 1933 und 1939 wohnten beide in Weimar

Hilde Gaudig (1902–1968)

Hilde Gaudig wurde am 26. August 1902 in Sindorf, Kreis Bergheim, als Tochter des Metzgers und Viehhändlers Emanuel Bruch und dessen Ehefrau Henriette, geb. Kahn, geboren. Ihr Vater verstarb bereits 1907, so dass sie als Halbwaise aufwuchs. Nach dem Schulbesuch erhielt sie eine Lehrstelle als Verkäuferin in Lünen bei Dortmund und arbeitete bis 1928 in Lüdenscheid. Im Juni 1928 heiratete sie den Sattlermeister Ewald Gaudig und siedelte 1929 nach Jena über. Ihr Mann, seit 1919 Mitglied der SPD, führte ab Anfang der 1930er Jahre in der Seidelstraße eine kleine Lederwarenfabrikation. Ab 1933 traf auch Hilde Gaudig die Härte der rassistischen Verfolgung. Schutz bot ihr nur der Umstand, in eine „Mischehe“ zu leben. Als Jüdin unterlag sie dem Zwang, eine Kennkarte mit dem eingestempelten roten „J“ zu führen und mit standesamtlichem Eintrag den zusätzlichen Vornamen „Sara“ tragen zu müssen. Im November 1938 wurde sie erstmals durch die Gestapo verhaftet. Von dieser Zeit an war ihr das Betreten der Werkstatt des Mannes untersagt. Seit Jahren von der Teilhabe am öffentlichen Leben isoliert, sollte sie Ende Januar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden. Ihr daraufhin unternommener Suizidversuch am 30. Januar hatte schwerste gesundheitliche Folgen, so dass ein Transport unmöglich war und sie von der Deportation verschont blieb. Kurzzeitig versteckte sie sich bei ihren Schwiegereltern in Hassel bei Zeitz. Nach ihrer Rückkehr nach Jena wurde sie am 19. März 1945 bei einem Bombenangriff verschüttet, das Aufsuchen eines Luftschutzkellers war ihr zuvor verwehrt worden. Im November 1945 beantragte Hilde Gaudig ihre Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes. Neben ehemaligen Bewohnerinnen des Hauses Seidelstraße 11 bürgte auch Betty Obst für die Richtigkeit ihrer Angaben. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes starb Hilde Gaudig am 22. Mai 1968 in Jena.

Wohnungen in Jena: 1929 Lutherstraße 25; 1931 Kaiser-Wilhelm-Straße 19; 1933 Seidelstraße 11; 1945 Löbdergraben 32; 1952 Am Planetarium 16 

Arkady Genkin (1892–1958)

Arkady Genkin wurde am 10. Januar 1892 als Sohn des Kaufmanns Jakob Genkin und Sophie Genkin, geb. Gerschenowitsch, in Jekaterinoslaw geboren. Nach Ablegen des Abiturs am Gymnasium Odessa im Juli 1912 kam Genkin im Alter von zwanzig Jahren nach Jena, um hier ab dem Wintersemester 1912/13 ein Studium der Medizin zu beginnen. In den Akten der Stadt und der Universität erscheint er zunächst nur unter dem Namen Aron Genkin. Als Ausländer musste er mit Ausbruch des Krieges – seine Ausweispapiere waren eingezogen – das Studium unterbrechen und konnte dieses erst im Sommersemester 1918 wieder aufnehmen. Am 3. Mai 1918 teilte hierzu der Kurator Max Vollert mit, dass Genkin und ein weiterer Ukrainer nun die Genehmigung des Staatsministeriums erhalten hätten, ihr Studium fortzusetzen. Genkin schloss drei weitere Studienjahre an und verließ im Mai 1921 die Jenaer Universität. Er beabsichtigte, sich in Jena als Arzt niederzulassen und das dazu erforderliche Staatsexamen abzulegen. Bereits 1920 hatte er sich mit der seit 1914 verwitweten Maria Berenz verlobt. Im April 1922 stellte Genkin, der zu dieser Zeit bei Dr. Richard Wolfheim in Erfurt beschäftigt war, einen Antrag auf Einbürgerung: „Unterzeichneter, Ukrainischer Staatsangehöriger, bittet um Einbürgerung. Er ist seit 10 Jahren ununterbrochen in hiesiger Stadt und hat in dieser Zeit das Deutschtum schätzen und ehren gelernt. Seit 2 Jahren ist er mit einer deutschen Kriegerwitwe verlobt. Um seine Pflicht der Verheiratung einlösen zu können bedarf es der Einbürgerung, weil er sonst keine eigene Praxis schaffen  darf, wodurch er die Möglichkeit bekommt den 3 Kriegswaisen seiner Verlobten die deutsche Heimat zu erhalten.“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 303). Obwohl polizeilich nichts Nachteiliges gegen ihn vorgebracht werden konnte, fand sein Antrag keine Unterstützung, da er in Jena kein Einkommen gefunden und damit nicht die Bedingungen nach § 8 des Reichs- und Staatsbürgergesetzes vom 22. Juli 1913 erfüllte. Der ablehnende Beschluss des Jenaer Gemeindevorstands im Mai 1922 lautete: „Dr. Genkin bezweckt mit seinem Antrag, das Staatsexamen in Deutschland ablegen zu können, um sich dann als prakt. Arzt niederzulassen. […]  In Jena hat er keine Beschäftigung, es ist auch ein Bedürfnis an prakt. Aerzten [sic] nicht vorhanden, so dass es ausgeschlossen erscheint, dass sich Dr. Genkin mit Erfolg hier als Arzt später einmal niederlassen und sich und seine etwaigen Angehörigen dadurch ernähren kann. […] Die Einbürgerung wird nicht befürwortet.“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 305). Genkin wurde daraufhin direkt beim Oberbürgermeister Dr. Theodor Fuchs vorstellig und wiederholte im Juli sein Einbürgerungsgesuch. Die Mehrheit des Jenaer Gemeindevorstandes entschied im August 1922 jedoch erneut dagegen, lediglich der Oberbürgermeister selbst und der Stadtrat Emil Hädrich hatten für seinen Antrag gestimmt. Fuchs, der den Vorgang an die Bezirksdirektion in Apolda leitete, drückte sein Bedauern wie die Hoffnung auf anderweitigen Entscheid so aus: „Unverkennbar besteht in weiten Kreisen eine Abneigung gegen die Zulassung östlicher Elemente, insbesondere mosaischen Bekenntnisses, in Deutschland. Es ist aber bedauerlich, wenn ein Mann wie Herr Dr. Aron Genkin, der persönlich den besten Eindruck  macht […] unter einem solchen Vorurteil zu leiden hat. Wir müssen es demnach dem Ermessen höherer Instanzen anheimstellen, ob sie nicht im vorliegenden Falle doch […] die Einbürgerung gestatten will“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 309). Durch das Volksbildungsministerium in Weimar war inzwischen Genkin im Einvernehmen mit dem Reichsministerium des Innern im Juli 1922 die Zulassung zur ärztlichen Prüfung in Aussicht gestellt worden. Um dafür noch nötige Vorlesungen zu belegen, genehmigte man eine erneute Immatrikulation für das Wintersemester 1922/23. Sein Abgangszeugnis erhielt Dr. Aron Genkin schließlich am 20. Februar 1923, seine Dissertation, ein „Beitrag zur Kasuistik der Dünndarmsarcome“, war bereits 1922 veröffentlicht worden. Das Gesuch zur Einbürgerung, von Jena an die übergeordneten Thüringer Behörden weitergeleitet, war jedoch noch nicht entschieden. Obwohl die Kompetenz für das Verfahren in Thüringen lag, durfte eine Einbürgerung erst erfolgen, wenn alle übrigen Länder im Deutschen Reich dem Antrag ihre Zustimmung erteilten. Da sich im Fall Genkins die Konfliktparteien nicht einigen konnten, wurde die Angelegenheit im Reichsrat verhandelt. In höchster Sorge um eine eventuelle Ablehnung wandte sich Maria Berenz persönlich an den Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Letztlich entschied der Reichsratsausschuss für innere Verwaltung am 17. Mai 1923, dem Einbürgerungsantrag stattzugeben, dem das Plenum folgte. Der Fall hatte jedoch einiges Aufsehen verursacht, so dass die „Vossische Zeitung“ einen Tag später unter der Überschrift »Der kulturfremde Arzt« darüber berichtete: „Der 'schwere Konflikt' zwischen den deutschen Ländern, der sich vor einigen Wochen im Reichsrat wegen der Einbürgerung des Ukrainers Dr. med. Aron Genkin, der seit zehn Jahren in Jena wohnt, ergeben hatte, ist jetzt zugunsten Genkins entschieden worden. Genkin hatte, um eine deutsche Kriegerwitwe zu heiraten und um die ärztliche Praxis trotz etwaiger Anfeindungen ausüben zu können, beim Stadtrat in Jena die Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit beantragt. Der Stadtrat, der es sich zehn Jahre hindurch hatte gefallen lassen, daß Genkin Kranke zu heilen suchte, hatte merkwürdiger Weise gegen die Einbürgerung Einspruch erhoben, weil er Genkin für einen ›vermögenslosen Ausländer mit mangelnder Existenz‹ hielt. In Uebereinstimmung [sic] damit hatten Bayern, Württemberg und Baden gegen die Einbürgerung protestiert, weil sie zehn Jahre für nicht ausreichend hielten, um einem 'Kulturfremden' zur deutschen Staatsangehörigkeit zu verhelfen. Auch Preußen trat diesem merkwürdigen Standpunkt bei, während Braunschweig, Thüringen, Sachsen und Oldenburg das Einbürgerungsgesuch unterstützten. Da sich keine Entscheidung erzielen ließ, so wurde der Fall an die Ausschüsse zurückverwiesen, die jetzt zu einer endgültigen Entscheidung gekommen sind, der sich gestern auch das Plenum des Reichsrates anschloß. Der Einbürgerungsantrag des Dr. med. Aron Genkin wurde genehmigt! Es ist nun Sache des Jenaer Stadtrats, sich mit diesem ›Kulturfremden‹ abzufinden.“ (Vossische Zeitung vom 18. Mai 1923). Bereits wenige Tage nach der Einbürgerung heiratete Arkady Genkin am 13. Juni 1923 die Witwe Maria Berenz. Im folgenden Jahr, am 3. Dezember 1924, trat Genkin in Jena vom jüdischen zum katholischen Glauben über und wurde auf den Namen Arkady Augustinus Genkin getauft. Kurz darauf verzog das Ehepaar Genkin nach Mülheim a. d. Ruhr. Hier war Dr. Genkin von 1925 bis 1933 als Kassenarzt tätig. Etwa im Juni / Juli 1933 wurde ihm von der Ärztekammer Nordrhein die Krankenkassenzulassung entzogen, „weil eine Großmutter väterlicherseits nicht arisch war“ und er damit als »jüdischer Mischling ersten Grades« galt. Genkin hatte noch einige Privatpatienten, bis auch diese wegblieben. 1938 wurde ihm die Approbation entzogen. Um seine Familie zu erhalten, war er gezwungen, Gegenstände aus seinem Besitz zu veräußern. Inzwischen untersuchte die Reichsstelle für Sippenforschung weiter die Abstammung von Genkin und forderte hierzu im Juli 1938 beim Stadtdirektor in Jena die Einbürgerungsakte des Aaron Jankel Genkin. Im Hintergrund stand auch die akribische Untersuchung der früher eingebürgerten Juden, die durch das im Juli 1933 erlassene „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ systematisch entrechtet wurden. Das Ehepaar Genkin verließ Deutschland und emigrierte im Oktober 1938 nach Holland, ihre zurückgelassene Praxis wurde in der Pogromnacht verwüstet. Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen 1940 versteckte sich die Familie in St. Agatha / Gemeinde Cuijk, um sich dem Zugriff der Gestapo zu entziehen. Die Geheime Staatspolizei ermittelte erfolglos nach ihrem Aufenthalt. Nur durch befreundete niederländische Familien konnten die Genkins in diesen Jahren überleben. Die ständigen psychischen Belastungen, die schwere körperliche Arbeit und alle Entbehrungen während der Emigration verursachten ein Herz- und Nervenleiden bei Arkady Genkin. 1946 kehrte das Ehepaar nach Mülheim a. d. Ruhr zurück, wo sich Dr. Genkin wieder als praktischer Arzt niederließ. Im gleichen Jahr erhielt er auch die Anerkennung als „rassisch Verfolgter“. Arkady Genkin starb am 3. August 1958 in Oberhausen-Sterkrade bei einem tragischen Verkehrsunfall.  

Wohnungen in Jena: 1912 Lutherstraße 18; 1914 Frommannstraße 2; 1915 Ziegelmühlenweg 5; 1915 Katharinenstraße 11; 1918 Erfurter Straße 76; 1922 Westendstraße 4; 1923 Erfurter Straße 76.

Ilse Golden (1895–1958)

Ilse Helene Ida Golden wurde am 25. Juni 1895 in Allstedt als Tochter des Amtsrichters Heinrich Blochmann und dessen jüdischer Ehefrau Anna Babette, geb. Sachs, geboren. Die herausragende berufliche Position des Vaters, Geheimer Justizrat und später Erster Staatsanwalt beim Landgericht Weimar, sicherte eine materiell unbeschwerte Kindheit und Jugend, die sie zusammen mit ihren beiden Schwestern in Weimar erlebte. Hier besuchte sie von 1902 bis 1912 das Lyzeum, es folgte das Oberlyzeum, welches sie 1914 mit dem Sprachexamen in Englisch und Französisch abschloss. In den Jahren des Ersten Weltkrieges war sie als Helferin und Hilfsschwester beim Roten Kreuz in Weimar und Kassel tätig. Nach dem Krieg absolvierte sie eine hauswirtschaftliche und gesangliche Ausbildung in Weimar. 1921 heiratete sie den Kammergutspächter Hans Golden (1891–1955), der zu dieser Zeit ein Gut in Daasdorf bei Buttelstedt führte. Von April 1927 bis April 1933 lebte das junge Paar in Unterrenthendorf (Kreis Stadtroda), wo Hans Golden einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftete. 1933 siedelte das kinderlose Ehepaar nach Stadtilm. Hier war Hans Golden als Arbeitsdienstführer beim Reichsarbeitsdienst (RAD) angestellt. Aufgrund der jüdischen Abstammung der Ehefrau und seiner Weigerung, sich von ihr zu trennen, schied er 1936 aus dem RAD aus. Es folgten Jahre der Arbeitslosigkeit und erfolglose Bemühungen um eine angemessene Stellung. Erst im Februar 1939 erhielt er eine Beschäftigung als Bürokraft im Zementwerk Göschwitz, womit der Umzug der Familie nach Jena verbunden war. Im November 1941 gelang es Ilse Golden, eine Tätigkeit als Bürohilfe in Junkelmann’s Buchhandlung am Holzmarkt aufzunehmen, bis sie im Dezember 1944 zur Zwangsarbeit in der Wäscherei Hahn verpflichtet wurde. Ihr Ehemann Hans war bereits am 15. Oktober 1944 durch die Gestapo verhaftet und in ein Zwangsarbeitslager der  Organisation Todt bei Halle-Weißenfels verbracht worden. Bis Februar 1945 verrichtete er hier beim Bunkerbauen und im Hydrierwerk schwerste körperliche Arbeit. Nach Kriegsende konnte Ilse Golden wieder als Lektorin in Junkelmann’s Buchhandlung tätig sein. Für ihre Angaben zur Anerkennung als Opfer des Faschismus bürgten Marie Schüler-Junkelmann und Erna Schrade. Hans Golden war nach dem Krieg als landwirtschaftlicher Sachbearbeiter bei der Firma Carl Zeiss beschäftigt. Noch 1945 traten Ilse und Hans Golden in die Liberal-Demokratische Partei (LDP) ein und waren in den Folgejahren in der Kommunalpolitik aktiv. Als Vorstandsmitglied der LDP-Ortsgruppe gehörte Ilse Golden von 1946 bis 1950 auch der Jenaer Stadtverordnetenversammlung an. Sie war Vorsitzende des Schulausschusses und Mitglied des Kulturausschusses. Weiterhin engagierte sie sich im Demokratischen Frauenbund und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. 1950 gab sie alle politischen Tätigkeiten aus gesundheitlichen Gründen auf. Zur ihrer älteren Schwester Elisabeth hatte sie eine enge Verbindung. Nach deren Rückkehr nach Deutschland besuchte sie diese mehrere Male in Marburg. Als Ilse Golden am 30. Juni 1958 in Jena starb, übernahm ihre Schwester, Professorin Elisabeth Blochmann, die Organisation der Beisetzung. Die Urne von Ilse Golden wurde nach Weimar ins Familiengrab Blochmann überführt.

Wilhelmine Großherr (1877–1954)

Wilhelmine Großherr wurde am 25. November 1877 in Langerwehe (Rheinland) in einem jüdischen Elternhaus als erstes Kind von Meyer Hermann und Sibilla Hermann, geb. Wolf, geboren. 1911 heiratete sie in Hamm den aus Wenigenjena gebürtigen nichtjüdischen Uhrmacher Paul Großherr (1884–1928). Paul Großherr führte in der Jenaer Brüdergasse, später in der Saalstraße, eine Uhrenhandlung mit Reparaturwerkstatt für Uhren, Gold- und Silberwaren. Am 15. April 1917 wurde der gemeinsame Sohn Paul Rudolf in Jena geboren. Nach der Scheidung 1923 betrieb Wilhelmine Großherr fortan selbständig zunächst einen Handel mit Uhren und Goldwaren in der Oberlauengasse 20, danach einen Handel mit Textilwaren und eine Färberei-Annahmestelle in der Wagnergasse 6. Mit Beginn des Naziregimes musste Wilhelmine Großherr ihr Geschäft schließen. Als Jüdin erhielt sie keine Gewerbeerlaubnis mehr. Ohne Einkommen und fehlende Unterstützung war sie gezwungen, vom Lehrlingslohn des Sohnes den Haushalt zu bestreiten. Mit einem kleinen Marktstand versuchte sie, das Überleben zu sichern. Auch das sollte ihr bald verwehrt werden. So wurden im August 1938 nach Beschwerden eines NSDAP-Mitglieds rechtliche Schritte zur Schließung ihres Verkaufsstandes geprüft. Nach Hausdurchsuchungen durch die Gestapo wurde Wilhelmine Großherr in der Pogromnacht 1938 verhaftet und in  „Schutzhaft“ genommen. Nach der Entlassung folgten wiederholte Haussuchungen und Beschlagnahmen. Am 11. Januar 1944 wurde sie erneut verhaftet und am folgenden Tag nach Theresienstadt deportiert. Im Konzentrationslager musste die bereits 67-jährige Frau schwere Arbeit verrichten und zog sich dadurch ein chronisches Hüftgelenkleiden zu. So hatte sie für 40 Feuerstellen Holz zu sägen und zu spalten sowie Holz und Kohlen zu transportieren. Mehr als 17 Monate dauerte das Martyrium im Konzentrationslager, doch sie überlebte. Am 15. Juni 1945 konnte sie nach Jena zurückkehren. Für ihre Angaben als anerkanntes „Opfer des Faschismus“ bürgten die Theresienstädter Mithäftlinge Siegmund Heinemann und Amalie Kühnhold. Im Januar 1948 gab Wilhelmine Großherr bei der Kriminalpolizei Jena ihre Aussage über die Deportation nach Theresienstadt zu Protokoll und schilderte dabei die Brutalität des Transportverantwortlichen Eißfeld: „Am Abend desselben Tages als wir nach dem Bahnhof transportiert wurden, ging es dem E.  wieder  nicht schnell genug, und er hat die Häftlinge wieder getreten. Auf dem Transport von Erfurt nach Theresienstadt, welcher 2 Tage dauerte haben wir nichts zu Essen und zu Trinken bekommen“ (GRÄFE / POST / SCHNEIDER 2005, II. Halbbd., S. 416). Wilhelmine Großherr starb am 9. November 1954 in Jena und wurde auf dem Nordfriedhof beigesetzt.

Paul Großherr (1917–1983)

Paul Großherr hatte im April 1932 eine Lehre als Feinmechaniker bei der Firma Zeiss begonnen, die er 1936 mit der Gehilfenprüfung abschloss. Er war Mitglied des Freidenkerverbandes und gehörte bis zu deren Auflösung im Jahr 1933 der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an. Freunde aus dieser Zeit waren Karl Ziegler, Werner Goldfuß und Werner Meyerstein (Familie Meyerstein). Bis zum Herbst 1944 noch in der Firma Zeiss tätig, wurde er als „jüdischer Mischling“ ab 15. Oktober 1944 bis April 1945 in die Lager der  Organisation Todt in Weißenfels, Wörmlitz und Halle-Bruckdorf zur Arbeit in Kohlengruben und Bunkerbaustellen zwangsverschickt. Nach Ende des Krieges stellte auch er einen Antrag auf Anerkennung als Opfer des Faschismus. Zunächst von offizieller Seite befürwortet, gab es jedoch bald massive Einwände. Ihm wurde zur Last gelegt, sich aktiv „im Sinne des Nazismus“ beim NS-Fliegerkorps (NSFK) betätigt zu haben. Diese Organisation sei durch ihn in jeder Weise durch Nachtarbeit und Sonderdienst unterstützt und gefördert worden; seine Haltung und Handlungen seien daher denen eines „rührigen NSDAP-Mitglieds“ gleichzusetzen. Paul Großherr, der als junger Mann seine Leidenschaft für den Segelflug- und Motorsport entdeckt hatte, rechtfertigte sich gegen diese Vorwürfe: „Als Lehrling der Firma Zeiss wurde ich korporativ der Hitlerjugend zugeführt, ohne mich jemals angemeldet zu haben. Um der politischen Schulung der HJ auszuweichen und mich der Kontrolle der HJ im Zeiss-Betrieb entziehen zu können, kam ich zur Luftsportbewegung. Hier benutzte ich, da mir als jüdischer Mischling jede weitere Schulbildung unmöglich gemacht wurde, die günstige Gelegenheit, an Lehrgängen für Physik, Aerodynamik, Meteorologie, Motorenkunde u. ä. teilzunehmen, um diese Kenntnisse in meinem Beruf verwerten zu können. […] Durch die zusätzlich erworbenen Kenntnisse war es mir möglich, in meiner Freizeit durch Nebenarbeiten wie Autoreparaturen, Aushilfsarbeiten an der Tankstelle und als Markthelfer den Unterhalt für meine Mutter und mich sicherzustellen“ (ThStA Rudolstadt, Bestand Bezirkstag und Rat des Bezirkes Gera 7883). Nach weiteren Untersuchungen wurde 1949 schließlich die Aberkennung als „Opfer des Faschismus“ wegen Zugehörigkeit zu einer Gliederung der NSDAP ausgesprochen. Bereits kurz nach Kriegsende heiratete Paul Großherr und arbeitete weiterhin als Feinmechaniker und Fertigungsleiter bei Zeiss. Seit 1951 war er dort als Technischer Leiter, ab 1954 als Betriebsleiter der Brillenglasfertigung eingesetzt. Noch 1945 der Liberal-Demokratischen Partei beigetreten, zeigte er kommunalpolitisches Engagement. So gehörte er 1946 der ersten nach dem Krieg gewählten Jenaer Stadtverordnetenversammlung an. Hier fungierte er als Mitglied und Vorsitzender des Wohnungs- und Beschwerdeausschusses. Von 1963 bis 1967 war er Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Auch auf sportlichem Gebiet blieb Paul Großherr aktiv. Zunächst Mitglied der Sektion Motorrennsport der BSG Motor Carl Zeiss Jena übte er von 1954 bis 1957 die Funktion des Bezirksfachausschuss-Vorsitzenden der Sektion Motorrennsport im Bezirk Gera aus. 1956 und 1957 fuhr er selbst als Leistungssportler im Rallyesport mit, dann war er für die Zeitnahme im Allgemeinen Deutschen Motorsport-Verband (ADMV) verantwortlich. 1959 wurde er als internationaler Zeitnehmer anerkannt. Ab 1961 gehörte er dem Präsidium des ADMV an. Für seine Leistungen zeichneten ihn der Deutsche Turn- und Sportbund und der ADMV wiederholt aus. Paul Großherr starb am 12. Dezember 1983 in Jena. Das Grab der Familie Großherr auf dem Jenaer Nordfriedhof ist nicht mehr vorhanden.

Salomon Ginsburg (1892–1944)

Salomon Ginsburg, geboren am 15. April 1892 in Korma/Belarus, wurde am 1. Mai 1944 in Auschwitz ermordet. Seine Eltern waren der Schneider Simon Ginsburg und seine Frau Zipa. Salomon Ginsburg kam im Gefolge des Ersten Weltkriegs nach Apolda. Am 19. Juni 1920 heiratete er die nichtjüdische Zuschneiderin Gertrud Halbauer. Mit ihr hatte er zwei Kinder: Heinz, 1920 geboren, und Liesbeth,1923 geboren. Zumindest bis Anfang der 30er Jahre hatte er regelmäßige postalische Beziehungen zu seinem Bruder in Korma, und über diesen sicherlich zur gesamten Wahrscheinlich Salomons Eltern Simon und Zipa und seine Schwester, deren Name nicht bekannt ist Familie. Die Briefe wurden später im Nachlass seines Sohnes Heinz von einem aufmerksamen Haushaltsauflöser gefunden. Über diesen Umweg erreichten die Briefe den Prager-Haus Verein. Er war Schneider und eröffnete 1920 eine eigene Werkstatt in der Neusätze 13, seit 1923 in der Neusätze 15. Von 1925 bis 1935 befand sich die Werkstatt in der Zappstraße 13. Danach wurde das Geschäft aufgegeben, und seit 1938 lebte er mit seiner Familie in der Jägerstraße 30. Am 10. November 1938 wurde er zusammen mit weiteren elf jüdischen Männern aus Apolda in das KZ Buchenwald überstellt. Auf Anforderung des Textilunternehmers Günther wurde er aus dem KZ entlassen und musste in seiner Firma Drillichhosen nähen. Bis 1944 war er durch seine „arische“ Ehefrau vor der Deportation geschützt. Am 1. Mai 1944 wurde er aus bisher ungeklärtem Grund als Einzelner nach dem Osten deportiert und in Auschwitz ermordet. Solche Deportationen von Juden aus „Mischehen“ geschahen im Allgemeinen nur, wenn der jüdische Ehepartner sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hatte. Diese Vergehen mussten nicht schwerwiegend gewesen sein. Schon möglich, dass diese außergewöhnliche Deportation mehrere in Mischehe lebende Apoldaer jüdische Ehepartner bei der kleinsten sich abzeichnenden Unregelmäßigkeit veranlasste, sich bei „arischen“ Freunden bis Kriegsende zu verstecken - z.B. Elfriede Otto mit ihrem Sohn, Alfred Lichtenstein und Cella Müller-Hollenhorst. Am 18. August 2009 wurde von dem Künstler Gunter Demnig vor dem Hauseingang Jägerstraße 30 ein Stolperstein zu seinem Gedenken gelegt. Die Gedenkworte sprach die Patin des Steines, die Journalistin Katrin Zeiß.

Heinz Ginsburg (1920–2000)

„Am 14.10.1920 wurde ich als Sohn des Schneidermeisters Salomon Ginsburg geboren. Mein Vater wurde am 5. April 1891 in Korma (Rußland) geboren. Ich besuchte acht Jahre die Volksschule in Apolda. Ging dann in die Lehre nach Jena beim Gastwirt und Fleischerei 'Zur Rose' bei Kurt Scheubner als Fleischerlehrling. Nach cirka einem Jahr mußte ich durch staatliche Eingriffe meine Lehre vorzeitig beenden. Hatte später nochmals in Weimar ohne Zustimmung des Arbeitsamtes bei einem Fleischer begonnen, auch dort habe ich nur einige Monate gearbeitet und mußte auch, als das Arbeitsamt dahinter kam, diese Stelle verlassen. Nach dieser Zeit war ich immer von Staats wegen aus ein verfolgter Mensch, sollte unbedingt in die Landwirtschaft gehen. Auf dem Arbeitsamt in Apolda saß damals ein gewisser Mann namens Helbing aus Niederroßla, Kriegsbeschädigter des Ersten Weltkrieges, dieser Mann als großer Kommunisten- und Judenhasser bekannt, machte mir das Leben zur Hölle. So begann ich dann später auf dem ehemaligen Rheinmetall-Borsig-Gelände, jetzt Laborchemie, bei der Essenbau-Firma Topf und Söhne als Bauhilfsarbeiter. Ich meldete mich dort persönlich ohne Zustimmung des Arbeitsamtes. Auch hier wollte mich dieser Helbing vom Arbeitsamt Apolda von dieser Arbeit wegnehmen. Es gelang ihm aber hier nicht, da ich eine große Unterstützung des Bauleiters Rost aus Oberndorf und von einem gewissen Herrn Scheibe von der obersten Bauleitung erhielt, welche sich für mich einsetzten. Später dann im Jahr 1941 wurden Dienstverpflichtungen nach den Buna-Werken in Schkopau vom Arbeitsamt ausgegeben, und da war ich auch dabei. Wir wurden dort auch auf Baustellen eingesetzt und mußten zusammen mit Kriegsgefangenen unter Bewachung arbeiten. 1944 bekam ich von Apolda einen Gestellungsbefehl zur Organisation Todt, es war aber nur eine Täuschung. Wir wurden von dem Apoldaer Bahnhof von dem damaligen Kriminaler Pietsch bis nach Weimar zum Marstall begleitet, dort versammelten sich auf dem Hof hunderte von Menschen aller Nationen. Jeder kleine Angestellte von dort, der den Hof überquerte, belästigte uns mit Schimpfworten, und manche stießen uns auch an, wir waren sozusagen Freiwild. Dann wurden wir unter Aufsicht der Gestapo nach Weißenfels zum Dreiwegelager (Zwangsarbeitslager), ehemaliges Krankenhaus, gebracht. Dort wurden wir die ersten Wochen vom Wachpersonal in OT-Uniform bewacht, diese unterstanden aber auch schon der Gestapo wie wir auch, später war es SS-Bewachung. Von diesem Dreiwegelager wurden wir dann täglich mit Lkw ins freie Feld zwischen Bad Dürrenberg und Leipzig gefahren, um dort Flakstellungen und Luftschutzbunker auszuheben. Selbst durften wir dann bei einem Luftangriff der Amerikaner diese Bunker nicht betreten. Wir und sämtliche Kriegsgefangenen durften nur die offenen Splittergräben benutzen. Monate später flüchtete ich bei einem Bombenangriff und begab mich nach Rehehausen bei Bad Sulza, dort versteckte mich eine Frau Trapiel. Beim Einmarsch der Amerikaner in Apolda war ich befreit und traf auch mit ein. Am 1. Juli 1945 trat ich der Volkspolizei bei, um am Wiederaufbau einer neuen Zeit mitzuhelfen. 1946 besuchte ich die Polizeischule in Erfurt. Somit konnte ich dann meinen Dienst noch besser im Interesse aller Werktätigen durchführen. Leider wurde ich am 31.12.1950 von der Volkspolizei entpflichtet, bekam auch ein gutes Zeugnis ausgestellt, das aber nicht ganz den Tatsachen entsprach, und zwar der Satz  'auf eigenen Wunsch"'. Seit 08.01.1951 bis in die sechziger Jahre war ich bei dem VEB ASW in Apolda als Betriebsschutz tätig. Da ich keine Schicht mehr machen wollte, ging ich von da aus zum Rat der Stadt Abteilung Kultur als Sachbearbeiter. Da ich mich finanziell verbessern wollte, begann ich beim Kreiskirchenamt in Jena als Steuereinnehmer am 12.10.1964 bis zum 31. Dezember 1981. Noch kurz von meinem Vater möchte ich berichten, daß er 1938 nach Buchenwald abgeholt worden ist und nach einem Jahr durch eine Reklamation von der damaligen Firma Günther in der Bahnhofstraße in der Schneiderwerkstatt benötigt wurde, um Drillichanzüge zu arbeiten. Mein Vater bekam keine Lebensmittelkarten, mußte von seiner Frau mit verpflegt werden. Im Jahr 1944 wurde er wieder von der Gestapo abgeholt und nach Auschwitz verschleppt und umgebracht. Keine Rücksicht nahm man auf meine Mutter, welche schon seit 1943 völlig blind war.“
Heinz beteiligte sich als ehemalig jüdisch Verfolgter und Überlebender von Zwangsarbeit an den Forschungen der Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben“ im Kulturbund von Apolda von 1987 bis 1992. Als eines von drei Kindern des 1944 in Auschwitz ermordeten Schneiders Salomon Ginsburg, der mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet war, erzählte er uns aus dem Leben seiner Familie und übergab uns Familienfotos.
Heinz Ginsburg erlernte den Fleischerberuf und wurde 1944 zur Zwangsarbeit bei der Organisation Todt einberufen, wo er beim Bunkerbau im Dreiwegelager von Buna arbeiten musste. Beim Herannahen der US-amerikanischen Befreier Thüringens setzten sich die Bewacher ab, so dass auch einige der Zwangsarbeiter aus Apolda sich in ihre Heimat durchschlagen konnten. Ginsburg versteckte sich zunächst in Rehehausen, bis die Kunde von der gewaltlosen Einnahme Apoldas zu ihm kam. Noch 1945 wurde er Angehöriger der Deutschen Volkspolizei und trat der VVN-Ortsgruppe Apolda bei. Später orientierte er sich neu und war einige Jahre Kirchensteuer-Einnehmer der Evangelischen Kirche.
Als die Arbeitsgruppe Jüdisches Leben bereits über zahlreiche Informationen über die Judenheit Apoldas zusammengetragen hatte, wurde am 29. Juni 1988 beim 100. Geburtstag des jüdischen Fellhändlers Bernhard Prager an dessen Handelshaus in der Bernhard-Prager-Gasse eine Gedenktafel angebracht. Mindestens 100 Personen nahmen in der unteren Dr.-Otto- Nuschke-Straße an einem Öffentlichen Gedenken teil, das von der Arbeitsgruppe Christliche Kreise der Nationalen Front, der SED-Kreisleitung und den Kirchengemeinden Kapellendorf und Apolda organisiert worden war.
Als seine Frau gestorben war, zog er zu seiner Lebensgefährtin nach Wickerstedt. Bis ins hohe Alter war er der Kopf einer Wandergruppe, die in Apolda und Umgebung unterwegs war. Während der Bauphase der Sanierung des Prager-Hauses lernten wir den Busfahrer Detlef Petzoldt-Amende kennen, der mit seinem Bus durch die Gasse fuhr.
Er hielt mit seinem Bus direkt am Prager-Haus und interessierte sich für das Baugeschehen. Nachdem ich ihm erklärte, was wir vor hatten und warum, bemerkte er, bei der Wohnungsauflösung nach dem Tode der Lebensgefährtin von Heinz Ginsburg sei er auf einen Packen Briefe gestoßen, die Heinz wohl von seinem Vater bekommen habe. Auch ein kleines Büchlein in hebräischer Schrift sei dabei gewesen. Wir vereinbarten, dass er bei seiner nächsten Fahrt an einem bestimmten Tag wieder am Prager-Haus hält und mir die Briefe und das Büchlein übergibt. Ich versprach ihm, dass ich mich um die Übersetzung kümmern würde und ihn danach informiere, worum es sich dabei handele.
Es handelt sich um Briefe aus dem weißrussischen Korma, die die daheimgebliebenen Angehörigen 1931 an ihren nach Apolda emigrierten Salomon Ginsburg geschrieben hatten. 

Familie Gassenheimer

Samuel und Charlotte Gassenheimer zogen Mitte der 1860er Jahre von Bibra nach Themar, als die Niederlassungsregeln für Juden und Jüdinnen gelockert wurden. Eine Bürgerliste aus dem Jahr 1875 führt Samuel Gassenheimer als Eisenhändler auf, wohnhaft am Schuhmarkt 70, nahe am Marktplatz. Der älteste Sohn Bernhardt, geboren 1865, emigrierte als junger Mann von 15 Jahren in die USA. Die Familie Gassenheimer wuchs weiter im Themar. Samuel Gassenheimer baute seinen Eisenwarenhandel in ein Unternehmen aus, das mit Landmaschinen handelte. 1892 erzielte das Unternehmen solche Erfolge, dass die Familie Gassenheime nach Hildburghausen zog, um dort eine Landmaschinen-Fabrik aufzubauen. In den späten 1880er Jahren kam es zu einer Serie schneller Veränderungen im Haushalt Gassenheimer. Emma Gassenheimer heiratete Simon Marcus und die beiden zogen in seine Heimatstadt Dessau. Im Februar 1888 starb Charlotte Gassenheimer im Alter von 48. Minna, damals 16 Jahre alt, musste sich um die zurückgebliebenen jüngeren Geschwister kümmern und erhielt Hilfe von Mitgliedern der Gemeinde, jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern. Im Mai 1891 heiratete Samuel Gassenheimer erneut die 33 jährige Betty Frankson aus Marisfeld. Ein Jahr später darauf starb Samuel Gassenheimer schon und liess Betty mit fünf kleinen Kindern zurück, Georg, Elise, Josef, Rudolf und Siegmund. Nach dem Tod seines Vaters wurde Julius Gassenheimer dessen Nachfolger in dem Unternehmen in Themar. Mitte der 1890er Jahre heiratete Julius Johanna Joseph als Michelstadt in Hessen. Die junge Familie lebte weiterhin in Themar, wo auch ihre Tochter Lucie geboren wurde. Bernhard, der nach Amerika migriert war, besuchte Themar mit Frau und einem Sohn. Julius Gassenheimers Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, markierte einen Wandel in der sozio-ökonomischen Lage der Juden und Jüdinnen in Deutschland durch die rechtliche Gleichstellung als Bürger. Alle Kinder von Samuel und Charlotte Gassenheimer bis auf Bernhard Gassenheimer entschieden sich dazu, in Deutschland zu bleiben und Filialen des Familienbetriebs in anderen deutschen Städten zu etablieren. Julius zog mit seiner Familie 1900 nach Nürnberg, wo er eine Herd- und Ofenfabrik gründete, die auch Landwirtschaftliche Maschinen produzierte. Ernst Gassenheimer blieb in Themar und übernahm die Leitung des Unternehmens. Er heiratete Rosa Rosenbacher aus Ebelsbach, Bayern und gründete mit ihr eine Familie. Der Betrieb E. Gassenheimer & Co. wurde eine der erfolgreichsten Unternehmen in Themar und die Gassenheimers beteiligten sich an sozialen und politischen Aktivitäten in der Gemeinde. Die Familie lebte in einem prächtigen Haus an der Friedenstrasse 9 nahe des Bahnhofs. Auch Samuels Witwe, Betty Gassenheimer, lebte bei der Familie. Die anderen Geschwister verliessen Themar, als sie erwachsen waren. Josef heiratete Gertrud Cohn und zog zu ihr nach Plauen in Sachsen-Anhalt, um dort ein Unternehmen zu etablieren. Elise heiratete Max Ney und zog nach Halberstadt. Georg und Rudolf heirateten die Schwestern Schwab aus Berkach, die nach Themar zogen. Georg und Selma Schwab zogen nach Halle, wo ihre Tochter Ruth 1904 geboren wurde. Rudolf und Thekla zogen nacg Görlitz in Schlesien. Der jüngste Sohn Siegmund heiratete Amalie Levy aus Posen und zog mit ihr nach Dresden. Nach einer Weile siedelten sich mehrere Mitglieder der Familie Gassenheimer in Halle an: Minna zog mit ihrem Mann Nathan Frankenberg und ihren zwei Söhnen Siegfried und Walter sowie Emma und ihr Mann, Simon Walter mit ihren drei Söhnen Paul, Siegfried und Erich. Elise zog nach der Trennung von ihrem Mann mit ihrem Sohn Hans ebenfalls nach Halle. Georg und Selma Gassenheimer, die sich als erste in Halle ansiedelten, zogen 1925 nach Berlin. Der Holocaust überschattete das Leben der Kinder von Samuel und Charlotte Gassenheimer, die bei Hitlers Machtübernahme noch in Deutschland lebten. Josef starb bereits 1938 eines natürlichen Todes. Nur zwei der Söhne gelang es, Deutschland rechtzeitig zu verlassen, bevor die Deportationen 1941 begannen. Im Juni 1941 gelang es Julius und Johanna Gassenheimer verliessen Lissabon mit dem Schiff. Ihre Tochter Lucie Reis starb 1940 aus unbekannten Gründen. Siegmund, der jüngste Sohn und seine Frau Amelie flohen von Dresden nach London. Die anderen fünf Geschwister, Ernst, Elise, Georg, Minna und Rudolf wurden alle deportiert. Ernst wurde im Januar 1942 nach Riga deportiert, Josefs Witwe ins Ghetto Belzyce im Mai 1942. Die anderen wurden mit ihren Ehepartnern vorerst nach Theresienstadt deportiert. Nathan und Elise Frankenberg und Max Ney starben in Theresienstadt, während Georg und Selma sowie Rudolf und Thekla Gassenheimer nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurden. Von den Gassenheimers überlebte einzig Minna überlebte die Shoa und kehrte nach Halle zurück, wo sie 1961 starb.

Familie Grünbaum

Noah Grünbaum verliess als erster der Grünbaum Familie Walldorf/Werra, um nach Themar zu ziehen. Seine Familie wurde eine der Kernfamilien der jüdischen Gemeinde in Themar, waren sie doch Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Themar in den 1870er Jahren und lebte über 7 Jahrzehnte in Themar bis zu ihrem gewaltsamen Ende Anfang der 1940er Jahre. Noah Grünbaum und Mina Friedmann heirateten am 27. September 1867 in Walldorf/Werra und hatten einen Sohn und eine Tochter, Hugo und Minna. In Themar gründete Noah Grünbaum sein erstes Geschäft, Warenhaus N.H. Grünbaum an der Hintertorstrasse 170 (heutige Bahnhofstrasse). Die Familie wohnte oberhalb des Geschäfts. Im Februar 1872 starb Minna Grünbaum an den Folgen der Geburt einer Tochter. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Walldorf begraben. Im folgenden Jahr heiratete Noah erneut, Josefine Schlesinger, genannt Sophine aus Walldorf. Sophine gebar drei Kinder, von denen nur Karl, geboren 1876 die Kindheit überlebte. Karl wuchs mit seinem älteren Halbbruder Hugo und seiner Cousine Berta Grünbaum auf. Laut einer Anzeige im Regierungsblatt von 1886 wurde das Geschäft von Noah Grünbaum ins Handelsregister Themar aufgenommen. In den 1890er Jahren heiratete Minna Grünbaum Samuel Rosenthal, einen Viehändler aus Apolda. Sie zog nach Apolda und gründete dort eine Familie mit drei Kindern, Grete, Norbert und Max. Die Söhne von Noah Gründbaum, Hugo und Karl, blieben in Themar bei ihrem Vater. 1898 heiratete Hugo Grünbaum Klara Schloss aus Schwanfeld, mit der er die beiden Töchter Mira und Else hatte. Die Familie lebte in der Bernhardtstraße (heutige Leninstraße). Noah Grünbaum starb im Januar 1901, worauf seine beiden Söhne das Geschäft übernehmen sollten. Die Brüder teilten das Geschäft auf und Hugo Grünbaum führte sein eigenes Geschäft, Hugo Grünbaum, den er um ein Schnittwarengeschäft erweiterte. Karl führte das Geschäft des Vaters Warenhaus N.H. Grünbaum alleinig weiter. Sophine Grünbaum starb im November 1903 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Marisfeld beigesetzt. Im folgenden Frühjahr heiratete Karl Hulda Schlesinger aus Wasungen. 1912 verkaufte Karl Grünbaum das Geschäft und er und Hulda verliessen Themar und zogen 1913 nach Erfurt. Wie viele deutsche Juden und Jüdinnen, unterstützten die Grünbaums Deutschland Seite während des 1.Weltkrieges. Karl Grünbaum wurde 1916 Soldat und Hugo und Klara Grünbaum gaben die Geburt ihres Sohnes Hans in sehr patriotischer Sprache bekannt: «Die glückliche Geburt eines Kriegs-Jungen zeigen hocherfreut Hugo Grünbaum und seine Frau. Nach dem Krieg etablierten Karl und Hulda mehrere Geschäfte in Erfurt reisten in die ländliche Umgebung Erfurts, um ihre Ware zu verkaufen. 1916 wurde eine Tochter, Ilse, geboren, 1921 ein Sohn, Kurt. Hugo und Klara Grünbaum führten weiterhin ihr Geschäft in Themar, die Töchter heirateten und zogen aus, um ihre eigene Familien zu gründen. Mira heiratete in zweiter Ehe Arno Sommer, 1935 wurde ihr Sohn Sigfried in Hannover geboren. Else heiratete Artur Neuhaus, der mit ihr in Themar wohnhaft blieb und in das Geschäft des Schwiegervaters einstieg. Hans, der jüngste Sohn, ging noch zur Schule in Themar. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, gelang einigen Mitgliedern der Grünbaum Familie die rechtzeitige Emigration. Hans Grünbaum brach 1934 nach Palästina auf im Alter von 18 Jahren. Im August 1936 emigrierten Mira, Arno und Sigfried Sommer nach Venedig, wo Arnos Mutter lebte. Während der Pogromnacht 1938 wurden die meisten Männer der Grünbaum Familie verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Hugo Grünbaum wurde im Dezember 1938 aus Buchenwald entlassen. In Erfurt wurden Karl Grünbaum und sein Sohn Kurt ebenfalls verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. beide wurden ebenfalls Anfangs Dezember entlassen. Auch die Söhne von Minna und Samuel Rosenthal wurden verhaftet, Norbert wurde bereits im Dezember 1938 entlassen, Max musste bis zum April 1939 in Buchenwald bleiben. Bis 1941 gelang es den Kindern von Karl und Hulda Grünbaum, Nazi-Deutschland zu verlassen. Ilse und Kurt emigrierten nach England; wobei Ilse in London bleiben durfte, Kurt hingegen als gefährlicher Ausländer galt und 1940 auf dem Schiff HMS Dunera nach Australien deportiert wurde. Grete, Max und Norbert wurden die Flucht verhindert und sie sassen in Deutschland fest. Alle verbliebenen Grünbaums, Minna, Hugo, Karl und weitere 9 Familienmitglieder wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Einzig Hulda Grünbaum überlebte die Shoa, die nach ihrer Befreiung zu ihrer Tochter Ilse nach London zog, von wo aus die beiden zusammen nach Australien migrierten, wo Kurt Grünbaum lebte. Nach dem 2. Weltkrieg war die Grünbaum Familie über drei Kontinente verstreut: Hulda Grünbaum und ihre beiden Kinder Ilse und Kurt, die sich fortan Green nannten, lebten in der Region Melbourne, Australien. Mira Sommer, Hugo und Klara Grünbaums älteste Tochter überlebten die Shoa in Italien, von wo aus sie 1948 in die USA, Massachusetts migrierten. Hans Grünbaum blieb in Israel, wo er 1980 verstarb.