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Gefundene Objekte: 153

G

Familie Grünbaum

Noah Grünbaum verliess als erster der Grünbaum Familie Walldorf/Werra, um nach Themar zu ziehen. Seine Familie wurde eine der Kernfamilien der jüdischen Gemeinde in Themar, waren sie doch Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Themar in den 1870er Jahren und lebte über 7 Jahrzehnte in Themar bis zu ihrem gewaltsamen Ende Anfang der 1940er Jahre. Noah Grünbaum und Mina Friedmann heirateten am 27. September 1867 in Walldorf/Werra und hatten einen Sohn und eine Tochter, Hugo und Minna. In Themar gründete Noah Grünbaum sein erstes Geschäft, Warenhaus N.H. Grünbaum an der Hintertorstrasse 170 (heutige Bahnhofstrasse). Die Familie wohnte oberhalb des Geschäfts. Im Februar 1872 starb Minna Grünbaum an den Folgen der Geburt einer Tochter. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Walldorf begraben. Im folgenden Jahr heiratete Noah erneut, Josefine Schlesinger, genannt Sophine aus Walldorf. Sophine gebar drei Kinder, von denen nur Karl, geboren 1876 die Kindheit überlebte. Karl wuchs mit seinem älteren Halbbruder Hugo und seiner Cousine Berta Grünbaum auf. Laut einer Anzeige im Regierungsblatt von 1886 wurde das Geschäft von Noah Grünbaum ins Handelsregister Themar aufgenommen. In den 1890er Jahren heiratete Minna Grünbaum Samuel Rosenthal, einen Viehändler aus Apolda. Sie zog nach Apolda und gründete dort eine Familie mit drei Kindern, Grete, Norbert und Max. Die Söhne von Noah Gründbaum, Hugo und Karl, blieben in Themar bei ihrem Vater. 1898 heiratete Hugo Grünbaum Klara Schloss aus Schwanfeld, mit der er die beiden Töchter Mira und Else hatte. Die Familie lebte in der Bernhardtstraße (heutige Leninstraße). Noah Grünbaum starb im Januar 1901, worauf seine beiden Söhne das Geschäft übernehmen sollten. Die Brüder teilten das Geschäft auf und Hugo Grünbaum führte sein eigenes Geschäft, Hugo Grünbaum, den er um ein Schnittwarengeschäft erweiterte. Karl führte das Geschäft des Vaters Warenhaus N.H. Grünbaum alleinig weiter. Sophine Grünbaum starb im November 1903 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Marisfeld beigesetzt. Im folgenden Frühjahr heiratete Karl Hulda Schlesinger aus Wasungen. 1912 verkaufte Karl Grünbaum das Geschäft und er und Hulda verliessen Themar und zogen 1913 nach Erfurt. Wie viele deutsche Juden und Jüdinnen, unterstützten die Grünbaums Deutschland Seite während des 1.Weltkrieges. Karl Grünbaum wurde 1916 Soldat und Hugo und Klara Grünbaum gaben die Geburt ihres Sohnes Hans in sehr patriotischer Sprache bekannt: «Die glückliche Geburt eines Kriegs-Jungen zeigen hocherfreut Hugo Grünbaum und seine Frau. Nach dem Krieg etablierten Karl und Hulda mehrere Geschäfte in Erfurt reisten in die ländliche Umgebung Erfurts, um ihre Ware zu verkaufen. 1916 wurde eine Tochter, Ilse, geboren, 1921 ein Sohn, Kurt. Hugo und Klara Grünbaum führten weiterhin ihr Geschäft in Themar, die Töchter heirateten und zogen aus, um ihre eigene Familien zu gründen. Mira heiratete in zweiter Ehe Arno Sommer, 1935 wurde ihr Sohn Sigfried in Hannover geboren. Else heiratete Artur Neuhaus, der mit ihr in Themar wohnhaft blieb und in das Geschäft des Schwiegervaters einstieg. Hans, der jüngste Sohn, ging noch zur Schule in Themar. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, gelang einigen Mitgliedern der Grünbaum Familie die rechtzeitige Emigration. Hans Grünbaum brach 1934 nach Palästina auf im Alter von 18 Jahren. Im August 1936 emigrierten Mira, Arno und Sigfried Sommer nach Venedig, wo Arnos Mutter lebte. Während der Pogromnacht 1938 wurden die meisten Männer der Grünbaum Familie verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Hugo Grünbaum wurde im Dezember 1938 aus Buchenwald entlassen. In Erfurt wurden Karl Grünbaum und sein Sohn Kurt ebenfalls verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. beide wurden ebenfalls Anfangs Dezember entlassen. Auch die Söhne von Minna und Samuel Rosenthal wurden verhaftet, Norbert wurde bereits im Dezember 1938 entlassen, Max musste bis zum April 1939 in Buchenwald bleiben. Bis 1941 gelang es den Kindern von Karl und Hulda Grünbaum, Nazi-Deutschland zu verlassen. Ilse und Kurt emigrierten nach England; wobei Ilse in London bleiben durfte, Kurt hingegen als gefährlicher Ausländer galt und 1940 auf dem Schiff HMS Dunera nach Australien deportiert wurde. Grete, Max und Norbert wurden die Flucht verhindert und sie sassen in Deutschland fest. Alle verbliebenen Grünbaums, Minna, Hugo, Karl und weitere 9 Familienmitglieder wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Einzig Hulda Grünbaum überlebte die Shoa, die nach ihrer Befreiung zu ihrer Tochter Ilse nach London zog, von wo aus die beiden zusammen nach Australien migrierten, wo Kurt Grünbaum lebte. Nach dem 2. Weltkrieg war die Grünbaum Familie über drei Kontinente verstreut: Hulda Grünbaum und ihre beiden Kinder Ilse und Kurt, die sich fortan Green nannten, lebten in der Region Melbourne, Australien. Mira Sommer, Hugo und Klara Grünbaums älteste Tochter überlebten die Shoa in Italien, von wo aus sie 1948 in die USA, Massachusetts migrierten. Hans Grünbaum blieb in Israel, wo er 1980 verstarb.

Hilde Gaudig (1902–1968)

Hilde Gaudig wurde am 26. August 1902 in Sindorf, Kreis Bergheim, als Tochter des Metzgers und Viehhändlers Emanuel Bruch und dessen Ehefrau Henriette, geb. Kahn, geboren. Ihr Vater verstarb bereits 1907, so dass sie als Halbwaise aufwuchs. Nach dem Schulbesuch erhielt sie eine Lehrstelle als Verkäuferin in Lünen bei Dortmund und arbeitete bis 1928 in Lüdenscheid. Im Juni 1928 heiratete sie den Sattlermeister Ewald Gaudig und siedelte 1929 nach Jena über. Ihr Mann, seit 1919 Mitglied der SPD, führte ab Anfang der 1930er Jahre in der Seidelstraße eine kleine Lederwarenfabrikation. Ab 1933 traf auch Hilde Gaudig die Härte der rassistischen Verfolgung. Schutz bot ihr nur der Umstand, in eine „Mischehe“ zu leben. Als Jüdin unterlag sie dem Zwang, eine Kennkarte mit dem eingestempelten roten „J“ zu führen und mit standesamtlichem Eintrag den zusätzlichen Vornamen „Sara“ tragen zu müssen. Im November 1938 wurde sie erstmals durch die Gestapo verhaftet. Von dieser Zeit an war ihr das Betreten der Werkstatt des Mannes untersagt. Seit Jahren von der Teilhabe am öffentlichen Leben isoliert, sollte sie Ende Januar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden. Ihr daraufhin unternommener Suizidversuch am 30. Januar hatte schwerste gesundheitliche Folgen, so dass ein Transport unmöglich war und sie von der Deportation verschont blieb. Kurzzeitig versteckte sie sich bei ihren Schwiegereltern in Hassel bei Zeitz. Nach ihrer Rückkehr nach Jena wurde sie am 19. März 1945 bei einem Bombenangriff verschüttet, das Aufsuchen eines Luftschutzkellers war ihr zuvor verwehrt worden. Im November 1945 beantragte Hilde Gaudig ihre Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes. Neben ehemaligen Bewohnerinnen des Hauses Seidelstraße 11 bürgte auch Betty Obst für die Richtigkeit ihrer Angaben. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes starb Hilde Gaudig am 22. Mai 1968 in Jena.

Wohnungen in Jena: 1929 Lutherstraße 25; 1931 Kaiser-Wilhelm-Straße 19; 1933 Seidelstraße 11; 1945 Löbdergraben 32; 1952 Am Planetarium 16 

Arkady Genkin (1892–1958)

Arkady Genkin wurde am 10. Januar 1892 als Sohn des Kaufmanns Jakob Genkin und Sophie Genkin, geb. Gerschenowitsch, in Jekaterinoslaw geboren. Nach Ablegen des Abiturs am Gymnasium Odessa im Juli 1912 kam Genkin im Alter von zwanzig Jahren nach Jena, um hier ab dem Wintersemester 1912/13 ein Studium der Medizin zu beginnen. In den Akten der Stadt und der Universität erscheint er zunächst nur unter dem Namen Aron Genkin. Als Ausländer musste er mit Ausbruch des Krieges – seine Ausweispapiere waren eingezogen – das Studium unterbrechen und konnte dieses erst im Sommersemester 1918 wieder aufnehmen. Am 3. Mai 1918 teilte hierzu der Kurator Max Vollert mit, dass Genkin und ein weiterer Ukrainer nun die Genehmigung des Staatsministeriums erhalten hätten, ihr Studium fortzusetzen. Genkin schloss drei weitere Studienjahre an und verließ im Mai 1921 die Jenaer Universität. Er beabsichtigte, sich in Jena als Arzt niederzulassen und das dazu erforderliche Staatsexamen abzulegen. Bereits 1920 hatte er sich mit der seit 1914 verwitweten Maria Berenz verlobt. Im April 1922 stellte Genkin, der zu dieser Zeit bei Dr. Richard Wolfheim in Erfurt beschäftigt war, einen Antrag auf Einbürgerung: „Unterzeichneter, Ukrainischer Staatsangehöriger, bittet um Einbürgerung. Er ist seit 10 Jahren ununterbrochen in hiesiger Stadt und hat in dieser Zeit das Deutschtum schätzen und ehren gelernt. Seit 2 Jahren ist er mit einer deutschen Kriegerwitwe verlobt. Um seine Pflicht der Verheiratung einlösen zu können bedarf es der Einbürgerung, weil er sonst keine eigene Praxis schaffen  darf, wodurch er die Möglichkeit bekommt den 3 Kriegswaisen seiner Verlobten die deutsche Heimat zu erhalten.“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 303). Obwohl polizeilich nichts Nachteiliges gegen ihn vorgebracht werden konnte, fand sein Antrag keine Unterstützung, da er in Jena kein Einkommen gefunden und damit nicht die Bedingungen nach § 8 des Reichs- und Staatsbürgergesetzes vom 22. Juli 1913 erfüllte. Der ablehnende Beschluss des Jenaer Gemeindevorstands im Mai 1922 lautete: „Dr. Genkin bezweckt mit seinem Antrag, das Staatsexamen in Deutschland ablegen zu können, um sich dann als prakt. Arzt niederzulassen. […]  In Jena hat er keine Beschäftigung, es ist auch ein Bedürfnis an prakt. Aerzten [sic] nicht vorhanden, so dass es ausgeschlossen erscheint, dass sich Dr. Genkin mit Erfolg hier als Arzt später einmal niederlassen und sich und seine etwaigen Angehörigen dadurch ernähren kann. […] Die Einbürgerung wird nicht befürwortet.“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 305). Genkin wurde daraufhin direkt beim Oberbürgermeister Dr. Theodor Fuchs vorstellig und wiederholte im Juli sein Einbürgerungsgesuch. Die Mehrheit des Jenaer Gemeindevorstandes entschied im August 1922 jedoch erneut dagegen, lediglich der Oberbürgermeister selbst und der Stadtrat Emil Hädrich hatten für seinen Antrag gestimmt. Fuchs, der den Vorgang an die Bezirksdirektion in Apolda leitete, drückte sein Bedauern wie die Hoffnung auf anderweitigen Entscheid so aus: „Unverkennbar besteht in weiten Kreisen eine Abneigung gegen die Zulassung östlicher Elemente, insbesondere mosaischen Bekenntnisses, in Deutschland. Es ist aber bedauerlich, wenn ein Mann wie Herr Dr. Aron Genkin, der persönlich den besten Eindruck  macht […] unter einem solchen Vorurteil zu leiden hat. Wir müssen es demnach dem Ermessen höherer Instanzen anheimstellen, ob sie nicht im vorliegenden Falle doch […] die Einbürgerung gestatten will“ (StadtAJ, B IIa 286, Bl. 309). Durch das Volksbildungsministerium in Weimar war inzwischen Genkin im Einvernehmen mit dem Reichsministerium des Innern im Juli 1922 die Zulassung zur ärztlichen Prüfung in Aussicht gestellt worden. Um dafür noch nötige Vorlesungen zu belegen, genehmigte man eine erneute Immatrikulation für das Wintersemester 1922/23. Sein Abgangszeugnis erhielt Dr. Aron Genkin schließlich am 20. Februar 1923, seine Dissertation, ein „Beitrag zur Kasuistik der Dünndarmsarcome“, war bereits 1922 veröffentlicht worden. Das Gesuch zur Einbürgerung, von Jena an die übergeordneten Thüringer Behörden weitergeleitet, war jedoch noch nicht entschieden. Obwohl die Kompetenz für das Verfahren in Thüringen lag, durfte eine Einbürgerung erst erfolgen, wenn alle übrigen Länder im Deutschen Reich dem Antrag ihre Zustimmung erteilten. Da sich im Fall Genkins die Konfliktparteien nicht einigen konnten, wurde die Angelegenheit im Reichsrat verhandelt. In höchster Sorge um eine eventuelle Ablehnung wandte sich Maria Berenz persönlich an den Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Letztlich entschied der Reichsratsausschuss für innere Verwaltung am 17. Mai 1923, dem Einbürgerungsantrag stattzugeben, dem das Plenum folgte. Der Fall hatte jedoch einiges Aufsehen verursacht, so dass die „Vossische Zeitung“ einen Tag später unter der Überschrift »Der kulturfremde Arzt« darüber berichtete: „Der 'schwere Konflikt' zwischen den deutschen Ländern, der sich vor einigen Wochen im Reichsrat wegen der Einbürgerung des Ukrainers Dr. med. Aron Genkin, der seit zehn Jahren in Jena wohnt, ergeben hatte, ist jetzt zugunsten Genkins entschieden worden. Genkin hatte, um eine deutsche Kriegerwitwe zu heiraten und um die ärztliche Praxis trotz etwaiger Anfeindungen ausüben zu können, beim Stadtrat in Jena die Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit beantragt. Der Stadtrat, der es sich zehn Jahre hindurch hatte gefallen lassen, daß Genkin Kranke zu heilen suchte, hatte merkwürdiger Weise gegen die Einbürgerung Einspruch erhoben, weil er Genkin für einen ›vermögenslosen Ausländer mit mangelnder Existenz‹ hielt. In Uebereinstimmung [sic] damit hatten Bayern, Württemberg und Baden gegen die Einbürgerung protestiert, weil sie zehn Jahre für nicht ausreichend hielten, um einem 'Kulturfremden' zur deutschen Staatsangehörigkeit zu verhelfen. Auch Preußen trat diesem merkwürdigen Standpunkt bei, während Braunschweig, Thüringen, Sachsen und Oldenburg das Einbürgerungsgesuch unterstützten. Da sich keine Entscheidung erzielen ließ, so wurde der Fall an die Ausschüsse zurückverwiesen, die jetzt zu einer endgültigen Entscheidung gekommen sind, der sich gestern auch das Plenum des Reichsrates anschloß. Der Einbürgerungsantrag des Dr. med. Aron Genkin wurde genehmigt! Es ist nun Sache des Jenaer Stadtrats, sich mit diesem ›Kulturfremden‹ abzufinden.“ (Vossische Zeitung vom 18. Mai 1923). Bereits wenige Tage nach der Einbürgerung heiratete Arkady Genkin am 13. Juni 1923 die Witwe Maria Berenz. Im folgenden Jahr, am 3. Dezember 1924, trat Genkin in Jena vom jüdischen zum katholischen Glauben über und wurde auf den Namen Arkady Augustinus Genkin getauft. Kurz darauf verzog das Ehepaar Genkin nach Mülheim a. d. Ruhr. Hier war Dr. Genkin von 1925 bis 1933 als Kassenarzt tätig. Etwa im Juni / Juli 1933 wurde ihm von der Ärztekammer Nordrhein die Krankenkassenzulassung entzogen, „weil eine Großmutter väterlicherseits nicht arisch war“ und er damit als »jüdischer Mischling ersten Grades« galt. Genkin hatte noch einige Privatpatienten, bis auch diese wegblieben. 1938 wurde ihm die Approbation entzogen. Um seine Familie zu erhalten, war er gezwungen, Gegenstände aus seinem Besitz zu veräußern. Inzwischen untersuchte die Reichsstelle für Sippenforschung weiter die Abstammung von Genkin und forderte hierzu im Juli 1938 beim Stadtdirektor in Jena die Einbürgerungsakte des Aaron Jankel Genkin. Im Hintergrund stand auch die akribische Untersuchung der früher eingebürgerten Juden, die durch das im Juli 1933 erlassene „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ systematisch entrechtet wurden. Das Ehepaar Genkin verließ Deutschland und emigrierte im Oktober 1938 nach Holland, ihre zurückgelassene Praxis wurde in der Pogromnacht verwüstet. Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen 1940 versteckte sich die Familie in St. Agatha / Gemeinde Cuijk, um sich dem Zugriff der Gestapo zu entziehen. Die Geheime Staatspolizei ermittelte erfolglos nach ihrem Aufenthalt. Nur durch befreundete niederländische Familien konnten die Genkins in diesen Jahren überleben. Die ständigen psychischen Belastungen, die schwere körperliche Arbeit und alle Entbehrungen während der Emigration verursachten ein Herz- und Nervenleiden bei Arkady Genkin. 1946 kehrte das Ehepaar nach Mülheim a. d. Ruhr zurück, wo sich Dr. Genkin wieder als praktischer Arzt niederließ. Im gleichen Jahr erhielt er auch die Anerkennung als „rassisch Verfolgter“. Arkady Genkin starb am 3. August 1958 in Oberhausen-Sterkrade bei einem tragischen Verkehrsunfall.  

Wohnungen in Jena: 1912 Lutherstraße 18; 1914 Frommannstraße 2; 1915 Ziegelmühlenweg 5; 1915 Katharinenstraße 11; 1918 Erfurter Straße 76; 1922 Westendstraße 4; 1923 Erfurter Straße 76.

Ilse Golden (1895–1958)

Ilse Helene Ida Golden wurde am 25. Juni 1895 in Allstedt als Tochter des Amtsrichters Heinrich Blochmann und dessen jüdischer Ehefrau Anna Babette, geb. Sachs, geboren. Die herausragende berufliche Position des Vaters, Geheimer Justizrat und später Erster Staatsanwalt beim Landgericht Weimar, sicherte eine materiell unbeschwerte Kindheit und Jugend, die sie zusammen mit ihren beiden Schwestern in Weimar erlebte. Hier besuchte sie von 1902 bis 1912 das Lyzeum, es folgte das Oberlyzeum, welches sie 1914 mit dem Sprachexamen in Englisch und Französisch abschloss. In den Jahren des Ersten Weltkrieges war sie als Helferin und Hilfsschwester beim Roten Kreuz in Weimar und Kassel tätig. Nach dem Krieg absolvierte sie eine hauswirtschaftliche und gesangliche Ausbildung in Weimar. 1921 heiratete sie den Kammergutspächter Hans Golden (1891–1955), der zu dieser Zeit ein Gut in Daasdorf bei Buttelstedt führte. Von April 1927 bis April 1933 lebte das junge Paar in Unterrenthendorf (Kreis Stadtroda), wo Hans Golden einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftete. 1933 siedelte das kinderlose Ehepaar nach Stadtilm. Hier war Hans Golden als Arbeitsdienstführer beim Reichsarbeitsdienst (RAD) angestellt. Aufgrund der jüdischen Abstammung der Ehefrau und seiner Weigerung, sich von ihr zu trennen, schied er 1936 aus dem RAD aus. Es folgten Jahre der Arbeitslosigkeit und erfolglose Bemühungen um eine angemessene Stellung. Erst im Februar 1939 erhielt er eine Beschäftigung als Bürokraft im Zementwerk Göschwitz, womit der Umzug der Familie nach Jena verbunden war. Im November 1941 gelang es Ilse Golden, eine Tätigkeit als Bürohilfe in Junkelmann’s Buchhandlung am Holzmarkt aufzunehmen, bis sie im Dezember 1944 zur Zwangsarbeit in der Wäscherei Hahn verpflichtet wurde. Ihr Ehemann Hans war bereits am 15. Oktober 1944 durch die Gestapo verhaftet und in ein Zwangsarbeitslager der  Organisation Todt bei Halle-Weißenfels verbracht worden. Bis Februar 1945 verrichtete er hier beim Bunkerbauen und im Hydrierwerk schwerste körperliche Arbeit. Nach Kriegsende konnte Ilse Golden wieder als Lektorin in Junkelmann’s Buchhandlung tätig sein. Für ihre Angaben zur Anerkennung als Opfer des Faschismus bürgten Marie Schüler-Junkelmann und Erna Schrade. Hans Golden war nach dem Krieg als landwirtschaftlicher Sachbearbeiter bei der Firma Carl Zeiss beschäftigt. Noch 1945 traten Ilse und Hans Golden in die Liberal-Demokratische Partei (LDP) ein und waren in den Folgejahren in der Kommunalpolitik aktiv. Als Vorstandsmitglied der LDP-Ortsgruppe gehörte Ilse Golden von 1946 bis 1950 auch der Jenaer Stadtverordnetenversammlung an. Sie war Vorsitzende des Schulausschusses und Mitglied des Kulturausschusses. Weiterhin engagierte sie sich im Demokratischen Frauenbund und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. 1950 gab sie alle politischen Tätigkeiten aus gesundheitlichen Gründen auf. Zur ihrer älteren Schwester Elisabeth hatte sie eine enge Verbindung. Nach deren Rückkehr nach Deutschland besuchte sie diese mehrere Male in Marburg. Als Ilse Golden am 30. Juni 1958 in Jena starb, übernahm ihre Schwester, Professorin Elisabeth Blochmann, die Organisation der Beisetzung. Die Urne von Ilse Golden wurde nach Weimar ins Familiengrab Blochmann überführt.

Wilhelmine Großherr (1877–1954)

Wilhelmine Großherr wurde am 25. November 1877 in Langerwehe (Rheinland) in einem jüdischen Elternhaus als erstes Kind von Meyer Hermann und Sibilla Hermann, geb. Wolf, geboren. 1911 heiratete sie in Hamm den aus Wenigenjena gebürtigen nichtjüdischen Uhrmacher Paul Großherr (1884–1928). Paul Großherr führte in der Jenaer Brüdergasse, später in der Saalstraße, eine Uhrenhandlung mit Reparaturwerkstatt für Uhren, Gold- und Silberwaren. Am 15. April 1917 wurde der gemeinsame Sohn Paul Rudolf in Jena geboren. Nach der Scheidung 1923 betrieb Wilhelmine Großherr fortan selbständig zunächst einen Handel mit Uhren und Goldwaren in der Oberlauengasse 20, danach einen Handel mit Textilwaren und eine Färberei-Annahmestelle in der Wagnergasse 6. Mit Beginn des Naziregimes musste Wilhelmine Großherr ihr Geschäft schließen. Als Jüdin erhielt sie keine Gewerbeerlaubnis mehr. Ohne Einkommen und fehlende Unterstützung war sie gezwungen, vom Lehrlingslohn des Sohnes den Haushalt zu bestreiten. Mit einem kleinen Marktstand versuchte sie, das Überleben zu sichern. Auch das sollte ihr bald verwehrt werden. So wurden im August 1938 nach Beschwerden eines NSDAP-Mitglieds rechtliche Schritte zur Schließung ihres Verkaufsstandes geprüft. Nach Hausdurchsuchungen durch die Gestapo wurde Wilhelmine Großherr in der Pogromnacht 1938 verhaftet und in  „Schutzhaft“ genommen. Nach der Entlassung folgten wiederholte Haussuchungen und Beschlagnahmen. Am 11. Januar 1944 wurde sie erneut verhaftet und am folgenden Tag nach Theresienstadt deportiert. Im Konzentrationslager musste die bereits 67-jährige Frau schwere Arbeit verrichten und zog sich dadurch ein chronisches Hüftgelenkleiden zu. So hatte sie für 40 Feuerstellen Holz zu sägen und zu spalten sowie Holz und Kohlen zu transportieren. Mehr als 17 Monate dauerte das Martyrium im Konzentrationslager, doch sie überlebte. Am 15. Juni 1945 konnte sie nach Jena zurückkehren. Für ihre Angaben als anerkanntes „Opfer des Faschismus“ bürgten die Theresienstädter Mithäftlinge Siegmund Heinemann und Amalie Kühnhold. Im Januar 1948 gab Wilhelmine Großherr bei der Kriminalpolizei Jena ihre Aussage über die Deportation nach Theresienstadt zu Protokoll und schilderte dabei die Brutalität des Transportverantwortlichen Eißfeld: „Am Abend desselben Tages als wir nach dem Bahnhof transportiert wurden, ging es dem E.  wieder  nicht schnell genug, und er hat die Häftlinge wieder getreten. Auf dem Transport von Erfurt nach Theresienstadt, welcher 2 Tage dauerte haben wir nichts zu Essen und zu Trinken bekommen“ (GRÄFE / POST / SCHNEIDER 2005, II. Halbbd., S. 416). Wilhelmine Großherr starb am 9. November 1954 in Jena und wurde auf dem Nordfriedhof beigesetzt.

Paul Großherr (1917–1983)

Paul Großherr hatte im April 1932 eine Lehre als Feinmechaniker bei der Firma Zeiss begonnen, die er 1936 mit der Gehilfenprüfung abschloss. Er war Mitglied des Freidenkerverbandes und gehörte bis zu deren Auflösung im Jahr 1933 der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an. Freunde aus dieser Zeit waren Karl Ziegler, Werner Goldfuß und Werner Meyerstein (Familie Meyerstein). Bis zum Herbst 1944 noch in der Firma Zeiss tätig, wurde er als „jüdischer Mischling“ ab 15. Oktober 1944 bis April 1945 in die Lager der  Organisation Todt in Weißenfels, Wörmlitz und Halle-Bruckdorf zur Arbeit in Kohlengruben und Bunkerbaustellen zwangsverschickt. Nach Ende des Krieges stellte auch er einen Antrag auf Anerkennung als Opfer des Faschismus. Zunächst von offizieller Seite befürwortet, gab es jedoch bald massive Einwände. Ihm wurde zur Last gelegt, sich aktiv „im Sinne des Nazismus“ beim NS-Fliegerkorps (NSFK) betätigt zu haben. Diese Organisation sei durch ihn in jeder Weise durch Nachtarbeit und Sonderdienst unterstützt und gefördert worden; seine Haltung und Handlungen seien daher denen eines „rührigen NSDAP-Mitglieds“ gleichzusetzen. Paul Großherr, der als junger Mann seine Leidenschaft für den Segelflug- und Motorsport entdeckt hatte, rechtfertigte sich gegen diese Vorwürfe: „Als Lehrling der Firma Zeiss wurde ich korporativ der Hitlerjugend zugeführt, ohne mich jemals angemeldet zu haben. Um der politischen Schulung der HJ auszuweichen und mich der Kontrolle der HJ im Zeiss-Betrieb entziehen zu können, kam ich zur Luftsportbewegung. Hier benutzte ich, da mir als jüdischer Mischling jede weitere Schulbildung unmöglich gemacht wurde, die günstige Gelegenheit, an Lehrgängen für Physik, Aerodynamik, Meteorologie, Motorenkunde u. ä. teilzunehmen, um diese Kenntnisse in meinem Beruf verwerten zu können. […] Durch die zusätzlich erworbenen Kenntnisse war es mir möglich, in meiner Freizeit durch Nebenarbeiten wie Autoreparaturen, Aushilfsarbeiten an der Tankstelle und als Markthelfer den Unterhalt für meine Mutter und mich sicherzustellen“ (ThStA Rudolstadt, Bestand Bezirkstag und Rat des Bezirkes Gera 7883). Nach weiteren Untersuchungen wurde 1949 schließlich die Aberkennung als „Opfer des Faschismus“ wegen Zugehörigkeit zu einer Gliederung der NSDAP ausgesprochen. Bereits kurz nach Kriegsende heiratete Paul Großherr und arbeitete weiterhin als Feinmechaniker und Fertigungsleiter bei Zeiss. Seit 1951 war er dort als Technischer Leiter, ab 1954 als Betriebsleiter der Brillenglasfertigung eingesetzt. Noch 1945 der Liberal-Demokratischen Partei beigetreten, zeigte er kommunalpolitisches Engagement. So gehörte er 1946 der ersten nach dem Krieg gewählten Jenaer Stadtverordnetenversammlung an. Hier fungierte er als Mitglied und Vorsitzender des Wohnungs- und Beschwerdeausschusses. Von 1963 bis 1967 war er Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Auch auf sportlichem Gebiet blieb Paul Großherr aktiv. Zunächst Mitglied der Sektion Motorrennsport der BSG Motor Carl Zeiss Jena übte er von 1954 bis 1957 die Funktion des Bezirksfachausschuss-Vorsitzenden der Sektion Motorrennsport im Bezirk Gera aus. 1956 und 1957 fuhr er selbst als Leistungssportler im Rallyesport mit, dann war er für die Zeitnahme im Allgemeinen Deutschen Motorsport-Verband (ADMV) verantwortlich. 1959 wurde er als internationaler Zeitnehmer anerkannt. Ab 1961 gehörte er dem Präsidium des ADMV an. Für seine Leistungen zeichneten ihn der Deutsche Turn- und Sportbund und der ADMV wiederholt aus. Paul Großherr starb am 12. Dezember 1983 in Jena. Das Grab der Familie Großherr auf dem Jenaer Nordfriedhof ist nicht mehr vorhanden.

H

Alfred Heß (1879–1931)

Alfred Heß wurde am 10. Mai 1879 in Erfurt geboren und während der Weimarer Republik prägend für das kulturelle Leben in Erfurt. Alfred Heß war Mitbesitzer der Firma „M. L. Heß-Schuhfabrik“ AG, die ihm ein beträchtliches Vermögen erbrachte und es ihm erlaubte, eine grosse Sammlung zeitgenössischer Kunst zu erwerben. Er war einer der ersten Sammler expressionistischer Kunst und unterstützte das Erfurter Museum finanziell und mit seinem aussergewöhnlichen Kunstverständnis. Dem Städtischen Museum, heute Angermuseum, vermachte er testamentarisch seine eigene Sammlung - ca. 80 Gemälde, 200 Aquarelle und 4000 Blatt Graphik. Seine Privatsammlung und die Sammlung der „zeitgenössischen Abteilung“ des Museums waren aufeinander abgestimmt. Jährlich stiftete Alfred Heß dem Museum eine gewisse Anzahl an Kunstwerken, und finanzierte die Ausmalung eines Raumes des Museums durch Erich Heckels „Lebensstufen“. Im Haus der Familie Heß gingen berühmte Künstler:innen und Intellektuelle ein und aus, so etwa Lyonel Feininger, Otto Dix, Martin Buber, Walter Hasenclever, Erich Heckel, Paul Hindemith, Else Lasker-Schüler, Paul Klee, Franz Marc, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und Christian Rohlfs. Daneben wirkte Alfred Heß in vielen Vereinen der Stadt Erfurt, etwa im Erfurter Kunstverein, im Erfurter Geschichtsverein, im Vorstand des Sport-Club Erfurt e.V. und er war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), welche er im Stadtparlament als Stadtverordneter von 1919–1924 vertrat. 
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Alfred Heß nicht mehr miterleben. Er starb an Heiligabend 1931 in einem Jenaer Krankenhaus bei einem operativen Eingriff im Alter von 52 Jahren, sein Grab befindet sich auf dem Erfurter jüdischen Friedhof. Seine Familie reagierte rechtzeitig und migrierte mitsamt den Sammlungen 1933 nach England.

Max Heilbrun (1886–1946)

Max Heilbrun wurde 1886 in Immenrode geboren. Er verließ das Dorf um nach Nordhausen zu ziehen. Dort gründete er gemeinsam mit seinem Cousin Norbert Heilbrun das Unternehmen „Gebrüder Heilbrun“. Im Jahr 1924 heiratete er die 19 Jahre jüngere Karoline Schwabe, genannt Lola. Am 7. November 1924 wurde die gemeinsame Tochter Hannelore geboren. Im Jahre 1925 übernahm Max Heilbrun das Geschäft seiner Ehefrau, „Julius Schwabe“. Über zehn Jahre lang verbuchten die Gebrüder Heilbrun nur Erfolge und stetiges Wachstum, wodurch Max Heilbrun nach und nach ein Haus, Felder und Weiden in Immenrode und Niedertopfstedt erwerben konnte. 1937 sollte das letzte Jahr ihres Erfolges sein. Ihre Einnahmen halbierten sich bereits ein Jahr später, wodurch die Überlegung, das Unternehmen zu liquidieren, geäußert wurde. Aufgrund dieses Gedanken kamen sie unter Verdacht, das Land verlassen zu wollen und mussten neben der Judenvermögensabgabe auch die Reichsfluchtsteuer entrichten. Da Max Heilbrun aufgrund von gesundheitlichen Problemen nicht vor hatte zu emigrieren, widersetzte er sich der Zahlung. Am Morgen des 10. Novembers 1938 wurden er und sein Cousin Norbert nach Buchenwald gebracht und erst am 6. bzw. 8. Dezember freigelassen. Beide begannen daraufhin mit den Vorbereitungen das Land schnellstmöglich zu verlassen, den gesundheitlichen Einschränkungen Max Heilbruns zum Trotz. Nach dem Verkauf seines Unternehmens, um das nötige Kapital für seine bevorstehende Auswanderung aufzubringen, stellte Max Heilbrun einen Antrag für ein Führungszeugnis. Die Devisenstelle in Magdeburg sperrte daraufhin die Konten der Familie, wodurch sie keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung hatten. 1939 wurde er erneut festgenommen und nur unter der Bedingung freigelassen, dass er das Land innerhalb der nächsten drei Wochen, bis Ende März 1939, verlassen würde. Die Familie floh nach England und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Max Heilbrun starb an einem Herzinfarkt in London am 13. August 1946. Im Jahre 1990 erhielt die Jewish Claims Conference eine Kompensation für die verlorenen Vermögenswerte des Unternehmens „Gebrüder Heilbrun“.

Ehepaar Halpert

Georg Halpert (geb.1891 in Gera) war der einzige Sohn von Dagobert Halpert und Anna geb. Edelstein (1867-1946). Georg wurde 1920 Mitinhaber der Firma Halpert & Co. Die 1883 in Gera gegründete Teppich- und Möbelstoffweberei hatte 1938 bereits eine 55-jährige Firmengeschichte. Die Firma war bekannt für ihr soziales Engagement. 107 Jahre, bis 1990, wurde an diesem Standort produziert. Heute ist das historische Produktionsgebäude das Parkhaus der Gera-Arkaden. Georg hatte bereits von 1910–1920 in Buenos Aires gelebt. Er besaß die argentinische Staatsbürgerschaft. Er heiratete im Frühjahr 1938 Dorothea, eine 1908 in Chemnitz geb. Goeritz. Dorothea hatte in Berlin Ökonomie studiert. Ende 1938 war Georg nicht mehr in der Lage, seine zahlreichen jüdischen Angestellten, seine Familie und sich selbst zu schützen. Am 09.01.1939 wurde die Firma arisiert und 1945 enteignet. Das Ehepaar verließ Gera nach Berlin und flüchtete 1939 über England und New York nach Buenos Aires. Später lebten sie in Beverly Hills (USA) bis 1984 (Georg, 93) und 1993 (Dorothea, 84). Durch die Nennung des Namens Halpert auf dem Stolperstein wird indirekt auch das Werk der Gründer und Namensgeber der Firma, nämlich Georgs Vater Dagobert (1856–1934) und dessen Bruder Eugen (1864–1930) gewürdigt. Sie haben als Geldgeber eine bedeutende Rolle in der jüdischen Gemeinde Gera gespielt. Dagobert war im Vorstand der Israelitischen Gemeinde und besaß u.a. die Immobilie Jüdische Schule 1919. wird er als bürgerliches Mitglied im Stadtrat Gera genannt.

Gerhard Holzmann (1860–1937)

Der jüdische Kaufmann Gerhard Holzmann (geb. 11.09.1869 in Groß- Komorze/Polen) kam in den 1880er Jahren nach Thüringen, wo er am 8. Oktober 1888 in Oschersleben die jüdische Elly Plaut, die Tochter des Handelsmanns Menke Plaut und seiner Frau Johanna geborene Heilbrunn aus Nordhausen heiratete. Sie zogen nach Apolda und betrieben hier in der Bahnhofstraße ein „Manufaktur und Damen Garderobe Geschäft“. Zwei Kinder wurden ihnen geboren: Am 7. Februar 1890 kam ihr Sohn Erich Max zur Welt. Ihr zweites Kind war Tochter Erna, die am 9. September 1899 in Apolda geboren wurde. Das langjährig gut und erfolgreich geführte Textgeschäft wurde von den Nazis boykottiert. Am 23. März 1937 wurde das Geschäft als „erloschen“ gemeldet, denn Inhaber Gerhard starb am 10. Januar 1937. Seine Witwe Elly wohnte zuletzt in der Blücherstraße 8 und musste ebenso wie Tochter Erna den Zusatznamen Sara und den gelben Stern tragen. Am 7. Januar 1940 starb sie laut Sterbeurkunde an „Herzinsuffizienz“.

Erna Holzmann (1899–1942)

Erna wurde 1940 in das Judenhaus Bernhardstraße 14 eingewiesen. Doch als sie im Mai 1942 den Deportationsbeschied erhielt, ging sie in den Freitod, indem sie Kohlengase aus ihrem Herdfeuer einatmete. Vorher hatte sie einen Brief geschrieben an ihren "Papa Iwan", der in Wirklichkeit ein Großonkel von ihr war. In diesem Schreiben kündigte sie an, dass sie sich ihrer Deportation entziehen wolle:
„ Abschrift!
Apolda, den 2. Mai 1942. Lieber Papa Iwan! Vielen Dank für Deine lb. Zeilen. Nun ist es hier doch so weit, wir haben heute die Listen zum Ausfüllen bekommen, vielleicht ist es in 8 Tagen alles vorbei. Da ich nicht die Absicht habe, mitzugehen, möchte ich Dich bitten, Erich auf irgend eine Weise von meinem Ableben in Kenntnis zu setzen. Vor allem muß er wissen, daß er sich später mal an unseren Vetter Ewald halten soll, ich hatte Erich selbst früher schon mal Andeutungen darüber geschrieben. Wenn Du irgend etwas wissen willst, dann kannst Du Dich an meine besten Bekannten hier wenden, die zurück bleiben werden, weil er Schwerkriegsbeschädigter ist. Die Adresse lautet: Bernhard Prager, Apolda Sandgasse 8. Wenn es möglich ist, grüße alle nochmal von mir und sei selbst herzlichst gegrüßt von Deiner Erna. - beantwortet 04.05.1942.“

Erna wurde am 9. Mai 1942 eingeäschert, aber erst im Oktober 1942 in einem Sammelgrab auf dem Friedhof in Apolda beigesetzt._ _

Familie Hofmann

Die Familie von Samuel und Blümche Hofmann gehörte ebenfalls zu den ersten Familien der jüdischen Gemeinde in Themar. Wie auch die Familie Bär, Frankenberg, Müllers und Walthers, zog die Familie Hofmann von dem Dorf Marisfeld Mitte der 1860er Jahre nach Themar, wo sich ökonomisch mehr Möglichkeiten boten. Allerdings blieb die Familie Hofmann nicht lange in Themar, nach 20 Jahren war kein Mitglied der Familie mehr in Themar wohnhaft. Das meiste ist über Lippmann Hofmann bekannt, geboren 1826. Er heiratete Friederike, genannt Riecke Sachs aus Berkach 1856, beide lebten ursprünglich in Marisfeld. Nach der Geburt ihrer Tochter Frieda 1865 zog die Familie nach Themar, in einer Zeit, als mehrere Familien aus dem Dorf in die Kleinstadt zogen. Riecke gebar noch 5 weiter Kinder. 1875 lebte die Familie Lippmann Hofmann in der Traubengasse 117, 12 Menschen wohnten laut Einwohnerliste an dieser Adresse, Lippmann, Riecke, ihre Kinder und Lippmanns Eltern, Samuel und Blümche. Samuel Hofmann starb 1878, seine Frau Blümche vier Jahre später. Lippman war als Handelsmann tätig. Im November 1883 zog die Familie Hofmann mit einigen ihrer Kindern nach Jena, wo sie am Löbdergraben 14 wohnten. Lippmann starb 1904 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt. Moritz Hofmann, der zuerst bei seinen Eltern wohnte, bezog seine eigene Wohnung am Löbdegraben 34 mit seiner Frau Jetty, geborene Moses. Moritz war ein Viehhändler und arbeitete mit seinem Schwager Abraham Frankenberg, Ehemann von Regine Hofmann, die am Löbdegraben 14 wohnten. Salomon Hofmann, Moritz jüngerer Bruder und seine Frau Frieda, geborene Plaut, lebten ebenfalls in Jena, am Löbdegraben 34 und führten einen Immobilienhandel und ein Tabakwarengeschäft in der Lutherstrasse 9. Von Mai bis September 1942 war Salomon Hofmann die Kontaktperson zwischen den Nazi Authoritäten und der Jüdischen Gemeinde in Jena. Am 20. September 1942 wurden Salomon und Frieda Hofmann von Jena nach Theresienstadt deportiert, von wo aus sie zwei Jahre später nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurden. 2008 wurden in der Lutherstrasse Stolpersteine für Salomon und Frieda Hofmann verlegt.

Moritz Hofmann (1861–1917)

Die Geschäftspartner Abraham Frankenberg und Moritz Hofmann stammten beide aus jüdischen Familien in Marisfeld (Südthüringen). Hier wurde Abraham Frankenberg am 14. Januar 1854 als Sohn des Viehhändlers Jonas Frankenberg und dessen Frau Karoline Frankenberg, geb. Rosenbaum, geboren. Der Pferde- und Viehhändler Abraham Frankenberg kam bereits 1882 nach Jena. Seine Ehefrau Regine Frankenberg war die am 14. Juni 1862 in Themar geborene Schwester von Moritz Hofmann, der am 19. Januar 1861 in Marisfeld geboren wurde. Beider Eltern waren der Viehhändler Lippmann Hofmann (1826–1904) und seine Frau Friederike, geb. Sachs (1831–1917). Lippmann Hofmann, seine Frau und ihre jüngeren Kinder, darunter auch Salomon Hofmann, folgten 1884 den vorausgegangenen älteren Kindern Simon und Regine nach Jena. Abraham Frankenberg gehörte nach der Aufhebung der rechtlichen Beschränkungen zu den ersten in Jena fest ansässigen Juden, die hier ein Gewerbe betrieben. Im Verzeichnis der nach dem Handelsregister in der Stadt Jena bestehenden Firmen war die Firma Frankenberg & Hofmann 1882 die dritte eingetragene jüdische Firma nach dem Bankhaus Elkan (1857) und dem Kaufmann Leopold Hammerstein (1881). Erste Inhaber der zunächst in der Grietgasse ansässigen Viehhandlung waren Abraham Frankenberg und Simon Hofmann, der 1859 geborene ältere Bruder von Moritz Hofmann. Moritz Hofmann begann als Gehilfe in der Viehhandlung, deren Leitung er 1893 nach Ausscheiden seines Bruders Simon mit Abraham Frankenberg übernahm. Anhand der veranschlagten Bei- träge zur Besoldung des Landesrabbiners, die im Maßstab der Steuerzahlungen erhoben wurden, florierte das Geschäft Frankenberg & Hofmann, auch wenn es im Juli 1897 zu einem wirtschaftlichen Schaden infolge eines im Pferde- stall ausgebrochenen Brandes kam. Regelmäßig zählte Frankenberg & Hofmann zu den höchsten Beitragszahlern in Jena. Die bescheidene Anzahl der seit Beginn 1880er Jahre in Jena wohnhaften Juden hatte sich innerhalb von zehn Jahren soweit erhöht, dass die Gründung einer eigenen Gemeinde für möglich und notwendig erachtet wurde. Zu den elf Gründern der Israelitischen Religionsgemeinde im September 1896 gehörten Abraham Frankenberg sowie Moritz und Lippmann Hofmann. Insbesondere Abraham Frankenberg spielte eine aktive Rolle. Er stand im Briefwechsel mit dem Landesrabbiner und wurde als Repräsentant der Gemeinde anerkannt, wie Hermann Friedmann (Familien Friedmann) 1904 in einem Brief an den Landesrabbiner Dr. Wiesen feststellte. Im Oktober 1896 beklagte sich Frankenberg beim Rabbiner, dass zahlreiche der in Jena wohnhaften vermögenden Israeliten nicht zu bewegen gewesen waren, der neu gegründeten Gemeinschaft beizutreten. Besonderes Augenmerk legte er auf die Einstellung eines Religionslehrers. In einem Schreiben vom 19. September 1904 beurteilte er den Bewerber Samuel Heilmann »als Vorbeter in tadelloser Verfassung«. Den Religionsunterricht durch den noch 1904 angestellten Lehrer besuchten die Geschwister Frieda Hofmann (geb. 1893) und Erich Hofmann (geb. 1894), Kinder von Moritz Hofmann und seiner Frau Jetty (Jettchen), geb. Moses. Rosa, Bertha und Alfred Frankenberg, die Kinder von Abraham Frankenberg, waren bereits 1883, 1885 und 1889 in Jena geboren worden und hatten noch Religionsunterricht durch auswärtige Lehrer erhalten. Einen wichtigen Schritt zur Integration in die Stadtgemeinde vollzogen Abraham Frankenberg und Moritz Hofmann 1902 mit dem Erwerb des Bürgerrechts der Stadt und der damit verbundenen Berechtigung zur Wahl des Gemeindevorstandes. Möglicherweise aus wirtschaftlichen Erwägungen, sicher aber auch aus Alters- bzw. Krankheitsgründen beschlossen die Inhaber in den Jahren des Weltkrieges die Auflösung ihrer Viehhandlung. Das gemeinsame Haus am Löbdergraben, seit 1891 Sitz der Viehhandlung und Wohnstätte der Familien von Abraham Frankenberg, Moritz und Lippmann Hofmann, wurde 1916 an die Stadtgemeinde Jena verkauft, die das Gebäude für die Unterbringung städtischer Ämter – zunächst für das im Krieg dringend benötigte Lebensmittelamt – nutzte. Endgültig zum 1. April 1917 wurde das Geschäft Frankenberg & Hofmann geschlossen, das Gewerbe im Juni 1917 offiziell abgemeldet. Moritz Hofmann starb kurz danach am 30. Juni 1917 in Bad Nauheim. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt (Übersicht 6). Abraham Frankenberg war bereits am 1. April 1917 mit seiner Frau nach Münster verzogen, wo seine beiden Töchter mit ihren Familien lebten. Rosa Frankenberg war hier seit 1906 mit dem Kaufmann Hugo Hertz verheiratet, ihre Schwester Bertha seit 1908 mit dessen Bruder, dem Pferdehändler Sally Hertz aus Coesfeld. Abraham Frankenberg starb am 14. Dezember 1925 in Münster, seine Frau Regine am 11. Januar 1933. Die Grabstätte der Familie befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Münster. Die Tochter Bertha Hertz starb 1928 in Münster, ihre Schwester Rosa konnte emigrieren und verstarb 1952 in den USA. Die Witwe von Moritz Hofmann, Jetty Hofmann, blieb noch bis 1921 in Jena und lebte dann bis zu ihrem Tod 1932 ebenfalls in Münster. Ihr jüngster Sohn Walter, am 14. September 1901 in Jena geboren und 1935 in Münster verheiratet, wurde Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung. 1941 von Münster aus in das Ghetto Riga deportiert, wurde er 1944 im Konzentrationslager Riga-Kaiserswald ermordet.
Wohnungen in Jena:
Moritz Hofmann: 1886 Neugasse 496; 1889 Neugasse 9; 1891 Löbdergraben 14 (durch Umnummerierung seit 1905 = Nr. 23, seit 1907 = Nr. 34)

Siegmund Heinemann (1867–1953)

Siegmund Heinemann wurde am 24. Dezember 1867 in Schmalkalden als Sohn eines jüdischen Schneidermeisters geboren. Von 1873 bis 1881 besuchte er die Volksschule und verließ diese mit dem Abschluss der 8. Klasse. Er erlernte gleich seinem Vater das Schneiderhandwerk und zog nach Beendigung der Lehre nach Eisenach, wo er 1895 Emilie Weymer (1870–1940) heiratete. 1900 siedelte die Familie nach Wenigenjena über. Hier lebte bereits seine verheiratete Schwester Amalie Bartholomes. Zunächst als Arbeiter tätig, wird er in seinem erlernten Beruf als Schneidermeister erstmals 1919 im Adressbuch der Stadt geführt. In die Mühlen der nationalsozialistischen Justiz geriet der über 70-jährige Heinemann im November 1939, weil er in einer Eingabe an eine Behörde den zweiten Vornamen „Israel“ weggelassen hatte, den er seit Anfang 1939 wie alle männlichen deutschen Juden führen musste, die keinen eindeutig als jüdisch erkennbaren Vornamen trugen. Das „Vergehen“ hatte im April 1940 eine zweimonatige Gefängnisstrafe zur Folge. Nach dem Tod seiner nichtjüdischen Ehefrau im gleichen Jahr wurde Siegmund Heinemann aus seiner Wohnung in der Kronfeldstraße 2a ausgewiesen und bei der Familie Meyerstein in der Schützenstraße untergebracht. Wegen des Zwangsverkaufs des Meyersteinschen Hauses musste er auch diese Wohnung für »Arier« räumen. Ende Juni 1941 suchte Heinemann deshalb ein möbliertes Zimmer. Als er eine Vermieterin gefunden hatte, füllte er das Meldeformular aus, setzte den zweiten Vornamen allerdings erst ein, nachdem die Vermieterin das Formular unterschrieben hatte. Das blieb nicht verborgen und so erhielt er als „Wiederholungstäter“ erneut eine Gefängnisstrafe, diesmal von fünf Monaten. Seine Haftzeit verbüßte er in der Strafanstalt Eisenach. Von Eisenach aus wurde er am 11. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte das Lager und konnte im Sommer 1945 nach Jena zurückkehren, wo er bei seinem Sohn Alfred Unterkunft fand. Für seine Anerkennung als Opfer des Faschismus bürgte Amalie Kühnhold, die 1944 mit demselben Transport von Erfurt nach Theresienstadt verschleppt worden war. Siegmund Heinemann starb am 14. April 1953 in Gotha.

Alfred Heinemann (1896–1977)

Alfred Heinemann wurde am 13. Dezember 1896 in Eisenach als zweiter Sohn von insgesamt vier Kindern des Ehepaares Siegmund und Emilie Heinemann geboren und evangelisch getauft. Nach dem Umzug der Familie nach Wenigenjena besuchte er von 1903 bis 1911 die Ostschule. Es folgte eine Lehre als Dreher bei der Firma Schietrumpf, die er jedoch infolge des Kriegsausbruchs nicht beenden konnte, da der Betrieb vorübergehend geschlossen werden musste. Von 1915 bis 1918 zum Militär eingezogen, arbeitete er nach Kriegsende bis 1924 bei der Reichsbahn und schloss sich zunächst der USPD, dann der KPD an. 1927 wurde er bei der Firma Carl Zeiss als Linsenfasser fest eingestellt. Die  „Nürnberger Gesetze“ 1935 deklarierten ihn als „Mischling ersten Grades“ mit allen damit verbundenen Ausgrenzungen. Mit seiner Frau Marie Heinemann, geb. Sachse, bewohnte Alfred Heinemann ab April 1926 eine Dachgeschosswohnung in der Reichsanstalt für Erdbebenforschung am Fröbel- stieg. Marie Heinemann (1897–1980) war an der Reichsanstalt als Reinigungskraft und Hausmeisterin tätig. Zum 30. November 1939 erhielt das Ehepaar Heinemann auf Veranlassung des Kreisleiters der NSDAP, Paul Müller, die Kündigung der reichseigenen Wohnung, weil der „Haushaltsvorstand Alfred Heinemann nichtarischer Abstammung“ sei. Aus eben diesem Grund war auch Marie Heinemann, die dort bislang eine ordentliche und zuverlässige Arbeit geleistet hatte, ihre Stellung zum 16. Dezember 1939 gekündigt worden. Da das Ehepaar bis Sommer 1940 nicht ausgezogen war, und der Wohnraum für neue Hausleute dringend gebraucht wurde, legte die Direktion der Reichsanstalt, die bislang Rücksicht auf die bedrängte Lage des Ehepaares genommen hatte, beim Amtsgericht Jena Klage wegen Wohnungsräumung ein. In der Klageschrift hieß es: „Ebensowenig wie einer oberen, dem Reichswirtschaftsministerium unmittelbar unterstehenden Reichsbehörde  zugemutet werden kann, daß die Ehefrau eines Nichtariers dort eine Dienststellung einnimmt, ebensowenig kann auch eine Dienstwohnung des Reichs einer nichtarischen Familie länger überlassen bleiben“_ _(ThStA Rudolstadt, Bezirkstag und Rat des Bezirkes Gera 7884). Die Räumungsfrist wurde endgültig zum 31. Oktober 1940 verlängert, wohl aufgrund der akuten Wohnungsnot in Jena. Im Oktober 1944 sollte Alfred Heinemann in das Lager der Organisation Todt bei Halle-Weißenfels verbracht werden, was jedoch aus Krankheitsgründen unterblieb. Am 5. Januar 1945 erhielt er zum dritten Mal einen Haftbefehl: zusammen mit Heinrich Möhring, Ehemann von Fanny Möhring, musste er bis April 1945 im Reichsautobahnlager Wommen bei Eisenach Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg war Alfred Heinemann wieder als Dreher tätig. Sein Antrag auf Anerkennung als Verfolgter des Naziregimes wurde aufgrund der „nur“ dreimonatigen Haftzeit jedoch abgelehnt. Am 11. Dezember 1977 starb Alfred Heinemann in Jena.

Albert Herz (1884–1916)

Albert Herz wurde am 10. November 1884 in Flamersheim/ Kreis Rheinbach (Preußen) als Sohn des Handelsmannes Eduard Herz und dessen Ehefrau Berta geboren. Als junger, unverheirateter Mann kam er 1911 nach Jena. Bereits im März 1912 konnte der Kaufmann sein eigenes Geschäft, eine Posamenten-, Weiß- und Wollwarenhandlung, am Holzmarkt 1 eröffnen. Albert Herz erwarb 1913 das Bürgerrecht der Stadt Jena und wohnte ab 1914 im Haus von  Familie Meyerstein in der Schützenstraße 52. Nach Ausbruch des Weltkrieges wurde Herz am 6. März 1915 zum Heer einberufen und kämpfte als Landsturmmann im Königlich-Preußischen Infanterie-Regiment 371. Nur ein Jahr später erlag er am 17. März 1916 bei Flirey seiner Verwundung durch einen Kopfschuss und wurde auf dem Soldatenfriedhof Bouillonville beerdigt. Sein Name fand Eingang in das amtliche Register der 1459 im Krieg gefallenen Jenaer. Dieses Verzeichnis wurde 1929 im Ehrenmal für die Weltkriegsgefallenen 1914–1918 auf dem Hainberg (heute Friedensberg) hinterlegt.

Walter Hoffmann (1881–1967)

Walter Hoffmann wurde am 10. März 1881 in Anklam als Sohn des Kaufmanns Gustav Hoffmann und dessen jüdischer Ehefrau Marie, geb. Davidsohn, geboren und evangelisch getauft. Nach dem Schulbesuch in Demmin absolvierte er eine Lehre als Goldschmied in Berlin und arbeitete dann in den Städten Kiel, Braunschweig, Dresden, Göttingen und München. 1910 heiratete er in Dresden die Weißnäherin Bertha Toska Michel. Das Ehepaar ließ sich in Jena nieder, wo die Kinder Alfred (1912–1945), Anne-Marie (1916–1929) und Inge (1920–1930) geboren wurden. Hier arbeitete Walter Hoffmann als Gehilfe bei dem Goldschmied Friedrich Gräfe in der Johannisstraße. Als Gräfe im Ersten Weltkrieg zum Ankauf von Gold für die Reichsbank eingesetzt war, hielt Walter Hoffmann den Geschäftsbetrieb auf- recht und konnte damit zunächst eine Verschiebung seiner Einberufung erreichen. 1916 wurde er zum Heer eingezogen und kämpfte als Soldat in Frankreich. Unversehrt aus dem Krieg zurück, gründete er 1919 seine eigene Goldschmiedewerkstatt, welche er über viele Jahre in der Jenergasse 16, ab 1936 in der Saalstraße 3 erfolgreich führte. Am 15. Oktober 1944 wurde er von der Gestapo als „jüdischer Mischling“ nach Weißenfels in das „Drei Wegelager“ der Organisation Todt gebracht. In seiner 1950 abgelegten eidesstattlichen Erklärung berichtete er dazu: „Hier wurden wir von der S. S. bewacht, das Verlassen des Lagers wurde nicht erlaubt. Wir mussten früh um 5 Uhr aufstehen und um 5 : 30 Uhr antreten, wurden dann von der S. S. zum Bahnhof gebracht um nach Leuna zu fahren, wo wir zum Bunkerbau eingesetzt wurden. Vom Lager Weißenfels kamen wir ca. 14 Tage vor Weihnachten in das viel schlechtere Lager nach  Halle und von da nach Wörmlitz ins Lager in einen dunklen und feuchten Keller. Nach und nach wurde das Lager ausgebaut. Die Arbeit blieb dieselbe, nachdem der Bunker in Leuna West fertig war, musste ich nach Merseburg auch zum Bunkerbau“. Als Zeugen für seine Angaben benannte er die ebenfalls in Halle-Weißenfels Inhaftierten Wilhelm Krause und  Paul Großherr. Mit Kriegsende kehrte Walter Hoffmann im April 1945 nach einem Fußmarsch von Halle nach Jena zurück, wo er bald sein Geschäft als Goldschmied wieder eröffnen konnte. Aufgrund seiner sechsmonatigen Haft im Arbeitslager und seiner nachgewiesenen »antifaschistischen Einstellung« durch Eintritt in die SPD im Februar 1946 erhielt er seine Anerkennung als Opfer des Faschismus. Walter Hoffmann verstarb am 6. November 1967 in Jena und wurde auf dem Nordfriedhof beigesetzt.

J

Eva Jacobson (1934–2007)

„Gleich ihrem Bruder Frank besuchte sie jahrelang die Familie Heinecke, Verwandte ihrer Mutter in Apolda. Im September 1989 besuchte sie auch mich im Pfarrhaus von Kapellendorf, wo wir ein längeres Gespräch führten.
In der folgenden Zeit kam es zu einem Briefwechsel. Dabei sandte sie mir Material, Fotos und Dokumente zu ihrer Familie. Im Dezember 2007 bekam ich von einer Frau Ingrid Warren aus Joliet/Illinois einen Brief, in dem sie mir mitteilte, dass Anfang des Jahres ihre Mutter Eva plötzlich verstorben sei. Ihre Großmutter Gertrud hingegen lebe noch im Alter von 99 Jahren. Sie interessierte sich für das Buch „Jüdische Familien in Apolda“, das wir ihr schickten. Leider kam darauf nie eine Antwort.
Auch dieser Brief vom 28. Februar 2009 blieb ohne Antwort:
 
„To Mrs. Ingrid Warren
Dear Ms. Warren,
unfortunately I haven’t heard back from you after my letter from January 19, 2008. I’d like to ask you again if you are interested in visiting Apolda. Our association is planning to hold a reunion of descendants of persecuted people from Apolda around August 18, 2009. We would be happy to welcome you there.
Do you have an email address? It would make it a lot easier to stay in touch as with postal letters.
I would be happy if you could inform me about contact data of your uncle Frank Lichtenstein.
Yours sincerely
Peter Franz
www.prager-haus-apolda.de“
 
„An Frau Ingrid Warren
Sehr geehrte Frau Warren,
leider habe ich nach meinem Brief vom 19. Januar 2008 nichts mehr von Ihnen gehört. Ich möchte Sie noch einmal fragen, ob Sie an einem Besuch in Apolda interessiert sind. Unser Verein plant, um den 18. August 2009 ein Wiedersehen von Nachkommen von Verfolgten aus Apolda abzuhalten. Wir würden uns freuen, Sie dort begrüßen zu dürfen.
Haben Sie eine Email Adresse? Es würde es viel einfacher machen, in Kontakt zu bleiben, als bei Postbriefen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich über die Kontaktdaten Ihres Onkels Frank Lichtenstein informieren könnten.
Ihr Peter Franz“

_ _
„Liebe Frau Warren,                                                                     
heute sende ich Ihnen ein kleines Buch zu, in dem erzählt wird über die geglückte Flucht Ihres Großvaters Alfred Lichtenstein in Apolda. Wir würden uns freuen, wenn Sie mit uns in den Kontakt treten würden. Ich lege Ihnen ein Faltblatt bei, das über die Arbeit unseres Vereins berichtet. Wir gedenken aller im Holocaust ermordeten Menschen der Stadt Apolda.
Herzliche Grüße,
Peter Franz
Prager-Haus Apolda e.V“ 
25.08.2019 

„Dear Mrs. Warren,                                                                     
Today I am sending you a little book telling about the successful escape of your grandfather Alfred Lichtenstein in Apolda. We would be glad if you would contact us. I am enclosing a leaflet telling you about the work of our association. We commemorate all the people murdered in the Holocaust in the city of Apolda.
Best regards,
Peter Franz
Prague House Apolda e.V“ 

K

Jesekiel Kirszenbaum (1900–1954)

Jesekiel David Kirszenbaum (auch: Jesekiel Dawid, Jechezkiel oder Jeheskiel David, Kirschenbaum) wurde 1900, als jüngstes Kind eines Rabbiners, in Staszów geboren. In seinen jugendlichen Jahren lehnte er sich auf gegen die religiösen Unterweisungen und später einmal Rabbiner zu werden auf. Sein Interesse galt dem Zeichnen, vor allem Porträts und der Literatur. Durch den Verkauf des gesamten Besitzes der Familie, konnte er 1920 sich der polnischen Armee und dem Kriegseinsatz gegen Sowjetrussland entziehen, dadurch gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Im Ruhrgebiet arbeitete er im Bergabau, erteilte Hebräischunterricht und war künstlerisch tätig. Der Kunsthistoriker August Hoff (1892-1971), später auch der Direktor des Duisburger Kunstmuseums, wurde auf ihn aufmerksam und vermittelte ihn im Jahr 1923 ans Staatlichen Bauhaus in Weimar, wo er sein Kunststudium aufnahm. Als das Bauhaus 1924/25 auf politischen Druck hin aufgelöst und verlegt wurde ging Kirszenbaum 1925 nach Berlin und arbeitete dort als freier Künstler. Im April 1927 bekam Kirszenbaum eine Ausstellung in der Sturm-Galerie in der 71 Kohle-, Kreide-, Tusche- und Aquarellzeichnungen sowie neun Ölgemälde gezeigt wurden. Er wurde Mitglied der Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands (ARBKD), kurz Asso genannt. 1930 heiratete er Helma Joachim (1904–1944). 1933 floh das Ehepaar Kirszenbaum nach Paris und ließen ihren ganzen Besitz zurück, sowie fast alle Werke des Künstlers. Von 1933 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war Kirszenbaum aktives Mitglied der École de Paris. Das Ehepaar Kirszenbaum wurde zu Beginn des Zweiten Weltkireges interniert und dabei voneinander getrennt. Helma war bis zum Juni 1940 im Internierungslager Camp de Gurs in Südfrankreich inhaftiert, wurde aber entlassen. Später gegen Ende 1943 wurde sie erneut verhaftet und kam in das Sammel- und Durchgangslager Drancy. Daraufhin wurde sie 1944 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet. Jesekiel wurde im Lager von Meslay-du-Maine festgehalten, danach wurde er nach Département Haute-Vienne verlegt. Von dort aus konnte er offenbar 1942 fliehen und versteckte sich bis zum Kriegsende. Er starb 1954 in Paris an seiner Krebserkrankung.

Ruth Kirchheimer (1925–2003)

Ruth Kirchheimer wurde am 02. Januar 1925 als jüngste Tochter von Siegfried und Frieda Kirchheimer in Eisenach geboren. Am Familienhaus angrenzend befand sich das Schuhgeschäft ihrer Eltern in der Goethestraße 25a. Die Kirchheimers waren keine streng religiöse Familie. Sie öffneten ihr Geschäft am Sabbath und besuchten die Synagoge nur zu hohen Festen. Ab dem Jahr 1933 änderte sich das Leben der Familie durch die antisemitischen Maßnahmen der NSDAP drastisch. So durften jüdische Mitbürger keine öffentlichen Bäder, Restaurants oder die Wartburg besuchen. In der Reichspogromnacht wurden die Fenster ihres Wohnhauses rot übermalt. Auf dem Gehweg vor dem Geschäft wurde groß „Wer hier einkauft, verrät sein eigenes Volk“ geschmiert. Frieda Kirchheimer floh daraufhin mit ihren Töchtern zu Freunden nach Erfurt und kehrten erst eine Woche später zurück, nur um eine zerstörte Wohnung vorzufinden. Siegfried Kirchheimer wurde in das KZ Buchenwald verschleppt und erst Monate später, am 29. Januar 1939 freigelassen. Am 01. Dezember 1938 wurde ihr Schuhgeschäft konfisziert. Der Gewerbekartei im Stadtarchiv Eisenach zu urteilen, meldete Siegfried Kirchheimer sein Geschäft „freiwillig“ am 01.12.38 ab, jedoch befand er sich zu dieser Zeit in Buchenwald. Ab dem 15. November 1938 war es jüdischen Kindern nicht mehr gestattet zur Schule zu gehen. In Folge dessen bekamen Ruth und andere jüdische Kinder Privatunterricht. Während dieser Zeit fasste die Familie Kirchheimer den Entschluss, zu emigrieren. Mit 18 Jahren konnte Ruths Schwester Ingeborg nach England auswandern, da sie eine Anstellung als Köchin in einer Familie fand. Der Rest der Familie konnte aus finanziellen Gründen nicht nachkommen und aufgrund von restriktiven Einwanderungsgesetzen anderer Länder, fanden sie keine andere Möglichkeit als zu versuchen illegal die Grenze zu überqueren. Ruths erster Versuch über die niederländische Grenze zu fliehen, schlug fehl. Am 11. Juli 1939 wurde sie von ihrer Tante Minna Bargeboer und ihrem Ehemann Adolf nach Nizza geschmuggelt. Ihre Eltern mussten in Eisenach bleiben. Nachdem sie aus ihrem Haus in ein Ghetto vertrieben worden sind, hörte Ruth durch einen Familienfreund was ihren Eltern geschehen war: Sie wurden am 9. Mai 1942 über Leipzig nach Bełżyce transportiert. Bis heute gelten sie als vermisst. Ruth wurde auf Wunsch ihrer Tante mit gefälschten Papieren ins Kloster von Digne-les-Bains in Sicherheit gebracht, weil sie im von Deutschland besetzten Frankreich um ihre Neffin fürchtete. Minna und Adolf Bargeboer wurden von Soldaten entdeckt, nach Ausschwitz verschleppt und ermordet. Ruth hingegen überlebte den Holocaust, indem sie sich hinter den Wänden des Klosters versteckte. 1957 ging sie nach Kamerun um sich von dem Schicksal der Familie zu lösen. Erst 1990 kehrte sie das erste mal in ihre Heimatstadt Eisenach zurück. Am 30. Dezember 2003 starb Ruth Kirchheimer im Alter von 78 Jahren als Schwester Marie Therese. Diesen Namen gab sie sich im Kloster, nachdem sie zum Christentum konvertiert war.