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Gefundene Objekte: 147

S

Familie Salomon

Oskar Salomon wurde als Drittes von 5 Kindern 1863 in Halle/Saale geboren. Er war verheiratet mit Martha, 1873 geb. Heilbrun aus Eisleben. Dr.med. Oskar Salomon führte langjährig eine Facharztpraxis für "Haut- und Harnkrankheiten" Adelheidstr. 12 in Gera. Ihre zwei Söhne Fritz (1895) und Hans (1898) absolvierten erfolgreich das Gymnasium Ruthenäum Gera und wurden Soldaten im Ersten Weltkrieg. Fritz starb 1917 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen. Hans erlitt den Verlust des rechten Armes. Er studierte Jura und wurde Amtsgerichtsrat Dr. jur. in Gera. Im Novemberpogrom 1938 kam er in Schutzhaft nach Buchenwald. Dr. Oskar (77), Martha (68) und Dr. Hans Salomon (43) setzten am 18.09.1941 gemeinsam ihrem Leben ein Ende. Auch Oskars Schwestern in Halle, Elise und Margarethe, sein Bruder Paul mit Ehefrau Lucie flüchteten kurze Zeit später durch eigene Hand in den Tod. 

Bertha Schäfer (1890–1945)

Die jüdische Familie Langer war 1905 vor den Auswirkungen der mit der russischen Revolution verbundenen Juden-Pogrome nach Gera geflohen. Berta (1890 in Lodz geborene Langer) schloss 1916 die Ehe mit dem Nichtjuden Alfred Schäfer (1892 in Gera). Sie hatten die Töchter Martha (1914 in Gera) und Elfriede (1919 in Gera). Alfred Schäfer war gelernter Porzellandreher und arbeitete als Krankenpfleger am Städtischen Krankenhaus. Er wurde 1933 fristlos entlassen, arbeitet zwischenzeitlich in Fabriken und ab 1936 in den Milbitzer Heilanstalten. Am 03.11.1944 wurde er verhaftet und in das Arbeitslager für scheidungsunwillige Ehepartner aus Mischehen der Buna-Werke Schkopau gebracht. Dort erlebte er 1945 die Befreiung. Berta war Arbeiterin in verschiedenen Geraer Industriebetrieben. Sie wurde Mitglied der KPD und war aktiv in den örtlichen Geraer Nebenorganisationen. 1934 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im September 1944 verhaftet, kam sie ins Ausländerlager Leumnitz und im Dezember nach Ravensbrück. Dort wurde sie am 11.02.1945 umgebracht. Sie wurde 54 Jahre alt. Bertas ältere Tochter Martha bekam ein Kind, wurde der Rassenschande beschuldigt und kam schon im August 1944 ebenfalls nach Ravensbrück. Sie wurde dort befreit und heiratete 1948 in den USA den in Gera geborenen Leo Organek (gestorben 1995 in New York). Elfriede musste Zwangsarbeiten und überlebte. Verlege-Ort ist vor ihrer Wohnung Schmelzhüttenstr. 33.

Anna Schalscha (1890–1942)

Die Witwe Anna, 1867 geb. Bender, war verheiratet mit Louis Schalscha (1866-1928). Sie hatten zwei Töchter, Edith und Ellen. Edith war verheiratet mit dem nicht-jüdischen Geraer Schauspieler Heinz Schmidt-Lorenz, der 1935 starb. Als die Witwe Edith im Mai 1942 nach Belzyce deportiert wurde, war sie 50 Jahre alt. Danach gibt es kein Lebenszeichen mehr. Sie wurde ein Opfer des Holocaust. Um ihrer eigenen Deportation zu entgehen, beging ihre Mutter Anna im Juli 1942 Suizid und starb an einer selbst herbeigeführten Leuchtgasvergiftung. Ellens Mann stammte aus Breslau und hieß Leipziger. Nur Ellen hatte einen Pass und verließ Deutschland zunächst allein Richtung Westen. Ihr Mann schaffte es 1938 mit der 16 jährigen Tochter Steffi über die grüne Grenze zu fliehen. Die Familie traf sich in Brüssel wieder und floh weiter nach Paris. Von dort konnten sie mit falschen Pässen über Lissabon nach Brasilien emigrieren. Ellen starb 1969. Louis und Paul Schalscha waren Brüder. Die Chrom-Lederfabrik Schalscha mit Ladengeschäft bestand von 1898-1930. Louis starb 1928. Darauf zogen Paul und Frau Else nach Berlin. Deren Sohn Franz war verheiratet mit Hilde, geb. Mazur. Franz und Hilde Schalscha flohen bereits 1933 nach Südafrika und lebten noch 1998 in Bulawayo (Simbabwe). Fritz Schalscha aus Breslau, geb. 14.09.1896, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Ob er mit den Geraer Schalschas verwandt war, ist noch unbekannt. Verlege-Ort  des Stolpersteins ist vor dem unteren Eingang des KuK Gera. Frau Schalschas letzte freigewählte Wohnung war Rudolf-Ferber-Str. 1. Der Hauseingang befand sich etwa 70 Meter südwestlich. (Haus abgerissen)

Rudolf Scheffel (1901–1943)

Rudolf Scheffel wurde am 6. Juni 1901 in Debschwitz bei Gera geboren. Er war seit 1922 Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschland) und der KPD. Bereits 1923 wurde Rudolf Scheffel wegen seiner politischen Tätigkeit für kurze Zeit in „Schutzhaft“ genommen. Wegen seiner Erfahrungen in der Verwaltungsarbeit als Mitarbeiter im Thüringer Volksbildungsministerium in Weimar wurde er 1924 Geschäftsführer der „Ostthüringer Arbeiterzeitung“ und ab 1925 leitender Mitarbeiter des Verlags „Junge Garde“ in Berlin. In dieser Zeit war er auch Mitglied des ZK der KPD. Die erste Verhaftung von 6 Wochen erfolgte unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933. Weitere Verhaftungen folgten. Am 17.08.1943 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 8.09.1943 im Zuchthaus Berlin-Plötzensee vollstreckt.
Verlege-Ort des Stolpersteins ist vor der Wohnung damals Wettiner Str. 11.

Aloys Scholze (1893–1942)

Aloys Scholze (04.09.1893 in Dresden) war katholischer Priester und ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus aus Gewissens- und religiösen Gründen. Er hatte 6 Geschwister. Sein Vater war ein Dresdner Buchhändler. Nach Weltkriegsteilnahme und dem Studium der katholischen Theologie in Breslau wurde Aloys Scholze 1921 in Paderborn geweiht. Als Kaplan war er in Gera an St. Elisabeth von 1921-25, danach war er in Leipzig-Lindenau tätig. Im Jahr 1929 wurde er Pfarrer. Zuerst in Kunnersdorf auf dem Eigen/Lausitz. Von 1931-41 übernahm er das Pfarramt in Leutersdorf/ Lausitz. Er betätigt sich als Fluchthelfer über die nahe gelegene Grenze zur Tschechoslowakei. Die am 15.3.1933 gelungene Flucht des SPD-Abgeordneten Dr. Helmuth Klotz wird Scholze später zum Verhängnis. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges leistet er trotz Verbotes Seelsorge an französischen Kriegsgefangenen. Er predigt auch in französischer Sprache. Am 5. Juni 1941 wird Scholze verhaftet. Er kommt ins Dresdner Polizeigefängnis und nach Brüx /Böhmen. Über Maltheuern wird er am 2. August ins KZ Dachau gebracht. 13 Monate lebt er im Priesterblock. Dort stirbt er am 01.09.1942. Seine letzte Ruhestätte bekam er 2011 in der Hofkirche, der Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen an der Seite weiterer Schicksalsgefährten. Pfarrer Aloys Scholze wurde 49 Jahre alt.
Verlege-Ort  des Stolperstein ist Nikolaistr. vor dem Treppenaufgang zur kath. Kirche. 100m südlich des alten Pfarrhauses, z. Zt. Brachfläche, andere Straßenseite.

Hans Simmel (1891–1943)

Hans Simmel (geb. 1891 in Berlin) war verheiratet mit Else (1895 in Groß-Umstadt geb. Rapp) Sie hatten die Kinder Marianne (geb. 1923), Eva (geb. 1925), Arnold (geb. 1926) und Gerhard (geb. 1930). Im 1. Weltkrieg war Hans Simmel Soldat. Professor Dr.med. Hans Simmel war Internist und von 1928-33 Leiter des Geraer Waldkrankenhauses. Weil er jüdische Großeltern hatte (die zum evangelischen Christentum konvertiert waren) wurde er von den Nationalsozialisten diffamiert. Er wurde verhaftet, zu Unrecht beschuldigt, um ihn aus seinem Amt zu drängen. Es kam zum gerichtlichen Vergleich. Er blieb entlassen. Die Zulassung zum Führen einer Privatpraxis wurde ihm verwehrt. Sein Wohnhaus Vollersdorfer Str. 13 musste er zwangsverkaufen. Die Familie zog nach Stuttgart. Im Novemberpogrom 1938 wurde Prof. Dr. Simmel dort verhaftet. Er kam ins KZ Dachau. Anfang 1939 gelang ihm, seiner Frau auf getrennten Wegen, und den Kindern die Flucht in die USA. Als Prof. Simmel 1943 in Colorado Springs stirbt, ist er 52 Jahre alt. Dr.med. Else Simmel praktizierte später in New York. Tochter Marianne wurde Lehrerin, Eva Laborantin, Arnold Physiker, Gerhard war Student in Princeton, New Jersey. Dr. med. Erna Philipp (geb. 1900 in Dortmund) war nicht mit Familie Simmel verwandt. Sie war 33 Jahre alt, als sie ungekündigt und freiwillig von Kiel nach Gera kam, um sich bei Professor Simmel internistisch fortzubilden. Die Zeitung Geraer Beobachter attackierte Frau Philipp, weil sie Jüdin war. Als sie wieder entlassen wurde, war sie ganze zwei Wochen angestellt. Es kam auch hier zu einem Vergleich, aber sie blieb entlassen. Am 18.11.1935 gelang Frau Dr. Philipp die Flucht nach Beirut im Libanon. Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor dem rechten Seiteneingang des historischen Krankenhauses. Nach einer Umverlegung befindet er sich in einem unteren Sandweg auf der Rückseite des Gebäudes.

Julius Simsohn (1888–1945)

Julius Simsohn (geb. 1888 in Memel) war seit 1923 verheiratet mit der Christin Margarethe (1897 in Crossen a.d.Oder geb. Drobbe). Ihr einziger Sohn war Werner (geb. 1924 in Berlin). Die Familie lebte zunächst in Berlin, wo sich die Eltern kennengelernt hatten. 1927 zog die Familie nach Gera. Julius wurde Geraer Filialleiter eines Berliner Konfektionshauses. Nachdem die Firma Konkurs gegangen war, macht sich Julius als Kaufmann selbständig mit dem Verkauf von Textilien, Wäsche und Kurzwaren ohne Ladengeschäft.1938 musste Julius aufgeben. Er wurde Bauhilfsarbeiter und Margarethe wurde Haushälterin bei Frau Schalscha und verwitweten Tochter Edith Schmidt-Lorenz. Im Novemberpogrom 1938 wurde Julius Simsohn verhaftet und nach Buchenwald gebracht und wieder entlassen. 1944 erneut verhaftet, wurde er im Juni nach Auschwitz deportiert. Er starb am 7. Februar 1945 in Mauthausen. Seinem Sohn, Werner Simsohn (1924–2001) dem mutigen Historiker und Autor jüdischen Lebens in Gera, ist es zu verdanken, dass jüdisches Leben in Gera wieder nachlesbar ist.
Verlege-Ort des Stolpersteins ist vor der Wohnung ab 1934 Nestmannstr.1.

Familie Sinenski

Leiser (geb. 1885) und Lea Sinenski (1898, geb. Smolenski) stammten aus dem im Ersten Weltkrieg stark zerstörten Grajewo. Wie andere jüdische Flüchtlinge suchten sie in Deutschland Zuflucht vor Pogromen und erwarteten für sich Zukunftschancen. Das 34 und 21 Jahre alte Ehepaar kam nach Gera und hatte hier drei Söhne: Max (1922 geb. in Grajewo), Bernhard (1925 in Gera) und Jakob (1929 in Gera).Vater Leiser übte den Beruf eines Schmiedes aus, Mutter Lea war Hausfrau. Für sie völlig unerwartet wurde die Familie am 28.10.1938 zusammen mit den anderen polnischen Juden gewaltsam über die deutsch-polnische Grenze bei Zbaszyn (Bentschen) gebracht. Zu diesem Zeitpunkt war Leo 53, Lea 40, Bernhard 12 und Jakob 9 Jahre alt. Sohn Max, der sich später Mordekhaj nennt, überlebte allein durch Flucht aus dem Ghetto als 17jähriger 1939 von Polen nach Palästina. Er lebte noch 1994. Ihr Zufluchtsort 27.06.1941 während des Krieges wurde das sowjetisch besetzte ostpolnische Bialystok, unweit ihrer Heimat Grajewo. In Bialystok leben zwangsweise bis 60.000 Juden. Nahezu alle fielen bis 1943 dem anonymen Massenmord zum Opfer; im Ghetto Bialystok und in den Lagern Treblinka, Majdanek, Lublin, Theresienstadt und Auschwitz u.a. Drei- bis vierhundert Überlebende verließen Bialystok nach 1945 überwiegend nach Palästina. Eine Studie von vier Bialystoker Schülern stellte 1998 noch zwei jüdische Einwohner fest. Der Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor der damaligen Wohnung. Die am 07.06.2010 unter Mitwirkung von Schülern der Europaschule Ostschule dort verlegten 5 Steine wurden am Donnerstag, den 15.07.2010 von Unbekannten mit einer Chemikalie übergossen. Die Oberfläche färbte sich schwarz und die Schrift war unlesbar. Ein Stein wurde am 19.07.2010 im Beisein der Polizei ausgegraben zum Zweck der kriminaltechnischen Untersuchung. Er wurde am 06.02.2011 an gleicher Stelle wieder eingefügt. Die Lesbarkeit konnte wiederhergestellt werden. Das Geburtsjahr 1920 von Max muss nach neuen Erkenntnissen auf 1922 geändert werden. Schreibweise im Koblenzer Gedenkbuch: Sejnenski.

Familie Sklow

Hermann (Heymann) Sklow (geb. 1870) stammte aus Schneidemühl (Pommern) und war in Gera verheiratet mit Betty (1880 in Magdeburg geb. Behrendt). Sie hatten zwei Töchter Charlotte geb.1905 in Berlin und Helene geb.1907 in Gera, gest.1979 in New York.  Hermann hatte eine ältere Schwester Johanna (geb. 1868) und zwei jüngere Schwestern, die Ernestine (geb. 1871) und Marta (geb. 1882) hießen. Johanna und Mann Alexander Klar (geb. 1871), Ernestine Riffa, sowie Marta und ihr Mann Markus Katz (geb. 1878) wurden von Berlin aus deportiert. Der Mann von Ernestine, Karl Riffa (geb. 1876) flüchtete vor der Deportation in den Tod (Suizid). Weitere Geschwister von Hermann sind alle als Kleinkinder gestorben. Charlotte heiratete Willy Rosenthal. Sie bekamen drei Kinder: Brigitte (1925-1983) Ursula (geb. 1928) und Peter (geb.1929). Familie Rosenthal gelang die Flucht in die USA. Auch Helene floh über Kuba in die USA. Hermann Sklow war von 1896 bis 1933 im bekannten Geraer Traditions-Kaufhaus Hermann Tietz beschäftigt (Stammhaus der späteren Warenhauskette HERTIE, viel später Konsument-Warenhaus, danach Horten). Zuletzt als der langjähriger Direktor in der Geraer Filiale. Er war 63 Jahre alt als er 1933 in Folge der Zwangsenteignung seine Stelle verlor. Die Familie verließ Gera und zog nach Berlin. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde Hermann 1937 verhaftet und wegen Devisenvergehens verurteilt. Sein letzter Aufenthaltsort war das Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Dort kam er am 18.10.1938 ums Leben. Hermann ist im Grab seiner Schwiegereltern in Berlin-Weissensee bestattet. Er wurde 68 Jahre alt. Betty war Passagier der legendären MS St. Louis 1939. (Spielfilm). Die Einreise in Cuba wurde ihr verweigert. Über Antwerpen in Belgien und Holland gelingt ihr später die Flucht in die USA. Sie lebte mit ihren Töchtern in New York.
Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor dem Wohnhaus Agnesstr. 26.

Familie Sommerfeld

Paula Sommerfeld war seit 1929 alleinerziehende Mutter. 1927 war in Gera ihre einzige Tochter Ruth geboren worden. Ein erster schwerer Schicksalsschlag traf die Familie. Der Familienvater Bendet Sommerfeld war im Alter von 30 Jahren an einem Gehirntumor gestorben. Paula war ein Teenager von 15 Jahren, als sie mit ihrer ganzen Familie in Gera ankamen. Es waren Paulas Vater, der Witwer Jacob Rubinson, ihre Stiefmutter Masha Milewicz, und ihre Geschwister Jenny, Alex und Elke. Sie waren aus Grajewo im russisch besetzten Ostpolen vor den Judenpogromen nach Gera geflüchtet. In Gera hat sie wohl Anfang der zwanziger Jahre ihren Mann Bendet geheiratet. Auch er stammte aus Grajewo. Eine Besonderheit: Beide waren auf den Tag genau gleichalt. Die junge Witwe Paula Sommerfeld meldete noch im Todesjahr ihres Mannes auf sich selbst ein Handelsgewerbe an, das bis zum 12. Oktober 1938 bestehen sollte. Außerdem half sie mit in der Geraer Firma ihres Schwagers Jacob Wernik, ebenfalls aus Grajewo.Am 28. Oktober 1938 wurden Paula, sie selbst jetzt 40 Jahre alt, und ihre 11jährige Tochter Ruth Opfer der Polen-Aktion der Nationalsozialisten. Gemeinsam mit weiteren Familienangehörigen und tausenden Leidensgenossen kamen sie per Bahn an die damalige deutsch-polnischen Grenze. Dort wurden sie Ende Oktober im Freien im Niemandsland ausgesetzt. Der inzwischen 12jährigen Ruth gelang die Flucht nach England. Jüdische Hilfsorganisationen kauften jüdische Kinder frei. Wenige Tage vor Kriegsausbruch 1939 gelangte sie in einen Kindertransport. Von Warschau fuhr sie mit der Bahn zum Ostseehafen Gdynia und mit dem Schiff nach Birmingham. Dort lebte sie in einer Gastfamilie. Sie beendete ihre Schulbildung, studierte Pädagogik und war zuletzt Subdirektorin einer jüdischen Schule in London. Frau Ruth Sommerfeld starb 2006 in London im Alter von 78 Jahren. Ihre Mutter Paula Sommerfeld durfte nicht mit nach England. 1938–41 fand sie Unterkunft bei ihrer Tante, die in der Kleinstadt Zelwa in Weißrussland lebte. Dort lebte sie bis zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Wenige Tage nach der Besetzung von Zelwa wird sie an einem unbekannten Tag auf dem Weg ins Ghetto Wilna von einem Sonderkommando ermordet. Von ihren 42 Lebensjahren hat Paula Sommerfeld rund 25 Jahre in Gera gelebt.
Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor der ersten gemeinsamen Wohnung Schulstraße 20.

Ehepaar Spiegel

Das kinderlose jüdische Ehepaar David und Deborah Spiegel befand sich mit über 1.200 Leidensgefährten im Deportationszug der Reichsbahn DA 27 Weimar-Belzyce vom 10. Mai 1942. Nach der Ankunft im besetzten Ostpolen verliert sich ihre Spur. Als sie ermordet werden, sind sie 60 und 62 Jahre alt. Vermutlich kamen sie in ein Massengrab.  Ihr Geburtsort war Dolina in Galizien (Österreich-Ungarn). 1914-18 war David Soldat der k.u.k. Monarchie. Danach sind sie nach Gera gekommen. David Spiegel handelte mit Geflügel und Wäsche. Frau Deborah ist Näherin. Die beiden helfen wohl auch Bruder bzw. Schwager Jakob in dessen Geschäft. David wurde am 10.11.1938 gemeinsam mit 40 weiteren jüdischen Männern aus Gera nach Buchenwald gebracht. Im Rahmen der „Rath-Aktion“ kamen in jenen Tagen 10.000 jüdische Männer aus ganz Deutschland dort an. Bis zum Frühjahr 1939 kamen die meisten wieder frei. Nach Davids Entlassung versuchte das Ehepaar illegal über die grüne Grenze nach Polen zu kommen. Der Fluchtversuch scheiterte, weil sich Deborah dabei ein Bein brach. Sie kamen nach Gera zurück. Zuletzt lebten sie in einem Zimmer zur Untermiete im Steinweg 15. Diese Stolpersteine sind der einzige Ort des Gedenkens an David und Deborah Spiegel, die etwa 25 Jahre in Gera lebten.

Familie Spiegel

Etwa 30 Jahre lang lebten diese Familie Spiegel in Gera. Sie stammten aus Galizien (Österreich-Ungarn). Wie auch sein in Gera wohnender älterer Bruder David war Jakob Spiegel von Beruf Händler und im 1. Weltkrieg Soldat. Hier wurden ihre drei Kinder geboren. Alle gingen in Gera zur jüdischen Schule im Meistergäßchen. Danach gehen sie aufs Gymnasium, bzw. Höhere Töchterschule. Bertha studierte in Leipzig und Berlin Medizin. Die Jungen müssen vor dem Abschluss das Gymnasium verlassen und werden Bauhandwerker. Sie sind aktiv in der in der Jugend-Alijah der jüdischen Gemeinde. Knapp 20 Jahre sind sie alt, als ihnen die Flucht ins Ausland gelang. Zuerst ging Norbert, dann Bertha, und als letzter Siegmund. So retteten sie sich das Leben. Siegmund wird im 2. Weltkrieg freiwillig Soldat der US-Army. Er ist in Afrika und Teilnehmer der Landungen in Sizilien und in der Normandie. Er wird verwundet. Nach dem Krieg ist er in den USA ein geehrter Architekt. Bis ins hohe Alter referiert der Ehrendoktor (1993) als Zeitzeuge. Er stirbt 2016. Bertha praktiziert als Dr. Betty S. Maier bis 1998 in New York. 2008 stirbt sie. Norbert kommt nach Palästina. Auch er wird Soldat, in Friedenszeiten Diplomat und Politik-Wissenschaftler in Israel. Er stirbt 2006. Alle heiraten, bekommen Kinder und haben Enkel. Ohne Vorankündigung wurden die verwaisten Eltern Sara und Jakob Spiegel in den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 verhaftet. Sammelpunkt war die „Osterlandhalle“ (Ostvorstädtische Turnhalle). Sie wurden gezwungen, zum Hauptbahnhof zu laufen. Sara aber war seit 1935 stark gehbehindert. Am Bahnhof kam es zum Eklat. Für sie musste ein Rollstuhl beschafft werden. Ca. 120 Personen: Männer, Frauen, Kinder mussten im Gebüsch hinter der Johanniskirche warten. Dann zwang man sie in Reichsbahnwaggons zu steigen, die verschlossen wurden. Mit etwa 10.000 Leidensgefährten aus ganz Deutschland wurden in der „Polen-Aktion“ ausgewiesen. Vom Grenzort Zbaszyn (Bentschen) kamen sie in ein Lager nach Posen. Von dort flohen sie bei Kriegsausbruch 1939 in das sowjetisch besetzte Lemberg. Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurden sie an einem unbekannten Tag nach dem 29. Juni 1941 ermordet.

Walter Spiegel

Studienrat Dr. phil. Walter Spiegel kam vor Ostern 1932 von Gotha nach Gera. Ein Schüler hatte ihn wegen pazifistischer Äußerungen im Unterricht angezeigt. Daraufhin hatte er beim Thüringer Volksbildungsministerium um Versetzung an die Geraer Mittelschule gebeten. Er hatte schon reichlich pädagogische Erfahrung, denn er war schon 16 Jahre Lehrer und 44 Jahre alt. Seit 12 Jahren war er- kinderlos- verheiratet. Mit seiner Frau und seiner Mutter wohnte er in der Geraer Kaiser-Wilhelm-Straße. Dr. Spiegel hatte die Lehrerlaubnis für evangelische Religion, Philosophie, alte Sprachen, Mathematik und Musik. In Gera erlebte er die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Anwendung deren Rassegesetze am eigenen Leibe. Er hatte Großeltern jüdischer Herkunft. Bereits nach 18 Monaten bekam er Berufsverbot und wurde in den Zwangsruhestand versetzt. Dabei fühlte er sich als patriotisch gesinnter protestantischer Christ. Er hatte Sympathie und gute Kontakte zur Bekennenden Kirche. Jetzt wurde es wirtschaftlich schwer. Selbst Privatschüler durften ihn nicht mehr besuchen.1935 musste das Ehepaar ihre Wohnung mit einer Untermiete in der Agnesstraße tauschen. 1937 verließen Dr. Spiegel und seine Frau Gera.
Vom 11. November bis 15. Dezember 1938 war Dr. Spiegel in der  „Hölle von Buchenwald“. Krank kam er aus dem KZ zurück. Im Januar 1939 floh das Ehepaar auf getrennten Wegen mit je 10 Reichsmark in die Schweiz. Im Juli 1939 kommen sie mit geborgtem Geld in die USA. Dort leben sie vorwiegend in Cincinnati. Die ersten Jahre sind schwer, denn Dr. Spiegel spricht nicht fließend Englisch. Seine Frau verdient das Geld für beide. Von 1947-50 ist er Honorarprofessor für Musik am katholischen Quincy-College. Walter Spiegel wurde 1940 vom Deutschen Reich zwangsausgebürgert und die Geraer Gestapo betrieb seine fachlich grundlose Depromotion. Professor Dr. phil. Walter Spiegel (68) stirbt während einer Europareise 1956 in Spanien.
Verlege-Ort des Stolpersteins ist vor seiner Arbeitsstätte Mittelschule.

Bertha Strasser (1882–1943)

Im Jahr 1910 kamen der Bonbon-Kocher Paul Strasser (1879), evangelischer Konfession, mit seiner jüdischen Frau Berta geb. Rochocz (geb. 1882) und ihren Kindern Charlotte und Heinrich aus Halle nach Apolda. Hier wurde ihnen 1910 ihr drittes Kind, Tochter Gertrud geboren. Strasser übernahm in der Grünstraße 1 die Leitung der Schokoladenfabrik von Cäsar Kister. Am 11. November 1913 brach in der Fabrik ein Brand aus, der auch das nebenstehende Wohnhaus der Strassers vernichtete. Daraufhin verlegte der Kaufmann sein Kontor in die gegenüberliegende Hausnummer 4. Die Gebäude wurden wieder aufgebaut, die Versicherung hatte die Schäden übernommen. Im Januar 1914 wurden vom Architekten Hermann Schneider die Zeichnungen für den Wiederaufbau bei der Stadt eingereicht. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges bekundete Paul Strasser seine patriotische Gesinnung, indem er für die Heeressoldaten seine „Soldaten-Sanitäts-Drops“ sowie „Schokoladen-Feldpostbriefe“ zum Verschicken an die Front inserierte. Erst 1915 wurde die Firma als „Schokoladenfabrik Paul Strasser“ ins Gewerberegister eingetragen. Die zuvor schon dort tätige Berta Strasser wurde als Prokuristin bestätigt. Kurz vor der Abschaffung der Fürstenherrschaft wurde Paul Strasser für sein patriotisches Handeln vom Großherzog Wilhelm Ernst mit dem „Ehrenkreuz für Heimatdienst“ ausgezeichnet. Im September 1943 nahm sich Berta aus Verzweiflung über die Folgen, die ihr „Jüdischsein“ für die Familie mit sich gebracht hatte, mit Leuchtgas das Leben.

Alfred Schmieder (1903–unbekannt)

Alfred Schmieders Mutter Margaretha war nach Nazi-Lesart eine „Halbjüdin“, und folglich war ihr Sohn Alfred ein „Judenstämmling“. Er führte den von seinen Schwiegereltern übernommenen Textilbetrieb erfolgreich weiter durch die 1920er Jahre, bis er im Jahre 1935 im "Stürmer- Kasten" der NSDAP lesen musste, dass er auf der Liste der sogenannten „Judenstämmlinge“ unter der Nummer 109 geführt wurde. Das schien neben der Peinlichkeit des öffentlichen Anprangerns auch einige Begehrlichkeiten zu wecken unter Mitgliedern der Nazipartei, die das lukrative Unternehmen besser in "arische" Hände legen würden. Es muss seit 1935 mehrere Versuche gegeben haben, dem Fabrikinhaber unangenehme Besuche abzustatten mit dem Ziel, die Firma aus den Händen von Schmieder auf diese oder jene Weise zu entwinden. Diese Problematik war nach Aussage einer Nichte namens Rosner eine mögliche Ursache dafür, dass sich Alfred 1937 in seinem Wohnzimmer eine Schrankwand einbauen ließ, die eine sorgsam getarnte Geheimtür enthielt, durch die das Ehepaar Schmieder bei unangenehmen Besuchen sich in ein dahinter befindliches Zimmer zurückziehen konnte. Als uns diese Geschichte bekannt wurde, beschlossen wir, dazu wieder ein neues Heft in der Reihe der „Apoldaer Judengeschichten“ zu schreiben und herauszugeben: „Die Geheimtür“, das im Jahre 2016 als Nummer 7 erschienen ist.

Heinrich Strasser (1908–1976)

Heinrich Strasser wurde am 8. Juli 1908 in Halle geboren und dort getauft. Seine Mutter war die Jüdin Bertha Rochocz, die aus Mühlberg an der Elbe stammte. Sein Vater war der nicht-jüdische Bonbonkocher und Kaufmann Paul Strasser aus Wettin. Sie waren am 18. Dezember 1905 in Halle evangelisch getraut worden. Im Jahre 1911 erwarben sie in Apolda die Zuckerwarenfabrik von Cäsar Kister, in der Bonbons und Konfekt hergestellt wurde. Zunächst bewohnten sie im Haus gegenüber eine Mietwohnung. Im Jahre 1914 ließ er dort an der Grünstraße 1 nicht nur neue Fabrikräume anbauen, sondern auch eine hübsche Stadtvilla errichten, in die die Familie einzog. Bereits unter Cäsar Kister hatte Bertha die Prokura geführt, und nach der Übernahme des Geschäfts erledigt sie nun auch für ihren Paul die Kassen- und Finanzgeschäfte.
Drei Kinder hatten Paul und Bertha: Tochter Charlotte (1906), Heinrich (1908), beide in Halle geboren, sowie Gertrud (1910) in Apolda geboren. Seit 1933 wurde das Geschäft von der SA boykottiert, und die Geschäfte gingen immer schlechter. Dann wurden die Maschinen demontiert und die Fabrik geschlossen. Charlotte heiratete 1930 den Kaufmann Wolfgang Blume aus Apolda. Heinrich wollte seine nicht-jüdische Freundin Rosalia aus Frankfurt 1939 heiraten, aber die Eheerlaubnis wurde ihm von den Nazibehörden verweigert. Heimlich hielt er die Verbindung mit der Verlobten aufrecht. 1941 kamen die Zwillinge Ursula und Gisela zur Welt, deren Vaterschaft Rosalia tunlichst verheimlichte. Nachdem Frankfurt bombardiert worden war, zog sich Rosalia mit den Mädchen nach ihrem Heimatort Hesselbach zurück. Nach eigenen Angaben ging sie eine Schein-Ehe mit dem Fliegersoldaten Repp ein. Gertrud floh 1942 nach Jugoslawien. Heinrich wurde 1939 kurzzeitig zur Wehrmacht eingezogen, aber kurze Zeit später wegen Wehrunwürdigkeit wieder entlassen. Danach wurde er zu verschiedenen Zwangsarbeiten eingesetzt. Nach all diesen familiären Belastungen nahm sich 1943 seine Mutter Bertha mit Leuchtgas das Leben. 1944 wurde er zur Zwangsarbeit in das Dreiwegelager Weißenfels abgeordnet, wo er körperlich schwere Arbeit bei der Herstellung von Rüstungsbauten verrichten musste. 1945 kam er nach Hause zurück und wurde von der antifaschistischen Verwaltung zum Leiter einer Großhandelseinrichtung bestimmt. Als solcher sorgte er für die Verpflegung hunderter Jugendlicher, als diese 1946 im Volkshaus die  Stadtortsgruppe der FDJ gründeten. In der Folgezeit trat er der LDPD bei und arbeitete in einer Firma des Kaufmanns Kompa, die in der Fabrik seines Vaters Waffel-Erzeugnisse herstellte. 1947 heiratete er Rosalia mit den inzwischen siebenjährigen gemeinsamen Töchtern vor dem Standesamt in Apolda. 1963 beteiligte sich Heinrich als Belastungszeuge im Prozess des Obersten Gerichts der DDR gegen Hans Josef Maria Globke, den geistigen Urheber und Ausführer der von der NSDAP 1935 erlassenen Rassegesetze, die auch seine Lebensgeschichte schwer beeinträchtigt hatte.
Heinrich starb 1976 nach einem unverschuldeten Autounfall.

Gisela Spahn (1941–unbekannt)

2018 hatte ich einige Exemplare der Nr. 8 „Der Zuckerbäcker“ aus der Reihe der „Apoldaer  Judengeschichten“ an die Nachkommin der Strassers Christa Rost in Essen verschickt. Sie hatten im Internet gelesen, dass der Prager-Haus-Verein eine Geschichte über die Fabrik des jüdischen Zuckerwarenhändlers herausgegeben hatte. Daraufhin haben die Essener Nichten bzw. Großnichten auch ihre Tante in Hamburg darüber informiert. Gisela Spahn schrieb uns zunächst einen Brief, in dem sie ihr Staunen über diese Entdeckung zum Ausdruck brachte. Natürlich haben wir sie auch gleich eingeladen, einmal nach Apolda zu kommen und das neue Museum Prager-Haus zu besichtigen. Die Freude war groß, als sie im November 2018 zusammen mit einem Cousin und dessen Frau nach Apolda kam. Neben einer ausführlichen Besichtigung besuchten wir mit ihnen auch die kleine Stadtvilla, in der die Strassers einst wohnten und wo vor dem Eingang seit 2009 ein Stolperstein für Bertha Strasser liegt, die Oma von Gisela. Sie hatte sich aus Gram über das Unrecht, das die Nazis über ihre Familie gebracht hatte, 1943 mit Leuchtgas das Leben genommen. Natürlich wurden bei diesen Gesprächen auch einige Unrichtigkeiten in unserem biografischen Wissen über die Strassers berichtigt. Z.B. erfuhren wir, dass die beiden Töchter von Heinrich und Rosalia nicht verschieden im Alter sind, sondern als Zwillinge am gleichen Tage zur Welt kamen. Gisela war so begeistert von unseren Aktivitäten, dass sie sich spontan dazu entschloss, Mitglied im Verein zu werden. Mitte März sandte sie uns in einem Brief einen Überblick über ihren verschlungenen Lebensverlauf. Darin wird auch erwähnt, dass ihr Vater Heinrich sein ganzes Leben lang traumatisiert blieb von den Verfolgungsmaßnahmen der Nazis. Hier ein Auszug: „Mein Leben lässt sich nicht in einer Schnurgeraden niederschreiben. Unendlich viele Erlebnisse, die sich so nebenher ergeben haben, muss ich tatsächlich erst wieder hervorgraben und einordnen. Hier soll es jedoch bei einem Überblick bleiben. Vom Verfolgungsschicksal meines Vaters habe ich kaum etwas mitbekommen. Viel, viel später erfuhr ich, wieviel Leid über die gesamte Familie hereinbrach. Zunächst einmal die Ratlosigkeit meiner Großeltern, die anfangs nicht glauben konnten, was da eigentlich vor sich geht und in welcher Konsequenz alles schließlich enden würde. Man war des Broterwerbs beraubt, die Fabrik wurde boykottiert, und ein wenig später fand bereits die Demontage statt. Die Jahre der schlimmen Zeiten der Inhaftierung bzw. Zwangsarbeitsmaßnahmen meines Vaters von Lager zu Lager wurden uns Kindern gegenüber nie dokumentiert. Peu à peu erfuhren wir von der schlimmen Zeit bruchstückartig Einzelheiten. Nie ganz verborgen blieb uns die sehr besinnliche Art meines Vaters. Heute wissen wir, dass mein Vater zeitlebens traumatisiert blieb. Leider hat das Leben meiner Familie im sowjetisch besetzten Thüringen keine gute Wendung genommen. Mein Vater litt bis zum Schluss unter Diskriminierungen im beruflichen Bereich. Ohne SED-Parteibuch war für ihn kein Platz [...]“

T

Familie Thumann

Familie Thumann aus Thieschitz bekannte sich zur Religionsgemeinschaft Zeugen Jehovas. 1925 wurde Sohn Walter und 1929 Tochter Marianne (verh. Büchner) geboren. Vater und Sohn bekamen am selben Tag 1943 den Einberufungsbefehl.
Vater Friedrich gehörte zu den Kriegsdienstverweigerern. Dafür wurde er verurteilt und im Wehrmachtsgefängnis Gießen inhaftiert. An einem unbekannten Tag kurz vor Kriegsende wurde er von einem SS-Mann erschossen, der ihm seine Zivilkleider raubte. Auch Sohn Walter verweigerte den Fahneneid. Dafür kam er ins Wehrmachtsgefängnis Wetzlar, nach Torgau und ins Haftkrankenhaus Berlin-Buch. Er wurde schwer gefoltert. Dann wurde er zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 02.05.1944 vollstreckt. Er wurde 19 Jahre alt.

U

Ephraim Unger (1789–1870)

Ephraim Salomon Unger war ein bedeutender Mathematiker und Hochschullehrer. Die von ihm begründete Unger'sche Lehranstalt in Erfurt war Vorläufer des Erfurter Realgymnasiums, aus dem das Heinrich-Mann-Gymnasium Erfurt hervorging. Er wurde als Sohn von David Salomon Unger, der als erster Jude die Bürgerrechte in Erfurt erhielt, 1789 in Coswig geboren. Mit 13 Jahren gib Ephraim Unger zur weiteren Schulausbildung nach Berlin an die von Isaak Daniel Itzig gegründete und von Lazarus Bendavid geleitete Jüdische Freischule. Um seine Studien zu finanzieren, unterrichtete er nebenbei Hebräisch, Französisch und Lateinisch. ach der Besetzung Berlins durch die Truppen Napoleons im Herbst 1806 verließ er die Stadt im Frühjahr 1807 und zog nach Erfurt, wohin sein Vater im Vorjahre übergesiedelt war. Dort bestand er die Aufnahmeprüfung an Universität und wurde am 29. August 1807 immatrikuliert. Sein besonderes Interesse galt der Philosophie Immanuel Kants und der mathematischen Werken Leonhard Eulers. In der angewandten Mathematik lernte er die Mechanik durch Lagrange kennen, die Optik durch Robert Smith und die Astronomie durch Johann Elert Bode. Später kam noch das Studium der Schriften von La Place und Gauß hinzu. 1810 promovierte er an der philosophischen Fakultät auf Grund einer Dissertation über die Entstehung der trigonometrischen Funktionen und wurde zugleich Magister. Im Winterhalbjahr 1810/11 hielt er seine erste mathematische Vorlesung an der Universität Erfurt und seitdem ununterbrochen bis zu ihrer am 12. November 1816 erfolgten Aufhebung. Nach Aufhebung der Universität unterrichtete Ephraim Unger als Lehrer der Mathematik. Im März 1820 eröffnete er in Gemeinschaft mit seinem Bruder, dem königlichen Bauleiter und späteren Hofagenten David Unger eine „mathematische Privatanstalt“, die bald zahlreiche Schüler hatte und auch von Ausländern gern besucht wurde. Diese Anstalt wandelte er 1834 in eine förmliche Realschule um, d. h. eine Anstalt, welche hauptsächlich auf den sogenannten Realien (wie Geschichte und Geographie) beruhende höhere Bildung zu vermitteln suchte. Neben der stets zunehmenden praktischen Tätigkeit publizierte er zahlreiche Werke über den Rechenunterricht und über die anderen Zweige der niederen und höheren Mathematik. Neben seinen öffentlichen Ämtern stand er von 1812 bis 1835 auch der jüdischen Gemeinde als Vorsteher vor. Er starb am 1. November 1870. Zu Ehren des Lebenswerks von Unger wurde er in einem Ölgemälde durch Eduard von Hagen porträtiert, welches sich in der Aula des Erfurter Realgymnasiums befindet.

W

Moritz Wahl (1829–1887)

Moritz Calmann Wahl wurde am 28. Januar 1829 in Sondershausen als Sohn eines Kaufmannes geboren. Nach dem Erreichen der Hochschulreife studierte er an der Universität Leipzig Theologie und Philologie, besonders widmete er sich dabei der italienischen, spanischen, französischen und englischen Sprache.
Er unterbrach sein Studium, um das Geschäft des Vaters zu übernehmen, der erkrankt war. Nach dem Tod des Vaters verliess Moritz Calmann Wahl Thüringen, um in England, Spanien und Frankreich Studienaufenthalte zu machen. 
1856 kehrte er zurück nach Sondera^shausen und heiratete Phillipine Czrnikow, mit der er eine Familie gründete und nach Erfurt zog.  
In Erfurt gründete er zunächst am Roßplatz, dem heutigen Hermannsplatz, eine Fortbildungsschule für junge Kaufieute. Am 01. Februar 1868 gründete Moritz Calmann Wahl eine Handelsfachschule. In der Zwischenzeit hatte Moritz Calmann Wahl an der Universität Leipzig eine Dissertation mit dem Titel: "Das Sprichwort in der hebräisch-aramäischen Literatur. ” eingereicht, auf deren Grundlage er 1871 zum Dr. phil. promoviert wurde.
Von 1868 bis 1887 leitete er die höhere Handelsfachschule und war als deren Direktor stadtbekannt. Er strebte kein kommunales oder politisches Amt in der Stadt an, sein Interesse und seine Leidenschaft galten der jüdischen Gemeinde und deren Wohl und Ansehen. Als Vorsitzender der Gemeinde war er von 1875 bis 1881 tätig. Dr. Moritz Calmann Wahl starb  am 15. Oktober 1887 in Erfurt.