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Gefundene Objekte: 147

K

Harry Korn (1894–1917)

Harry Korn wurde am 29. Januar 1894 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Eberswalde geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Sally Korn und Martha Korn, geb. Cohn. Nach dem Abitur 1912 in Berlin und dem Beginn des Studiums an der Friedrich-Wilhelms-Universität wurde Harry Korn am 28. April 1914 in der Fachrichtung Philologie an der Jenaer Universität immatrikuliert. Der junge Student, zur Untermiete bei der Oberförsterwitwe Margarethe Braune in der Johannisstraße wohnend, besuchte 1914/15 Vorlesungen bei den Professoren Wilhelm Rein und Georg Goetz, bis er im August des Kriegsjahres 1915 zum Heer einberufen wurde. Als Gefreiter im Königlich Preußischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 82 nahm er 1916 an den Schlachten bei Verdun und an der Somme und 1917 an den Kämpfen in Flandern teil. Hier wurde der 23-Jährige am 29. Juli 1917 auf einem Patrouillengang bei Klein Zillebeke durch Minenfeuer tödlich verwundet. Da beide Elternteile bereits verstorben waren, teilte am 8. September 1917 seine Schwester Elise Korn der Universität die Todesnachricht mit. Nach ihren Angaben war ihr Bruder Harry für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet worden. Sechs Jahre nach Kriegsende beschloss der Große Senat der Universität Jena die Anfertigung einer Ehrentafel zum Gedächtnis an die im Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Universität. Am 21. Juni 1925 konnten sechs Gedenktafeln mit den Namen von 502 Gefallenen in der Wandelhalle des großen Universitätsinnenhofes feierlich enthüllt werden. Auf einer dieser Platten ist auch der Student und Gefreite Harry Korn verzeichnet. Gleichfalls ist sein Name (wie auch der von  Albert Herz) im vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten herausgegebenen Gedenkbuch „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914–1918“ aufgenommen.

Susanna Kühn (1904–1951)

Susanna Kühn wurde am 23. Juli 1904 als Susanna Neuhäuser in München geboren. Ihre Eltern, der Kaufmann Martin Neuhäuser und Bertha Neuhäuser, geb. Kahn, ließen die Tochter katholisch taufen. Nach zehnjährigem Schulbesuch begann das junge Mädchen eine Lehre als Zahntechnikerin bei dem Münchner Zahnarzt Dr. Blumenreich. Am 28. Juli 1928 heiratete sie den aus Jena stammenden Ingenieur Hans Gustav Kühn (1902–1978). Aufgrund des beruflichen Wechsels des Ehemannes siedelte das Ehepaar 1930 nach Mülheim / Ruhr und 1931 nach Duisburg über. Dank der Einstellung des dortigen Hausbesitzers konnte die Familie trotz aller Anfeindungen und Schwierigkeiten bis 1944 in der Duisburger Wohnung Lotharstraße 114a verbleiben. Seit der Geburt ihrer Zwillinge im Jahr 1940 war Susanna Kühn kränklich, fortan stand ihr die Mutter Bertha hilfreich zur Seite. Der Abtransport der 65-jährigen Mutter 1942 nach Theresienstadt und deren Tod 1944 im Konzentrationslager bedeutete einen schweren Schlag für die Familie. Am 17. September 1944 wurde Susanna Kühn verhaftet und zunächst in das Lager Zeitz der Organisation Todt verschleppt, wo sie als jüdischer Häftling der Aufsicht der Gestapo unterstand. Fünf Monate später, am 12. Februar 1945, kam sie auf Transport und wurde nach fünftägiger Fahrt im verschlossenen Güterwagen nach Theresienstadt verbracht. Dort musste sie – wie  Lotte Pariser – als Glimmerspalterin arbeiten. Bereits ab Januar 1945 leistete ihr Ehemann Hans Kühn als „jüdisch Versippter“ im Lager Odawerk in Blankenburg / Harz Zwangsarbeit. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Theresienstadt konnte Susanna Kühn zusammen mit  Amalie Kühnhold und  Erna Schrade am 29. Mai das Lager verlassen und gelangte mit ihnen im Juni nach Jena. Dort fand sie ihre Familie, von der sie bis dahin ohne Nachricht geblieben war, am Oberen Philosophenweg im Haus der Schwiegermutter Hedwig Kühn wieder. Susel, wie sie sich auch selbst nannte, war eng mit  Grete Körner befreundet. Grete Körner und Amalie Kühnhold bürgten auch für die Richtigkeit ihrer Angaben im Verfahren zur Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes. Schwer erkrankt verstarb Susanna Kühn am 29. Mai 1951 in Jena. Ihre Grabstätte auf dem Jenaer Nordfriedhof – auf dem Stein befand sich auch eine Erinnerung an ihre Mutter – ist nicht erhalten.

Gisela Kühnhold (1899–1970)

Gisela Kühnhold wurde am 18. Januar 1899 in München geboren, ihre Eltern waren Leopold und Sidonie Monschein. 1922 heiratete sie in München den Optiker Ernst Kühnhold (1898–1959), der in Jena bei der Firma Zeiss eine Lehre absolviert hatte und seit 1918 in München arbeitete. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Ernst Kühnhold war als Mitglied der USPD und später der KPD in den 1920er Jahren politisch aktiv. Nachdem er 1932 seine Arbeit verloren hatte, entschloss sich die Familie, im Frühjahr 1934 nach Jena zurückzukehren, wo Ernst Kühn- hold erneut Anstellung bei Zeiss fand. Aufgrund der „jüdischen Abstammung“ Gisela Kühnholds litt die Familie unter den einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen. Die Unduldsamkeit der Hauswirtin hatte eine Mieträumungsklage zur Folge, so dass die Familie 1938 ihre Wohnung verlor. Im August 1944 wurde Gisela Kühnhold, die Sternträgerin war, für sechs Wochen im Gestapogefängnis Weimar inhaftiert. Ihr Ehemann Ernst, aufgrund seiner jüdischen Frau als „wehrunwürdig“ eingestuft, musste ab 15. Oktober 1944 im Lager der  Organisation Todt bei Halle-Weißenfels Zwangsarbeit leisten; erst im April 1945 kam er nach Jena zurück. Gisela Kühnhold war in der Zwischenzeit zusammen mit  Betty Obst, Fanny Möhring und anderen Jenaer Frauen am 31. Januar 1945 in das Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert worden. Die Wohnung der Kühnholds wurde laut Anweisung der Gestapo evakuiert und mit sämtlichem Inventar anderen Personen überlassen. Die siebenjährige Tochter kam in die Obhut fremder Leute. Gisela Kühnhold gehörte zu den Überlebenden und konnte im Juni 1945 zu ihrer Familie zurückkehren. Sie erhielt die Anerkennung als Opfer des Faschismus. Ernst Kühnhold verstarb 1959 in Jena. Seine Witwe Gisela verzog 1963 nach Gera, wo sie am 17. Juli 1970 starb.

Wilhelm Koch (1899–1986)

Wilhelm Koch war Sohn des evangelischen Pfarrers von Berstadt, heute Gemeinde Wölfersheim im oberhessischen Wetteraukreis. Er besuchte hessische Gymnasien, bekam aber sein Abitur erst zugesprochen, nachdem er vom Heeresdienst im Ersten Weltkrieg als Feldwebel zurückgekehrt war. Sein Theologiestudium absolvierte er in Heidelberg und Gießen, für ein halbes Jahr unterbrochen durch einen Einsatz als freier Helfer in der Diakonieanstalt Bethel. Nach dem ersten Examen besuchte er das Predigerseminar im hessischen Friedberg. Vor dem Landeskirchenamt in Darmstadt legte er sein zweites Examen ab. Im oberhessischen Lißberg wurde er Vikar und dort 1924 zum Pfarrer ordiniert. Die dortige Pfarrstelle hatte er ein Jahr inne, danach wurde er zum Pfarrassistenten in Worms und wenig später im rheinland-pfälzischen Mainz ernannt. Die ungünstigen Aussichten einer Anstellung in seiner Hessischen Heimatkirche wie auch schlechte Wohnverhältnisse drängten den jungen, eben verheirateten Pfarrer, sich um eine Pfarrstelle in Thüringen zu bewerben, die er im Juli 1926 in Sulzbach antrat, wo er im September zum Ortspfarrer gewählt und im Oktober in sein Amt eingeführt wurde. Seine Tätigkeit als Pfarrer in Sulzbach wurde zum einzigen Kampf gegen die Herrschaft der Deutschen Christen (DC) in seiner Kirchengemeinde. Sein stärkster Widerpart war Werner Lindner, der Lehrer und Ortsgruppenleiter der NSDAP von Herressen. Seine stärkste Unterstützung fand er außer seiner Ehefrau in dem Evangelischen Frauenkreis, deren weibliche Mitglieder, über 200 an der Zahl, sich namentlich als Mitglieder der Bekennenden Kirche einschrieben. Auf Dauer mussten sie freilich dem politischen Druck erliegen, da bereits die Evangelische Amtskirche völlig von den Vertretern der DC beherrscht wurde.
Nach einem vierwöchigen Gefängnisaufenthalt im Apoldaer Amtsgerichtsgefängnis wurde er in einer Gemeinschaftsaktion von der Gestapo und Landeskirchenamt aus Thüringen verwiesen. Er musste zunächst seine Frau und die fünf Kinder zurücklassen, bis diese nach einigen Wochen ebenfalls die Reise zu ihrem Familienoberhaupt antreten konnten, der in der badischen Gemeinde Adelshofen wieder sein Pfarramt ausüben konnte bis zur Pension.

L

Familie Löwenstein

Der Lehrer Hermann (Hirsch) Löwenstein und Jette (Meta, Gejtja) geb. Moses lebten in Jever. Sie hatten die Söhne Richard (1880–1942), Ernst (1881–1974) und Emil (geb. 1884 ). Richard lebte zuletzt in Berlin und wurde von dort aus am 25.01.1942 in das Ghetto Riga deportiert. Ernst war in Oldenburg Rechtsanwalt und Vorsitzender des jüdischen Landesgemeinderates. Emil Löwenstein war seit 1926 verheiratet mit Käthe (1895 in Gera geb. Hauptmann). Sie hatten einen Sohn Heinz Hans Hermann (geb. 1926 in Gera). Seit 1926 war Emil als Kaufmann mit dem Schwiegervater Gustav Hauptmann Teilhaber der Firma Paula Goldschmidt. (Haushalt- und Spielwaren). Emil Löwenstein war ab 30.10.1939 Vorsitzender der Geraer Israelitischen Religionsgemeinde. Seit 10.02.1942 Vertrauensmann der Reichsvereinigung der Juden für Gera. Im Novemberpogrom 1938 wurde er ins KZ Buchenwald gebracht. Nach seiner Rückkehr wurde seine Firma zwangsaufgelöst. Das bedeutete den Verlust der Existenzgrundlage. Seit 1941 mussten sie den Judenstern tragen. Beide Eltern gerieten am 10. Mai 1942 in die endgültige Deportation. Heinz Hermann befand sich bis 1942 im jüdischen Schulinternat („Kinderheim“) Leipzig. Sein Name steht auch dort in der Deportationsliste. Emil war 58, Käthe 46 und Heinz Hermann 15 Jahre alt, als sie ermordet wurden.
Der Stein für Emil Löwenstein, gelegt am 08.04.2009 vor dem Judenhaus Zschochernstr. 32, wurde am 30.07.2010 von Unbekannten ausgegraben, gestohlen und nicht wieder aufgefunden. Die drei Steine für Emil, Käthe und Heinz Hermann wurden am 17.06.2011 am neuen Standort Lessingstraße 1 verlegt, der letzten gemeinsamen Wohnung.

Familie Langer und Zuckerkandl

Wilhelm Viktor Gustav Langer wurde am 3. Januar 1887 in der östlich von Prag gelegenen Vorstadt Königliche Weinberge (Královské Vinohrady) geboren. Sein Vater war Beamter bei der böhmischen Nordbahn. Die Familie Langer lebte in guten bürgerlichen Verhältnissen und Wilhelm verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit in Prag. Nach mit Auszeichnung bestandener Reifeprüfung studierte Wilhelm Langer zunächst Rechtswissenschaften und Nationalökonomie, um in die Eisenbahnverwaltung einzusteigen. Noch während seines Studiums an der juristischen Fakultät begann er, Vorlesungen an der Bauingenieur-Abteilung der Deutschen Technischen Hochschule sowie später an der philosophischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag zu besuchen. In Volkswirtschaftspolitik war Robert Zuckerkandl sein Professor, 1910 wurde Wilhelm Langer zum Doktor der Rechte promoviert. Im selben Jahr lernte er bei einem Kurs die Zeiss Werke und Rudolf Straubel aus Jena kennen und studierte weiter an der Technischen Hochschule Bauingenieurwesen. Während des ersten Weltkrieges tat er seinen Dienst beim Eisenbahnregiment in Korneuburg bei Wien.
Helene Langer, né Zuckerkandl Helene Zuckerkandl, geborene Nothmann wurde am 14. Juli 1888 in Petrópolis (Brasilien, etwa 60 km nördlich von Rio de Janeiro) geboren. Nach der Ermordung ihres Vaters zog die Mutter mit Helene und ihren vier Geschwistern zurück nach Hamburg zu ihrem Schwager. Therese und Robert Zuckerkandl aus Prag, Verwandte der Familie, boten an, die sechsjährige Helene zu adoptieren, da sie trotz Kinderwunsch kinderlos geblieben waren. Helene Zuckerkandl bekam eine vorzügliche Erziehung und Ausbildung, so besuchte sie das deutsche Gymnasium in Prag, das sie mit Auszeichnung abschloss. Von 1908 bis 1913 studierte sie an der philosophischen Fakultät der Deutschen Karl-Ferdinands Universität in Prag Naturwissenschaften (Hauptfach: Pflanzenphysiologie, Nebenfach: physikalische Chemie) und wurde 1912 mit der Dissertation „Die Wirkung der Narkotika auf die Plasmaströmung“ promoviert. 1913 arbeitete sie ein Jahr lang an der Universität Jena bei Prof. Dr. Ernst Stahl. Von 1913 bis 1915 war sie als Assistentin am Pflanzenphysiologischen Institut der Deutschen Universität Prag bei Professor Friedrich Johann Franz Czapek. Wilhelm Langer hatte sie schon während ihrer Gymnasialzeit kennengelernt. Während eines kurzen Urlaubs aus dem Krieg heirateten sie am 16. August 1916 in Prag. Helene Zuckerkandl war im Ersten Weltkrieg teils als Krankenschwester, teils als Bakteriologin tätig. Nach dem verlorenen Krieg entschlossen sich die beiden, Prag zu verlassen. Wilhelm Langer wurde von Rudolf Straubel nach Jena ins Hydrotechnische Büro im Zeisswerk als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Abteilungsleiter berufen und trat 1919 die Stelle an. Das Ehepaar mietete eine Wohnung in der Beethovenstraße 15, ganz in der Nähe zu den Straubels,  denn Marie Straubel war die Tante von Helene Langer. Hier wurden auch ihre drei Kinder, Emma, Herta und Gerhard geboren. 1926 starb überraschend Helenes Vater, Robert Zuckerkandl in Prag. Seine Witwe Therese zog daraufhin zu ihrer Tochter Helene Langer nach Jena und ihrer Schwester Marie Straubel. In Jena nahm Therese Zuckerkandl Kontakt mit Walter Gropius auf, der 1928 nach langem Planen auf einem Grundstück an der Weinbergstraße das Haus bauen ließ. Ende November 1928 zog die Familie Langer in die Gropius-Villa ein, Therese Zuckerkandl folgte im Januar 1929. Nachdem die NSDAP in Thüringen schon früh erfolgreich war, wurde Rudolf Straubel gedrängt, seine Funktionen als Geschäftsleiter der Firmen Carl Zeiss und Schott & Gen. per per 30. September 1933 niederzulegen. In seinem Sinne wirkte Wilhelm Langer weiter. Gerhard, der Sohn von Helene und Wilhelm Langer, der politisch gut informiert war, entschloss sich gemeinsam mit der befreundeten Familie Hermberg 1939 in die USA zu migrieren. Therese Zuckerkandl, die auf die 80 zuging und an Stöcken gehen musste, zog eine mögliche Auswanderung nicht in Betracht und blieb in Jena. Sie musste einen Großteil ihrer Gegenstände, wie etwas Bekleidung, elektrische Geräte etc. und monatlich einen Geldbetrag an die deutschen Behörden überweisen. Am 4. September 1942 wurde ihr der Bescheid über den bevorstehenden „Abwanderungstransport“ nach Theresienstadt zugestellt. Über die Bedeutung war sie sich im Klaren und beging daher am 10. September im Alter von 81 Jahren im Beisein ihrer Tochter Selbstmord durch Einnahme einer Überdosis Veronal. Helene Langer konnte aufgrund ihres nicht-jüdischen Ehemannes vorerst ein relativ sicheres Leben führen, als brasilianische Staatsbürgerin stand sie unter Schutz Brasiliens. Ihre Töchter hatten die Langers in andere Städte ausserhalb Thüringens bringen lassen, beide arbeiteten während des Krieges: Herta als Operationsschwester, Emma als Metallurgin in Berlin. Rudolf Straubel, der sich im hohen Alter wieder mehrfach der Wissenschaft zuwandte, starb am 2. Dezember 1943 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nach seinem Tod wurde seine Frau Marie Straubel, die durch die Ehe bislang geschützt worden war, über ihre bevorstehende Deportation nach Theresienstadt in Kenntnis gesetzt. Auch sie nahm sich am 20. April 1944 im Beisein ihrer Familie selbstbestimmt das Leben. Acht Wochen später wurde auch Helene Langer über den bevorstehenden Abtransport nach Theresienstadt informiert. Nachdem Brasilien durch Eintritt in den Krieg als Feindstaat galt, wurde ihr kein Schutz mehr gewährt. Am 16. Juni 1944 ging Helene Langer auf die Sonnenberge zur Lutherkanzel, kletterte als Bergsteigerin am Steilhang herab und sprang. Wilhelm Langer lebte nach dem Tod seiner Frau weiterhin in Jena, arbeitete weiterhin als Leiter der Zeiss Abteilung Hydrotechnik, bis er mit 75 Jahren in den Ruhestand ging. Seine Tochter Herta wohnte bei ihm und betreute ihn bis zu seinem Tod 1973. Herta starb am 11. Februar 1990, Emma starb ebenfalls an einem Krebsleiden am 23. Juni 1999. Die Zuckerkandl Villa wurde Mitte der 1990er Jahre verkauft, mit dem lebenslangen Wohnrecht für Emma Langer. Die Gropius-Villa ist von den neuen Besitzern mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bis ins Detail restauriert worden. Auch die Innenausstattung und das Mobiliar sind in ihrer ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben. Das Zuckerkandl Haus steht heute in der Liste der Kulturdenkmale in Jena und unter besonderem Schutz. 

Erich Lichtenstein (1888–1967)

Erich Lichtenstein wurde am 21. März 1888 in Berlin als Sohn eines jüdischen Kohlegroßhändlers geboren. Nach dem Abitur nahm der literarisch Interessierte ein Studium der französischen Philologie, Literatur- und Kulturgeschichte sowie Philosophie in Berlin und Heidelberg auf, unterbrochen von Aufenthalten in München und Paris. Bereits seit 1909 schrieb er Aufsätze und Rezensionen und knüpfte prägende Kontakte zu den Schriftstellern Karl Wolfskehl und Alexander von Bernus. Über Friedrich Gundolf hatte er Zugang zum Kreis um Stefan George. 1915 promovierte er in Heidelberg mit einem Beitrag zur Geschichte der Aufklärung. Nach dem Tod seines Vaters erbte Erich Lichtenstein ein beträchtliches Vermögen, was ihm 1920 eine eigene Verlagsgründung in Jena ermöglichte. Im Handelregister B des Amtsgerichtes Jena erfolgte am 29. Mai 1920 die Eintragung des Verlages „Erich Lichtenstein, Gesellschaft mit beschränkter Haftung“, dessen Zweck der „Betrieb einer Verlagsbuchhandlung sowie Durchführung von Geschäften aller Art auf dem Gebiet des Verlagsbuchhandels, des Buch- und Kunsthandels und des Antiquariats“ war. Der Verlag hatte seinen Sitz Hinter der Kirche 1, weitere Gesellschafter waren Thankmar von Münchhausen und Oscar Müller. Das Verlagsprogramm bot anspruchsvolle Texte in teilweise hochwertiger Buchausstattung aus der Werkstatt Otto Dorfners. Es umfasste Klassikerausgaben (Hölderlin, Droste-Hülshoff, E. T. A. Hoffmann), Sachbücher und vor allem Lyrik (Veronika Erdmann, Walther von Hollander, Ernst Schiebelhuth). Zu den 1920 in Jena erschienenen Werken gehörten eine Ausgabe mit Gedichten von Hölderlin, Heinrich von Kleists Essay „Über das Marionettentheater« und Schleiermachers »Idee zu einem Katechismus der Vernunft für edle Frauen“. 1921 verlegte Lichtenstein in Jena unter anderem den französischen Schriftsteller Anatole France, Gedichte der Lyrikerin Ite Liebenthal sowie Veronika Erdmanns »Die Gedichte vom fremden Leben«, die 1927 in zweiter Auflage unter dem Titel „Lieder vom Fern- und Nahesein“ von der nunmehr mit Hans Czapski (Siegfried Czapski) verheirateten Autorin erschienen. Für die Herstellung seiner Bücher beauftragte Lichtenstein Weimarer und Leipziger Druckereien, lediglich „Das Wesen der neuen Tanzkunst“ von Ernst Blass wurde in der Frommannschen Buchdruckerei (Hermann Pohle) in Jena gedruckt. Erich Lichtenstein veröffentlichte zudem Theaterkritiken für das Feuilleton der in Jena ansässigen „Neuen Zeitung – Organ der KPD für Großthüringen“. Mit Erwerb eines Hauses in Weimar wechselte Ende 1921 der Sitz des Verlages von Jena nach Weimar. Nach Auflösung der GmbH 1923 führte Erich Lichtenstein den Verlag als Einzelunternehmen weiter und übernahm 1924 die Restbestände des Utopia-Verlages von Bruno Adler. Eine im gleichen Jahr in sehr hoher Auflage gedruckte, allerdings wenig verkaufte fünfzehnbändige E. T. A. Hoffmann-Ausgabe brachte ihn in finanzielle Schwierigkeiten, sein Vermögen war aufgebraucht. Ende 1925 musste daher die Verlagstätigkeit in Weimar eingestellt und ein großer Teil der Restbestände verramscht werden. Auch wenn er 1927 nach einer finanziellen Zuwendung einer befreundeten Bankiersfamilie wieder Bücher mit dem Verlagsort Weimar auf den Markt bringen konnte, reichte dies als Lebensgrundlage nicht mehr aus, so dass er daneben 1928 als Geschäftsführer des „Hyperion-Verlages“ und von 1929 bis 1931 als Lektor und Propagandaleiter der Verlagsbuchhandlung Grethlein & Co. in Leipzig tätig war. Lichtenstein, der 1921 noch im Verzeichnis der Jenaer Beitragszahler für den Landesrabbiner enthalten ist, trat Mitte der 1920er Jahre aus der Jüdischen Gemeinde aus. Nach den Landtagswahlen 1929 in Thüringen und der Bildung der ersten Landesregierung mit nationalsozialistischer Beteiligung gab Erich Lichtenstein seine bisherige unpolitische Haltung auf. 1932 erschien in seinem Verlag der Sammelband „Krisis – Ein politisches Manifest“, welcher Beiträge unter anderem von Mathilde Vaerting, Ricarda Huch und Alfons Paquet enthielt. Anfang 1933 wurde dieses Buch mit zwei weiteren Titeln des Verlages (Erich Friedrich Podach: Gestalten um Nietzsche; Mathilde Vaerting: Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie, 1932) durch die Gestapo beschlagnahmt und vernichtet. Unter dem Druck der Verhältnisse musste Erich Lichtenstein bereits Ende 1932 seinen Verlag in Weimar schließen. Die Familie verzog nach Berlin und Lichtenstein baute hier 1934 die Jüdische Buch-Vereinigung e. V. (JBV) auf, die er bis 1938 gemeinsam mit Erwin Löwe leitete. Als „nichtarische Firma“ wurde der Verlag Erich Lichtenstein Ende 1934/Anfang 1935 aus dem Adressbuch des Deutschen Buchhandels getilgt. Lichtenstein selbst wurde 1935 aus der Reichsschrifttumskammer (Fachschaft Verlage) ausgeschlossen. Im Juli 1938 wurden die Buchbestände der Jüdischen Buch-Vereinigung beschlagnahmt und deren weitere Tätigkeit verboten. Nach der Auflösung der Buch-Vereinigung war Lichtenstein zunächst bei der Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde in Berlin beschäftigt, bis er als »arisch Versippter« zur „Ordnung von Judenbibliotheken“ einberufen wurde. Nach Einreichung der Scheidungsklage durch seine Frau 1941 verlor er seinen bisherigen Schutz und musste mit der Deportation rechnen, der er nur mit knapper Not entgehen konnte. Als Zwangsarbeiter im Reichssicherheitshauptamt überlebte er die Zeit des Krieges. Hier war er bei der Katalogisierung und Auslagerung von in ganz Europa zusammengeraubten Bibliotheksbeständen eingesetzt, darunter vieler Buchbestände ehemals jüdischer Eigentümer. Nach 1945 war er als Studienrat an Berliner Gymnasien tätig und verfasste wieder Literaturkritiken für Tageszeitungen. Am 17. Juni 1967 starb Erich Lichtenstein in (West-)Berlin.

Herschko Liwerant (1886–1969)

Herschko Liwerant wurde am 13. Januar 1886 in Siedlce (Russisch-Polen) als Sohn des Zigarrenhändlers Moschko Schija Liwerant und dessen Frau Chaja Zirla Liwerant, geb. Mendelson, geboren. Als gelernter Bäcker verließ er 1906 seine Heimat, um zunächst bis 1907 in Leipzig, dann in Magdeburg Arbeit und Lebensunterhalt zu finden. 1909 kam er nach Jena, wo er eine Anstellung in der Bäckerei des Konsumvereins erhielt. In Jena fortan fest ansässig, leistete er bis 1919 jährlich seinen finanziellen Beitrag zum Landesrabbinat. 1911 heiratete er in Jena die Schneiderin Agnes Schulz (1883–1967). Aus der Ehe gingen die Kinder Edith, Eva und Benno hervor, die alle in Jena geboren wurden. Liwerant, der die russische Staatsangehörigkeit besaß, unterlag in den Jahren des Weltkrieges der Meldepflicht für Ausländer und musste sich täglich zweimal bei der Polizeibehörde melden. Seine Frau erbat im Dezember 1914 um eine Erleichterung dieser Pflicht für ihren in Schichtarbeitstätigen Mann, um so wirtschaftlichen Schaden von der Familie abzuwenden. Dabei wies sie insbesondere darauf hin, dass ihr Mann doch „eine durchweg deutschfreundliche Gesinnung“ habe. Nach dem Krieg stellte Herschko Liwerant einen Antrag auf Einbürgerung, der zwar die Zustimmung des Jenaer Gemeindevorstandes fand, jedoch durch die Direktion des II. Verwaltungsbezirkes in Apolda abgelehnt wurde. Die Ablehnung dürfte ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass die Familie Liwerant Jena verließ und nach Berlin zog. Hier eröffnete Herschko Liwerant 1920 in der Posener Straße eine eigene Bäckerei, die sich wirtschaftlich so gut entwickelte, dass er mehrere Gesellen beschäftigen konnte. Mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur fand diese Entwicklung ein abruptes Ende. Der Umsatz ging stark zurück und die Lage verschärfte sich nach dem Boykott am 1. April 1933 derart, dass das Geschäft geschlossen werden musste. Er und seine Familie waren antijüdischen Schikanen ausgesetzt, die ihn dazu zwangen, im Juli 1933 das Geschäft endgültig aufzugeben und mit Hilfe jüdischer Organisationen nach Palästina auszuwandern. Dort arbeitete er als Bäcker, wobei sein Einkommen nach eigenen Angaben gerade zum Bestreiten des Lebensunterhaltes reichte. Als 1948 seine Ehefrau schwer erkrankte, kehrte er auf ärztliches Anraten von Tel Aviv nach Europa zurück. Infolge seines hohen Alters und seiner Vermögenslosigkeit konnte er seine frühere selbständige Erwerbstätigkeit jedoch nicht wieder aufnehmen. Er lebte zunächst bei seiner in Deutschland verbliebenen ältesten Tochter in Berlin-Lichtenberg. Im März 1953 floh er aus der DDR und hielt sich kurz in Frankfurt a. M. auf, um im Dezember 1953 Deutschland zu verlassen und zwischenzeitlich Wohnstätte bei seiner zweiten Tochter in Johannesburg / Südafrika zu finden. 1958 war der nunmehr über 70-Jährige, der als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung eine Entschädigung wegen Schadens im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen erhalten hatte, wieder in der Bundesrepublik wohnhaft, zunächst in Köln, dann in Freiburg und schließlich in Berlin-Wedding, wo er zuletzt in einem jüdischen Altersheim lebte. Herschko Liwerant starb am 8. Januar 1969 in Berlin. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, zusammen mit seiner 1967 verstorbenen Ehefrau Agnes.

Alfred Lichtenstein (1897–1978)

Alfred Lichtenstein war der Sohn von Pfandleih-Kaufmann Hermann Lichtenstein und seiner Frau Toni. Sie unterhielten in Apolda eine Filiale des Abzahlungsgeschäfts Blumentritt. Ein Jahr später kam seine jüngere Schwester Taube zur Welt, die später in Apolda den Vornamen Gertrud annahm. Alfred erlernte in Eisenach bei Schneidermeister Kirstein den Beruf des Schneiders, den er bei Schneidermeister Johannes Linker am Markt ausübte.
Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Heer eingezogen, schloss dort Freundschaft mit dem Kriegskameraden Paul Dietrich, einem Lederhändler aus Oettersdorf. 1930 heiratete er die nichtjüdische Gertrud Heinecke. 1931 wurde Sohn Frank geboren, und 1934 Tochter Eva.
Durch den Naziboykott kam sein Schneiderei-Geschäft in Schwierigkeiten. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde seine Wohnung demoliert, Betten und Möbel auf die Straße geworfen. Er wurde in das KZ Buchenwald deportiert und im Dezember 1938 entlassen. Durch seine nichtjüdische Ehefrau blieb er einige Zeit vor der Deportation verschont, während seine Schwester Taube 1942 ermordet wurde.Er wurde zur Zwangsarbeit bei Erdarbeiten an der Saaletalsperre eingesetzt. Während dieser Zeit musste seine Frau mit den beiden Kindern im Judenhaus Bernhardstraße 14 wohnen. Nachdem sich Alfred während der Zwangsarbeit verletzt hatte, musste er bei der Apoldaer Firma Günther Drillichhosen für die Wehrmacht nähen. Als er sich im Mai 1944 zum Abtransport einfinden sollte, floh er zu seinem Freund Paul in Oettersdorf. In seinem Versteck erlernte er die englische Sprache, um sich auf die Emigration vorzubereiten. Nachdem er von dem stillen Helfer und Freund Harry Burkhardt von Oettersdorf nach Apolda abgeholt wurde, eröffnete er eine Kleiderkonfektion in der Karl-August-Straße. Seine Kinder gingen nach Westdeutschland und von dort nach den USA. 1946 zog er mit seiner Frau zu den Kindern.

Regina Lohse (1925–2017)

Regina wurde am 3. Februar 1925 in Stößen bei Naumburg geboren. Ihre Eltern waren der Sparkassenangestellten Kurt Schwabe und Dora geborene Löwenstein. Als sie etwas über ein Jahr alt war trennten sich ihre Eltern wieder. Und als sie vier Jahre alt war, heiratete Mutter Dora noch einmal, und Regina bekam mit dem Korbmacher Georg Brandmaier ihren eigentlich Vati, der sich liebevoll um seine Tochter kümmerte, die ja gar nicht von ihm abstammte. Nachdem die neue Familie ein zeitlang in Borstel bei Hamburg gelebt hatte, zogen die Brandmaiers nach Apolda. In der Schule wurde sie ausgegrenzt, weil sie eine „Halbjüdin “ war.Im November 1945 heiratete sie Paul Lohse. Sie zogen in das schöne E-Werk-Gebäude am Heidenberg, wo sie dann fast 70 Jahre lebte. Am 23. Juni 2017 verstarb sie

Frank Lichtenstein (1931–1978)

Frank war Lehrer geworden und unterhielt jahrelang Kontakte zur in Apolda lebenden Familie Heinecke, aus der seine Mutter stammte. Darauf wurde ich aufmerksam gemacht, als er wieder einmal in Apolda zu Besuch weilte. Im Juli 1988 führte ich mit ihm ein kurzes Gespräch und erfuhr, dass Vater Alfred 1949 zu ihm nach Chicago gezogen war und dort 1978 starb.

M

Familie Müller

Mehr als ein Jahrhundert spielten die Mitglieder der Familie Salomon Müller und Karoline geb. Friedmann eine bedeutende Rolle im Leben der jüdischen Gemeinde von Marisfeld und Themar. Sie waren seit den späten 1820iger Jahren Teil der Marisfelder Gemeinde; in den späten 1860iger Jahren gehörten Müllers zu den ersten, die nach Themar kamen. Dann, 80 Jahre später, gehörten sie zu den letzten, die Themar und Marisfeld verlassen mussten.
Salomon Müller wurde am 12. Januar 1802 in Bauerbach in Thüringen geboren, über 20 km westlich von Marisfeld gelegen. In den späten 1820iger Jahren wurde sein Vater, Meier, nach Marisfeld als Religionslehrer berufen. Zu der Zeit war Salomon Anfang 20 und lernte damals Karoline Friedmann kennen, die in Marisfeld geboren war. Wann Salomon und Karoline geheiratet haben, ist unbekannt. Sie hatten vier Kinder: Dina, Mayer, Nathan und Simon. Salomon, Karoline, Mayer und Nathan spielten alle entscheidende Rollen in den jüdischen Gemeinden von Marisfeld und Themar. Überlieferte Aufzeichnungen geben folgenden Einblick: Salomon Müller verliess im Alter von 64 Jahren Marisfeld im Jahr 1866 nach einem Brand, der einen großen Teil von Marisfeld vernichtete. Mayer war 1866 siebzehn Jahre alt, Nathan fünfzehn, beide hatten die Schule zu beenden und waren in einer Ausbildung. Mayer verbrachte die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens in Themar, von mindestens Ende 1873, als sein erstes Kind geboren wurde, bis 1907. Nathan verbrachte seine Erwachsenenjahre — 1876 oder früher bis zu seinem Tod 1923 in Marisfeld. Wo genau die Familie in den ersten Jahren in Themar lebte, ist noch unbekannt; es ist anzunehmen, dass sie Räume in einem der Häuser an der Westseite der Hintere Stadtstraße oder Hintertorstraße gemietet hatten. 1872 öffnete Salomon Müller das Warenhaus S. M. Müller. Das Geschäft florierte in Themar mit der wachsenden Bevölkerung der kleinen Stadt, die knapp 1800 erreichte, zur Zeit als Salomon 1890 starb. Die gesamte Stadt kaufte in seinem Laden ein. Die Familie war ebenfalls schnell in der jüdischen Gemeinde von Themar etabliert, die 1888 118 Mitglieder zählte. Salomon war der stellvertretende Leiter der jüdischen Gemeinde, wie Rudolf Lommer in seinen Erinnerungen 50 Jahre später schreibt.
Nachdem er 20 Jahre in Themar gelebt hatte, starb Salomon Müller 1890 im Alter von 88 Jahren. Er wurde in Marisfeld auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Seine Frau Karoline wurde neben ihm beerdigt. In dieser Zeit, als Salomon und Karoline starben, wurde die nächste Generation der Müllers in Marisfeld und Themar aktiv. Mayer Müller lebte in Themar mit seiner Frau Babette, geborene Friedmann. Zwischen 1873 und 1886 wurden sieben Kinder dort geboren. Ebenso zogen Nathan und Bertha Müller, geb. Schwed, zwischen 1878 und 1892 sechs Kinder in Marisfeld groß.
Die Familie von Max und Clara Müller, geborene Nussbaum, lebten von 1929 bis 1942 in Themar. Die beiden und ihre drei Kinder, Herbert, Reinhold und Wille, waren zentrale Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Themar. Max wurde 1884 in Marisfeld als Sohn von Nathan und Bertha Müller, geborene Schwed, geboren. Nach dem furchtbaren Brand 1865 verblieben nur sieben Familien in Marisfeld. Max blieb in Marisfeld, während seine Geschwister in andere Städte in Thüringen zogen. Clara Nussbaum wurde 1890 in Bad Hersfeld geboren und heiratete Max Müller 1912. Bevor das junge Paar in eine grössere Stadt ziehen konnte, brach der erste Weltkrieg aus und hielt sie von ihren Umzugsplänen ab. Anstelle dessen blieben sie in Marisfeld, wo ihr erster Sohn, Herbert 1913 geboren wurde. Max wurde für den Krieg einberufen und kehrte mit dem eisernen Kreuz nach Hause zurück. Nach seiner Rückkehr wurden die beiden weiteren Kinder geboren: Meinhold 1919 und Willi 1922. 1929 zog die Familie Max Müller nach Themar und wurde als Max Müller II bezeichnet, da bereits Max Müller, Besitzer des Warenhauses S.M. Müller in Themar lebte. Die Familie Max Müller II lebte in der Meininger Strasse 17, das Haus diente als Wohnhaus und als Textilgeschäft für Manufakturwaren. Die Kinder Meinhold und Willi besuchten die Schule in Themar und bekamen von Moritz Levinstein Religionsunterricht. Herbert zog nach Bayer, wo er eine Lehre absolvierte und für ein anderes Unternehmen arbeitete.  
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 war Max 49 Jahre alt und Clara 43, Die Kinder 20, 14 und 11. Wie viele andere Deutsche erwartete Max, dass die Naziherrschaft nur eine kurzfristige Abweichung sei. Während der ersten Hälfte der 1930er Jahre hoffte er, dass sein Status als Kriegsveteran ihn schützen würde. Aber als die Lage sich immer mehr zuspitzte, suchte die Familie Wege der Emigration für die jüngeren Kinder. Meinhold und Willi konnten Deutschland noch vor der Kristallnacht verlassen, Meinhold über Italien nach Schweden, Willi nach Palästina. Herbert, der 1938 noch in Deutschland war, heiratete Flora Wolf im August und seine Eltern standen der Schwierigkeit gegenüber, noch ein Visum für die beiden aufzutreiben. Verwandte versuchten ihr Möglichstes, die beiden Müller Familien aus Themar herauszuholen. In den späten 1938er Jahren legten Verwandte Geld für eine mögliche Emigration von Max und Clara Müller in die Vereinigten Staaten zurück, doch die beiden waren auf Wartelisten und rechneten mit zwei Jahren Wartezeit. Sie suchten nach anderen Möglichkeiten in Südamerika, aber überall schlossen sich die Tore für die jüdischen Geflüchteten. Im März 1941 bezahlte Herbert Sweed, ein Cousin von Max Müller, die Überfahrt in die USA und alle hofften, dass ihre Nummer rechtzeitig dran kam. Im Sommer 1941 gelang es Herbert und Flora mit deren Mutter, Frieda Wolf, von Lissabon aus in die Vereinigten Staaten zu migrieren. Max und Clara kamen nicht an den Anfang der Liste und im Oktober 1941 wurden alle Emigrationen von Deutschland gestoppt. Ihre Reise wurde abgesagt, obwohl sie schon bezahlt war. Im Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen der deutschen Juden und Jüdinnen. Im Februar 1942 bekam Herbert Sweed den Betrag der Reise zurückerstattet und die Akte wurde geschlossen. Drei Monate später, am 10. Mai 1942 wurden Max und Clara mit anderen Thüringer Juden und Jüdinnen nach Belzyce deportiert, wo sie auch starben.

Alfred Machol (1875–1937)

Alfred August Machol wurde am 24. Januar 1875 in Endesheim in der Rheinpfalz als Sohn des jüdischen Weinhändlers Emanuel Machol geboren. Nachdem er in Karlsruhe das Gymnasium absolvierte, begann er 1893 in Freiburg mit dem Medizinstudium. Weitere Studienorte waren München, Berlin und Strassburg. Alfred Machol schrieb seine Promotion zu dem Thema: „Die Entstehung von Geschwülsten im Anschluß an Verletzungen“ an der Medizinischen Fakultät der Universität Straßburg. Am 23.10.1911 wurde er als Professor an die Universität Bonn berufen. 1914 bewarb sich Prof. Dr. Alfred Machol auf die ausgeschriebene Stelle eines Anstaltdirektors und Oberarztes der Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses zu Erfurt. Sein Dienstantritt fiel nur wenige Tage vor Ausbruch des 1. Weltkrieges auf den 16.07.1914. Während des Krieges meldete sich Machol mehrmals freiwillig zum Frontdienst, woran er aber von der Stadt Erfurt gehindert wurde, denn man benötigte ihn dringend in Krankenhaus und Lazarett. Das Eiserne Kreuz II Klasse wurde ihm bereits 1916 verliehen. Als Machol seinen Dienst in den Städtischen Kliniken begann, war die medizinische Versorgung der Stadt schlecht, die Bettenanzahl viel zu niedrig für die Einwohneranzahl. So verfasste er eine Schrift über die Mängel des Städtischen Krankenhauses und schlug Massnahmen zur Behebung der Missstände vor: Die Reorganisation und den Bau einer neuen Chirurgischen Hauptabteilung. Der Neubau der Klinik konnte erst 1926 nach Klärung der Finanzierung und grundsätzlich organisatorischen Fragen beschlossen werden. 1928 war der Neubau beendet und wurde feierlich eingeweiht. Unter der Leitung von Prof. Dr. Alfred Machol wurde die Klinik in Erfurt eine der modernsten ihrer Art in Deutschland. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte Prof. Dr. Machol seiner Entlassung zuvorzukommen, indem er Prof. Dr. Sauerbruch im April 1933 um seine Entlassung aus dem Dienst bat. Der Magistrat hob am 27. Juni 1933 seinen Pensionsbeschluss gegenüber Prof. Dr. Machol auf und entliess ihn mit selbigen Datum gemäß § 3 der 2. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum unter Beschneidung seines Pensionsanspruches. Durch nationalistische Beteuerungen versuchte Prof. Dr. Machol seine Pension und Existenz im Alter zu sichern. Aufgrund seiner Kriegsteilnahme wurde dem Pensionsgesucht dann doch entsprochen. Nach seiner Entlassung zog er sich nach Naumburg zurück, wo er bis zu seinem Tod am 18. Januar 1937 lebte. 1953 wurde eine Büste Machols vor der chirurgischen Klinik aufgestellt.

Familie Mayer

Nanett Mayer, die jüngste Tochter von Karoline und Meier Mayer, war die erste aus der Familie, die in Themar lebte, weil ihre Hochzeit sie dorthin verschlug. 1912 heiratete sie Moritz Levinstein, der in Themar der Lehrer der jüdischen Gemeinde war, wie auch Deutschlehrer in Themars öffentlicher Schule. Als Nanett nach Themar zog, war ihre Familie bereits weit verstreut. Ihre Eltern lebten in Schaittach, Bayern, wo Meier seit 1866 als Lehrer tätig war. Sechs der Geschwister migrierten in die Vereinigten Staaten. Die Brüder Abram, Isaac, Solomon und Adolf verliessen Deutschland Ende des 19. Jh. und  lebten alle in der Gegend um New York, wo sie eine unternehmerische Karriere verfolgten. Eine von Nanetts Schwestern, Eva, verliess 1894 Deutschland ebenfalls im Alter von 21 Jahren und heiratete in den USA Morris Hambro, mit dem sie eine Familie gründete. 1912 lebten zwei Brüder und eine Schwester noch in Deutschland. Moses Mayer, der älteste Sohn, wurde Lehrer wie sein Vater und lebte seit 1891 in der Kleinstadt Fürfeld mit Frau Mathilde und Sohn, Enst. Hermann Mayer lebte in Hof mit seiner Frau Hedwig und ihrer Tochter, Ilse. Frieda Mayer lebte in Sülzburg, der Heimatstadt ihres Mannes, Heinrich Wolf und der gemeinsamen Tochter, Flora. Als Maier Mayer 1914 in Rente kam, zogen er und Karoline von Schnaittach nach Themar, wo ihre Tochter Nanett lebte. Nanett und Moritz wohnten oberhalb der Synagoge an der Hildburghäuser Straße 17, die Eltern bauten mit finanzieller Hilfe der Söhne aus Amerika ein eigenes Haus an der Schulstraße 9. Das Haus war eine aussergewöhnliche Konstruktion und gliederte sich nicht in den architektonischen Stil Südthüringens ein. Der erste Weltkrieg zeigt, wie die Deutsch-Jüdische Emigration des 19. Jahrhunderts sich auf die Familiendynamiken auswirken konnte: Die Möglichkeit, dass sie Brüder auf der gegenüberliegenden Seite des Schlachtfeldes begegnen würden, war gegeben, denn die Männer der Familie Mayer dienten den feindlichen Armeen, Deutschland und den USA. In Deutschland verlor Ernst Mayer, der Sohn von Moses Mayer ein Bein unterhalb des Knies. Moses jüngerer Bruder diente der Armee von Mai 1917 bis November 1918. Friedas Mann, Heinrich Wolf fiel am 1. Oktober 1915 und Moritz Levinstein diente der Armee von 1916 bis zum Ende des Krieges. Auf der amerikanischen Seite wurden Abram Mayer, Jacob Mayer und Samuel Mayer für die Armee registriert, auch wenn keiner von ihnen nach Europa an die Front musste. Nur der jüngste Sohn, Adolf, diente im Ausland und sandte eine Karte an seine Schwester Nanett in Themar von der Front. Nach dem Krieg zog Frieda, die nun verwitwet warm nach Themar nahe ihrer Eltern und ihrer Schwester Nanett. Die Wolfs lebten mit den Mayers an der Schulstraße 9 und die Levinsteins nach wie vor an der Hildburghausenstraße 17, wo 1919 Heinrich Levinstein geboren wurde. Zu diesem Zeitpunkt gehörten die Familie Levinstein und Wolf zum Herzen der jüdischen Gemeinde in Themar. Familienmitglieder aus Amerika kamen in den 1920er Jahren zu Besuch. 1926 starb der Vater, Meier Mayer und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Marisfeld begraben. Das Haus in der Schulstraße wurde als Villa Wolf bekannt, wo in den 1930er Jahren auch Karoline Mayers Schwester, Klara Eisenfresse einzog. Im Januar 1933 wurden 20 Mitglieder der Familie Mayer, die in Themar, Hof und Köln lebten, von den Einschränkungen der Nazis betroffen. Im Juli 1933 wurde Moritz Levinsteins Anstellung als Lehrer in Themar gekündet. Da die Meyers eine grosse Anzahl Familienmitglieder in den vereinigten Staaten hatten, arrangierten die Mayers eine sofortige Emigration für die jüngeren Mitglieder der Familie. Die Wolfs und Levinsteins waren eine der ersten Familien in Themar, die ihre Kinder dazu brachten, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Im März 1934 verliess der 21 jährige Albert Wolf Deutschland, die Reise wurde ihm von seinem Onkel, Abe Mayer, der in St. Alban, New York lebte, finanziert. Ein Jahr später folgte Heinrich Levinstein, dessen Reise von Isaac Meyer bezahlt wurde. Moses und Mathilde Meyer lebten nach wie vor in Köln. Ihr Sohn Ernst lebte ebenfalls in Köln mit seiner Frau Johanna. Hermann und Hedwig lebten in Hof und ihre Tochter Ilse und deren Mann, Ferdinand Odenheimer, lebten auch in Deutschland. Nanett und Moritz Levinstein sowie Frieda Wolf und ihre Tochter lebten in Themar, ebenso die mittlerweile über 80 Jährige Karoline Meyer und ihre Schwester Klara. Die Geschichte der Familie wurde schnell kompliziert. Nanett Levinstein begleitete ihren 16 jährigen Sohn 1935 nach New York, besuchte dort die Familie und kehrte darauf nach Themar zurück. 1937 reisten Nanett und Moritz Levinstein zusammen in die USA, um ihren Sohn zu besuchen, und kehrten abermals nach Themar zurück. Ein Jahr später wurde Moritz Levinstein in der Kristallnacht verhaften und nach Buchenwald deportiert mit 17 anderen Männern aus Themar. Er kehrte nicht aus Buchenwald zurück, die genauen Umstände seines Todes bleiben ungeklärt. Frieda und Flora Wolf, Nanett Levinstein, Karoline Meyer und Klara Eisenfresser blieben in Themar wohnen. 1939 versuchten Flora und ihr Mann Herbert Müller die Möglichkeit, das Land zu verlassen und zogen für kurze Zeit nach Köln. Auch Frieda und Nanett bewarben sich für ein Visa für die USA. Für Karoline und Klara wurden Vorbereitungen getroffen, nach Berlin in ein Altersheim zu ziehen an der Berlinerstraße 17 in Wilmersdorf. 1939 zogen die beiden betagten Schwestern um und starben bereits in den frühen 1940er Jahren. Nanett und Frieda verliessen 1941 mit einem der letzten Schiffe Europa, Nanett mit dem Schiff von Barcelona nach New York, Frieda Wolf verliess Lissabon mit ihrer Tochter Flora und deren Ehemann Herbert Müller bei Schiff. Für die restlichen Mayers in Deutschland 1937 starb Moses Mayer in Köln, 1939 starb seine Witwe Mathilde ebenda. In Hof starb Hedwig Mayer bereits im Februar 1938. Im Juli 1938 sponserte Abraham Mayer aus New York Hermanns Tochter Ilse und deren Ehemann Ferdinand die Ausreise nach Amerika. Hermann Mayer heiratete erneut und zog mit seiner neuen Frau, Anni, nach München. Ilse und Ferdinand versuchten von Amerika aus, ihren Vater und dessen neue Frau nach Amerika zu holen, aber ihre Versuche scheiterten. Ab September 1941 wurde es für die Juden und Jüdinnen in Deutschland unmöglich, Deutschland zu verlassen. Vier Mitglieder der Meyer Familie waren zu der Zeit noch in Deutschland: Ernst und Johanna Mayer in Köln und Hermann und Anni Mayer in München. Die ersten Deportationen aus Köln erfolgtem am 21. Oktober 1941. Im August 1942 nahmen sich Hermann und Anni das Leben, bevor sie nach Theresienstadt deportiert werden sollten. In Köln, wo die Familie von Ernst Mayer die Deportation lange abgewandt hatten, 1944 bekam Ernst Mayer ein Schreiben, das ihm jeglichen Schutz entbehrte. Im September 1944 zogen Ernst und Johanna Mayer mit ihrer Tochter Renate, geboren im Dezember 1943 in das Bauernhaus von Johannas Bruder, nahe des Dorfes Hilgen. Dort versteckten sie sich, bis die Amerikaner die Region befreite und sie nach Köln zurück konnten.  
Nach 1945 lebte nur noch die Familie von Ernst Mayer in Deutschland, der engen Kontakt mit den Familienmitgliedern in Amerika hatte. In den folgenden Jahren besuchten die Cousins Herbert Müller und Henry Levinstein Ernst Mayer in Deutschland. 2011 besuchten Familienmitglieder von Frieda Wolf und Flora Müller Themar, wo sie andere jüdische Familien, deren Vorfahren in Themar lebten, trafen. 2014 wurden Stolpersteine in Themar verlegt.

Familie Mazur

Robert Mazur (geb. 1885 in Köthen) heiratete Gertrud (1889 geb. Halpert) aus Gera. Gertruds Eltern waren Dagobert Halpert (geb. 1856) und Anna (geb. Edelstein). Else (verh. Frenckel) und Georg (geb. 1891) hießen ihre Geschwister. Robert Mazurs Schwester Hilde war verheiratet mit Franz Schalscha aus Görlitz (geb. 1903). Beide emigrierten 1933 nach Südafrika und lebten noch bis mindestens 1998. Robert und Gertrud Mazur's Kinder heißen: Otto Heinrich "John Steven" (geb. 1914), Helga Ruth (geb. 1916, verh. Sanders) Ursula Anna (geb. 1919, verh. Steinberg) und Adelheid Elisabeth "Heidi" (geb. 1923, verh. Tachau). Alle mussten aus Gera flüchten weil sie Juden waren, sie konnten ihren Verfolgern zum Teil über Cuba in die USA entkommen. Nach dem Tod der Gründungsväter leitete Robert Mazur gemeinsam mit seinem Schwager Georg Halpert die Geraer Firma Halpert & Co. sehr erfolgreich. Auch in Münchenbernsdorf und Hohenstein-Ernstthal wurde produziert. In über 50-jähriger Firmengeschichte schufen sie tausende Arbeitsplätze für Juden und Nichtjuden. Bei den Zulieferfirmen (z.B. Spinnereien) waren viele weitere Arbeitsplätze entstanden. 1938 kam es zur entschädigungslosen Zwangsenteignung durch die Nationalsozialisten. Die Halperts und Robert Mazur waren bei ihrer Belegschaft beliebt, fortschrittlich und sozial eingestellt. Sie hatten eine eigene Betriebskrankenkasse. 1923 spendete die Firma z.B. 10.000 Reichsmark für Museumszwecke. Belegt sind die Arbeiter-Kinderfeste im Martinsgrund, die von der Firma organisiert und finanziert wurden. Die Firma stellte das Haus Meistergäßchen 10 als jüdische Schule und Jugend-Club zur Verfügung. Der jüdischen Sportverein „Maccabi Bar Kochbar Gera“ wurde von Robert Mazur unterstützt. Er war Vorsitzender der Geraer Ortsgruppe der Reichsvereinigung jüdischer Frontkämpfer des 1. Weltkriegs. Das historische ehemalige Hauptgebäude ist heute Parkhaus der Gera-Arcaden. Dort wurde noch bis 1991 unter anderen Eigentumsverhältnissen produziert. Robert Mazur übte mehrere Ehrenämter in jüdischen Vereinen Geras aus. Im Novemberpogrom 1938 wurde er und sein Sohn Otto verhaftet im KZ Buchenwald so schwer misshandelt, dass sie lebenslange Gesundheitsschäden davontrugen. Bei ihrer Flucht nach England 1939 schmuggelten Robert und Gertrud Mazur und Anna Halpert im Reisegepäck zwei der Geraer Thora-Rollen. Bereits am 13.06.1936 ist eine Schiffsreise Roberts und Gertruds Bremen-Southampton mit der „Europa“ dokumentiert. Robert starb 1942 in London 57jährig. Gertrud starb 1969 mit 80 Lebensjahren.
Verlegeort  der Stolpersteine ist vor dem ehemaligen Wohnhaus Ebelingstr. 10.

Kurt May (1896–1992)

Kurt May wurde am 15. August 1896 als Sohn des Kaufmanns Leopold May und Johanna May, geb. Mohrenwitz, in Meiningen geboren. Nach dem Abitur 1915 in Meiningen und dem Einsatz als Frontkämpfer im Weltkrieg 1917/18 besuchte er die Universitäten in Frankfurt a. M., Würzburg und München. Im Sommersemester 1920 immatrikulierte er sich an der Universität Jena in der Fachrichtung Jura. In der Jenaer „Liste der Israelite“, dem Verzeichnis der Beitragszahler für den Landesrabbiner, ist er als Student und Rechtsanwalt nachweisbar. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung hatte sich der junge Anwalt im Juli 1924 mit einer Kanzlei in der Johannisstraße 11 niedergelassen und die Zulassung beim Oberlandesgericht Jena erlangt. Drei Jahre später begründete er mit dem Rechtsanwalt Dr. Walter Ledermann eine gemeinsame Sozietät, die im Geschäftshaus Löbderstraße 6 ihren Sitz hatte. Ab 10. Juli 1928 war Kurt May zudem ernannter Notar in Jena. Die in dieser Funktion von ihm erledigten Beglaubigungen, Beurkundungen und sonstigen Angelegenheiten betrugen nach neuesten Untersuchungen 233 Geschäfte im Jahr 1931, 179 Geschäfte 1932 und nur noch 28 Geschäfte 1933. 1933 verlor Kurt May seine Zulassungen als Rechtsanwalt und Notar, nachdem er einen Sozialdemokraten, der wegen „kommunistischer Umtriebe“ angeklagt war, verteidigt hatte. Mit dem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 waren „Personen, die sich im kommunistischen Sinne betätigt haben“ von der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen bzw. wurden bereits erteilte Zulassungen zurückgenommen. Daraufhin wurde auch seine Erlaubnis zur Tätigkeit als Notar durch das Thüringische Justizministerium mit Wirkung vom 1. Mai 1933 widerrufen. Die Rücknahme seiner Zulassung als Rechtsanwalt erfolgte mit Wirkung vom 20. November 1933. In seiner Rechtsanwaltspraxis war auch der später in der Rechtsabteilung der Firma Schott angestellte Walter Köcher tätig, der nach dem Krieg kurz die damaligen Umstände beschrieb: „Ich war früher bei den Rechtsanwälten May und Dr. Ledermann. Ich war der erste Angestellte 1924 und habe 1933 nach der Entziehung der Rechtsanwaltschaft ›wegen kommunistischer Betätigung‹ das Büro seinerzeit mit abgebaut. […] Ich habe auch noch das Dokument vom Jahre 1933, auf Grund dessen Rechtsanwalt May abgehalftert wurde“ (SCHOTT Archiv II/9/126). Sein verbliebener Partner Walter Ledermann teilte im Februar 1934 per Zeitungsanzeige mit, dass er „wie bisher“ die Rechtsanwaltspraxis in der Löbderstraße 6 führe. Kurt May emigrierte 1934 nach Palästina, wo er 1937 die ebenfalls emigrierte Juristin Vera Feinberg heiratete. In Jerusalem baute sich der Kaufmannssohn Kurt May eine neue Existenz auf. Er führte hier ein sehr erfolgreiches und großes Geschäft für Damenmode, dessen Einrichtung auch mit Hilfe seines Bruders aus Deutschland beschafft wurde. Der Name May wurde als lateinischer, hebräischer und arabischer Schriftzug in Stein über dem Geschäftseingang angebracht. Wie seine 1938 geborene Tochter Miriam Gross berichtete, waren beide Elternteile nicht religiös und die Familie pflegte keinerlei jüdische Traditionen oder Bräuche. 1938 reiste Kurt May noch einmal in seine Heimatstadt Meiningen, um seiner Mutter und seinem Bruder Walter, der nach der Pogromnacht 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert worden war, zur Ausreise zu verhelfen. Gegen Bezahlung einer beträchtlichen Summe gelang die Freilassung von Walter May. Mit dem letzten Schiff von Deutschland nach Palästina konnten Johanna und Walter May auswandern. Nach den Schilderungen der Tochter waren ihre Eltern Kurt und Vera May nie sehr glücklich in Palästina geworden und beide gewillt, ihre frühere berufliche Karriere wieder aufzunehmen. 1947 erfolgte die Rückkehr nach Europa, wo Kurt May bei der United Restitution Organization (URO) eine Stellung angeboten wurde. Die 1948 in London gegründete, international tätige Organisation leistete den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung in allen Fragen der Entschädigung und Wiedergutmachung gemeinnützige Rechtshilfe und Unterstützung. Ihre Gründer und Mitglieder waren vor allem deutsch-jüdische Anwälte. 1957, nach dem Weggang von Benjamin Ferencz, Leiter des »Legal Aid Department« bei der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO), übernahm Kurt May die Stellung als »Director of Operations« im Central Office der URO in Frankfurt a. M. Die URO hatte Anfang der 1960er Jahre 29 Büros in 15 Staaten und beschäftigte über 1000 Mitarbeiter, darunter 200 Juristen. Bis ins hohe Alter von 91 Jahren war Kurt May für die URO tätig. Am 26. Mai 1992 starb er 95-jährig in Frankfurt a. M. Britische Tageszeitungen wie „The Independent“, „The Guardian“ und „The Daily Telegraph“ ehrten nach seinem Tod die herausragende Persönlichkeit unter anderem mit dem Hinweis, dass Hunderttausende, ohne Kurt Mays Namen zu kennen, für seinen Einsatz um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung tief in seiner Schuld stünden. Dabei galten Mays Bemühungen nicht nur den jüdischen NS-Opfern. Dank seiner Initiative und der umfangreichen Forschungs- und Beweisbemühungen der URO gelang es, die „rassisch“ begründete Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten ab 1935 nachzuweisen und damit 1963 die bisherige Rechtsprechung in der Bundesrepublik zu korrigieren.

Fanny Möhring (1890–1964)

Fanny Möhring wurde am 20. Juni 1890 in Lemberg als Tochter des Brandmeisters Jakob Mandel geboren. Nach dem Schulbesuch in Lemberg und ihrer Heirat 1917 mit dem Zahnarzt Heinrich Möhring (1885–1951) kam sie mit der erstgeborenen Tochter Hildegard (geb. 1918) nach Jena. Der Dentist Heinrich Möhring betrieb hier seit 1912 eine angesehene Zahnarztpraxis. In den folgenden Jahren kamen die Kinder Anneliese (geb. 1926), Detlef (geb. 1927) und Dorothea (geb. 1930) zur Welt, die evangelisch getauft und erzogen wurden. Auch Fanny Möhring war zum evangelischen Glauben übergetreten. Dennoch setzte aufgrund der jüdischen Vorfahren der Mutter nach der national- sozialistischen Machtübernahme für die Familie eine schwere Leidenszeit ein. Mit großer Bestürzung erfuhr die 17-jährige älteste Tochter Hildegard erst 1935 aus einer im Schaufenster des Albrecht-Dürer-Hauses, Löbderstraße 12, angebrachten Liste über den jüdischen Hintergrund ihrer Familie. Der Besitzer des Kunstgewerbegeschäftes, Willy Bättenhaußen, NSDAP-Mitglied seit 1932, hatte eine solche Liste mit den Namen jüdischer Geschäftsleute zur „Warnung vor Kontakten mit Juden“ öffentlich ausgestellt. Die Zahnarztpraxis des Vaters wurde danach boykottiert. Die vier Kinder, die nach den  Nürnberger Gesetzen als „Halbjuden“ galten, wurden ausgegrenzt, benachteiligt und verfolgt. Hildegard Möhring trat aus dem BDM aus und verließ nach Schikanen das Lyzeum. Auch ihre Mitgliedschaft im 1. Sportverein musste sie aufgeben. Die anderen Geschwister durften ebenfalls keine höhere Schule besuchen und wurden in ihrer Berufswahl behindert. Der am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetretene Heinrich Möhring musste 1934 als „jüdisch Versippter“ die Partei wieder verlassen. Seine Praxis nahm schweren wirtschaftlichen Schaden, ihm war die Behandlung von Beamten und Kassenpatienten untersagt. Wie Fanny Möhring berichtete, setzte man ihren Ehemann von allen Seiten unter Druck. Er stand jedoch seiner Frau treu zur Seite. Bei den Festnahmen in der Pogromnacht zum 10. November 1938 wurde auch Fanny Möhring verhaftet. Nach ihrer Freilassung stand sie unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Sie unterlag allen antijüdischen Schikanen und Verfolgungsmaßnahmen, hatte Ausgehverbot, durfte das Theater nicht besuchen und nur in bestimmten Geschäften und nur zu bestimmten Zeiten ihre Einkäufe erledigen. Auch war es ihr untersagt, bei Alarm einen Luftschutzkeller aufsuchen. Die Tochter Hildegard Möhring, die als Stenotypistin unter anderem bei der Bauhütte Saale-Ilmtal, dem Architekten Helmuth Weber und schließlich bei ihrem Vater als Kontoristin angestellt war, und ihr „arischer“ Verlobter Werner Hölscher beantragten 1941 die Ehegenehmigung nach dem »Blutschutzgesetz«. Der Rechtsrat der Stadt, Dr. Arno Schüler, wies die Verlobten darauf hin, „daß sie mit einer Genehmigung der Eheschließung nicht rechnen können“. Obwohl die eingeholte Stellungnahme des Ortsgruppenleiters der NSDAP, Alfred Jüttner, über die Familie Möhring nichts Nachteiliges ergab und er auch die politische Teilhabe durch Mitgliedschaften bei der HJ, BDM, DAF anerkannte, gab er ein ablehnendes Urteil: „Bei allem, was für die Familie Möhring sprechen könnte, so kann ich eine Eheschliessung […] nicht befürworten, da sie den Zielen der Partei zuwiderläuft. Bei einer ehelichen Verbindung muss mit Kindern gerechnet werden. Es werden also sogenannte Bastarde geboren, was wir eigentlich schon von vornherein verhindern wollen, um zu einer reinen Rasse zu kommen“ (StadtAJ, D Ih 9, Bl. 136). Erst nach dem Ende des Nationalsozialismus konnte die Ehe geschlossen werden. Im Oktober 1944 wurde der Sohn Detlef Möhring, im Januar 1945 der Ehemann Heinrich verhaftet und beide zur Zwangsarbeit verpflichtet. Detlef Möhring schuftete beim Bunkerbau in Leuna, Heinrich Möhring arbeitete im Lager Wommen und kam erst mit dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 frei. Im Januar 1945 wurde auch Fanny Möhring verhaftet und mit dem letzten Transport aus Thüringen am 31. Januar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Im Lager trug sie die Häftlingsnummer 153-XVI/5. Fanny Möhring gehörte zu den Überlebenden und konnte im Juni 1945 zu ihrer Familie zurückkehren. Nach dem Krieg erhielt sie die Anerkennung als Opfer des Faschismus. Für ihre Angaben bürgten  Erna Oswald und Amalie Kühnhold, die beide ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden waren. Fanny Möhring starb am 1. Mai 1964 in Jena.

Rudolph Moritz (1822–1902)

Rudolph Moritz wurde am 28. April 1822 in Wehlau als Sohn des jüdischen Handelsmannes Kaspar Daniel Moritz und Charlotte Hanna Moritz, geb. Joachimsthal, geboren. Sein Bruder, der Weimarer Hofbankier Hermann Moritz (1820–1885), war mit einer Tochter des Hofbankiers Julius Elkan verheiratet und führte das Bankhaus Elkan in Weimar. Die langjährigen Beziehungen des Bankhauses nach Jena und die Aufforderungen der Jenaer Klientel, endlich eine ständige Vertretung der Firma in Jena zu etablieren, führten 1857 zur Begründung einer Jenaer Filiale. Über das Konzessionsgesuch von Hermann Moritz, welches zunächst mit dem Erwerb des Bürgerrechts verbunden war, hatte der Gemeinderat zu entscheiden. Insbesondere der Buchhändler Frommann war es, der seine Bedenken in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht auch schriftlich formulierte. Vom Großherzoglichen Direktor des II. Verwaltungsbezirkes wurde im März 1857 entschieden, Hermann Moritz die Konzession zur Betreibung eines Bankiergeschäfts in Jena unter der Voraussetzung des Bürgerrechtserwerbs zu erteilen. Die besondere Bedingung des Gemeinderates allerdings, das Bürgerrecht nur dann zu erteilen, wenn Hermann Moritz das Bankgeschäft auch in eigener Person in Jena betreibe, wurde wenig später von der Weimarer Behörde als unzulässig und unstatthaft erklärt, so dass der bereits am 31. März 1857 ausgestellte Bürgerschein diesbezüglich geändert werden musste. Unter der Bezeichnung „Julius Elkan in Weimar“ wurde das Bankhaus als erste Firma mit jüdischen Inhabern im Jenaer Handelsregister eingetragen. Rudolph Moritz, der seit 1854 zum Bankhaus Elkan gehörte, übernahm die Leitung der Niederlassung Jena, ab 1885 war er ihr Inhaber. Er war mit Ida Kornmann (1833–1899) verheiratet, die aus einer in Kötschau bei Jena ansässigen Familie stammte. Das Ehepaar hatte die beiden Söhne Richard und Paul. Rudolph Moritz, der das Bürgerrecht der Stadt 1871 erworben hatte, nahm am öffentlichen Leben der Gemeinde teil. So gehörte er 1886 zum Vorstand des neu gegründeten Jenaer Verschönerungsvereines. Das Wohn- und Geschäftshaus Johannisstraße 17 befand sich seit 1871 im Besitz der Familie, außerdem besaß sie ein Grundstück am Forst. Infolge des hohen Alters des Firmeninhabers, Rudolph Moritz war inzwischen 79 Jahre alt, wurde die Firma Julius Elkan zum 1. Juli 1901 in Jena aufgelöst. Am 29. November 1902 starb Rudolph Moritz in Jena. Das Bankhaus Elkan in Weimar bestand bis 1905.

Richard Moritz (1872–1937)

Der Sohn Richard Emil Moritz wurde am 17. August 1872 geboren und evangelisch getauft. Nach dem Abitur am hiesigen Gymnasium absolvierte er ein juristisches Studium in München, Berlin und Jena und legte vor dem Oberlandesgericht Jena 1895 bzw. 1898 die I. und II. Juristische Staatsprüfung ab. Seine Dienstlaufbahn ab 1899 führte ihn über die Amtsgerichte Jena, Ostheim, Kaltennordheim und die Staatsanwaltschaft Eisenach. 1899 vertrat er noch als Gerichtsassessor die Rechtsanwaltschaft des erkrankten  Max Strupp. Ab 1. Januar 1903 bis zu seinem Ruhestand 1937 war er als Amtsrichter in Jena eingesetzt, lediglich unterbrochen von einer Tätigkeit als Hilfsrichter am Oberlandesgericht von November 1923 bis Juli 1925. Der Titel „Amtsgerichtsrat“ war ihm 1913 verliehen worden. Richard Moritz gehörte seit 1903 der Nationalliberalen Partei an, war Mitglied des Deutschen Flottenvereins und im Weimarischen, später Thüringischen Richterverein organisiert. Im November 1919 heiratete er in Labehn (Pommern) die aus Bergensin stammende Gutsbesitzertochter Paula Sonntag (1893–1973), mit der er einen gemeinsamen Sohn hatte. 1927 erhielt er die Genehmigung zur Unterrichtserteilung an der höheren Polizeischule in Jena. Vier Jahre später bewarb er sich als dienstältester Richter, allerdings erfolglos, um die freiwerdende Direktorenstelle am Amtsgericht. Nach über 30-jähriger Diensttätigkeit, kurz vor der Pensionierung stehend, war auch Richard Moritz im Zuge der Durchführung des „Gesetz(es) zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aufgefordert, einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Die Angaben zu den eigenen Eltern und Großeltern ließ er zunächst unbeantwortet, da er bereits vor 1914 als Beamter eingestellt war. Der von anderer Hand in Bleistift gemachten Bemerkung „Jude!“ folgten Nachforschungen zu seiner Abstammung. Im Herbst 1935 teilte er die geforderten Nachweise zur Herkunft seiner Eltern mit. Da nur zwei Großelternteile, nämlich die Eltern von Rudolph Moritz, jüdischer Abstammung waren, und er zudem mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet war, wurden keine Maßnahmen gegen ihn eingeleitet. Die Beurteilung seiner dienstlichen Leistungen und Befähigungen durch den Landgerichtspräsident Max Zeunert lautete wie folgt: „Amtsgerichtsrat Moritz ist der beste Zivilrichter in meinem Bezirk, besonders im Grundbuch- und Zivilrecht beschlagen. Seine Urteile sind stets sorgfältig und gewissenhaft begründet, seine Meinung stets vertretbar. […] Führung und Charakter sind untadelig. Er leidet jetzt wohl darunter, daß er nicht rein arischer Abstammung ist. Politisch von jeher zurückhaltend erfüllt er die Verpflichtungen, die ihm der nationalsozialistische Staat auferlegt, anstandslos.“ (ThHStAW, Personalakten aus dem Bereich Justiz Nr. 8228, Bl. 5 v). Oberlandesgerichtspräsident Becker schätzte ihn und seine Tätigkeit am Oberlandesgericht abschließend ein: „Wenn seine Leistungen auch durchaus angesprochen haben, so ließen sie ihn doch nicht zum Oberlandesgerichtsrat geeignet erscheinen. Seine Gründlichkeit verführt ihn manchmal zur Umständlichkeit. Als Zivilrichter beim Amtsgericht Jena hat er seinen Posten jedoch stets voll ausgefüllt. Er tritt Ende des Jahres 1937 in den Ruhestand. Er lebt sehr zurückgezogen, wohl mit Rücksicht darauf, daß er jüdischer Mischling ist. Sonst ist gegen ihn nichts einzuwenden.“ (ThHStAW, Personalakten aus dem Bereich Justiz Nr. 8228, Bl. 5 v). Zum 1. Oktober 1937 trat Richard Moritz mit dem Erreichen der Altersgrenze und einer Gesamtdienstzeit von 42 Jahren in den Ruhestand. Bereits knapp drei Monate später, am 28. Dezember 1937, starb er in Jena. Im Januar 1938 wurde er auf dem Nordfriedhof in der Familiengrabstätte der Eltern beigesetzt. Die Grabstätte der Familie Moritz ist bis heute erhalten geblieben, allerdings ist das von dem Bildhauer Otto Späte geschaffene Grabdenkmal stark verwittert.

Alfred Muscatblatt (1885–1948)

Alfred Bernhard Muscatblatt wurde am 28. November 1885 in Jena geboren. Seine Eltern, der Kaufmann Hirsch David Muscatblatt und Ruchla Muscatblatt, geb. Ohrring, waren erst wenige Monate zuvor nach Jena gezogen. Im Verzeichnis der in Jena ansässigen jüdischen Steuerzahler zur Besoldung des großherzoglichen Landesrabbiners wurde der Vater für die Jahre 1886 und 1887 erfasst. Im Juli 1886 erbat der Weißwarenhändler Hirsch Muscatblatt, der seit 1885 auch eine Feuerversicherungsagentur betrieb, einen Gewerbeanmeldeschein für seine Frau Ruchla. Die Ehefrau führte dann selbständig einen Handel mit Wollwaren und Strümpfen sowie Schnitt- und Weißwaren, während er selbst am Aufbau einer Existenz für seine Familie anderenorts arbeitete und um 1888 Frau und Kind nachholte. Hirsch Muscatblatt war später als Auktionator in Leipzig tätig und um die Jahrhundertwende Vorsitzender des Israelitischen Handwerkervereins in Leipzig. Nach Schulbesuch und Lehre erwarb der Sohn Alfred Muscatblatt einen Abschluss als Elektromeister und gründete 1914 ein Installationsgeschäft in Leipzig. 1927 heiratete er die Leipzigerin Margarete Lochmann (1898–1978), die zum jüdischen Glauben übergetreten war. Als angesehener jüdischer Handwerksmeister gehörte Alfred Muscatblatt der Leipziger Innung der Elektroinstallateure an und prägte maßgeblich den Verein selbständiger jüdischer Handwerker zu Leipzig bis zu dessen Auflösung 1938. Zudem war er führendes Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Zentralverbandes Jüdischer Handwerker Deutschlands. Als einer der wenigen Leipziger jüdischen Handwerksmeister konnte er Lehrlinge aufnehmen und ausbilden. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich jedoch die Wirtschaftslage seines Betriebes dramatisch, insbesondere durch die allgemein fehlende Berücksichtigung jüdischer Betriebe bei Auftragsvergaben, so dass 1931 ein Konkursverfahren gegen ihn angestrengt wurde. Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten fiel am 1. April 1933 auch sein Geschäft unter die Boykott-Aktion. Wenige Tage nach der Pogromnacht 1938 wurde Alfred Muscatblatt am 13. November durch die Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Mit der »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« musste die Ehefrau den Installationsbetrieb zum 31. Dezember 1938 schließen. Ein Verkauf des Geschäftes wurde untersagt, so dass die Familie nach 25-jähriger Selbständigkeit wirtschaftlich ruiniert war. Schwer an Diabetes erkrankt, kehrte Alfred Muscatblatt am 2. Januar 1939 aus Sachsenhausen zu seiner Frau zurück. Als Jude und Sternträger – im Geburtsregister des Standesamtes Jena wurde 1938 die Führung des Zwangsvornamens Israel eingetragen – litten er und seine treu zu ihm stehende Ehefrau unter allen Maß- nahmen der Ausgrenzung und Verfolgung. Im Dezember 1939 war das Ehepaar gezwungen worden, seine Wohnung in Gohlis zu verlassen und in ein  „Judenhaus“ einzuziehen. Es folgten Haussuchungen durch die Gestapo und über die nächsten Jahre ständig angeordnete weitere Umzüge, die der Familie immer wieder Geld und viel Kraft abforderten. Hinzu kam der Entzug wichtiger Lebensmittel für Alfred Muscatblatt; nach Kürzung der Lebensmittelkarten und Sperrung der Krankennahrung stellte die Ehefrau ihrem zuckerkranken Mann ihre eigene Fett- und Nährmittelration zur Verfügung. Ab 1940 bis Kriegsende musste Alfred Muscatblatt auf Anordnung des Arbeitsamtes als „ungelernter Hilfsarbeiter“ in einer Elektrowerkstatt Zwangsarbeit leisten. Im Dezember 1943 wurde das Ehepaar in der Packhofstraße 1, einem Leipziger  „Judenhaus“, ausgebombt. Tagelang blieben die Muscatblatts ohne Unterkunft, bis ihnen schließlich ein durch eine Pappwand abgegrenzter Schlafraum in einer Wohnung zugewiesen wurde, in der bereits sieben Familien untergebracht waren. Zum 13. Februar 1945 erhielt Alfred Muscatblatt den Bescheid zur Deportation nach Theresienstadt. Margarete Muscatblatt gelang es unter größtem Einsatz, zahlreicher persönlicher Vorsprachen und Beibringung von Attesten zu erreichen, dass seine Deportation auf vier Wochen zurückgestellt wurde und rettete damit das Überleben ihres Mannes. Bald nach der Befreiung erkrankte Alfred Muscatblatt schwer an Lungentuberkulose. Sein unterernährter Körper konnte der Krankheit keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Alfred Muscatblatt, der nach der Befreiung 1945 dem Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig angehört hatte, starb am 2. April 1948 in einem Sanatorium in Sülzhayn (Südharz) und wurde auf dem Leipziger Neuen Israelitischen Friedhof beigesetzt. Beide Brüder Alfred Muscatblatts wurden Opfer des Holocausts. Sein Bruder Arnold, 1889 in Leipzig geboren, wurde im November 1938 nach Buchenwald verbracht und kam dort noch im gleichen Monat ums Leben. Sein Bruder Max, 1892 in Leipzig geboren, und dessen Familie wurden 1944 nach Auschwitz deportiert.