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Gefundene Objekte: 153

K

Leo Karlsruher (1889–1940) und Anna Orlamünder (1896–1945)

Leo Karlsruher (geb. 1889) und die „Nichtjüdin“ Anna Orlamünder (geb. 1896 in Grana bei Zeitz) hatten einen Sohn Eberhard (geb. 1931) Die Nationalsozialisten bekämpften die Beziehung des unverheirateten Paares mit ihren Rassegesetzen. Das Schimpfwort dafür hieß „Rassenschande“. Leo wurde 1935 verhaftet und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Als 45-jähriger hatte gerade seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter im Kaufhaus Hermann Tietz ( später „Hertie“) verloren. Nach der Haftzeit bekam er eine Arbeit in der Firma Halpert & Co. Im Mai 1938 wurde er erneut verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Er kam dort 1940 im Alter von 51 Jahren ums Leben. Anna Orlamünder starb bei einem Luftangriff auf Gera 1945. Eberhard Orlamünder überlebte. Es gab einen Kontakt zu ihm noch 2010.
Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor der Wohnung von Anna Orlamünder.

Wilhelm Koch (1899–1986)

Wilhelm Koch war Sohn des evangelischen Pfarrers von Berstadt, heute Gemeinde Wölfersheim im oberhessischen Wetteraukreis. Er besuchte hessische Gymnasien, bekam aber sein Abitur erst zugesprochen, nachdem er vom Heeresdienst im Ersten Weltkrieg als Feldwebel zurückgekehrt war. Sein Theologiestudium absolvierte er in Heidelberg und Gießen, für ein halbes Jahr unterbrochen durch einen Einsatz als freier Helfer in der Diakonieanstalt Bethel. Nach dem ersten Examen besuchte er das Predigerseminar im hessischen Friedberg. Vor dem Landeskirchenamt in Darmstadt legte er sein zweites Examen ab. Im oberhessischen Lißberg wurde er Vikar und dort 1924 zum Pfarrer ordiniert. Die dortige Pfarrstelle hatte er ein Jahr inne, danach wurde er zum Pfarrassistenten in Worms und wenig später im rheinland-pfälzischen Mainz ernannt. Die ungünstigen Aussichten einer Anstellung in seiner Hessischen Heimatkirche wie auch schlechte Wohnverhältnisse drängten den jungen, eben verheirateten Pfarrer, sich um eine Pfarrstelle in Thüringen zu bewerben, die er im Juli 1926 in Sulzbach antrat, wo er im September zum Ortspfarrer gewählt und im Oktober in sein Amt eingeführt wurde. Seine Tätigkeit als Pfarrer in Sulzbach wurde zum einzigen Kampf gegen die Herrschaft der Deutschen Christen (DC) in seiner Kirchengemeinde. Sein stärkster Widerpart war Werner Lindner, der Lehrer und Ortsgruppenleiter der NSDAP von Herressen. Seine stärkste Unterstützung fand er außer seiner Ehefrau in dem Evangelischen Frauenkreis, deren weibliche Mitglieder, über 200 an der Zahl, sich namentlich als Mitglieder der Bekennenden Kirche einschrieben. Auf Dauer mussten sie freilich dem politischen Druck erliegen, da bereits die Evangelische Amtskirche völlig von den Vertretern der DC beherrscht wurde.
Nach einem vierwöchigen Gefängnisaufenthalt im Apoldaer Amtsgerichtsgefängnis wurde er in einer Gemeinschaftsaktion von der Gestapo und Landeskirchenamt aus Thüringen verwiesen. Er musste zunächst seine Frau und die fünf Kinder zurücklassen, bis diese nach einigen Wochen ebenfalls die Reise zu ihrem Familienoberhaupt antreten konnten, der in der badischen Gemeinde Adelshofen wieder sein Pfarramt ausüben konnte bis zur Pension.

Familie Katz

Adolf und Meta Katz, geb. Schwab, haben mindestens vierzehn Jahre in Themar gelebt, weil alle ihre zwölf Kinder dort geboren wurden. Adolf Katz wurde in Bibra geboren wurde, einem Dorf westlich von Themar, in dem es viele Familien mit dem Namen Katz gegeben hat. Seine Eltern waren Ludwig Katz und Hannchen Katz, geb. Stoll. Meta Schwab wurde in Rimpar geboren und sie hat Adolf im Jahr 1887 geheiratet. Ihr erstes Kind, Hedwig, wurde 1888 in Themar geboren aber verstarb kurz nach der Geburt. Danach, zwischen den Jahren 1889 und 1903, wurden noch elf Kinder geboren, dank dem Familienregister sind fast alle Namen bekannt. Es ist anzunehmen, dass diese Kinder ihre Schulbildung in Themar anfingen und Martha und Elke sogar möglicherweise ihren Schulabschluss in Themar machten. Leider lässt sich nicht sagen, wo genau in Themar die Familie Katz gewohnt hat. Adolf Katz war Textilhändler, wie es in der Themarer Zeitung annonciert ist. Die einzigen Spuren im Stadtarchiv sind die Namensänderunganträge, die Martha, Elka, Bettina und Josef. Ende 1938 beim Standesamt in Themar eingereicht hatten. Jüdische Menschen wurden in jener Zeit gezwungen „Sarah“ und „Israel“ als den zweiten Vornamen hinzuzufügen. Die Familie verließ Themar irgendwann nach der Geburt von Irma und ist nach Meiningen gezogen. Mit der Zeit zogen einige der Kinder in andere deutsche Städte. Martha heiratete und zog nach Frankfurt am Main. Drei ihrer Geschwister — Elka, Bettina und Josef — zogen nach Dessau in Sachsen-Anhalt. Elka Katz heiratete Berthold Goudsmid aus Dessau in Sachsen-Anhalt. Sie hatten zusammen ein Textilunternehmen. 1930 erwarben sie ein Grundstück in der Franzstraße 47. Ihre Tochter Ruth Goudsmid wurde 1922 mit einer geistigen Behinderung geboren und wurde in die Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz bei Berlin geschickt. Elkas Schwester Bettina und ihr Bruder Joseph zogen bei ihrer Schwester ein, die in der Franzstraße 47 wohnte, und halfen sowohl in dem Unternehmen als auch mit dem Haushalt. 1936 heiratete Irma Katz Berthold Maurits Zuikerberg aus Holland und zog mit ihm in seine Heimatstadt Winschoten. Bettina Katz nahm sich im Juni 1939 das Leben und es kann davon ausgegangen werden, dass es eine Verzweiflungstat nach der Reichspogromnacht (Kristallnacht) war. Ihre Geschwister und deren Familien wurden ermordet. Martha Hahn (geb. Katz) wurde am 11. oder 12. November 1941 von Frankfurt am Main ins Ghetto Minsk deportiert. Sie gehörte zu den ersten Juden und Jüdinnen, die aus Deutschland ins besetzte Polen deportiert wurden. Elka Goudsmid (geb. Katz) wurde am 13. April 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Ihre Tochter Ruth wurde mit der Gruppe anderer Kinder von Beelitz am 13. Juni 1942 nach Sobibor deportiert. Joseph Katz, dem es Anfang 1939 gelang nach Frankreich zu fliehen, wurde am 10. August 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Irma Zuikerberg (geb. Katz) und ihr Ehemann Berthold Maurits Zuikerberg wurden am 06. Juli 1943 von Westerbork nach Sobibor deportiert. Sie wurden am 09. Juli 1943 in Sobibor Vernichtungslager ermordet. Am 27. Oktober 2011 wurden vor dem Gebäude in der früheren Franzstraße 47 (heute Franzstraße 111–115) Stolpersteine verlegt, um die vier Mitglieder der Familie Katz zu ehren, die hier gelebt hatten. Elka Goudsmit (geb. Katz) und ihre Tochter Ruth Goudsmid, Bettina Katz und Joseph Katz.

Minna Kahn (1860–1922)

Minna Kahn wurde am 10. April 1860 in Berlin als Tochter des jüdischen Kaufmanns Hirsch Meyer und dessen Ehefrau Rosa Meyer geboren. Sie war mit dem 1857 in Eschwege geborenen Jakob Kahn verheiratet. Die Familie wohnte zunächst im Rheinland, wo ihre Tochter Henny 1887 in Bonn und der Sohn Dagobert 1888 in Neuwied zur Welt kamen. 1908 ist die Familie in Düsseldorf, aus Essen kommend, nachweisbar. Der Geschäftsmann Jakob Kahn verstarb dort im Dezember 1912. Seine Witwe Minna und die ledige Tochter Henny Kahn kamen im September 1913 nach Jena, wo der Sohn Dagobert Kahn bereits seit einem Monat lebte. In seinem im September 1913 gestellten Antrag auf Erteilung des Bürgerrechts gab er an, bei der Firma  Adolph Behrendt als Geschäftsführer angestellt zu sein und sich zur israelitischen Konfession zu bekennen. Der Gemeinderat genehmigte sein Gesuch um vorzeitigen Erwerb des Bürgerrechts im März 1914. Im Weltkrieg, an dem Dagobert Kahn ab August 1914 teilnahm, gehörte Minna Kahn 1916 zu den Unterzeichnerinnen eines Aufrufs für die Kriegsspende „Deutscher Frauendank“. 16 000 Frauenvereine in ganz Deutschland hatten sich zusammengeschlossen, um durch eine gemeinsame Stiftung den Familien der gefallenen und schwerverwundeten Kriegsteilnehmer beistehen zu können. Der hierzu geschlossene „Nationale Frauendienst Jena“ bestand aus zwölf Frauenvereinigungen, darunter auch den „Israelitischen Frauen Jenas“, vertreten durch Minna Kahn. Die Tochter Henny Kahn arbeitete während der Kriegsjahre, als Frauen dringend in Wirtschaft und Verwaltung gebraucht wurden, als Kontoristin und Meldeamtsgehilfin. Etwa 1922 verließ sie Jena. Minna Kahn starb hier am 10. Oktober 1922 im 63. Lebensjahr. Dagobert Kahn lebte nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin und Bremerhaven. Im November 1938 wurde er im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. 1943 erfolgte seine Deportation von Berlin nach Theresienstadt, am 9. Oktober 1944 wurde er im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Harry Korn (1894–1917)

Harry Korn wurde am 29. Januar 1894 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Eberswalde geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Sally Korn und Martha Korn, geb. Cohn. Nach dem Abitur 1912 in Berlin und dem Beginn des Studiums an der Friedrich-Wilhelms-Universität wurde Harry Korn am 28. April 1914 in der Fachrichtung Philologie an der Jenaer Universität immatrikuliert. Der junge Student, zur Untermiete bei der Oberförsterwitwe Margarethe Braune in der Johannisstraße wohnend, besuchte 1914/15 Vorlesungen bei den Professoren Wilhelm Rein und Georg Goetz, bis er im August des Kriegsjahres 1915 zum Heer einberufen wurde. Als Gefreiter im Königlich Preußischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 82 nahm er 1916 an den Schlachten bei Verdun und an der Somme und 1917 an den Kämpfen in Flandern teil. Hier wurde der 23-Jährige am 29. Juli 1917 auf einem Patrouillengang bei Klein Zillebeke durch Minenfeuer tödlich verwundet. Da beide Elternteile bereits verstorben waren, teilte am 8. September 1917 seine Schwester Elise Korn der Universität die Todesnachricht mit. Nach ihren Angaben war ihr Bruder Harry für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet worden. Sechs Jahre nach Kriegsende beschloss der Große Senat der Universität Jena die Anfertigung einer Ehrentafel zum Gedächtnis an die im Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Universität. Am 21. Juni 1925 konnten sechs Gedenktafeln mit den Namen von 502 Gefallenen in der Wandelhalle des großen Universitätsinnenhofes feierlich enthüllt werden. Auf einer dieser Platten ist auch der Student und Gefreite Harry Korn verzeichnet. Gleichfalls ist sein Name (wie auch der von  Albert Herz) im vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten herausgegebenen Gedenkbuch „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914–1918“ aufgenommen.

Susanna Kühn (1904–1951)

Susanna Kühn wurde am 23. Juli 1904 als Susanna Neuhäuser in München geboren. Ihre Eltern, der Kaufmann Martin Neuhäuser und Bertha Neuhäuser, geb. Kahn, ließen die Tochter katholisch taufen. Nach zehnjährigem Schulbesuch begann das junge Mädchen eine Lehre als Zahntechnikerin bei dem Münchner Zahnarzt Dr. Blumenreich. Am 28. Juli 1928 heiratete sie den aus Jena stammenden Ingenieur Hans Gustav Kühn (1902–1978). Aufgrund des beruflichen Wechsels des Ehemannes siedelte das Ehepaar 1930 nach Mülheim / Ruhr und 1931 nach Duisburg über. Dank der Einstellung des dortigen Hausbesitzers konnte die Familie trotz aller Anfeindungen und Schwierigkeiten bis 1944 in der Duisburger Wohnung Lotharstraße 114a verbleiben. Seit der Geburt ihrer Zwillinge im Jahr 1940 war Susanna Kühn kränklich, fortan stand ihr die Mutter Bertha hilfreich zur Seite. Der Abtransport der 65-jährigen Mutter 1942 nach Theresienstadt und deren Tod 1944 im Konzentrationslager bedeutete einen schweren Schlag für die Familie. Am 17. September 1944 wurde Susanna Kühn verhaftet und zunächst in das Lager Zeitz der Organisation Todt verschleppt, wo sie als jüdischer Häftling der Aufsicht der Gestapo unterstand. Fünf Monate später, am 12. Februar 1945, kam sie auf Transport und wurde nach fünftägiger Fahrt im verschlossenen Güterwagen nach Theresienstadt verbracht. Dort musste sie – wie  Lotte Pariser – als Glimmerspalterin arbeiten. Bereits ab Januar 1945 leistete ihr Ehemann Hans Kühn als „jüdisch Versippter“ im Lager Odawerk in Blankenburg / Harz Zwangsarbeit. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Theresienstadt konnte Susanna Kühn zusammen mit  Amalie Kühnhold und  Erna Schrade am 29. Mai das Lager verlassen und gelangte mit ihnen im Juni nach Jena. Dort fand sie ihre Familie, von der sie bis dahin ohne Nachricht geblieben war, am Oberen Philosophenweg im Haus der Schwiegermutter Hedwig Kühn wieder. Susel, wie sie sich auch selbst nannte, war eng mit  Grete Körner befreundet. Grete Körner und Amalie Kühnhold bürgten auch für die Richtigkeit ihrer Angaben im Verfahren zur Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes. Schwer erkrankt verstarb Susanna Kühn am 29. Mai 1951 in Jena. Ihre Grabstätte auf dem Jenaer Nordfriedhof – auf dem Stein befand sich auch eine Erinnerung an ihre Mutter – ist nicht erhalten.

Gisela Kühnhold (1899–1970)

Gisela Kühnhold wurde am 18. Januar 1899 in München geboren, ihre Eltern waren Leopold und Sidonie Monschein. 1922 heiratete sie in München den Optiker Ernst Kühnhold (1898–1959), der in Jena bei der Firma Zeiss eine Lehre absolviert hatte und seit 1918 in München arbeitete. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Ernst Kühnhold war als Mitglied der USPD und später der KPD in den 1920er Jahren politisch aktiv. Nachdem er 1932 seine Arbeit verloren hatte, entschloss sich die Familie, im Frühjahr 1934 nach Jena zurückzukehren, wo Ernst Kühn- hold erneut Anstellung bei Zeiss fand. Aufgrund der „jüdischen Abstammung“ Gisela Kühnholds litt die Familie unter den einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen. Die Unduldsamkeit der Hauswirtin hatte eine Mieträumungsklage zur Folge, so dass die Familie 1938 ihre Wohnung verlor. Im August 1944 wurde Gisela Kühnhold, die Sternträgerin war, für sechs Wochen im Gestapogefängnis Weimar inhaftiert. Ihr Ehemann Ernst, aufgrund seiner jüdischen Frau als „wehrunwürdig“ eingestuft, musste ab 15. Oktober 1944 im Lager der  Organisation Todt bei Halle-Weißenfels Zwangsarbeit leisten; erst im April 1945 kam er nach Jena zurück. Gisela Kühnhold war in der Zwischenzeit zusammen mit  Betty Obst, Fanny Möhring und anderen Jenaer Frauen am 31. Januar 1945 in das Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert worden. Die Wohnung der Kühnholds wurde laut Anweisung der Gestapo evakuiert und mit sämtlichem Inventar anderen Personen überlassen. Die siebenjährige Tochter kam in die Obhut fremder Leute. Gisela Kühnhold gehörte zu den Überlebenden und konnte im Juni 1945 zu ihrer Familie zurückkehren. Sie erhielt die Anerkennung als Opfer des Faschismus. Ernst Kühnhold verstarb 1959 in Jena. Seine Witwe Gisela verzog 1963 nach Gera, wo sie am 17. Juli 1970 starb.

L

Alfred Lichtenstein (1897–1978)

Alfred Lichtenstein war der Sohn von Pfandleih-Kaufmann Hermann Lichtenstein und seiner Frau Toni. Sie unterhielten in Apolda eine Filiale des Abzahlungsgeschäfts Blumentritt. Ein Jahr später kam seine jüngere Schwester Taube zur Welt, die später in Apolda den Vornamen Gertrud annahm. Alfred erlernte in Eisenach bei Schneidermeister Kirstein den Beruf des Schneiders, den er bei Schneidermeister Johannes Linker am Markt ausübte.
Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Heer eingezogen, schloss dort Freundschaft mit dem Kriegskameraden Paul Dietrich, einem Lederhändler aus Oettersdorf. 1930 heiratete er die nichtjüdische Gertrud Heinecke. 1931 wurde Sohn Frank geboren, und 1934 Tochter Eva.
Durch den Naziboykott kam sein Schneiderei-Geschäft in Schwierigkeiten. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde seine Wohnung demoliert, Betten und Möbel auf die Straße geworfen. Er wurde in das KZ Buchenwald deportiert und im Dezember 1938 entlassen. Durch seine nichtjüdische Ehefrau blieb er einige Zeit vor der Deportation verschont, während seine Schwester Taube 1942 ermordet wurde.Er wurde zur Zwangsarbeit bei Erdarbeiten an der Saaletalsperre eingesetzt. Während dieser Zeit musste seine Frau mit den beiden Kindern im Judenhaus Bernhardstraße 14 wohnen. Nachdem sich Alfred während der Zwangsarbeit verletzt hatte, musste er bei der Apoldaer Firma Günther Drillichhosen für die Wehrmacht nähen. Als er sich im Mai 1944 zum Abtransport einfinden sollte, floh er zu seinem Freund Paul in Oettersdorf. In seinem Versteck erlernte er die englische Sprache, um sich auf die Emigration vorzubereiten. Nachdem er von dem stillen Helfer und Freund Harry Burkhardt von Oettersdorf nach Apolda abgeholt wurde, eröffnete er eine Kleiderkonfektion in der Karl-August-Straße. Seine Kinder gingen nach Westdeutschland und von dort nach den USA. 1946 zog er mit seiner Frau zu den Kindern.

Frank Lichtenstein (1931–1978)

Frank war Lehrer geworden und unterhielt jahrelang Kontakte zur in Apolda lebenden Familie Heinecke, aus der seine Mutter stammte. Darauf wurde ich aufmerksam gemacht, als er wieder einmal in Apolda zu Besuch weilte. Im Juli 1988 führte ich mit ihm ein kurzes Gespräch und erfuhr, dass Vater Alfred 1949 zu ihm nach Chicago gezogen war und dort 1978 starb.

Familie Löwenstein

Der Lehrer Hermann (Hirsch) Löwenstein und Jette (Meta, Gejtja) geb. Moses lebten in Jever. Sie hatten die Söhne Richard (1880–1942), Ernst (1881–1974) und Emil (geb. 1884 ). Richard lebte zuletzt in Berlin und wurde von dort aus am 25.01.1942 in das Ghetto Riga deportiert. Ernst war in Oldenburg Rechtsanwalt und Vorsitzender des jüdischen Landesgemeinderates. Emil Löwenstein war seit 1926 verheiratet mit Käthe (1895 in Gera geb. Hauptmann). Sie hatten einen Sohn Heinz Hans Hermann (geb. 1926 in Gera). Seit 1926 war Emil als Kaufmann mit dem Schwiegervater Gustav Hauptmann Teilhaber der Firma Paula Goldschmidt. (Haushalt- und Spielwaren). Emil Löwenstein war ab 30.10.1939 Vorsitzender der Geraer Israelitischen Religionsgemeinde. Seit 10.02.1942 Vertrauensmann der Reichsvereinigung der Juden für Gera. Im Novemberpogrom 1938 wurde er ins KZ Buchenwald gebracht. Nach seiner Rückkehr wurde seine Firma zwangsaufgelöst. Das bedeutete den Verlust der Existenzgrundlage. Seit 1941 mussten sie den Judenstern tragen. Beide Eltern gerieten am 10. Mai 1942 in die endgültige Deportation. Heinz Hermann befand sich bis 1942 im jüdischen Schulinternat („Kinderheim“) Leipzig. Sein Name steht auch dort in der Deportationsliste. Emil war 58, Käthe 46 und Heinz Hermann 15 Jahre alt, als sie ermordet wurden.
Der Stein für Emil Löwenstein, gelegt am 08.04.2009 vor dem Judenhaus Zschochernstr. 32, wurde am 30.07.2010 von Unbekannten ausgegraben, gestohlen und nicht wieder aufgefunden. Die drei Steine für Emil, Käthe und Heinz Hermann wurden am 17.06.2011 am neuen Standort Lessingstraße 1 verlegt, der letzten gemeinsamen Wohnung.

Familie Langer und Zuckerkandl

Wilhelm Viktor Gustav Langer wurde am 3. Januar 1887 in der östlich von Prag gelegenen Vorstadt Königliche Weinberge (Královské Vinohrady) geboren. Sein Vater war Beamter bei der böhmischen Nordbahn. Die Familie Langer lebte in guten bürgerlichen Verhältnissen und Wilhelm verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit in Prag. Nach mit Auszeichnung bestandener Reifeprüfung studierte Wilhelm Langer zunächst Rechtswissenschaften und Nationalökonomie, um in die Eisenbahnverwaltung einzusteigen. Noch während seines Studiums an der juristischen Fakultät begann er, Vorlesungen an der Bauingenieur-Abteilung der Deutschen Technischen Hochschule sowie später an der philosophischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag zu besuchen. In Volkswirtschaftspolitik war Robert Zuckerkandl sein Professor, 1910 wurde Wilhelm Langer zum Doktor der Rechte promoviert. Im selben Jahr lernte er bei einem Kurs die Zeiss Werke und Rudolf Straubel aus Jena kennen und studierte weiter an der Technischen Hochschule Bauingenieurwesen. Während des ersten Weltkrieges tat er seinen Dienst beim Eisenbahnregiment in Korneuburg bei Wien.
Helene Langer, né Zuckerkandl Helene Zuckerkandl, geborene Nothmann wurde am 14. Juli 1888 in Petrópolis (Brasilien, etwa 60 km nördlich von Rio de Janeiro) geboren. Nach der Ermordung ihres Vaters zog die Mutter mit Helene und ihren vier Geschwistern zurück nach Hamburg zu ihrem Schwager. Therese und Robert Zuckerkandl aus Prag, Verwandte der Familie, boten an, die sechsjährige Helene zu adoptieren, da sie trotz Kinderwunsch kinderlos geblieben waren. Helene Zuckerkandl bekam eine vorzügliche Erziehung und Ausbildung, so besuchte sie das deutsche Gymnasium in Prag, das sie mit Auszeichnung abschloss. Von 1908 bis 1913 studierte sie an der philosophischen Fakultät der Deutschen Karl-Ferdinands Universität in Prag Naturwissenschaften (Hauptfach: Pflanzenphysiologie, Nebenfach: physikalische Chemie) und wurde 1912 mit der Dissertation „Die Wirkung der Narkotika auf die Plasmaströmung“ promoviert. 1913 arbeitete sie ein Jahr lang an der Universität Jena bei Prof. Dr. Ernst Stahl. Von 1913 bis 1915 war sie als Assistentin am Pflanzenphysiologischen Institut der Deutschen Universität Prag bei Professor Friedrich Johann Franz Czapek. Wilhelm Langer hatte sie schon während ihrer Gymnasialzeit kennengelernt. Während eines kurzen Urlaubs aus dem Krieg heirateten sie am 16. August 1916 in Prag. Helene Zuckerkandl war im Ersten Weltkrieg teils als Krankenschwester, teils als Bakteriologin tätig. Nach dem verlorenen Krieg entschlossen sich die beiden, Prag zu verlassen. Wilhelm Langer wurde von Rudolf Straubel nach Jena ins Hydrotechnische Büro im Zeisswerk als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Abteilungsleiter berufen und trat 1919 die Stelle an. Das Ehepaar mietete eine Wohnung in der Beethovenstraße 15, ganz in der Nähe zu den Straubels,  denn Marie Straubel war die Tante von Helene Langer. Hier wurden auch ihre drei Kinder, Emma, Herta und Gerhard geboren. 1926 starb überraschend Helenes Vater, Robert Zuckerkandl in Prag. Seine Witwe Therese zog daraufhin zu ihrer Tochter Helene Langer nach Jena und ihrer Schwester Marie Straubel. In Jena nahm Therese Zuckerkandl Kontakt mit Walter Gropius auf, der 1928 nach langem Planen auf einem Grundstück an der Weinbergstraße das Haus bauen ließ. Ende November 1928 zog die Familie Langer in die Gropius-Villa ein, Therese Zuckerkandl folgte im Januar 1929. Nachdem die NSDAP in Thüringen schon früh erfolgreich war, wurde Rudolf Straubel gedrängt, seine Funktionen als Geschäftsleiter der Firmen Carl Zeiss und Schott & Gen. per per 30. September 1933 niederzulegen. In seinem Sinne wirkte Wilhelm Langer weiter. Gerhard, der Sohn von Helene und Wilhelm Langer, der politisch gut informiert war, entschloss sich gemeinsam mit der befreundeten Familie Hermberg 1939 in die USA zu migrieren. Therese Zuckerkandl, die auf die 80 zuging und an Stöcken gehen musste, zog eine mögliche Auswanderung nicht in Betracht und blieb in Jena. Sie musste einen Großteil ihrer Gegenstände, wie etwas Bekleidung, elektrische Geräte etc. und monatlich einen Geldbetrag an die deutschen Behörden überweisen. Am 4. September 1942 wurde ihr der Bescheid über den bevorstehenden „Abwanderungstransport“ nach Theresienstadt zugestellt. Über die Bedeutung war sie sich im Klaren und beging daher am 10. September im Alter von 81 Jahren im Beisein ihrer Tochter Selbstmord durch Einnahme einer Überdosis Veronal. Helene Langer konnte aufgrund ihres nicht-jüdischen Ehemannes vorerst ein relativ sicheres Leben führen, als brasilianische Staatsbürgerin stand sie unter Schutz Brasiliens. Ihre Töchter hatten die Langers in andere Städte ausserhalb Thüringens bringen lassen, beide arbeiteten während des Krieges: Herta als Operationsschwester, Emma als Metallurgin in Berlin. Rudolf Straubel, der sich im hohen Alter wieder mehrfach der Wissenschaft zuwandte, starb am 2. Dezember 1943 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nach seinem Tod wurde seine Frau Marie Straubel, die durch die Ehe bislang geschützt worden war, über ihre bevorstehende Deportation nach Theresienstadt in Kenntnis gesetzt. Auch sie nahm sich am 20. April 1944 im Beisein ihrer Familie selbstbestimmt das Leben. Acht Wochen später wurde auch Helene Langer über den bevorstehenden Abtransport nach Theresienstadt informiert. Nachdem Brasilien durch Eintritt in den Krieg als Feindstaat galt, wurde ihr kein Schutz mehr gewährt. Am 16. Juni 1944 ging Helene Langer auf die Sonnenberge zur Lutherkanzel, kletterte als Bergsteigerin am Steilhang herab und sprang. Wilhelm Langer lebte nach dem Tod seiner Frau weiterhin in Jena, arbeitete weiterhin als Leiter der Zeiss Abteilung Hydrotechnik, bis er mit 75 Jahren in den Ruhestand ging. Seine Tochter Herta wohnte bei ihm und betreute ihn bis zu seinem Tod 1973. Herta starb am 11. Februar 1990, Emma starb ebenfalls an einem Krebsleiden am 23. Juni 1999. Die Zuckerkandl Villa wurde Mitte der 1990er Jahre verkauft, mit dem lebenslangen Wohnrecht für Emma Langer. Die Gropius-Villa ist von den neuen Besitzern mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bis ins Detail restauriert worden. Auch die Innenausstattung und das Mobiliar sind in ihrer ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben. Das Zuckerkandl Haus steht heute in der Liste der Kulturdenkmale in Jena und unter besonderem Schutz. 

Regina Lohse (1925–2017)

Regina wurde am 3. Februar 1925 in Stößen bei Naumburg geboren. Ihre Eltern waren der Sparkassenangestellten Kurt Schwabe und Dora geborene Löwenstein. Als sie etwas über ein Jahr alt war trennten sich ihre Eltern wieder. Und als sie vier Jahre alt war, heiratete Mutter Dora noch einmal, und Regina bekam mit dem Korbmacher Georg Brandmaier ihren eigentlich Vati, der sich liebevoll um seine Tochter kümmerte, die ja gar nicht von ihm abstammte. Nachdem die neue Familie ein zeitlang in Borstel bei Hamburg gelebt hatte, zogen die Brandmaiers nach Apolda. In der Schule wurde sie ausgegrenzt, weil sie eine „Halbjüdin “ war.Im November 1945 heiratete sie Paul Lohse. Sie zogen in das schöne E-Werk-Gebäude am Heidenberg, wo sie dann fast 70 Jahre lebte. Am 23. Juni 2017 verstarb sie

Erich Lichtenstein (1888–1967)

Erich Lichtenstein wurde am 21. März 1888 in Berlin als Sohn eines jüdischen Kohlegroßhändlers geboren. Nach dem Abitur nahm der literarisch Interessierte ein Studium der französischen Philologie, Literatur- und Kulturgeschichte sowie Philosophie in Berlin und Heidelberg auf, unterbrochen von Aufenthalten in München und Paris. Bereits seit 1909 schrieb er Aufsätze und Rezensionen und knüpfte prägende Kontakte zu den Schriftstellern Karl Wolfskehl und Alexander von Bernus. Über Friedrich Gundolf hatte er Zugang zum Kreis um Stefan George. 1915 promovierte er in Heidelberg mit einem Beitrag zur Geschichte der Aufklärung. Nach dem Tod seines Vaters erbte Erich Lichtenstein ein beträchtliches Vermögen, was ihm 1920 eine eigene Verlagsgründung in Jena ermöglichte. Im Handelregister B des Amtsgerichtes Jena erfolgte am 29. Mai 1920 die Eintragung des Verlages „Erich Lichtenstein, Gesellschaft mit beschränkter Haftung“, dessen Zweck der „Betrieb einer Verlagsbuchhandlung sowie Durchführung von Geschäften aller Art auf dem Gebiet des Verlagsbuchhandels, des Buch- und Kunsthandels und des Antiquariats“ war. Der Verlag hatte seinen Sitz Hinter der Kirche 1, weitere Gesellschafter waren Thankmar von Münchhausen und Oscar Müller. Das Verlagsprogramm bot anspruchsvolle Texte in teilweise hochwertiger Buchausstattung aus der Werkstatt Otto Dorfners. Es umfasste Klassikerausgaben (Hölderlin, Droste-Hülshoff, E. T. A. Hoffmann), Sachbücher und vor allem Lyrik (Veronika Erdmann, Walther von Hollander, Ernst Schiebelhuth). Zu den 1920 in Jena erschienenen Werken gehörten eine Ausgabe mit Gedichten von Hölderlin, Heinrich von Kleists Essay „Über das Marionettentheater« und Schleiermachers »Idee zu einem Katechismus der Vernunft für edle Frauen“. 1921 verlegte Lichtenstein in Jena unter anderem den französischen Schriftsteller Anatole France, Gedichte der Lyrikerin Ite Liebenthal sowie Veronika Erdmanns »Die Gedichte vom fremden Leben«, die 1927 in zweiter Auflage unter dem Titel „Lieder vom Fern- und Nahesein“ von der nunmehr mit Hans Czapski (Siegfried Czapski) verheirateten Autorin erschienen. Für die Herstellung seiner Bücher beauftragte Lichtenstein Weimarer und Leipziger Druckereien, lediglich „Das Wesen der neuen Tanzkunst“ von Ernst Blass wurde in der Frommannschen Buchdruckerei (Hermann Pohle) in Jena gedruckt. Erich Lichtenstein veröffentlichte zudem Theaterkritiken für das Feuilleton der in Jena ansässigen „Neuen Zeitung – Organ der KPD für Großthüringen“. Mit Erwerb eines Hauses in Weimar wechselte Ende 1921 der Sitz des Verlages von Jena nach Weimar. Nach Auflösung der GmbH 1923 führte Erich Lichtenstein den Verlag als Einzelunternehmen weiter und übernahm 1924 die Restbestände des Utopia-Verlages von Bruno Adler. Eine im gleichen Jahr in sehr hoher Auflage gedruckte, allerdings wenig verkaufte fünfzehnbändige E. T. A. Hoffmann-Ausgabe brachte ihn in finanzielle Schwierigkeiten, sein Vermögen war aufgebraucht. Ende 1925 musste daher die Verlagstätigkeit in Weimar eingestellt und ein großer Teil der Restbestände verramscht werden. Auch wenn er 1927 nach einer finanziellen Zuwendung einer befreundeten Bankiersfamilie wieder Bücher mit dem Verlagsort Weimar auf den Markt bringen konnte, reichte dies als Lebensgrundlage nicht mehr aus, so dass er daneben 1928 als Geschäftsführer des „Hyperion-Verlages“ und von 1929 bis 1931 als Lektor und Propagandaleiter der Verlagsbuchhandlung Grethlein & Co. in Leipzig tätig war. Lichtenstein, der 1921 noch im Verzeichnis der Jenaer Beitragszahler für den Landesrabbiner enthalten ist, trat Mitte der 1920er Jahre aus der Jüdischen Gemeinde aus. Nach den Landtagswahlen 1929 in Thüringen und der Bildung der ersten Landesregierung mit nationalsozialistischer Beteiligung gab Erich Lichtenstein seine bisherige unpolitische Haltung auf. 1932 erschien in seinem Verlag der Sammelband „Krisis – Ein politisches Manifest“, welcher Beiträge unter anderem von Mathilde Vaerting, Ricarda Huch und Alfons Paquet enthielt. Anfang 1933 wurde dieses Buch mit zwei weiteren Titeln des Verlages (Erich Friedrich Podach: Gestalten um Nietzsche; Mathilde Vaerting: Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie, 1932) durch die Gestapo beschlagnahmt und vernichtet. Unter dem Druck der Verhältnisse musste Erich Lichtenstein bereits Ende 1932 seinen Verlag in Weimar schließen. Die Familie verzog nach Berlin und Lichtenstein baute hier 1934 die Jüdische Buch-Vereinigung e. V. (JBV) auf, die er bis 1938 gemeinsam mit Erwin Löwe leitete. Als „nichtarische Firma“ wurde der Verlag Erich Lichtenstein Ende 1934/Anfang 1935 aus dem Adressbuch des Deutschen Buchhandels getilgt. Lichtenstein selbst wurde 1935 aus der Reichsschrifttumskammer (Fachschaft Verlage) ausgeschlossen. Im Juli 1938 wurden die Buchbestände der Jüdischen Buch-Vereinigung beschlagnahmt und deren weitere Tätigkeit verboten. Nach der Auflösung der Buch-Vereinigung war Lichtenstein zunächst bei der Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde in Berlin beschäftigt, bis er als »arisch Versippter« zur „Ordnung von Judenbibliotheken“ einberufen wurde. Nach Einreichung der Scheidungsklage durch seine Frau 1941 verlor er seinen bisherigen Schutz und musste mit der Deportation rechnen, der er nur mit knapper Not entgehen konnte. Als Zwangsarbeiter im Reichssicherheitshauptamt überlebte er die Zeit des Krieges. Hier war er bei der Katalogisierung und Auslagerung von in ganz Europa zusammengeraubten Bibliotheksbeständen eingesetzt, darunter vieler Buchbestände ehemals jüdischer Eigentümer. Nach 1945 war er als Studienrat an Berliner Gymnasien tätig und verfasste wieder Literaturkritiken für Tageszeitungen. Am 17. Juni 1967 starb Erich Lichtenstein in (West-)Berlin.

Herschko Liwerant (1886–1969)

Herschko Liwerant wurde am 13. Januar 1886 in Siedlce (Russisch-Polen) als Sohn des Zigarrenhändlers Moschko Schija Liwerant und dessen Frau Chaja Zirla Liwerant, geb. Mendelson, geboren. Als gelernter Bäcker verließ er 1906 seine Heimat, um zunächst bis 1907 in Leipzig, dann in Magdeburg Arbeit und Lebensunterhalt zu finden. 1909 kam er nach Jena, wo er eine Anstellung in der Bäckerei des Konsumvereins erhielt. In Jena fortan fest ansässig, leistete er bis 1919 jährlich seinen finanziellen Beitrag zum Landesrabbinat. 1911 heiratete er in Jena die Schneiderin Agnes Schulz (1883–1967). Aus der Ehe gingen die Kinder Edith, Eva und Benno hervor, die alle in Jena geboren wurden. Liwerant, der die russische Staatsangehörigkeit besaß, unterlag in den Jahren des Weltkrieges der Meldepflicht für Ausländer und musste sich täglich zweimal bei der Polizeibehörde melden. Seine Frau erbat im Dezember 1914 um eine Erleichterung dieser Pflicht für ihren in Schichtarbeitstätigen Mann, um so wirtschaftlichen Schaden von der Familie abzuwenden. Dabei wies sie insbesondere darauf hin, dass ihr Mann doch „eine durchweg deutschfreundliche Gesinnung“ habe. Nach dem Krieg stellte Herschko Liwerant einen Antrag auf Einbürgerung, der zwar die Zustimmung des Jenaer Gemeindevorstandes fand, jedoch durch die Direktion des II. Verwaltungsbezirkes in Apolda abgelehnt wurde. Die Ablehnung dürfte ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass die Familie Liwerant Jena verließ und nach Berlin zog. Hier eröffnete Herschko Liwerant 1920 in der Posener Straße eine eigene Bäckerei, die sich wirtschaftlich so gut entwickelte, dass er mehrere Gesellen beschäftigen konnte. Mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur fand diese Entwicklung ein abruptes Ende. Der Umsatz ging stark zurück und die Lage verschärfte sich nach dem Boykott am 1. April 1933 derart, dass das Geschäft geschlossen werden musste. Er und seine Familie waren antijüdischen Schikanen ausgesetzt, die ihn dazu zwangen, im Juli 1933 das Geschäft endgültig aufzugeben und mit Hilfe jüdischer Organisationen nach Palästina auszuwandern. Dort arbeitete er als Bäcker, wobei sein Einkommen nach eigenen Angaben gerade zum Bestreiten des Lebensunterhaltes reichte. Als 1948 seine Ehefrau schwer erkrankte, kehrte er auf ärztliches Anraten von Tel Aviv nach Europa zurück. Infolge seines hohen Alters und seiner Vermögenslosigkeit konnte er seine frühere selbständige Erwerbstätigkeit jedoch nicht wieder aufnehmen. Er lebte zunächst bei seiner in Deutschland verbliebenen ältesten Tochter in Berlin-Lichtenberg. Im März 1953 floh er aus der DDR und hielt sich kurz in Frankfurt a. M. auf, um im Dezember 1953 Deutschland zu verlassen und zwischenzeitlich Wohnstätte bei seiner zweiten Tochter in Johannesburg / Südafrika zu finden. 1958 war der nunmehr über 70-Jährige, der als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung eine Entschädigung wegen Schadens im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen erhalten hatte, wieder in der Bundesrepublik wohnhaft, zunächst in Köln, dann in Freiburg und schließlich in Berlin-Wedding, wo er zuletzt in einem jüdischen Altersheim lebte. Herschko Liwerant starb am 8. Januar 1969 in Berlin. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, zusammen mit seiner 1967 verstorbenen Ehefrau Agnes.

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Familie Müller

Mehr als ein Jahrhundert spielten die Mitglieder der Familie Salomon Müller und Karoline geb. Friedmann eine bedeutende Rolle im Leben der jüdischen Gemeinde von Marisfeld und Themar. Sie waren seit den späten 1820iger Jahren Teil der Marisfelder Gemeinde; in den späten 1860iger Jahren gehörten Müllers zu den ersten, die nach Themar kamen. Dann, 80 Jahre später, gehörten sie zu den letzten, die Themar und Marisfeld verlassen mussten.
Salomon Müller wurde am 12. Januar 1802 in Bauerbach in Thüringen geboren, über 20 km westlich von Marisfeld gelegen. In den späten 1820iger Jahren wurde sein Vater, Meier, nach Marisfeld als Religionslehrer berufen. Zu der Zeit war Salomon Anfang 20 und lernte damals Karoline Friedmann kennen, die in Marisfeld geboren war. Wann Salomon und Karoline geheiratet haben, ist unbekannt. Sie hatten vier Kinder: Dina, Mayer, Nathan und Simon. Salomon, Karoline, Mayer und Nathan spielten alle entscheidende Rollen in den jüdischen Gemeinden von Marisfeld und Themar. Überlieferte Aufzeichnungen geben folgenden Einblick: Salomon Müller verliess im Alter von 64 Jahren Marisfeld im Jahr 1866 nach einem Brand, der einen großen Teil von Marisfeld vernichtete. Mayer war 1866 siebzehn Jahre alt, Nathan fünfzehn, beide hatten die Schule zu beenden und waren in einer Ausbildung. Mayer verbrachte die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens in Themar, von mindestens Ende 1873, als sein erstes Kind geboren wurde, bis 1907. Nathan verbrachte seine Erwachsenenjahre — 1876 oder früher bis zu seinem Tod 1923 in Marisfeld. Wo genau die Familie in den ersten Jahren in Themar lebte, ist noch unbekannt; es ist anzunehmen, dass sie Räume in einem der Häuser an der Westseite der Hintere Stadtstraße oder Hintertorstraße gemietet hatten. 1872 öffnete Salomon Müller das Warenhaus S. M. Müller. Das Geschäft florierte in Themar mit der wachsenden Bevölkerung der kleinen Stadt, die knapp 1800 erreichte, zur Zeit als Salomon 1890 starb. Die gesamte Stadt kaufte in seinem Laden ein. Die Familie war ebenfalls schnell in der jüdischen Gemeinde von Themar etabliert, die 1888 118 Mitglieder zählte. Salomon war der stellvertretende Leiter der jüdischen Gemeinde, wie Rudolf Lommer in seinen Erinnerungen 50 Jahre später schreibt.
Nachdem er 20 Jahre in Themar gelebt hatte, starb Salomon Müller 1890 im Alter von 88 Jahren. Er wurde in Marisfeld auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Seine Frau Karoline wurde neben ihm beerdigt. In dieser Zeit, als Salomon und Karoline starben, wurde die nächste Generation der Müllers in Marisfeld und Themar aktiv. Mayer Müller lebte in Themar mit seiner Frau Babette, geborene Friedmann. Zwischen 1873 und 1886 wurden sieben Kinder dort geboren. Ebenso zogen Nathan und Bertha Müller, geb. Schwed, zwischen 1878 und 1892 sechs Kinder in Marisfeld groß.
Die Familie von Max und Clara Müller, geborene Nussbaum, lebten von 1929 bis 1942 in Themar. Die beiden und ihre drei Kinder, Herbert, Reinhold und Wille, waren zentrale Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Themar. Max wurde 1884 in Marisfeld als Sohn von Nathan und Bertha Müller, geborene Schwed, geboren. Nach dem furchtbaren Brand 1865 verblieben nur sieben Familien in Marisfeld. Max blieb in Marisfeld, während seine Geschwister in andere Städte in Thüringen zogen. Clara Nussbaum wurde 1890 in Bad Hersfeld geboren und heiratete Max Müller 1912. Bevor das junge Paar in eine grössere Stadt ziehen konnte, brach der erste Weltkrieg aus und hielt sie von ihren Umzugsplänen ab. Anstelle dessen blieben sie in Marisfeld, wo ihr erster Sohn, Herbert 1913 geboren wurde. Max wurde für den Krieg einberufen und kehrte mit dem eisernen Kreuz nach Hause zurück. Nach seiner Rückkehr wurden die beiden weiteren Kinder geboren: Meinhold 1919 und Willi 1922. 1929 zog die Familie Max Müller nach Themar und wurde als Max Müller II bezeichnet, da bereits Max Müller, Besitzer des Warenhauses S.M. Müller in Themar lebte. Die Familie Max Müller II lebte in der Meininger Strasse 17, das Haus diente als Wohnhaus und als Textilgeschäft für Manufakturwaren. Die Kinder Meinhold und Willi besuchten die Schule in Themar und bekamen von Moritz Levinstein Religionsunterricht. Herbert zog nach Bayer, wo er eine Lehre absolvierte und für ein anderes Unternehmen arbeitete.  
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 war Max 49 Jahre alt und Clara 43, Die Kinder 20, 14 und 11. Wie viele andere Deutsche erwartete Max, dass die Naziherrschaft nur eine kurzfristige Abweichung sei. Während der ersten Hälfte der 1930er Jahre hoffte er, dass sein Status als Kriegsveteran ihn schützen würde. Aber als die Lage sich immer mehr zuspitzte, suchte die Familie Wege der Emigration für die jüngeren Kinder. Meinhold und Willi konnten Deutschland noch vor der Kristallnacht verlassen, Meinhold über Italien nach Schweden, Willi nach Palästina. Herbert, der 1938 noch in Deutschland war, heiratete Flora Wolf im August und seine Eltern standen der Schwierigkeit gegenüber, noch ein Visum für die beiden aufzutreiben. Verwandte versuchten ihr Möglichstes, die beiden Müller Familien aus Themar herauszuholen. In den späten 1938er Jahren legten Verwandte Geld für eine mögliche Emigration von Max und Clara Müller in die Vereinigten Staaten zurück, doch die beiden waren auf Wartelisten und rechneten mit zwei Jahren Wartezeit. Sie suchten nach anderen Möglichkeiten in Südamerika, aber überall schlossen sich die Tore für die jüdischen Geflüchteten. Im März 1941 bezahlte Herbert Sweed, ein Cousin von Max Müller, die Überfahrt in die USA und alle hofften, dass ihre Nummer rechtzeitig dran kam. Im Sommer 1941 gelang es Herbert und Flora mit deren Mutter, Frieda Wolf, von Lissabon aus in die Vereinigten Staaten zu migrieren. Max und Clara kamen nicht an den Anfang der Liste und im Oktober 1941 wurden alle Emigrationen von Deutschland gestoppt. Ihre Reise wurde abgesagt, obwohl sie schon bezahlt war. Im Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen der deutschen Juden und Jüdinnen. Im Februar 1942 bekam Herbert Sweed den Betrag der Reise zurückerstattet und die Akte wurde geschlossen. Drei Monate später, am 10. Mai 1942 wurden Max und Clara mit anderen Thüringer Juden und Jüdinnen nach Belzyce deportiert, wo sie auch starben.

Alfred Machol (1875–1937)

Alfred August Machol wurde am 24. Januar 1875 in Endesheim in der Rheinpfalz als Sohn des jüdischen Weinhändlers Emanuel Machol geboren. Nachdem er in Karlsruhe das Gymnasium absolvierte, begann er 1893 in Freiburg mit dem Medizinstudium. Weitere Studienorte waren München, Berlin und Strassburg. Alfred Machol schrieb seine Promotion zu dem Thema: „Die Entstehung von Geschwülsten im Anschluß an Verletzungen“ an der Medizinischen Fakultät der Universität Straßburg. Am 23.10.1911 wurde er als Professor an die Universität Bonn berufen. 1914 bewarb sich Prof. Dr. Alfred Machol auf die ausgeschriebene Stelle eines Anstaltdirektors und Oberarztes der Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses zu Erfurt. Sein Dienstantritt fiel nur wenige Tage vor Ausbruch des 1. Weltkrieges auf den 16.07.1914. Während des Krieges meldete sich Machol mehrmals freiwillig zum Frontdienst, woran er aber von der Stadt Erfurt gehindert wurde, denn man benötigte ihn dringend in Krankenhaus und Lazarett. Das Eiserne Kreuz II Klasse wurde ihm bereits 1916 verliehen. Als Machol seinen Dienst in den Städtischen Kliniken begann, war die medizinische Versorgung der Stadt schlecht, die Bettenanzahl viel zu niedrig für die Einwohneranzahl. So verfasste er eine Schrift über die Mängel des Städtischen Krankenhauses und schlug Massnahmen zur Behebung der Missstände vor: Die Reorganisation und den Bau einer neuen Chirurgischen Hauptabteilung. Der Neubau der Klinik konnte erst 1926 nach Klärung der Finanzierung und grundsätzlich organisatorischen Fragen beschlossen werden. 1928 war der Neubau beendet und wurde feierlich eingeweiht. Unter der Leitung von Prof. Dr. Alfred Machol wurde die Klinik in Erfurt eine der modernsten ihrer Art in Deutschland. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte Prof. Dr. Machol seiner Entlassung zuvorzukommen, indem er Prof. Dr. Sauerbruch im April 1933 um seine Entlassung aus dem Dienst bat. Der Magistrat hob am 27. Juni 1933 seinen Pensionsbeschluss gegenüber Prof. Dr. Machol auf und entliess ihn mit selbigen Datum gemäß § 3 der 2. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum unter Beschneidung seines Pensionsanspruches. Durch nationalistische Beteuerungen versuchte Prof. Dr. Machol seine Pension und Existenz im Alter zu sichern. Aufgrund seiner Kriegsteilnahme wurde dem Pensionsgesucht dann doch entsprochen. Nach seiner Entlassung zog er sich nach Naumburg zurück, wo er bis zu seinem Tod am 18. Januar 1937 lebte. 1953 wurde eine Büste Machols vor der chirurgischen Klinik aufgestellt.

Hermann Moritz (1820-1885)

Hermann Moritz wurde am 5. April 1820 in Wehlau in Ostpreußen, geboren und arbeitete für das Bankhaus Elkan in Weimar. Nach dem Tod von Julius Elkan und seiner Ehefrau Jeanette Elkan 1851 leitete er die Bankgeschäfte zunächst noch zusammen mit August Callmann. Später, als Callmann 1854 sein eigenes Bankhaus „August Callmann & Co.“  Gründete, übernahm er die Bankgeschäfte als alleiniger Besitzer. Er wurde im Laufe seines Lebens zum Hofbankier und Kommerzienrat ernannt. Darüber hinaus hatte er die Stellung des Schatzmeisters und Vorstandsmitglied der „Deutschen Shakespeare Gesellschaft“, der ältesten deutschen Literaturgesellschaft, in Weimar inne.
 
_„Als Chef zeigte er eine einsichtsvolle und energische Tätigkeit, die ihm allgemeine Anerkennung und weites Vertrauen eintrugen. Der Großherzog von Sachsen ehrte ihn durch Titel und Orden. Aber über seine kaufmännische Tätigkeit hinaus bewährte sich der wissenschaftlich feingebildete Mann überall da, wo städtische und geistige Interessen zu pflegen waren. Die Stadt Weimar, in deren Gemeinderat er langjähriges eifriges Mitglied war, sah in überall tätig, wo es galt das Gemeinwohl zu fördern. […]“_ (aus dem Nekrolog im Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft 1886, zit. nach: Schmidt, Eva (1993): Jüdische Familien im Weimar der Klassik und Nachklassik. In memoriam Else Behrend-Rosenfeld. (Weimarer Schriften, H. 48), Weimar 1993, S. 130.)

Zusammen mit seiner Frau Jeannette und seinem Sohn Roderich lebte er in einem stattlichen Wohnhaus am Vorwerk (heute Marstallstr. 3), gleich neben dem Kirms-Krackow-Haus. Nach seinem Tod am 4. Oktober 1855 wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Weimar bestattet.

Roderich Moritz (1851-1931)

Dr. jur. Roderich Moritz, Sohn von Jeannette und Hermann Moritz, war mit Berta Moritz verheiratet. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er das Bankhaus Julius Elkan in Weimar. Moritz war wie sein Vater ebenfalls Kommerzienrat und Hofbankier.
Das private Bankgeschäft wurde am 1. März 1906 von der Magdeburger Privatbank übernommen. Dr. Moritz war Mitglied des Aufsichtsrates und übernahm 1908 den Spar- und Vorschussverein in Weimar. Beide Niederlassungen wurden 1922 zusammengelegt und bestanden als Commerz- und Privatbank A.G. bis zur Umstellung des Bankenwesens in Deutschland.
Roderich starb am 23. ADer 1851 geborene Roderich Moritz, Sohn von Jeannette und Hermann Moritz, war mit Berta Moritz verheiratet. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er das Weimarer „Bankhaus Julius Elkan“, das noch immer den Namen seines Gründers trug. Moritz wurde wie sein Vater ebenfalls Kommerzienrat und Hofbankier. Das Bankgeschäft wurde am 1. März 1906 allerdings von der Magdeburger Privatbank übernommen. Der promovierte Jurist Moritz war Mitglied des Aufsichtsrates und übernahm 1908 den „Spar- und Vorschussverein“ in Weimar. Beide Niederlassungen wurden 1922 zusammengelegt und bestanden als „Commerz- und Privatbank A.G.“ fort. Roderich Moritz starb hochgeehrt am 23. August 1931 und wurde auf dem Städtischen Friedhof auf Wunsch ohne kirchliches Zeremoniell bestattet.ugust 1931 und wurde auf dem städtischen Friedhof bestattet.

Familie Mayer

Nanett Mayer, die jüngste Tochter von Karoline und Meier Mayer, war die erste aus der Familie, die in Themar lebte, weil ihre Hochzeit sie dorthin verschlug. 1912 heiratete sie Moritz Levinstein, der in Themar der Lehrer der jüdischen Gemeinde war, wie auch Deutschlehrer in Themars öffentlicher Schule. Als Nanett nach Themar zog, war ihre Familie bereits weit verstreut. Ihre Eltern lebten in Schaittach, Bayern, wo Meier seit 1866 als Lehrer tätig war. Sechs der Geschwister migrierten in die Vereinigten Staaten. Die Brüder Abram, Isaac, Solomon und Adolf verliessen Deutschland Ende des 19. Jh. und  lebten alle in der Gegend um New York, wo sie eine unternehmerische Karriere verfolgten. Eine von Nanetts Schwestern, Eva, verliess 1894 Deutschland ebenfalls im Alter von 21 Jahren und heiratete in den USA Morris Hambro, mit dem sie eine Familie gründete. 1912 lebten zwei Brüder und eine Schwester noch in Deutschland. Moses Mayer, der älteste Sohn, wurde Lehrer wie sein Vater und lebte seit 1891 in der Kleinstadt Fürfeld mit Frau Mathilde und Sohn, Enst. Hermann Mayer lebte in Hof mit seiner Frau Hedwig und ihrer Tochter, Ilse. Frieda Mayer lebte in Sülzburg, der Heimatstadt ihres Mannes, Heinrich Wolf und der gemeinsamen Tochter, Flora. Als Maier Mayer 1914 in Rente kam, zogen er und Karoline von Schnaittach nach Themar, wo ihre Tochter Nanett lebte. Nanett und Moritz wohnten oberhalb der Synagoge an der Hildburghäuser Straße 17, die Eltern bauten mit finanzieller Hilfe der Söhne aus Amerika ein eigenes Haus an der Schulstraße 9. Das Haus war eine aussergewöhnliche Konstruktion und gliederte sich nicht in den architektonischen Stil Südthüringens ein. Der erste Weltkrieg zeigt, wie die Deutsch-Jüdische Emigration des 19. Jahrhunderts sich auf die Familiendynamiken auswirken konnte: Die Möglichkeit, dass sie Brüder auf der gegenüberliegenden Seite des Schlachtfeldes begegnen würden, war gegeben, denn die Männer der Familie Mayer dienten den feindlichen Armeen, Deutschland und den USA. In Deutschland verlor Ernst Mayer, der Sohn von Moses Mayer ein Bein unterhalb des Knies. Moses jüngerer Bruder diente der Armee von Mai 1917 bis November 1918. Friedas Mann, Heinrich Wolf fiel am 1. Oktober 1915 und Moritz Levinstein diente der Armee von 1916 bis zum Ende des Krieges. Auf der amerikanischen Seite wurden Abram Mayer, Jacob Mayer und Samuel Mayer für die Armee registriert, auch wenn keiner von ihnen nach Europa an die Front musste. Nur der jüngste Sohn, Adolf, diente im Ausland und sandte eine Karte an seine Schwester Nanett in Themar von der Front. Nach dem Krieg zog Frieda, die nun verwitwet warm nach Themar nahe ihrer Eltern und ihrer Schwester Nanett. Die Wolfs lebten mit den Mayers an der Schulstraße 9 und die Levinsteins nach wie vor an der Hildburghausenstraße 17, wo 1919 Heinrich Levinstein geboren wurde. Zu diesem Zeitpunkt gehörten die Familie Levinstein und Wolf zum Herzen der jüdischen Gemeinde in Themar. Familienmitglieder aus Amerika kamen in den 1920er Jahren zu Besuch. 1926 starb der Vater, Meier Mayer und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Marisfeld begraben. Das Haus in der Schulstraße wurde als Villa Wolf bekannt, wo in den 1930er Jahren auch Karoline Mayers Schwester, Klara Eisenfresse einzog. Im Januar 1933 wurden 20 Mitglieder der Familie Mayer, die in Themar, Hof und Köln lebten, von den Einschränkungen der Nazis betroffen. Im Juli 1933 wurde Moritz Levinsteins Anstellung als Lehrer in Themar gekündet. Da die Meyers eine grosse Anzahl Familienmitglieder in den vereinigten Staaten hatten, arrangierten die Mayers eine sofortige Emigration für die jüngeren Mitglieder der Familie. Die Wolfs und Levinsteins waren eine der ersten Familien in Themar, die ihre Kinder dazu brachten, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Im März 1934 verliess der 21 jährige Albert Wolf Deutschland, die Reise wurde ihm von seinem Onkel, Abe Mayer, der in St. Alban, New York lebte, finanziert. Ein Jahr später folgte Heinrich Levinstein, dessen Reise von Isaac Meyer bezahlt wurde. Moses und Mathilde Meyer lebten nach wie vor in Köln. Ihr Sohn Ernst lebte ebenfalls in Köln mit seiner Frau Johanna. Hermann und Hedwig lebten in Hof und ihre Tochter Ilse und deren Mann, Ferdinand Odenheimer, lebten auch in Deutschland. Nanett und Moritz Levinstein sowie Frieda Wolf und ihre Tochter lebten in Themar, ebenso die mittlerweile über 80 Jährige Karoline Meyer und ihre Schwester Klara. Die Geschichte der Familie wurde schnell kompliziert. Nanett Levinstein begleitete ihren 16 jährigen Sohn 1935 nach New York, besuchte dort die Familie und kehrte darauf nach Themar zurück. 1937 reisten Nanett und Moritz Levinstein zusammen in die USA, um ihren Sohn zu besuchen, und kehrten abermals nach Themar zurück. Ein Jahr später wurde Moritz Levinstein in der Kristallnacht verhaften und nach Buchenwald deportiert mit 17 anderen Männern aus Themar. Er kehrte nicht aus Buchenwald zurück, die genauen Umstände seines Todes bleiben ungeklärt. Frieda und Flora Wolf, Nanett Levinstein, Karoline Meyer und Klara Eisenfresser blieben in Themar wohnen. 1939 versuchten Flora und ihr Mann Herbert Müller die Möglichkeit, das Land zu verlassen und zogen für kurze Zeit nach Köln. Auch Frieda und Nanett bewarben sich für ein Visa für die USA. Für Karoline und Klara wurden Vorbereitungen getroffen, nach Berlin in ein Altersheim zu ziehen an der Berlinerstraße 17 in Wilmersdorf. 1939 zogen die beiden betagten Schwestern um und starben bereits in den frühen 1940er Jahren. Nanett und Frieda verliessen 1941 mit einem der letzten Schiffe Europa, Nanett mit dem Schiff von Barcelona nach New York, Frieda Wolf verliess Lissabon mit ihrer Tochter Flora und deren Ehemann Herbert Müller bei Schiff. Für die restlichen Mayers in Deutschland 1937 starb Moses Mayer in Köln, 1939 starb seine Witwe Mathilde ebenda. In Hof starb Hedwig Mayer bereits im Februar 1938. Im Juli 1938 sponserte Abraham Mayer aus New York Hermanns Tochter Ilse und deren Ehemann Ferdinand die Ausreise nach Amerika. Hermann Mayer heiratete erneut und zog mit seiner neuen Frau, Anni, nach München. Ilse und Ferdinand versuchten von Amerika aus, ihren Vater und dessen neue Frau nach Amerika zu holen, aber ihre Versuche scheiterten. Ab September 1941 wurde es für die Juden und Jüdinnen in Deutschland unmöglich, Deutschland zu verlassen. Vier Mitglieder der Meyer Familie waren zu der Zeit noch in Deutschland: Ernst und Johanna Mayer in Köln und Hermann und Anni Mayer in München. Die ersten Deportationen aus Köln erfolgtem am 21. Oktober 1941. Im August 1942 nahmen sich Hermann und Anni das Leben, bevor sie nach Theresienstadt deportiert werden sollten. In Köln, wo die Familie von Ernst Mayer die Deportation lange abgewandt hatten, 1944 bekam Ernst Mayer ein Schreiben, das ihm jeglichen Schutz entbehrte. Im September 1944 zogen Ernst und Johanna Mayer mit ihrer Tochter Renate, geboren im Dezember 1943 in das Bauernhaus von Johannas Bruder, nahe des Dorfes Hilgen. Dort versteckten sie sich, bis die Amerikaner die Region befreite und sie nach Köln zurück konnten.  
Nach 1945 lebte nur noch die Familie von Ernst Mayer in Deutschland, der engen Kontakt mit den Familienmitgliedern in Amerika hatte. In den folgenden Jahren besuchten die Cousins Herbert Müller und Henry Levinstein Ernst Mayer in Deutschland. 2011 besuchten Familienmitglieder von Frieda Wolf und Flora Müller Themar, wo sie andere jüdische Familien, deren Vorfahren in Themar lebten, trafen. 2014 wurden Stolpersteine in Themar verlegt.

Cella Müller-Hollenhorst (1900–1949)

Cella Müller-Hollenhorst wurde am 6. September 1900 in Schwochau/Grenzmark, Buchholz, als eines von mehreren Kindern der Familie Gumpert geboren. Später zog die Familie nach Berlin. Dort ging sie zur Schule und wurde anschließend ausgebildet. Sie lernte den Apoldaer Kleinhändler Curt Müller-Hollenhorst kennen, der nichtjüdischer Herkunft war. Sie heirateten und wohnten Am Brückenborn 14 in Apolda. Nach der Einführung der Nürnberger Rassegesetze kamen auch für sie schwere Zeiten. Sie wurde am 12. Oktober 1935 „zum Schutz ihrer eigenen Person“ von der Apoldaer Kriminalpolizei in Schutzhaft genommen, aus der sie nach fünf Tagen wieder entlassen wurde. Ein Jahr später musste sie doch für einen Monat ins Gefängnis - auf Grund des „Heimtücke-Gesetzes“. Sie soll eine „arische“ Frau beleidigt haben.
Ihr Mann hielt ihr die Treue trotz harter Vorhaltungen und schwerer Anfeindungen bis in die eigene Familie hinein. Durch ihren „arischen“ Mann blieb Cella lange Zeit geschützt davor, in den Osten deportiert zu werden. Schützen konnte er sie nicht vor dem Tragen des „Judensternes“. Auch war sie gezwungen, den Zusatznamen „Sara“ zu tragen. Sie betrieb einen kleinen Margarinehandel. Sie kaufte im Großhandel Margarine und lieferte sie auf Bestellung ins Haus. Später, nach Ausbruch des Krieges, wurde sie zur Zwangsarbeit für den Rüstungsbetrieb „L-Werk“ (Vorläufer des VEB Laborchemie Apolda) verpflichtet.
1944, als längst die meisten Juden aus Apolda verschwunden waren, begann man auch gegen die „privilegierten Mischehen“ vorzugehen. Cella Müller-Hollenhorst musste damit rechnen, auch deportiert zu werden, ihrem Mann drohte Zwangsarbeit in einem der Arbeitslager um Weißenfels. Als sie im November 1944 erfuhr, dass sie sich zum Abtransport bereithalten solle, täuschte sie einen Selbstmord vor: Einen gepackten Koffer stellte sie in die Wohnung, darauf ein Schild - „Ein Gruß aus dem Jenseits“. Das war offensichtlich mit den Ehepaaren Lukat und Siefert abgesprochen gewesen. Nur nachts durfte Cella Müller-Hollenhorst ihr Versteck zum Schlafen verlassen, am Tage musste sie in den großen Wandschrank zurück, in dem der Strickermeister seine Garne und anderes Material lagerte. Dort saß sie tagsüber auf einem Stuhl und konnte mit Leselampe wenigstens etwas lesen. Mutige Apoldaer wie Harry Burkhardt, der in das Geschehen eingeweiht war, brachten mehrfach Lebensmittel für Cella Müller-Hollenhorst. Erst im April 1945 konnte sie ihr Versteck verlassen.
Bis 1949 noch lebte sie in Apolda. Sie verstarb an einem Krebsleiden. Ihr Vater, eine ihrer Schwestern und deren Familie fielen dem Holocaust zum Opfer.