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Gefundene Objekte: 153

M

Rudi Moser (1898–1979)

Rudi Moser war ein Sohn des jüdischen SPD-Gesundheitspolitikers und Reichstagsabgeordneten Prof. Julius Moses. Die Schule bis zum Abitur besuchte er in Berlin. Von 1916 bis 1918 nahm er als Gefreiter am I. Weltkrieg teil. Danach studierte er an der Berliner Universität Medizin, wo er auch promovierte. Im Jahre 1929 kam er nach Apolda und wurde hier Kassenarzt bei der AOK. Er gehörte auch der  Kassenärztlichen Vereinigung an, in der 148 ausschließlich jüdische Ärzte vereinigt waren. Er führte in Apolda eine Röntgen-Tuberkulose-Fürsorgestelle ein, denn die Medizinische Strahlentechnik fand sein spezielles Interesse.
Die NS-Gesetze Anfang 1933 bewirkten, dass er seine Stelle als Kassenarzt verlor und er sich nur privat niederlassen durfte. Weil er ein ausgesprochen sozial handelnder Arzt war, hat er viele seiner Patienten
behalten, auch wenn sie nicht zum Juden gehen sollten. Im September 1938 verließ er Deutschland zusammen mit seiner Ehefrau Eva geborene Witepski, seine Sprechstundenhilfe, und ging zunächst nach London. Dann reisten sie auf die Philippinen, wo er Professor für Röntgenologie wurde und Vorlesungen an Universitäten hielt. Auch Bücher zur  Krebsdiagnostik und Therapie veröffentlichte er. In Manila kam sein unehelicher Sohn Lindsay zur Welt, den er mit einer Krankenschwester hatte. Nach einem kürzeren Aufenthalt in Papua-Neuguinea siedelte er mit seinen 14- und 7jährigen Töchtern Kathleen und Deanna nach Brisbane in Australien über.
Von der BRD erhielt er als Wiedergutmachung den Titel eines Medizinaldirektors zuerkannt. Am 15. April 1979 starb er in Brisbane/Australien, wo er auch begraben wurde.

Familie Mazur

Robert Mazur (geb. 1885 in Köthen) heiratete Gertrud (1889 geb. Halpert) aus Gera. Gertruds Eltern waren Dagobert Halpert (geb. 1856) und Anna (geb. Edelstein). Else (verh. Frenckel) und Georg (geb. 1891) hießen ihre Geschwister. Robert Mazurs Schwester Hilde war verheiratet mit Franz Schalscha aus Görlitz (geb. 1903). Beide emigrierten 1933 nach Südafrika und lebten noch bis mindestens 1998. Robert und Gertrud Mazur's Kinder heißen: Otto Heinrich "John Steven" (geb. 1914), Helga Ruth (geb. 1916, verh. Sanders) Ursula Anna (geb. 1919, verh. Steinberg) und Adelheid Elisabeth "Heidi" (geb. 1923, verh. Tachau). Alle mussten aus Gera flüchten weil sie Juden waren, sie konnten ihren Verfolgern zum Teil über Cuba in die USA entkommen. Nach dem Tod der Gründungsväter leitete Robert Mazur gemeinsam mit seinem Schwager Georg Halpert die Geraer Firma Halpert & Co. sehr erfolgreich. Auch in Münchenbernsdorf und Hohenstein-Ernstthal wurde produziert. In über 50-jähriger Firmengeschichte schufen sie tausende Arbeitsplätze für Juden und Nichtjuden. Bei den Zulieferfirmen (z.B. Spinnereien) waren viele weitere Arbeitsplätze entstanden. 1938 kam es zur entschädigungslosen Zwangsenteignung durch die Nationalsozialisten. Die Halperts und Robert Mazur waren bei ihrer Belegschaft beliebt, fortschrittlich und sozial eingestellt. Sie hatten eine eigene Betriebskrankenkasse. 1923 spendete die Firma z.B. 10.000 Reichsmark für Museumszwecke. Belegt sind die Arbeiter-Kinderfeste im Martinsgrund, die von der Firma organisiert und finanziert wurden. Die Firma stellte das Haus Meistergäßchen 10 als jüdische Schule und Jugend-Club zur Verfügung. Der jüdischen Sportverein „Maccabi Bar Kochbar Gera“ wurde von Robert Mazur unterstützt. Er war Vorsitzender der Geraer Ortsgruppe der Reichsvereinigung jüdischer Frontkämpfer des 1. Weltkriegs. Das historische ehemalige Hauptgebäude ist heute Parkhaus der Gera-Arcaden. Dort wurde noch bis 1991 unter anderen Eigentumsverhältnissen produziert. Robert Mazur übte mehrere Ehrenämter in jüdischen Vereinen Geras aus. Im Novemberpogrom 1938 wurde er und sein Sohn Otto verhaftet im KZ Buchenwald so schwer misshandelt, dass sie lebenslange Gesundheitsschäden davontrugen. Bei ihrer Flucht nach England 1939 schmuggelten Robert und Gertrud Mazur und Anna Halpert im Reisegepäck zwei der Geraer Thora-Rollen. Bereits am 13.06.1936 ist eine Schiffsreise Roberts und Gertruds Bremen-Southampton mit der „Europa“ dokumentiert. Robert starb 1942 in London 57jährig. Gertrud starb 1969 mit 80 Lebensjahren.
Verlegeort  der Stolpersteine ist vor dem ehemaligen Wohnhaus Ebelingstr. 10.

Kurt May (1896–1992)

Kurt May wurde am 15. August 1896 als Sohn des Kaufmanns Leopold May und Johanna May, geb. Mohrenwitz, in Meiningen geboren. Nach dem Abitur 1915 in Meiningen und dem Einsatz als Frontkämpfer im Weltkrieg 1917/18 besuchte er die Universitäten in Frankfurt a. M., Würzburg und München. Im Sommersemester 1920 immatrikulierte er sich an der Universität Jena in der Fachrichtung Jura. In der Jenaer „Liste der Israelite“, dem Verzeichnis der Beitragszahler für den Landesrabbiner, ist er als Student und Rechtsanwalt nachweisbar. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung hatte sich der junge Anwalt im Juli 1924 mit einer Kanzlei in der Johannisstraße 11 niedergelassen und die Zulassung beim Oberlandesgericht Jena erlangt. Drei Jahre später begründete er mit dem Rechtsanwalt Dr. Walter Ledermann eine gemeinsame Sozietät, die im Geschäftshaus Löbderstraße 6 ihren Sitz hatte. Ab 10. Juli 1928 war Kurt May zudem ernannter Notar in Jena. Die in dieser Funktion von ihm erledigten Beglaubigungen, Beurkundungen und sonstigen Angelegenheiten betrugen nach neuesten Untersuchungen 233 Geschäfte im Jahr 1931, 179 Geschäfte 1932 und nur noch 28 Geschäfte 1933. 1933 verlor Kurt May seine Zulassungen als Rechtsanwalt und Notar, nachdem er einen Sozialdemokraten, der wegen „kommunistischer Umtriebe“ angeklagt war, verteidigt hatte. Mit dem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 waren „Personen, die sich im kommunistischen Sinne betätigt haben“ von der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen bzw. wurden bereits erteilte Zulassungen zurückgenommen. Daraufhin wurde auch seine Erlaubnis zur Tätigkeit als Notar durch das Thüringische Justizministerium mit Wirkung vom 1. Mai 1933 widerrufen. Die Rücknahme seiner Zulassung als Rechtsanwalt erfolgte mit Wirkung vom 20. November 1933. In seiner Rechtsanwaltspraxis war auch der später in der Rechtsabteilung der Firma Schott angestellte Walter Köcher tätig, der nach dem Krieg kurz die damaligen Umstände beschrieb: „Ich war früher bei den Rechtsanwälten May und Dr. Ledermann. Ich war der erste Angestellte 1924 und habe 1933 nach der Entziehung der Rechtsanwaltschaft ›wegen kommunistischer Betätigung‹ das Büro seinerzeit mit abgebaut. […] Ich habe auch noch das Dokument vom Jahre 1933, auf Grund dessen Rechtsanwalt May abgehalftert wurde“ (SCHOTT Archiv II/9/126). Sein verbliebener Partner Walter Ledermann teilte im Februar 1934 per Zeitungsanzeige mit, dass er „wie bisher“ die Rechtsanwaltspraxis in der Löbderstraße 6 führe. Kurt May emigrierte 1934 nach Palästina, wo er 1937 die ebenfalls emigrierte Juristin Vera Feinberg heiratete. In Jerusalem baute sich der Kaufmannssohn Kurt May eine neue Existenz auf. Er führte hier ein sehr erfolgreiches und großes Geschäft für Damenmode, dessen Einrichtung auch mit Hilfe seines Bruders aus Deutschland beschafft wurde. Der Name May wurde als lateinischer, hebräischer und arabischer Schriftzug in Stein über dem Geschäftseingang angebracht. Wie seine 1938 geborene Tochter Miriam Gross berichtete, waren beide Elternteile nicht religiös und die Familie pflegte keinerlei jüdische Traditionen oder Bräuche. 1938 reiste Kurt May noch einmal in seine Heimatstadt Meiningen, um seiner Mutter und seinem Bruder Walter, der nach der Pogromnacht 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert worden war, zur Ausreise zu verhelfen. Gegen Bezahlung einer beträchtlichen Summe gelang die Freilassung von Walter May. Mit dem letzten Schiff von Deutschland nach Palästina konnten Johanna und Walter May auswandern. Nach den Schilderungen der Tochter waren ihre Eltern Kurt und Vera May nie sehr glücklich in Palästina geworden und beide gewillt, ihre frühere berufliche Karriere wieder aufzunehmen. 1947 erfolgte die Rückkehr nach Europa, wo Kurt May bei der United Restitution Organization (URO) eine Stellung angeboten wurde. Die 1948 in London gegründete, international tätige Organisation leistete den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung in allen Fragen der Entschädigung und Wiedergutmachung gemeinnützige Rechtshilfe und Unterstützung. Ihre Gründer und Mitglieder waren vor allem deutsch-jüdische Anwälte. 1957, nach dem Weggang von Benjamin Ferencz, Leiter des »Legal Aid Department« bei der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO), übernahm Kurt May die Stellung als »Director of Operations« im Central Office der URO in Frankfurt a. M. Die URO hatte Anfang der 1960er Jahre 29 Büros in 15 Staaten und beschäftigte über 1000 Mitarbeiter, darunter 200 Juristen. Bis ins hohe Alter von 91 Jahren war Kurt May für die URO tätig. Am 26. Mai 1992 starb er 95-jährig in Frankfurt a. M. Britische Tageszeitungen wie „The Independent“, „The Guardian“ und „The Daily Telegraph“ ehrten nach seinem Tod die herausragende Persönlichkeit unter anderem mit dem Hinweis, dass Hunderttausende, ohne Kurt Mays Namen zu kennen, für seinen Einsatz um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung tief in seiner Schuld stünden. Dabei galten Mays Bemühungen nicht nur den jüdischen NS-Opfern. Dank seiner Initiative und der umfangreichen Forschungs- und Beweisbemühungen der URO gelang es, die „rassisch“ begründete Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten ab 1935 nachzuweisen und damit 1963 die bisherige Rechtsprechung in der Bundesrepublik zu korrigieren.

Fanny Möhring (1890–1964)

Fanny Möhring wurde am 20. Juni 1890 in Lemberg als Tochter des Brandmeisters Jakob Mandel geboren. Nach dem Schulbesuch in Lemberg und ihrer Heirat 1917 mit dem Zahnarzt Heinrich Möhring (1885–1951) kam sie mit der erstgeborenen Tochter Hildegard (geb. 1918) nach Jena. Der Dentist Heinrich Möhring betrieb hier seit 1912 eine angesehene Zahnarztpraxis. In den folgenden Jahren kamen die Kinder Anneliese (geb. 1926), Detlef (geb. 1927) und Dorothea (geb. 1930) zur Welt, die evangelisch getauft und erzogen wurden. Auch Fanny Möhring war zum evangelischen Glauben übergetreten. Dennoch setzte aufgrund der jüdischen Vorfahren der Mutter nach der national- sozialistischen Machtübernahme für die Familie eine schwere Leidenszeit ein. Mit großer Bestürzung erfuhr die 17-jährige älteste Tochter Hildegard erst 1935 aus einer im Schaufenster des Albrecht-Dürer-Hauses, Löbderstraße 12, angebrachten Liste über den jüdischen Hintergrund ihrer Familie. Der Besitzer des Kunstgewerbegeschäftes, Willy Bättenhaußen, NSDAP-Mitglied seit 1932, hatte eine solche Liste mit den Namen jüdischer Geschäftsleute zur „Warnung vor Kontakten mit Juden“ öffentlich ausgestellt. Die Zahnarztpraxis des Vaters wurde danach boykottiert. Die vier Kinder, die nach den  Nürnberger Gesetzen als „Halbjuden“ galten, wurden ausgegrenzt, benachteiligt und verfolgt. Hildegard Möhring trat aus dem BDM aus und verließ nach Schikanen das Lyzeum. Auch ihre Mitgliedschaft im 1. Sportverein musste sie aufgeben. Die anderen Geschwister durften ebenfalls keine höhere Schule besuchen und wurden in ihrer Berufswahl behindert. Der am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetretene Heinrich Möhring musste 1934 als „jüdisch Versippter“ die Partei wieder verlassen. Seine Praxis nahm schweren wirtschaftlichen Schaden, ihm war die Behandlung von Beamten und Kassenpatienten untersagt. Wie Fanny Möhring berichtete, setzte man ihren Ehemann von allen Seiten unter Druck. Er stand jedoch seiner Frau treu zur Seite. Bei den Festnahmen in der Pogromnacht zum 10. November 1938 wurde auch Fanny Möhring verhaftet. Nach ihrer Freilassung stand sie unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Sie unterlag allen antijüdischen Schikanen und Verfolgungsmaßnahmen, hatte Ausgehverbot, durfte das Theater nicht besuchen und nur in bestimmten Geschäften und nur zu bestimmten Zeiten ihre Einkäufe erledigen. Auch war es ihr untersagt, bei Alarm einen Luftschutzkeller aufsuchen. Die Tochter Hildegard Möhring, die als Stenotypistin unter anderem bei der Bauhütte Saale-Ilmtal, dem Architekten Helmuth Weber und schließlich bei ihrem Vater als Kontoristin angestellt war, und ihr „arischer“ Verlobter Werner Hölscher beantragten 1941 die Ehegenehmigung nach dem »Blutschutzgesetz«. Der Rechtsrat der Stadt, Dr. Arno Schüler, wies die Verlobten darauf hin, „daß sie mit einer Genehmigung der Eheschließung nicht rechnen können“. Obwohl die eingeholte Stellungnahme des Ortsgruppenleiters der NSDAP, Alfred Jüttner, über die Familie Möhring nichts Nachteiliges ergab und er auch die politische Teilhabe durch Mitgliedschaften bei der HJ, BDM, DAF anerkannte, gab er ein ablehnendes Urteil: „Bei allem, was für die Familie Möhring sprechen könnte, so kann ich eine Eheschliessung […] nicht befürworten, da sie den Zielen der Partei zuwiderläuft. Bei einer ehelichen Verbindung muss mit Kindern gerechnet werden. Es werden also sogenannte Bastarde geboren, was wir eigentlich schon von vornherein verhindern wollen, um zu einer reinen Rasse zu kommen“ (StadtAJ, D Ih 9, Bl. 136). Erst nach dem Ende des Nationalsozialismus konnte die Ehe geschlossen werden. Im Oktober 1944 wurde der Sohn Detlef Möhring, im Januar 1945 der Ehemann Heinrich verhaftet und beide zur Zwangsarbeit verpflichtet. Detlef Möhring schuftete beim Bunkerbau in Leuna, Heinrich Möhring arbeitete im Lager Wommen und kam erst mit dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 frei. Im Januar 1945 wurde auch Fanny Möhring verhaftet und mit dem letzten Transport aus Thüringen am 31. Januar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Im Lager trug sie die Häftlingsnummer 153-XVI/5. Fanny Möhring gehörte zu den Überlebenden und konnte im Juni 1945 zu ihrer Familie zurückkehren. Nach dem Krieg erhielt sie die Anerkennung als Opfer des Faschismus. Für ihre Angaben bürgten  Erna Oswald und Amalie Kühnhold, die beide ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden waren. Fanny Möhring starb am 1. Mai 1964 in Jena.

Rudolph Moritz (1822–1902)

Rudolph Moritz wurde am 28. April 1822 in Wehlau als Sohn des jüdischen Handelsmannes Kaspar Daniel Moritz und Charlotte Hanna Moritz, geb. Joachimsthal, geboren. Sein Bruder, der Weimarer Hofbankier Hermann Moritz (1820–1885), war mit einer Tochter des Hofbankiers Julius Elkan verheiratet und führte das Bankhaus Elkan in Weimar. Die langjährigen Beziehungen des Bankhauses nach Jena und die Aufforderungen der Jenaer Klientel, endlich eine ständige Vertretung der Firma in Jena zu etablieren, führten 1857 zur Begründung einer Jenaer Filiale. Über das Konzessionsgesuch von Hermann Moritz, welches zunächst mit dem Erwerb des Bürgerrechts verbunden war, hatte der Gemeinderat zu entscheiden. Insbesondere der Buchhändler Frommann war es, der seine Bedenken in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht auch schriftlich formulierte. Vom Großherzoglichen Direktor des II. Verwaltungsbezirkes wurde im März 1857 entschieden, Hermann Moritz die Konzession zur Betreibung eines Bankiergeschäfts in Jena unter der Voraussetzung des Bürgerrechtserwerbs zu erteilen. Die besondere Bedingung des Gemeinderates allerdings, das Bürgerrecht nur dann zu erteilen, wenn Hermann Moritz das Bankgeschäft auch in eigener Person in Jena betreibe, wurde wenig später von der Weimarer Behörde als unzulässig und unstatthaft erklärt, so dass der bereits am 31. März 1857 ausgestellte Bürgerschein diesbezüglich geändert werden musste. Unter der Bezeichnung „Julius Elkan in Weimar“ wurde das Bankhaus als erste Firma mit jüdischen Inhabern im Jenaer Handelsregister eingetragen. Rudolph Moritz, der seit 1854 zum Bankhaus Elkan gehörte, übernahm die Leitung der Niederlassung Jena, ab 1885 war er ihr Inhaber. Er war mit Ida Kornmann (1833–1899) verheiratet, die aus einer in Kötschau bei Jena ansässigen Familie stammte. Das Ehepaar hatte die beiden Söhne Richard und Paul. Rudolph Moritz, der das Bürgerrecht der Stadt 1871 erworben hatte, nahm am öffentlichen Leben der Gemeinde teil. So gehörte er 1886 zum Vorstand des neu gegründeten Jenaer Verschönerungsvereines. Das Wohn- und Geschäftshaus Johannisstraße 17 befand sich seit 1871 im Besitz der Familie, außerdem besaß sie ein Grundstück am Forst. Infolge des hohen Alters des Firmeninhabers, Rudolph Moritz war inzwischen 79 Jahre alt, wurde die Firma Julius Elkan zum 1. Juli 1901 in Jena aufgelöst. Am 29. November 1902 starb Rudolph Moritz in Jena. Das Bankhaus Elkan in Weimar bestand bis 1905.

Richard Moritz (1872–1937)

Der Sohn Richard Emil Moritz wurde am 17. August 1872 geboren und evangelisch getauft. Nach dem Abitur am hiesigen Gymnasium absolvierte er ein juristisches Studium in München, Berlin und Jena und legte vor dem Oberlandesgericht Jena 1895 bzw. 1898 die I. und II. Juristische Staatsprüfung ab. Seine Dienstlaufbahn ab 1899 führte ihn über die Amtsgerichte Jena, Ostheim, Kaltennordheim und die Staatsanwaltschaft Eisenach. 1899 vertrat er noch als Gerichtsassessor die Rechtsanwaltschaft des erkrankten  Max Strupp. Ab 1. Januar 1903 bis zu seinem Ruhestand 1937 war er als Amtsrichter in Jena eingesetzt, lediglich unterbrochen von einer Tätigkeit als Hilfsrichter am Oberlandesgericht von November 1923 bis Juli 1925. Der Titel „Amtsgerichtsrat“ war ihm 1913 verliehen worden. Richard Moritz gehörte seit 1903 der Nationalliberalen Partei an, war Mitglied des Deutschen Flottenvereins und im Weimarischen, später Thüringischen Richterverein organisiert. Im November 1919 heiratete er in Labehn (Pommern) die aus Bergensin stammende Gutsbesitzertochter Paula Sonntag (1893–1973), mit der er einen gemeinsamen Sohn hatte. 1927 erhielt er die Genehmigung zur Unterrichtserteilung an der höheren Polizeischule in Jena. Vier Jahre später bewarb er sich als dienstältester Richter, allerdings erfolglos, um die freiwerdende Direktorenstelle am Amtsgericht. Nach über 30-jähriger Diensttätigkeit, kurz vor der Pensionierung stehend, war auch Richard Moritz im Zuge der Durchführung des „Gesetz(es) zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aufgefordert, einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Die Angaben zu den eigenen Eltern und Großeltern ließ er zunächst unbeantwortet, da er bereits vor 1914 als Beamter eingestellt war. Der von anderer Hand in Bleistift gemachten Bemerkung „Jude!“ folgten Nachforschungen zu seiner Abstammung. Im Herbst 1935 teilte er die geforderten Nachweise zur Herkunft seiner Eltern mit. Da nur zwei Großelternteile, nämlich die Eltern von Rudolph Moritz, jüdischer Abstammung waren, und er zudem mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet war, wurden keine Maßnahmen gegen ihn eingeleitet. Die Beurteilung seiner dienstlichen Leistungen und Befähigungen durch den Landgerichtspräsident Max Zeunert lautete wie folgt: „Amtsgerichtsrat Moritz ist der beste Zivilrichter in meinem Bezirk, besonders im Grundbuch- und Zivilrecht beschlagen. Seine Urteile sind stets sorgfältig und gewissenhaft begründet, seine Meinung stets vertretbar. […] Führung und Charakter sind untadelig. Er leidet jetzt wohl darunter, daß er nicht rein arischer Abstammung ist. Politisch von jeher zurückhaltend erfüllt er die Verpflichtungen, die ihm der nationalsozialistische Staat auferlegt, anstandslos.“ (ThHStAW, Personalakten aus dem Bereich Justiz Nr. 8228, Bl. 5 v). Oberlandesgerichtspräsident Becker schätzte ihn und seine Tätigkeit am Oberlandesgericht abschließend ein: „Wenn seine Leistungen auch durchaus angesprochen haben, so ließen sie ihn doch nicht zum Oberlandesgerichtsrat geeignet erscheinen. Seine Gründlichkeit verführt ihn manchmal zur Umständlichkeit. Als Zivilrichter beim Amtsgericht Jena hat er seinen Posten jedoch stets voll ausgefüllt. Er tritt Ende des Jahres 1937 in den Ruhestand. Er lebt sehr zurückgezogen, wohl mit Rücksicht darauf, daß er jüdischer Mischling ist. Sonst ist gegen ihn nichts einzuwenden.“ (ThHStAW, Personalakten aus dem Bereich Justiz Nr. 8228, Bl. 5 v). Zum 1. Oktober 1937 trat Richard Moritz mit dem Erreichen der Altersgrenze und einer Gesamtdienstzeit von 42 Jahren in den Ruhestand. Bereits knapp drei Monate später, am 28. Dezember 1937, starb er in Jena. Im Januar 1938 wurde er auf dem Nordfriedhof in der Familiengrabstätte der Eltern beigesetzt. Die Grabstätte der Familie Moritz ist bis heute erhalten geblieben, allerdings ist das von dem Bildhauer Otto Späte geschaffene Grabdenkmal stark verwittert.

Alfred Muscatblatt (1885–1948)

Alfred Bernhard Muscatblatt wurde am 28. November 1885 in Jena geboren. Seine Eltern, der Kaufmann Hirsch David Muscatblatt und Ruchla Muscatblatt, geb. Ohrring, waren erst wenige Monate zuvor nach Jena gezogen. Im Verzeichnis der in Jena ansässigen jüdischen Steuerzahler zur Besoldung des großherzoglichen Landesrabbiners wurde der Vater für die Jahre 1886 und 1887 erfasst. Im Juli 1886 erbat der Weißwarenhändler Hirsch Muscatblatt, der seit 1885 auch eine Feuerversicherungsagentur betrieb, einen Gewerbeanmeldeschein für seine Frau Ruchla. Die Ehefrau führte dann selbständig einen Handel mit Wollwaren und Strümpfen sowie Schnitt- und Weißwaren, während er selbst am Aufbau einer Existenz für seine Familie anderenorts arbeitete und um 1888 Frau und Kind nachholte. Hirsch Muscatblatt war später als Auktionator in Leipzig tätig und um die Jahrhundertwende Vorsitzender des Israelitischen Handwerkervereins in Leipzig. Nach Schulbesuch und Lehre erwarb der Sohn Alfred Muscatblatt einen Abschluss als Elektromeister und gründete 1914 ein Installationsgeschäft in Leipzig. 1927 heiratete er die Leipzigerin Margarete Lochmann (1898–1978), die zum jüdischen Glauben übergetreten war. Als angesehener jüdischer Handwerksmeister gehörte Alfred Muscatblatt der Leipziger Innung der Elektroinstallateure an und prägte maßgeblich den Verein selbständiger jüdischer Handwerker zu Leipzig bis zu dessen Auflösung 1938. Zudem war er führendes Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Zentralverbandes Jüdischer Handwerker Deutschlands. Als einer der wenigen Leipziger jüdischen Handwerksmeister konnte er Lehrlinge aufnehmen und ausbilden. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich jedoch die Wirtschaftslage seines Betriebes dramatisch, insbesondere durch die allgemein fehlende Berücksichtigung jüdischer Betriebe bei Auftragsvergaben, so dass 1931 ein Konkursverfahren gegen ihn angestrengt wurde. Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten fiel am 1. April 1933 auch sein Geschäft unter die Boykott-Aktion. Wenige Tage nach der Pogromnacht 1938 wurde Alfred Muscatblatt am 13. November durch die Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Mit der »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« musste die Ehefrau den Installationsbetrieb zum 31. Dezember 1938 schließen. Ein Verkauf des Geschäftes wurde untersagt, so dass die Familie nach 25-jähriger Selbständigkeit wirtschaftlich ruiniert war. Schwer an Diabetes erkrankt, kehrte Alfred Muscatblatt am 2. Januar 1939 aus Sachsenhausen zu seiner Frau zurück. Als Jude und Sternträger – im Geburtsregister des Standesamtes Jena wurde 1938 die Führung des Zwangsvornamens Israel eingetragen – litten er und seine treu zu ihm stehende Ehefrau unter allen Maß- nahmen der Ausgrenzung und Verfolgung. Im Dezember 1939 war das Ehepaar gezwungen worden, seine Wohnung in Gohlis zu verlassen und in ein  „Judenhaus“ einzuziehen. Es folgten Haussuchungen durch die Gestapo und über die nächsten Jahre ständig angeordnete weitere Umzüge, die der Familie immer wieder Geld und viel Kraft abforderten. Hinzu kam der Entzug wichtiger Lebensmittel für Alfred Muscatblatt; nach Kürzung der Lebensmittelkarten und Sperrung der Krankennahrung stellte die Ehefrau ihrem zuckerkranken Mann ihre eigene Fett- und Nährmittelration zur Verfügung. Ab 1940 bis Kriegsende musste Alfred Muscatblatt auf Anordnung des Arbeitsamtes als „ungelernter Hilfsarbeiter“ in einer Elektrowerkstatt Zwangsarbeit leisten. Im Dezember 1943 wurde das Ehepaar in der Packhofstraße 1, einem Leipziger  „Judenhaus“, ausgebombt. Tagelang blieben die Muscatblatts ohne Unterkunft, bis ihnen schließlich ein durch eine Pappwand abgegrenzter Schlafraum in einer Wohnung zugewiesen wurde, in der bereits sieben Familien untergebracht waren. Zum 13. Februar 1945 erhielt Alfred Muscatblatt den Bescheid zur Deportation nach Theresienstadt. Margarete Muscatblatt gelang es unter größtem Einsatz, zahlreicher persönlicher Vorsprachen und Beibringung von Attesten zu erreichen, dass seine Deportation auf vier Wochen zurückgestellt wurde und rettete damit das Überleben ihres Mannes. Bald nach der Befreiung erkrankte Alfred Muscatblatt schwer an Lungentuberkulose. Sein unterernährter Körper konnte der Krankheit keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Alfred Muscatblatt, der nach der Befreiung 1945 dem Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig angehört hatte, starb am 2. April 1948 in einem Sanatorium in Sülzhayn (Südharz) und wurde auf dem Leipziger Neuen Israelitischen Friedhof beigesetzt. Beide Brüder Alfred Muscatblatts wurden Opfer des Holocausts. Sein Bruder Arnold, 1889 in Leipzig geboren, wurde im November 1938 nach Buchenwald verbracht und kam dort noch im gleichen Monat ums Leben. Sein Bruder Max, 1892 in Leipzig geboren, und dessen Familie wurden 1944 nach Auschwitz deportiert.

O

Johann Ollik (1905–1945)

Johann Ollik wurde am 12. Juli 1905 in Schwornigatz im Kreis Konitz geboren. Als nach dem Ersten Weltkrieg grofle Teile Westpreuflens infolge des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 an Polen abgegeben werden mussten, wurde auch Schwornigatz wieder polnisch. Ollik erlernte den Beruf des Schlossers. Seit 1927 war er Mitglied der KPD und Funktionär im Kampfbund gegen den Faschismus. Er heiratete am 2. Februar 1929 Charlotte Laux aus Apolda. Der erste Sohn Hans wurde am 2. Oktober 1929 geboren, der zweite Sohn Franz Peter am 31. Oktober 1937. Diese Ehe wurde im Mai 1938 geschieden. Im Jahre 1938 zog die am 21. September 1917 geborene Else Hille nach Apolda. Hier lernte sie Johann Ollik kennen. Beide heirateten am 11. Mai 1940, ihr Kind Ingrid war am 2. April 1940 geboren. Der Kommunist Ollik geriet natürlich mit dem Nazireime mehrfach in Konflikt: einmal, als er einen Streik in der Dampfziegelei Tilgner anschob, ein anderes Mal wegen unerlaubten Kontakts mit sowjetischen Zwangsarbeitern, und ein letztes Mal wegen eines unbedacht angeeigneten Karabiners. Er lernte die Gestapozentrale im Marstall Weimar kennen, das KZ Buchenwald, das KZ Sachsenhausen und zuletzt wieder die Gestapo im Marstall. Hier wurde er am 24. September zugeführt, misshandelt und schwer verletzt im Krankenhaus Rosenthalstrafle von Weimar eingeliefert, wo er am 10. Januar 1945 starb. Die antifaschistische Stadtregierung gab 1946 einer Strafle im Apoldaer Westviertel den Namen „Ollikstraße“. Am Weimarer Marstall wurde für die Opfer der Gestapo eine Gedenktafel angebracht, die bei der Sanierung des Gebäudekomplexes 1996 abgenommen und eingelagert werden sollte. 2007 wurde vom Hauptstaatsarchiv mitgeteilt, dass die Tafel leider unauffindbar bleibe.

Elfriede Otto (1904–1986)

Elfriede war das einzige Kind in der Familie des jüdischen Viehhändlers Berthold Fleischmann und seiner Frau Ida geborene Frank. Die Eltern waren 1897 aus dem fränkischen Prichsenstadt nach Apolda gezogen und haben hier an verschiedenen Stellen einen Viehhandel betrieben. Im Jahre 1928 eröffnete Tochter Elfriede im Obergeschoss des elterlichen Wohn- und Geschäftshauses in der Niederroßlaer Straße 8 ein sogenanntes „Reste-Haus“, ein An- und Verkaufsgeschäft für die in der Textilarbeiterstadt vielfach anfallenden Reste an Stoffen verschiedenster Arten.  Im gleichen Jahre heiratete sie den nicht-jüdischen Textil-Kaufmann Johannes Otto. Am 7. November 1929 kam als einziges Kind ihr Sohn Joachim Peter zur Welt. 
Die ersten spürbaren Verfolgungen erlebte sie am 1. April 1933, als SA-Männer auch vor ihrem Haus die Käufer vor Geschäften mit Juden warnten. Als ihr Sohn in der Schule diskriminiert wurde, schickten sie ihn in eine Jüdische Schule nach Berlin und anschließend nach Leipzig. Als im Mai 1942 mit den Deportationen begonnen wurde, kümmerte sich Elfriede unter großen Mühen und mit Aufwand, um die nach Belzyce deportierten Apoldaer mit Lebensmitteln und mit lebenswichtigen Artikeln zu versorgen. Viele Einlieferungsscheine vom Postamt sind davon überliefert. Das gleiche wiederholte sich im September, als jüdische Personen im Alter von über 60 Jahren in das Ghetto Theresienstadt verfrachtet wurden, darunter ihre eigenen Eltern. Auch den Briefkontakt zu ihnen hielt sie aufrecht. Als ihre Mutter Ida am 17. August 1943 verstarb, kehrte Trauer in der Familie ein.
Als 1944 die Aufhebung der letzten Schutzklausel in den Rassegesetzen beschlossen wurde, mussten auch sie mit der bevorstehenden Deportation rechnen. Darauf bereitete sich Elfriede ideenreich vor. Mit der Nachbarfamilie Löser lebte sie in Eintracht und erreichte die Zusicherung, in Notfällen eine oder zwei Nächte bei ihnen übernachten zu dürfen. Für eine Eisenbahnreise besorgte sie sich zwei Fahrscheine, mit denen sie zu zwei vertrauenswürdigen Adressen fahren konnten, um sich dort zu verstecken. Rechtzeitig packte sie Koffer, auf denen sie das Schild legte mit der Nachricht an die Gestapo, dass sie aus dem Leben gehen wollten. 
Der Plan ging auf, so dass sie bei Nacht heimlich zum Bahnhof gingen, abreisten und bei der zweiten Adresse schließlich unterkamen. Hier besorgten sie sich zwei Ersatzpässe mit falschen Namensangaben. Hier blieben sie bis zum Eintreffen der US-Armee. Von deren Kommando erhielten sie einen Schein, der ihnen Reisesicherheit und Lebensmitteleinkauf gewährte. Mit dem Fahrrad fuhren sie über Rhön und Thüringer Wald nach Apolda zurück. Erst 1946 erhielt sie die Nachricht, dass ihr Vater Berthold zu den wenigen Überlebenden des KZ Theresienstadt gehörte. Er war mit einem Bus in ein Schweizer Sanatorium gebracht worden und hoffte nun auf die Rückkehr nach Apolda. Im gleichen Jahr holte sie ihn von dort ab, aber nach weniger als einem Jahr verstarb er.
Nach dem Tod des Vaters reiste die ganze Familie nach Frankfurt und begann dort ein neues Leben. Im Keller eines Hauses in der Gagernstraße begannen sie eine Textilkonfektion einzurichten. Durch den damaligen hessischen Innenminister Karry bekamen sie sogar Nähmaschinen vermittelt. Zunächst arbeiteten die Eheleute zusammen, und nach der Trennung arbeitete Elfriede für sich. Einige Näherinnen arbeiteten am Fließband an der Herstellung von Kleidungsstücken. Mit Johannes hatte sie sich 1974 wieder versöhnt. Ehemann Johannes starb wenig später Mitte der 1970er Jahre.

Erna Oswald (1900–1986)

Erna Oswald wurde am 19. November 1900 als jüngstes Kind der Eheleute  Georg und Henriette Born in Jena geboren. Nach dem Besuch des Lyzeums unterstützte sie ihre Eltern in deren Schuhwarengeschäft in der Kollegiengasse. 1923 heiratete sie den ebenfalls aus Jena gebürtigen Walter Oswald (1900–1985), der als Bankbeamter und später Bankbevollmächtigter bei der Thüringischen Landesbank tätig war. Das Ehepaar hatte eine gemeinsame Tochter. 1927 wurde Erna Oswald als „Ehefrau“ im Verzeichnis der für die Besoldung des Landesrabbiners beitragspflichtigen Israeliten erfasst. Ihr Mann gehörte der evangelischen Kirche an. Ab 1933 war die Familie allen antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Dazu zählten ständige Überwachungen durch die Gestapo und die Annahme des Zwangsvornamens Sara. Als »jüdisch Versippter« musste Walter Oswald ab 15. Oktober 1944 im Lager Halle-Weißenfels der  Organisation Todt Zwangsarbeit leisten, unter anderem schwere Erdarbeiten verrichten. Erst am 16. April 1945 konnte er aus Halle-Wörmlitz nach Jena zurückkehren. Auch die Tochter wurde als „Mischling ersten Grades“ zur Zwangsarbeit in einer Wäscherei herangezogen. Erna Oswald erhielt noch im Januar 1945 den Deportationsbescheid nach Theresienstadt. Ihre Geschwister Gustav Born und Amalie Kühnhold waren bereits 1942 bzw. 1944 in Konzentrationslager verschleppt worden. Erna Oswald überlebte das Lager und kehrte im Juni 1945 nach Jena zurück. Für ihre Angaben zur Anerkennung als Opfer des Faschismus bürgten unter anderem ihr Nachbar, der ehemalige Bürgermeister und Stadtrat Ernst Gries sowie die ebenfalls in Theresienstadt internierte  Fanny Möhring. Erna Oswald gehörte der nach Kriegsende unter Max Blau neu gegründeten kleinen jüdischen Gemeinde an. Walter Oswald wurde 1945 als Direktor der Städtischen Brauerei eingestellt. 1965 verließ das Ehepaar Jena und übersiedelte nach Bayern. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes starb Erna Oswald am 23. Juli 1986 in Bad Reichenhall.

P

Bernhard Prager (1888–1944)

Bernhard Prager wurde am 29. Juni 1888 in der hessischen Stadt Wenings geboren. Als er noch ein Kind war, zogen seine Eltern nach Apolda. Die Stadt war bekannt für ihre Textilindustrie und auch Salomon Prager, Bernhard Pragers Vater, leitete eine Fell- und Darmhandlung. Bernhard Prager legte eine Ausbildung als Kaufmann ab, doch bevor er die Geschäfte seines Vaters übernehmen konnte, brach der 1. Weltkrieg aus. Prager gehörte zu den ersten Freiwilligen der kaiserlichen Armee. „Wie so viele Juden im deutschen Kaiserreich betrachtete er den Militärdienst als eine Chance, sich zu behaupten und seiner Nation zu beweisen, dass die jüdischen Deutschen bereit waren, ihrem Vaterland zu dienen. Durch die Frontkämpfe schwer verwundet, kehrte der Soldat noch während des Krieges in seine Heimat zurück.“ 1918 heiratete er Gertrud Katzenstein. 1920 übernahm das Ehepaar die Fell- und Darmhandlung des Vaters und eröffnete eine Gerberei in Apolda. Die Nürnberger Gesetze von 1935 bedeuteten für die Prager den zunehmenden Ausschluss aus der "arischen" Gesellschaft, da Bernhard als „Gemeinschaftsfremder“ aus allen Vereinen ausgeschlossen wurde und nicht mehr länger im Chor der Metzgerinnung mitwirken durfte. Der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und Veranstaltungen wurde den Juden verboten. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Prager hatte sich zu diesem Zeitpunkt dramatisch verschlechtert, da der Familienbetrieb im Frühjahr 1939 per Zwangserlass durch den Bürgermeister der Stadt geschlossen worden war. Bernhard und Gertrud waren daher arbeitslos und gezwungen, von ihren Ersparnissen zu leben. Damals war die Mehrheit der jüdischen Einwohner Apoldas aufgrund der anhaltenden Repressalien emigriert. Für diejenigen, die bis dahin noch nicht zur Auswanderung gelernt hatten, war die Ausreise ab Oktober 1941 nahezu unmöglich. Am 19. September 1942 wurden Bernhard Prager, seine Frau Gertrud und die 83-jährige Schwiegermutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Kurz nach ihrer Ankunft im Ghetto, starb Fanny, Gertruds Mutter. Der 52-jährige Bernhard Prager konnte die Bedingungen noch fast zwei Jahre lang ertragen, bis er am 26. September 1944 in "Theresienstadt" starb. Der Verlust ihres Mannes bedeutete gleichzeitig den Verlust des privilegierten Status von Gertruds Prager, und sie wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie nach ihrer Ankunft in einer der Gaskammern des Lagers auf der Stelle ermordet wurde. Auch die Spuren ihres Sohnes Heinz führen nach Auschwitz. Er wurde 1942 zunächst von Berlin in ein Ghetto in Riga, Lettland, verschleppt, bevor er einem „Arbeitskommando“ im Konzentrationslager Auschwitz zugeteilt wurde. Durch die Strapazen und das Leiden an verschiedenen Krankheiten geschwächt, fiel Heinz Prager der "Selektion in einer der Sanitätsbaracken" zum Opfer und wurde durch eine „Phenolin“-Injektion in sein Herz getötet. Nach dem Krieg forderten die Angehörigen der beraubten und ermordeten Familie eine Entschädigung, um zumindest die ehemaligen Wohnräume zurückzuerhalten, doch ihre Bemühungen scheiterten an den Rechtsgrundsätzen der DDR, so dass Haus und Besitz von Bernhard Prager in Staatsbesitz blieben. Erst nach dem Ende der DDR war es möglich, zumindest einen Teil des Raubguts an die Nachkommen der Familie zurückzugeben. In dem ehemaligen Geschäftshaus der Familie Prager befindet sich heute eine Gedenk- und Erinnerungsstätte.

Behrendt Pick

Beherendt Pick, Numismatiker, Klassischer Philologe und erster Direktor des Gothaer Münzkabinetts, wurde am 21. Dezember 1861 in Posen geboren und besuchte dort das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Ab 1880 studierte er an der Universität Berlin (heute Humboldt-Universität zu Berlin) und promovierte 1884 bei Theodor Mommsen (Doktorarbeit: „De senatus consultis Romanorum“). Daneben arbeitete er in der Königlichen Bibliothek in Preußen (heute Staatsbibliothek zu Berlin). Nach seinen Forschungsreisen 1898 u. a. nach Konstantinopel, Mailand, Rom und Venedig veröffentlichte er sein Hauptwerk „Die antiken Münzen von Dacien und Moesien“ im großen, von Friedrich Imhoof-Blumer geleiteten Editionsprojekt „Die antiken Münzen Nord-Griechenlands“ (auch als „Corpus nummorum „bekannt) der Berliner Akademie der Wissenschaften. Von 1889–93 war Pick an der Universität Zürich tätig, wo er sich 1889  als Privatdozent habilitierte, ab 1891 wurde er außerordentlicher Professor für römische Altertümer, Geschichte und Numismatik. 1893 kam es zur Berufung an die Herzogliche Bibliothek von Schloss Friedenstein Gotha (heute Forschungsbibliothek Gotha), wo er die Betreuung des Münzkabinetts übernahm. Das Münzkabinett wurde unter seiner Leitung aus der Bibliothek herausgelöst, dem er nunmehr  als erster Direktor vorstand und es zur größten Sammlungserweiterung seit Begründung 1712 mit einem Zuwachs von ca. 30.000 Münzen und Medaillen kam. Ab 1928 war Pick zugleich Direktor der Herzoglichen Bibliothek. 1891 heiratete er Gertrud Sternberg und war von vom Sommersemester 1896 bis zum Wintersemester 1930/31 an der Universität Jena als außerordentlicher Professor bzw. ab 1911 als ordentlicher Honorarprofessor für Altertumswirtschaft und antike Numismatik tätig. Nach der Neuinventarisierung des Akademischen Münzkabinetts der Universität Jena wurde ihm 1921 eine Ehrenmedaille gestiftet, angefertigt von dem Medailleur Bruno Eyermann.
1934 kam es zur Zwangspensionierung durch die Nationalsozialisten, worauf er 1936 mit seiner Frau nach Berlin flüchtete. Behrendt Pick verstarb am 3. Mai 1940 in Berlin, wo er auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee im Beisein von Leo Baeck beerdigt wurde, dessen Worte sich auf dem Grabstein wiederfinden: „Treu den Menschen/ Treu dem Judentum/ Treu seiner Wissenschaft“. Gertrud Pick nimmt sich 1942 aus Angst vor Verfolgung und Deportation das Leben.

Gertrud Prager (1984–1944)

Gertrud Prager war die jüngste Tochter von Fanny Katzenstein. Sie wurde am 7. November 1894 in Erfurt geboren. Nach dem I. Weltkrieg verlobte sie sich mit Bernhard Prager im September 1918 und heiratete ihn in Erfurt am 2. Dezember 1919. Sie blieb zunächst bei ihrer Mutter in der Meyfartstraße 5 in Erfurt wohnen. Dort gebar sie am 28. Dezember 1922 ihren einzigen Sohn Heinz. Wahrscheinlich im Jahre 1923 zog sie mit ihrem Sohn Heinz zu Bernhard Prager nach Apolda in die Teichgasse 2. Als die Juden, die während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht worden waren, wieder entlassen wurden, 223 Auf diesem Foto sind drei Jüdinnen bekannt: unten links Gertrud Raphael, oben rechts Minna Salinger und neben ihr Gertrud Prager. Es ist möglich, dass die anderen fünf Frauen ebenfalls Jüdinnen waren. Es könnte sich also um ein „Jüdisches Frauen-Kränzchen“ gehandelt haben. kümmerten sich jüdische Frauen um sie. Eine jüdische Hilfsorganisation von Frauen hatte von Ende November 1938 bis Januar 1939 im Weimarer Bahnhofsgebäude eine Hilfsstelle eingerichtet, die die schrittweise wieder entlassenen „Aktionsjuden“ betreute. Hier war auch Gertrud Prager aus Apolda tätig beim Kaffeeausschenken.
Gemeinsam mit ihrer Mutter Fanny Katzenstein und ihrem Mann Bernhard wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Als ihr Mann im September 1944 in Theresienstadt gestorben war, wurde sie im Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht und dort am 12. Oktober 1944 vergast.

Max Peller (1907–1945)

Max wurde mit einem leichten Gehfehler geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er am Dresdner Konservatorium Musik im Fach Geige. Im Jahre 1932 heiratete er Johanna Götz aus Eibenstock im Vogtland. Der kleine Wolfgang wurde ihren Eltern in Eibenstock zur Erziehung anvertraut, weil diese Aufgabe über Johannas Kräfte ging. Schon 1938 starb sie nach schwerer Krankheit. 1939 wurde Max Geschäftsführer der Eierverwertungsgesellschaft in Weimar, doch die antisemitischen Angriffe wurden immer stärker, und in der Folgezeit konnte er immer nur kurze Zeit in verschiedenen Städten eine Anstellung finden. In dieser Zeit lernte er in Gerda Heidrich eine junge Frau kennen, und die Liebenden beschlossen, eine Ehe einzugehen. Ein  entsprechender Antrag wurde jedoch von der NS-Sippenstelle verweigert. Ungeachtet dessen trafen sie sich heimlich weiter. Das wurde gegenüber der Gestapo denunziert, so dass beide zum Verhör im Marstall vorgeladen wurden. Im Ergebnis dieses Verhörs wurde Max in das KZ Buchenwald eingeliefert. Wenige Zeit später wurde er nach dem KZ Auschwitz überstellt. Hier hatte er das Glück, dass er als Musiker eine Stelle als Instrumentenwart im Häftlingsorchester zugewiesen bekam. Das bedeutete seine vorläufige Rettung. Während dieser Haftzeit schrieben sich die Verlobten gegenseitig Briefe, die von ihrer tiefen Liebe zueinander kündeten. Etliche dieser Briefe von Max an Gerda sind erhalten und heute als Schenkung durch seinen Sohn Wolfgang Bestandteil der Ausstellung im Prager-Haus-Museum. Im Januar 1945 gehörte auch Max zu den Häftlingen, die aus Auschwitz evakuiert wurden: zunächst nach Mittelbau Dora. Hier konnte er noch eine Postkarte an seine Verlobte in Weimar schreiben das letzte Lebenszeichen von ihm. Von dort wurde er nach dem KZ Bergen-Belsen überstellt. Als er dort ankam, hat er einen Zug nach Theresienstadt bestiegen, mit dem Häftlinge aus Bergen-Belsen evakuiert wurden. Seine Hoffnung, mit diesem Transport das bessere Los gezogen zu haben, stellte sich als Irrtum heraus: In Theresienstadt grassierte eine Typhus-Epidemie, die auch ihn verschlang. Im Juli 1945 endete dort sein Leben. Durch die Nachforschung im Archiv der Gedenkstätte von Terezin konnte Vereinsmitglied Udo Wohlfeld die Ankunft von Max im KZ, seine tödlich endende Typhus-Erkrankung sowie seine Grabstelle auf dem dortigen Ehrenfriedhof in Erfahrung bringen. Mit diesen Kenntnissen ausgestattet reiste Sohn Wolfgang mit Ehefrau, Tochter und Enkelsohn nach Terezin, um das Grab von Vater Max aufzusuchen. Die Freude war groß, als Enkelsohn Till die Gedenktafel auf dem Grab seines Großvaters finden konnte. Die Urne des Verstorbenen mit der Nr. 2155 befindet sich im Grab Nr. 688 in der Abteilung 10 des Friedhofs. Am 6. Oktober 2008 verlegte der Aktionskünstler Gunter Demnig in Anwesenheit von Wolfgang Peller und seiner Familie zwei Stolpersteine für die Brüder Max und Heinz.

Heinz Peller (1914–1942)

Vater Robert, ein Jude, war Anfang des 20. Jahrhunderts von Wien nach Apolda gezogen, wo er Anna Maschke, evangelischer Konfession, heiratete. Heinz Peller wurde am 20. November 1914 in Apolda geboren. Er hatte noch zwei Brüder, Paul und Max. Der Vater gründete ein Zigarrengeschäft. Heinz wie auch seine Geschwister wuchs nach christlichen Normen auf und wurde konfirmiert. Er besuchte acht Jahre die Volksschule, danach trat er in das Gesch äft seines Vaters ein und erlernte den Kaufmannsberuf. Anfang 1939, nach dem Novemberpogrom 1938, wurde das Geschäft des Vaters zwangsweise geschlossen. Damit war auch seine Existenzgrundlage vernichtet worden.
Im Februar oder März 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet. Er hatte mit einer „Arierin“ ein Kind gezeugt. Damit hatte er gegen Bestimmungen der  Nürnberger Gesetze verstoßen. Es hat kein Gerichtsverfahren stattgefunden. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo wurde er am 6. März 1942 in das Konzentrationslager Buchenwald als Polizeihäftling eingewiesen. Er bekam die Häftlingsnummer 7492.
Als Himmler anordnete, dass die Konzentrationslager im Reich „judenrein“ zu machen seien, betraf das auch Heinz Peller. Im KZ Buchenwald wurden die Juden zu einem Transport mit 405 Personen zusammengestellt (Heinz Peller erscheint auf Position 297 der Transportliste) und am 16. Oktober 1942 ins KZ Auschwitz abgeschickt. Die Kommandantur in Auschwitz ist am 14. Oktober 1942 in Kenntnis gesetzt worden, dass der Transport von 18 SS-Angehörigen des Standorts (wohl KZ Auschwitz) sowie von 88 SS-Männern der Kommandantur des KZ Buchenwald begleitet wird.
In Auschwitz kam der Transport am 19. Oktober 1942, abends um 22.00 Uhr, an. 404 Häftlinge erhielten die Nummern 68340 bis 68743. Einer der gelieferten Häftlinge wurde zurückgeschickt. Nach der üblichen Aufnahmeprozedur, Heinz Peller erhielt die Häftlingsnummer 68607, und einer Quarantänezeit kam er in das „Buna-Werk“ nach Auschwitz III (Auschwitz-Monowitz). Dort erkrankte er schwer. Bei einer Selektion am 18. Dezember 1942 im HKB (Häftlingskrankenbau) Buna durch Dr. Entress (Lagerarzt) wurde er aussortiert. Das bedeutete, er war zum „Abspritzen“ mit einer Phenolspritze vorgesehen. Wegen „allgemeiner Schwäche“ wurde er in den Häftlingskrankenbau im Block 28 des Hauptlagers Auschwitz I verlegt. Auf dem erhalten gebliebenen Dokument wird sein Name mit Heinz Israel Peller angegeben, obwohl für Mischlinge die Vorschrift des Namenszusatzes „Israel“ nicht zutraf.
Am 19. Dezember 1942, also einen Tag später, bekam er mit noch 50 anderen selektierten Häftlingen aus dem HKB (Block 28) den Befehl, sich im Block 20 zu melden.
Heinz Peller wurde durch den Arzt SS-Hauptsturmführer Dr. Friedrich Entress aussortiert und für die Phenolspritze freigegeben. Der Sanitätsdienstgrad (SDG) SS-Oberscharführer Josef Klehr ließ ihn am 19. Dezember 1942 ins Behandlungszimmer des Blocks 20 bringen und spritzte ihm Phenol ins Herz. Dieses Schicksal teilte er an diesem Tag noch mit 50 anderen aus Block 28, die vom Arzt selektiert worden waren. Noch am selben Tag wurde sein Leichnam im Krematorium I im Stammlager Auschwitz I verbrannt. Eine Sterbeurkunde existiert nicht.
Für Heinz wurde am 6. Oktober 2008 durch den Aktionskünstler Gunter Demnig in Anwesenheit seines Neffen Wolfgang Peller und dessen Familie ein Stolperstein in Apolda verlegt.

Erwin Panndorf (1904–1942)

Erwin Panndorf wurde am 07.01.1904 in Zwötzen bei Gera geboren. Er trat 1920 in KPD ein. Nach 1930 lebte er in der Sowjetunion und wurde Mitglied der KPdSU. Seine Tochter heißt Ilsa Nesterenko. Er war Teilnehmer am spanischen Bürgerkrieg auf Seite der internationalen Brigaden. 1942 sprang er aus einem sowjetischen Flugzeug  über Ostpreußen mit dem Fallschirm ab und ging nach Berlin. Dort fand er Kontakt zum Widerstand der sog. Roten Kapelle. Nach Verrat und Verhaftung wurde er am 10.12.1942 in Sachsenhausen umgebracht. Er starb mit 38 Jahren. Nach ihm ist die größte Sporthalle Geras benannt.

Sarah Pabst (1863–1936)

Sarah Pabst wurde am 13. Dezember 1863 als Tochter des Schuhmachermeisters Salomon Abrahamsohn und der Therese Abrahamsohn, geb. Rosenthal, in Berlin geboren. Im Jahr 1894 heiratete sie den ebenfalls aus Berlin stammenden Zuschneider Albert Pabst (1858–1934). Das Ehepaar hatte zusammen sieben Kinder, von denen 1936 noch vier lebten. 1908 trat Sarah Pabst durch Taufe aus dem Judentum aus und wurde Mitglied der Baptistengemeinde. Die Schwester von Albert Pabst, Emma Cranz, wohnte in Jena, wo ihr Mann seit 1900 eine Feinkosthandlung betrieb. Nach dem Tod von Georg Cranz konnte Rudolf Pabst 1920 das Geschäft seines Onkels als Inhaber übernehmen und in das Wohn- und Geschäftshaus in der Lutherstraße 62 einziehen. Mit seinem Bruder Alfred führte er das Geschäft „Georg Cranz Nachf.“ weiter. Die Eltern Sarah und Albert Pabst siedelten Mitte der 1920er Jahre ebenfalls nach Jena über. Der Vater Albert starb 1934, seine Frau Sarah am 28. Februar 1936 in Jena. Ihre hinterbliebenen Söhne Rudolf (geb. 1887 Berlin) und Alfred (geb. 1900 Berlin) galten aufgrund des Reichsbürgergesetzes als „Mischlinge ersten Grades“. Rudolf Pabst, der von 1907 bis 1909 in einem Infanterieregiment in Neuruppin gedient hatte, nahm von 1914 bis zum Ende des Krieges als Frontkämpfer im Rang eines Unteroffiziers am Krieg teil und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1918 geriet er in französische Gefangenschaft, aus der er erst 1920 entlassen wurde. Seine Existenz baute er nun in Jena auf. Die kleine Kolonialwarenhandlung, Ecke Lutherstraße / Frommannstraße, wurde durch den Kaufmann so erfolgreich geführt, dass er neun Jahre später darin auch die Verwaltung einer Poststelle übernehmen konnte. Der Laden erbrachte den Unterhalt für seine Ehefrau Emma, geb. Grau, und die zwischen 1923 bis 1927 geborenen vier Kinder. Die mit der Übertragung der Regierungsgewalt auf die NSDAP eingeleiteten Maßnahmen trafen auch seine Geschäftstätigkeit. Schon 1934 wurde ihm durch die Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und Gewerbe-Organisation (N. S. HAGO) die Aufnahme in die Großhandelsorganisation aufgrund des „Arier-Paragraphen der NSDAP“ verwehrt. Noch im Februar 1935 hatte ihm zunächst die Reichspostdirektion Erfurt nach Prüfung seiner Personalien – er war Frontkämpfer – aufgrund des „Gesetz(es) zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ seine Belassung im Dienst bestätigt. Nur ein halbes Jahr später erhielt er jedoch die Nachricht, dass ihm infolge einer Verfügung der Reichspostdirektion nun das Dienstverhältnis zum 1. Dezember 1935 gekündigt sei. Dagegen legte Rudolf Pabst umgehend beim Reichspostministerium in Berlin Beschwerde ein. In seinem Schreiben führte er aus, dass sein Geschäft als „christliches Geschäft“ allgemein bekannt sei und nun das Postamt Jena gedrängt werde, ihn als Poststelleninhaber zu entlassen, „weil man mich ungerechtfertigterweise mit auf eine Liste der jüdischen Geschäfte gesetzt hat, und mit dieser nicht zu Recht bestehenden Bezeichnung den Antrag begründet hat“ (alle Zitate aus Unterlagen des Privatarchivs Hanf, unpag.). Sein Gesuch an die Kreisleitung der NSDAP, seinen Namen auf dieser Liste der jüdischen Geschäfte in Jena zu streichen, war zuvor abgelehnt worden. Kreispersonalamtsleiter Wünsche hatte ihm dazu im August 1935 mitgeteilt: „Die Judenliste herauszubringen war eine unabweisbare Notwendigkeit. Es verging kein Tag, an dem ich nicht eine ganze Reihe von Anfragen über diese oder jene Einwohner in Jena erhielt, die im Verdacht standen, judenstämmig zu sein. Die Konfession spielt in der Rassenfrage keine Rolle. Aus diesem Grunde – und nur aus diesem – mußte eine einwandfreie Liste aufgestellt werden, und auf dieser muß auch Ihr Name stehen. Da ist […] leider nichts zu ändern. Ich möchte Sie bitten, dieses Schicksal mit der Würde eines Mannes zu tragen.“ Rudolf Pabst, der handschriftlich auf dem Schreiben notierte „d. h. also ich soll mit Würde zusehen, wie Frau und Kinder untergehen!!“, wandte sich darauf an den Thüringer Minister des Innern wie auch an Reichsinnenminister Frick: „Dadurch, daß man mich auf dieser Liste jüdischer Geschäfte, mit denen ich innerlich garnichts zu tun habe, veröffentlicht hat, werde ich absichtlich dem öffentlichen Boykott und dadurch mit Familie dem Ruin preisgegeben, denn es besteht hier für weite Kreise ein unterschriftspflichtiges Kaufverbot. Soll das das Schicksal eines deutschen Frontkämpfers sein?“. Auf seine Eingabe zur Kündigung der Poststelle erhielt er im Oktober 1935 vom Präsidenten der Reichspostdirektion den vernichtenden Bescheid: „Nach dem Ergebnis dieser Prüfung muß ich davon absehen, die gegen Sie ausgesprochene Kündigung des Dienstverhältnisses zurückzunehmen. Diese Entscheidung ist endgültig.“ Das im Dezember auf Verlangen Pabsts ausgestellte Zeugnis vom Postamt Jena, Postrat Kurt Feistkorn, bescheinigte ihm zwar, dass er als Inhaber der Poststelle Jena 1 C diese vom 18. März 1929 bis 30. November 1935 vorzüglich verwaltet hatte, die Schließung war jedoch besiegelt. Die Brüder Pabst führten nur das Lebensmittelgeschäft weiter, das wirtschaftlich längst nicht mehr den gleichen Ertrag brachte. Rudolf Pabst, der 1936 zum Luftschutzhauswart bestimmt und, wie auch seine Ehefrau, zu Dienstleistungen im zivilen Luftschutz herangezogen wurde, beantragte 1939 seine Aufnahme in die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Sein Bruder Alfred Pabst hatte bereits 1937 einen solchen Antrag gestellt und wurde vom Kreisobmann mit einem ablehnenden Bescheid „aus Gründen, die im Wesen der Deutschen Arbeitsfront als einer nationalsozialistischen Organisation liegen“ versehen. Walter Röhrig, Kreisobmann der DAF, teilte auch Rudolf Pabst im Januar 1940 mit, dass die Kreisleitung der NSDAP grundsätzlich seine Aufnahme in die DAF ablehne. Daraufhin legte jedoch der Kaufmann zusammen mit seinem Bruder beim Ehren- und Disziplinargericht der Deutschen Arbeitsfront, Gau Thüringen, Einspruch ein. Als „Mischlinge ersten Grades“ erfüllten sie sehr wohl die Voraussetzungen zum Reichsbürgerbrief und könnten nach den Bestimmungen in die DAF aufgenommen werden, zumal sie seit 1936 Mitglieder des Reichsluftschutzbundes und seit 1938 der NS-Volkswohlfahrt seien. Die darauf erfolgte Verhandlung des Gerichtes gab dem Einspruch statt und erlaubte die Aufnahme in die DAF, auch wenn eine Amtswaltung ausgeschlossen wurde. Im April 1944 wurde Alfred Pabst zur Zwangsarbeit in das französische Giverny verschleppt und sein Bruder Rudolf in ein Lager der Organisation Todt nach Halle-Weißenfels verbracht. Beide kehrten im April 1945 nach Jena zurück. Das Haus Lutherstraße 62, bisher immer noch der Witwe Emma Cranz gehörend, konnte nach dem Krieg in das Eigentum von Rudolf und Alfred Pabst übergehen. Das Lebensmittelgeschäft führten sie noch einige Jahre weiter, bis die Geschäftsräume in den 1960er Jahren durch die Konsum-Genossenschaft übernommen wurden. Rudolf Pabst starb am 1. Oktober 1977, sein Bruder Alfred mit über 90 Jahren am 12. Februar 1991 in Jena.

Ernst Pariser (1883–1915)

Ernst Pariser wurde am 4. Januar 1883 in Berlin als Sohn des Fabrikbesitzers Paul August Pariser und seiner Frau Cäcilie, geb. Mende, geboren. Nach Erlangung der Hochschulreife am Gymnasium Friedeburg trug er sich am 4. Mai 1903 in die Matrikel der Berliner Universität ein, wo er bis März 1904 an der Philosophischen Fakultät studierte. Anschließend wechselte er an die Universitäten in Freiburg, Erlangen und Heidelberg. Mit seiner Dissertation „Zur Logik der religiösen Begriffsbildung“ wurde er 1909 durch die Philosophische Fakultät der Universität Erlangen zum Dr. phil. promoviert. 1911 heiratete er in Berlin die 1885 dort geborene Anna Charlotte Guttmann. Lotte Guttmann, Tochter von Julius Guttmann und Maria Guttmann, geb. Alexander-Katz, hatte nach der Höheren Töchterschule Kindergartenkurse am Pestalozzi-Fröbel-Haus absolviert. Sie war eine Jugendfreundin von Edith Geheeb, geb. Cassirer (1885–1982). Oft weilte sie über längere Zeit in der 1910 eröffneten Odenwaldschule bei Edith und Paul Geheeb, letzterer hatte 1893/94 in Jena bei Johannes Trüper als Erzieher gearbeitet. Finanziell abgesichert durch seine Familie und den Bruder Franz, der eine große Tuchfabrik in Luckenwalde besaß, lebte Ernst Pariser, der auch Mitglied der Kant-Gesellschaft war, ab 1912 als Privatgelehrter in Jena und trat mit Vorträgen auf. So sprach er im Dezember 1913 auf einem Referierabend der Philosophischen Gesellschaft über Georg Wobbermins „Religionspsychologische Methode in Religionswissenschaft und Theologie“. Sein nach dem Verhältnis der Einkommensteuer aufzubringender Jahresbeitrag zur Besoldung des Landesrabbiners wies ihn für 1915 als einen der höchsten Beitragszahler in Jena aus. Im Weltkrieg war Ernst Pariser als Militärkrankenwärter eingesetzt. Am 23. August 1915 starb er, nur 32-jährig, im Reservelazarett Coburg an Diphtherie. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Luckenwalde beigesetzt. Nach seinem Tod erschien in kleiner Auflage und Privatdruck ein »Buch für seine Freunde«, mit Werken aus seiner Feder, darin unter anderem sein Vortrag „Das religiöse Element in Brentanos Lyrik“, „Huckele, eine Fastenpredig“ und „Aus Feridans Poetischem Tagebuch“, letzteres im Stile E. T. A. Hoffmanns geschrieben. Seine Witwe Lotte Pariser blieb bis etwa 1918 in Jena, wo sie in der Beethovenstraße 15 wohnte. Sie war mit der im gleichen Haus lebenden Familie von  Käthe Auerbach befreundet. Sie und ihr Schwager, der Fabrikant Franz Pariser (1885–1974), förderten den jungen Johannes Auerbach. Ab September 1919 nahm Lotte Pariser ihren Wohnsitz in München, wo sie eine enge Freundschaft mit dem Philosophen Dr. Paul Stern verband. Vergeblich hatte sie sich nach 1933 um eine gemeinsame Emigration bemüht. Von München aus wurde sie im Zuge der Räumung des Israelitischen Krankenheims am 5. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Die ebenfalls aus München deportierte, fast vollständig erblindete Schriftstellerin Elsa Bernstein (1866–1949), sie veröffentlichte unter dem Pseudonym Ernst Rosmer), die den „Prominentenstatus“ innehatte, konnte erreichen, dass Lotte Pariser bei ihr als Vorleserin beschäftigt sein durfte, wodurch die an Hunger leidende Lotte Pariser Anspruch auf höhere Lebensmittelzuteilung erwarb. Dabei entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen beiden Frauen. In ihren Lebenserinnerungen beschrieb Elsa Bernstein ihre Treffen mit Lotte Pariser, der 1944 Arbeit in der Glimmerspalterei zugewiesen wurde. Hierzu berichtete Elsa Bernstein: „Eine neue Bedrohung tauchte auf – der Glimmer. […] Ein glasiger Schieferspath, der mit dem Messer in feinste Blättchen gespalten als unverbrennbar kostbares Isolierungsmaterial waggonweise ins Reich zur Kriegsführung verschickt wurde. Mehrere hundert Frauen Tag  für Tag  mit dem Morgengrauen in eine Baracke kommandiert,  an langen Tischen sitzend die mehr schwierige als schwere, geisttötende Arbeit vorzunehmen. […] Wer nicht genug leistet, kommt in Transport! Norm waren 50 Gramm. […] Immer mehr Opfer forderte der Glimmer-Moloch. Lotte ergriffen, trotzt einer Sehnenscheidenentzündung am rechten Arm.“ (BERNSTEIN 2005, S. 144). Lotte Pariser konnte dem Arbeitszwang nicht standhalten, sie erkrankte und wurde zum Transport befohlen. „Um zwei Uhr nachts hatte Lotte den Befehl erhalten, sich bis acht Uhr morgens in der Sammelkaserne einzufinden. Sämtliche Frauen hatten  wie ›ein Mann‹ erklärt, sie solle sich wieder hinlegen, alle miteinander würden helfen, ihre Sachen zu packen. Zwei wären morgens mit ihr gegangen, das Köfferchen bis zur Kaserne zu tragen. Sie konnte doch nicht mit der kranken Hand.“ (BERNSTEIN 2005, S. 154). Der Transport ging am 28. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie unmittelbar nach der Ankunft ermordet wurde. Als amtliches Todesdatum ist der 31. Oktober 1944 angegeben.

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Alfred Rosewitz (1907–2010)

Am 4. Marz 1907 wurde Alfred in Hohensalza im südlichen Teil von Ostpreußen als Sohn von Wilhelm und Doris Rosewitz (geb. Lenczinski) geboren. Er war das dritte von fünf Kindern und hatte als seine älteren Geschwister Max und Nelly, und seine jüngeren Geschwister, Siegbert (Bert) und Ilse. Alfred wurde gefördert, um einmal das Rosewitz & Company Kaufhaus zu übernehmen, und zu seiner großen Freude wurde er zu Karstadt geschickt, ein riesiges Kaufhaus in Hamburg, um sich in seinen künftigen Beruf einzuarbeiten. Zugleich hat er diese Zeit in seinem Leben sehr genossen. Er arbeitete unter der Personalchefin, Frau Oklitz, einer Freundin von Frau Karstadt, die vor 1933 für 1.000 Personen verantwortlich war. Dann wurden die jüdischen Angestellten durch „Arier“ ersetzt. Bei seiner Rückkehr aus Hamburg ging Alfred an eine Filiale des Familienunternehmens in Jena, einer Studentenstadt mit einer hochkarätigen Medizinischen Fakultät. Dort, im Jahr 1934, traf er auf Carola Maud Cameron Lieberles, eine Gouvernante in einer sehr wohlhabenden deutschen Familie (die Prüssings), die damals in Jena waren. Sie hatte einen Kessel für die Familie gekauft, als sie Alfred traf. Weil Carola ein Mischling und Alfred jüdisch war, konnten sie sich nur im Geheimen treffen. Sie heirateten 1936 in London. Carola Maud Cameron Lieberles war die einzige Tochter von Thia Lieberles, der ein Import-Export- Geschäft in Frankfurt am Main zusammen mit Alice Maud Cameron Lieberles (geb. Reed) hatte. Thia, der ein rabbinischer Student gewesen war,bevor er ins Geschäft ging, traf Alice an der Wende des 20. Jahrhunderts in Frankfurt am Main, wo sie dort im britischen Diplomatischen Korps arbeitete. Carola wuchs in einer hochkarätigen aristokratischen Familie auf, die sowohl Englisch als auch Deutsch spricht. Als sie ihre Schulzeit beendet hatte, wurde sie eine Gouvernante für die beiden Prüssingschen Kinder.
Am 14. und 15. Mai 1990 besuchte ein 80jähriger, der jetzt in Südafrika wohnt, Apolda: Alfred Rosewitz, einer der Söhne des ehemaligen jüdischen Kaufhausbesitzers Wilhelm Rosewitz. Schon vor zwei Jahren gelang es der
Kulturbund-Arbeitsgruppe zur Erforschung jüdischen Lebens, seinen Wohnort ausfindig zu machen. Seitdem gibt es einen Briefwechsel. Nun kam Alfred Rosewitz mit seinem Sohn Jack in seine alte Heimat zu Besuch. Es waren
zwei bewegende Tage, als wir durch die für den alten Herrn so vertraute und heute fremde Stadt gingen. Im jetzigen Kinderkaufhaus kam es zu freundlichen Gesprächen mit dort Beschäftigten. Aufschlußreich verlief ein Nachmittagsgespräch im Louis-Fürnberg-Klub. Gekommen waren Freunde und Bekannte von damals, wie der Strickermeister Harry Burkhardt, aber auch Leidensgenossen und Betroffene aus Zeit, wie Rosalia Strasser und Heinz Ginsburg. Alfred Rosewitz berichtete voll Stolz über die Jahre des Neubeginns und vom Aufbau eines Foto-Kamera-Untemehmens, aber auch über seinen Weg zum Präsidenten der Gesellschaft für Amateurfotografie. Doch er erinnerte auch an die Jahre vor der Emigration.
Wilhelm Rosewitz war preußischer Offizier und gründete in Apolda ein Textilgeschäft. Es entwickelte sich bald zum ersten Haus unter den Kaufhäusern der Stadt. Werbeslogan: „Rosewitz & Co. Apolda — Das führende Kaufhaus für alle! Ein einziger Kauf macht Sie zum Dauerkunden!“ Mit seiner Frau Doris zog er fünf Kinder groß, darunter Alfred.
 Auch das Handelshaus Rosewitz war betroffen, als NSDAP und SA am 1. April 1933 ihren Geschäftsboykott veranstalteten. Auch über seiner Kaufhaustür, die Wilhelm Rosewitz an diesem Tag vorsorglich geschlossen hielt, stand zu lesen: „Wer hier einkauft, ist ein Volksverräter.“ 
Nachdem die Diskriminierung der Juden und die Gefahr der Verfolgung immer mehr anwuchsen, besorgte sich auch Alfred Auswanderungspapiere für die Emigration. Die Route führte über Frankfurt, Zürich bis Genua mit dem Auto, dann mit einem italienischen Dampfer bis Durban. Kurz vor der „Kristallnacht“ holte er die betagten Eltern zu sich nach Südafrika, um sie vor der drohenden Gefahr zu bewahren.
Am Tag der Abreise noch besuchten Alfred Rosewitz und sein Sohn das Glockenmuseum einschließlich der Sonderausstellung „Juden in Apolda“. Jack machte viele Aufnahmen und versprach, Fotos von den Begegnungen zu schicken. Vor der Heimreise erzählte Alfred Rosewitz in der Bartholomäuskirche von Kapellendorf belustigt, wie er als junger Mann Mitglied des Kapellendorfer Burgvereins geworden ist. Es war still in der Kirche, als wir am Altar den 23.
Psalm lasen. „Das ist ein ganz besonderes Erlebnis, das konnte nur hier sein!“, kommentierte Jack.

Julius Rechtmann (1881–1942)

Julius (jüdisch: Judka) Rechtmann wurde am 18. Juli 1881 in Chmielnik/Kongresspolen geboren. Zusammen mit seiner Frau Bella (jüdisch: Brucha) geborene Szajnthal und deren Zwillingsschwester Regina (jüdisch: Ryfka) kamen sie als politische Flüchtlinge nach Leipzig. Dort wurde 1913 ihr Sohn Thaddäus (jüdisch: Tuvia) geboren. Vermutlich 1917 kamen sie nach Apolda, denn im Adressbuch von 1918 wurde er als Tischler in der Schillerstraße 5 gemeldet. Später hat er sich verlegt auf den Handel mit Wollwaren, denn von 1921 bis 1927 betrieb er in der Ritterstraße 10 eine Wollwarenfabrikation. Seit 1928 hatten Rechtmanns ihren Konfektionsbetrieb in die Miltschstraße 14 verlegt, wo sie bis 1938 tätig waren. Nach Aussagen von Zeitzeugen waren etwa acht Näherinnen in der Firma beschäftigt. Am 19. Dezember 1922 kam in Jena ihre Tochter Margot (jüdisch: Mirjam) zur Welt. Die Familie hatte es inzwischen zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht, denn sie konnten sich auch schon einige Urlaubsfahrten mit dem eigenen Auto leisten, z.B. nach Italien, wohin sie ihr Chauffeur aus Oßmannstedt transportierte. Die jüdische Familie musste in Apolda antisemitische Bedrohungen hinnehmen. In der Silvesternacht auf das Jahr 1932 wurde vor ihrem Haus ein Plakat angebracht mit einem Galgen und einem Hakenkreuz. Vor der Haustür wurden Glasscherben abgeworfen. Der ältere Sohn Thaddäus hatte auch im Gymnasium Lehrer erlebt, die ihm mit antisemitischen Vorurteilen begegneten. Deshalb entschloss er sich bereits 1934 zur Auswanderung nach Palästina und besuchte zu diesem Zweck ein landwirtschaftliches Ausbildungslager in Italien. Im Oktober 1938 wurde die verbliebene Familie in der sogenannten „Polen-Aktion“ nach Lodz (Litzmannstadt) abgeschoben, wo sie im dortigen Ghetto lebten. Am 22. Oktober 1942 starb Julius im Ghetto. Die drei Frauen wurden in das KZ Auschwitz deportiert. Hier wurde Margot selektiert zur Zwangsarbeit in einem KZ-Außenlager bei Chemnitz, während die Mutter und ihre Zwillingsschwester am 24. August 1944 im Gas erstickt wurden. Tochter Margot heiratete am 18. August 1943 einen Mann namens Gumener. Sie hat die Zwangsarbeit überlebt, und kam 1945 aus Chemnitz noch einmal nach Apolda zurück und meldete sich in Jena bei den US-Besatzungsbehörden. Ihre Bemühungen um die Restitution des Familieneigentumsblieben erfolglos. Sie wanderte Ende der 1940er Jahre nach Israel aus.