Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.

Personen/Institutionen:

Orte:

  • A
  • B
  • C
  • D
  • E
  • F
  • G
  • H
  • I
  • J
  • K
  • L
  • M
  • N
  • O
  • P
  • Q
  • R
  • S
  • T
  • U
  • V
  • W
  • X
  • Y
  • Z
Gefundene Objekte: 153

R

Thaddäus Rechtmann (1913–unbekannt)

Thaddäus Rechtmann wurde am 20. August 1913 in Leipzig geboren. Mit seinen Eltern kam 1917 nach Apolda. Hier ging er in die Schule. Sein Abitur machte er in Berlin. Zunächst wanderte er 1934 nach Italien aus, von da im Jahre 1938 nach Palästina. Dort wohnte er in Meir-Shejah.

Jacob Raphael (1864–1943)

Jakob war der Vater von Gertrud und Erwin und führte am Karlsplatz (heute: Alexander-Puschkin-Platz) 1 ein Weißwarengeschäft.

Erwin Raphael (1892–1943)

Erwin Raphael war eines der Kinder des jüdischen Textilhändlers Jacob Raphael und seiner Frau Selma geborene Jaffe, die aus der polnischen Provinz Posen über verschiedene Zwischenstationen um 1900 nach Apolda eingewandert waren. Hier betrieb er mit Unterstützung seiner Frau und der beiden Kinder einen „Hamburger Engros-Handel“ auf dem Karlsplatz. Erwin besuchte ein jüdisch geführtes Gymnasium in Wolfenbüttel. Danach arbeitete er im Geschäft seines Vaters. 1914 wurde er als Heeressoldat zum kaiserlichen Heer eingezogen, wurde in Frankreich gefangen genommen und kehrte 1920 aus englischer Gefangenschaft nach Apolda zurück. 1923 heiratete er die nicht-jüdische Else Grundig aus Weimar, nachdem sie auf Druck des Schwiegervaters zum jüdischen Glauben übergetreten war. Sie zogen nach Weimar. Hier kamen ihre Kinder Käthe, Wolfgang und Lieselotte zur Welt. Nach der Machtübernahme der NSDAP bemerkten die Eheleute den antisemitischen Druck und die Gefahr, die damit für ihre Kinder heraufzog. Sie beschlossen, sich zum Wohl ihrer Kinder 1934 scheiden zu lassen. Erwin ging zurück nach Apolda und schlug sich als Handelsvertreter und mit Gelegenheitsarbeiten durch, auch als Juden jede Geschäftstätigkeit verboten war. Am 10. November 1938 gehörte er zu den zwölf Apoldaer Juden, die in das KZ Buchenwald eingeliefert wurden. Er bezog eine Unterkunft in einer Baracke am Flurstedter Marktweg. Von den Deportationen im Jahre 1942 blieb Erwin verschont, vermutlich weil er zur Alimentierung seiner Kinder herangezogen wurde. Erst Ende Februar bekam er den Befehl, sich am 2. März 1943 in Dresden in einem Sammellager zu melden, von wo aus er am 3. März nach Auschwitz deportiert wurde. Hier wurde er gleich nach seiner Ankunft mit Giftgas erstickt.

Käthe Raphael (1924–2019)

Nach der Trennung der Eltern verteilten diese ihre Kinder auf verschiedene Orte des Reiches, die ihnen einen gewissen Schutz der Kinder versprachen. Konkreter Anlass dafür waren die leidvollen Erfahrungen der beiden älteren, die als „Geltungsjuden“ 1938 die Schule verlassen mussten. Nun kämpfte die Mutter mit den NS-Behörden um die Anerkennung ihrer Kinder als „Mischlinge“, was ihr auch gelang. Käthe ging nach Jena zur Fabrikantenfamilie
Hertwich, wo sie als Haushalthilfe angestellt wurde. Nach der Befreiung vom Faschismus nahm sie in Weimar ein Fachschulstudium auf zur Kindergärtnerin. Ihr ganzes Berufsleben war sie in einem Jenaer Kindergarten beschäftigt, davon einige Jahre als Leiterin.
Mitte der 1980er Jahre bekamen wir einen Hinweis, dass Käthe als Verfolgte des Naziregimes in Jena lebt, so dass eine Schülergruppe des Gymnasiums Bergschule ein Interview zu ihrem Lebensverlauf durchführte. Auch in der Arbeitsgruppe Jüdisches Leben nahmen wir Kontakt zu ihr auf. Als 2006 in der Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda die Gründung eines Vereins zur Rettung des Prager-Hauses geplant wurde, haben wir Käthe zur Gründungsversammlung eingeladen, in der sie von der antisemitischen Verfolgung ihrer Familie erzählte. Sie gehörte dann auch zu den Mitbegründern dieses Vereins und wurde bald darauf zum Ehrenmitglied ernannt. An zahlreichen Veranstaltungen beteiligte sie sich mit Wortmeldungen, aber unterstützte den Verein auch durch Spenden. An ihrem hohen 90. Geburtstag im Jahre 2014 richtete der Verein zu ihrer Ehrung eine Geburtstagstunde aus in einem Apoldaer Kaffeehaus. An diesem Tag wurde ihr das Buch überreicht „Eine jüdische Familie in Thüringen“, das der Verein als Nr. 9 in seiner Reihe „gesucht“ herausbrachte. Sie gehörte zu den Autoren.
Vor der Einweihung des Prager-Haus-Museums übereignete sie einige Gegenstände aus ihrem persönlichen Besitz, um sie in einer Museumsvitrine präsentieren zu können. Am 6. Oktober 2008 wurden vor dem Haus Bahnhofstraße 59 in Käthes Anwesenheit drei Stolpersteine verlegt.

S

Heinrich Strasser (1908–1976)

Heinrich Strasser wurde am 8. Juli 1908 in Halle geboren und dort getauft. Seine Mutter war die Jüdin Bertha Rochocz, die aus Mühlberg an der Elbe stammte. Sein Vater war der nicht-jüdische Bonbonkocher und Kaufmann Paul Strasser aus Wettin. Sie waren am 18. Dezember 1905 in Halle evangelisch getraut worden. Im Jahre 1911 erwarben sie in Apolda die Zuckerwarenfabrik von Cäsar Kister, in der Bonbons und Konfekt hergestellt wurde. Zunächst bewohnten sie im Haus gegenüber eine Mietwohnung. Im Jahre 1914 ließ er dort an der Grünstraße 1 nicht nur neue Fabrikräume anbauen, sondern auch eine hübsche Stadtvilla errichten, in die die Familie einzog. Bereits unter Cäsar Kister hatte Bertha die Prokura geführt, und nach der Übernahme des Geschäfts erledigt sie nun auch für ihren Paul die Kassen- und Finanzgeschäfte.
Drei Kinder hatten Paul und Bertha: Tochter Charlotte (1906), Heinrich (1908), beide in Halle geboren, sowie Gertrud (1910) in Apolda geboren. Seit 1933 wurde das Geschäft von der SA boykottiert, und die Geschäfte gingen immer schlechter. Dann wurden die Maschinen demontiert und die Fabrik geschlossen. Charlotte heiratete 1930 den Kaufmann Wolfgang Blume aus Apolda. Heinrich wollte seine nicht-jüdische Freundin Rosalia aus Frankfurt 1939 heiraten, aber die Eheerlaubnis wurde ihm von den Nazibehörden verweigert. Heimlich hielt er die Verbindung mit der Verlobten aufrecht. 1941 kamen die Zwillinge Ursula und Gisela zur Welt, deren Vaterschaft Rosalia tunlichst verheimlichte. Nachdem Frankfurt bombardiert worden war, zog sich Rosalia mit den Mädchen nach ihrem Heimatort Hesselbach zurück. Nach eigenen Angaben ging sie eine Schein-Ehe mit dem Fliegersoldaten Repp ein. Gertrud floh 1942 nach Jugoslawien. Heinrich wurde 1939 kurzzeitig zur Wehrmacht eingezogen, aber kurze Zeit später wegen Wehrunwürdigkeit wieder entlassen. Danach wurde er zu verschiedenen Zwangsarbeiten eingesetzt. Nach all diesen familiären Belastungen nahm sich 1943 seine Mutter Bertha mit Leuchtgas das Leben. 1944 wurde er zur Zwangsarbeit in das Dreiwegelager Weißenfels abgeordnet, wo er körperlich schwere Arbeit bei der Herstellung von Rüstungsbauten verrichten musste. 1945 kam er nach Hause zurück und wurde von der antifaschistischen Verwaltung zum Leiter einer Großhandelseinrichtung bestimmt. Als solcher sorgte er für die Verpflegung hunderter Jugendlicher, als diese 1946 im Volkshaus die  Stadtortsgruppe der FDJ gründeten. In der Folgezeit trat er der LDPD bei und arbeitete in einer Firma des Kaufmanns Kompa, die in der Fabrik seines Vaters Waffel-Erzeugnisse herstellte. 1947 heiratete er Rosalia mit den inzwischen siebenjährigen gemeinsamen Töchtern vor dem Standesamt in Apolda. 1963 beteiligte sich Heinrich als Belastungszeuge im Prozess des Obersten Gerichts der DDR gegen Hans Josef Maria Globke, den geistigen Urheber und Ausführer der von der NSDAP 1935 erlassenen Rassegesetze, die auch seine Lebensgeschichte schwer beeinträchtigt hatte.
Heinrich starb 1976 nach einem unverschuldeten Autounfall.

Gisela Spahn (1941–unbekannt)

2018 hatte ich einige Exemplare der Nr. 8 „Der Zuckerbäcker“ aus der Reihe der „Apoldaer  Judengeschichten“ an die Nachkommin der Strassers Christa Rost in Essen verschickt. Sie hatten im Internet gelesen, dass der Prager-Haus-Verein eine Geschichte über die Fabrik des jüdischen Zuckerwarenhändlers herausgegeben hatte. Daraufhin haben die Essener Nichten bzw. Großnichten auch ihre Tante in Hamburg darüber informiert. Gisela Spahn schrieb uns zunächst einen Brief, in dem sie ihr Staunen über diese Entdeckung zum Ausdruck brachte. Natürlich haben wir sie auch gleich eingeladen, einmal nach Apolda zu kommen und das neue Museum Prager-Haus zu besichtigen. Die Freude war groß, als sie im November 2018 zusammen mit einem Cousin und dessen Frau nach Apolda kam. Neben einer ausführlichen Besichtigung besuchten wir mit ihnen auch die kleine Stadtvilla, in der die Strassers einst wohnten und wo vor dem Eingang seit 2009 ein Stolperstein für Bertha Strasser liegt, die Oma von Gisela. Sie hatte sich aus Gram über das Unrecht, das die Nazis über ihre Familie gebracht hatte, 1943 mit Leuchtgas das Leben genommen. Natürlich wurden bei diesen Gesprächen auch einige Unrichtigkeiten in unserem biografischen Wissen über die Strassers berichtigt. Z.B. erfuhren wir, dass die beiden Töchter von Heinrich und Rosalia nicht verschieden im Alter sind, sondern als Zwillinge am gleichen Tage zur Welt kamen. Gisela war so begeistert von unseren Aktivitäten, dass sie sich spontan dazu entschloss, Mitglied im Verein zu werden. Mitte März sandte sie uns in einem Brief einen Überblick über ihren verschlungenen Lebensverlauf. Darin wird auch erwähnt, dass ihr Vater Heinrich sein ganzes Leben lang traumatisiert blieb von den Verfolgungsmaßnahmen der Nazis. Hier ein Auszug: „Mein Leben lässt sich nicht in einer Schnurgeraden niederschreiben. Unendlich viele Erlebnisse, die sich so nebenher ergeben haben, muss ich tatsächlich erst wieder hervorgraben und einordnen. Hier soll es jedoch bei einem Überblick bleiben. Vom Verfolgungsschicksal meines Vaters habe ich kaum etwas mitbekommen. Viel, viel später erfuhr ich, wieviel Leid über die gesamte Familie hereinbrach. Zunächst einmal die Ratlosigkeit meiner Großeltern, die anfangs nicht glauben konnten, was da eigentlich vor sich geht und in welcher Konsequenz alles schließlich enden würde. Man war des Broterwerbs beraubt, die Fabrik wurde boykottiert, und ein wenig später fand bereits die Demontage statt. Die Jahre der schlimmen Zeiten der Inhaftierung bzw. Zwangsarbeitsmaßnahmen meines Vaters von Lager zu Lager wurden uns Kindern gegenüber nie dokumentiert. Peu à peu erfuhren wir von der schlimmen Zeit bruchstückartig Einzelheiten. Nie ganz verborgen blieb uns die sehr besinnliche Art meines Vaters. Heute wissen wir, dass mein Vater zeitlebens traumatisiert blieb. Leider hat das Leben meiner Familie im sowjetisch besetzten Thüringen keine gute Wendung genommen. Mein Vater litt bis zum Schluss unter Diskriminierungen im beruflichen Bereich. Ohne SED-Parteibuch war für ihn kein Platz [...]“

Familie Seckel

Die Geschichte der Familie von Bertha, geb. Grünbaum, und Jakoby Seckel ist ein gutes Beispiel dafür, was sich in der kleinen Stadt Themar Ende des 18. Anfang des 19. Jahrhunderts abgespielt hat. Die Familie Grünbaum war eine der bedeutendsten jüdischen Familien in Themar. Sie kamen Ende der 1860er, Anfang der 1870er Jahre in die Stadt und lebten dort bis zum Holocaust, als die jüdische Gemeinde von Themar vernichtet wurde. Die Geschichte zeigt, wie schnell die jüdische Gemeinde in Themar seit Beginn der 1860er gewachsen war und dass es sich dabei weniger um natürliches Wachstum handelte, sondern dass immer mehr jüdische Familien aus anderen Städten nach Themar zogen. Bertha Seckel, geb. Grünbaum, wurde im Jahr 1867 in Walldorf/Werra (Thüringen) geboren. Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die Bevölkerungszahl der Stadt etwa 1600 Menschen. Die Eltern von Bertha hießen Loeser (geboren 1839) und Johanna Grünbaum (geb. Bergmann, 1894). Irgendwann nach 1870 zog die Familie in die etwas größere Stadt Themar mit einer Bevölkerungszahl von etwa 1800 Menschen. Berthas Vater, Loeser Grünbaum, eröffnete ein Geschäft am Marktplatz, dem kommerziellen Zentrum von Themar. Als Bertha mit ihren Eltern nach Themar kam, lebten bereits der Bruder von Loeser, Noah, in der Stadt. Noah und Minna, geb. Friedmann, Grünbaum zogen ebenfalls von Waldorf nach Themar irgendwann nach der Geburt ihres Sohnes Hugo im Jahr 1868 und vor der Geburt ihrer Tochter Minna im Jahr 1872. Im Jahr 1890 heiratete Bertha Grünbaum Jakoby Seckel. Danach stieg Jakoby in das Geschäft seines Schwiegervaters Loeser Grünbaum ein, das sich immer noch am Marktplatz 116 befand. Jakoby wurde auch in der jüdischen Gemeinde aktiv und war Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dort Vorstandsmitglied. Zwischen den Jahren 1891 und 1904 hatten Jakoby und Bertha sechs Kinder, die alle jeweils in Themar geboren wurden. Die Familie Seckel verließ Themar bald nach April 1905. Wie wir vermuten, zogen sie damals in eine größere Stadt, weil sie sich dort einen größeren Erfolg versprachen. Loeser Grünbaum, Berthas Vater, starb im Jahr 1904. Im Frühling 1905 verkaufte Jakoby Seckel, der zu dem Zeitpunkt 45 Jahre alt war, das Geschäft an Hugo Grünbaum, mit dem er durch Heirat verwandt war. Die Familie zog von Themar nach Zeitz (in Sachsen-Anhalt). Im Jahr 1910 hatte die Stadt etwa 33 000 Einwohner. Dabei war die jüdische Gemeinde in Zeitz nicht viel größer als die in Themar. Im Jahr 1909 zog die Familie Seckel erneut um. Dieses Mal zogen sie in den Norden von Altenburg. Die Stadt zählte zu dem Zeitpunkt etwa 40 000 Einwohner, von denen 156 Einwohner jüdisch waren. Die Familie wohnte zunächst Am Rossplan 5. Die ersten zwei Jahre nach dem Umzug führte Jacoby weiter sein Kolonialwarengeschäft. Dann, am 12. Januar 1911, starb er im Alter von 49 Jahren.  Im Jahr 1911 wurde Bertha mit 44 Jahren zu einer Witwe mit vier Kindern, die zu dem Zeitpunkt noch alle unter 20 Jahren waren. Bertha kehre nicht zurück nach Themar. Stattdessen blieb sie in Altenburg, zog die Kinder groß und übernahm das Familienunternehmen. Am 27. November 1911 registrierte Bertha das Kolonialwarengeschäft unter ihrem eigenen Namen im Altenburger Handelsregister. Es ist durchaus möglich, dass Berthas Mutter, Johanna Grünbaum, geb. Bergmann, noch vor 1911 nach Altenburg zog. Wenn dies nicht der Fall war, dann zog sie spätestens nach dem Tod von Jakoby zu Bertha und half ihrer Tochter mit den Kindern, damit diese sich besser um das Geschäft kümmern konnte. Zu dieser Zeit zog die Familie nach Rossplan 2 und 3. Die Familie Seckel verließ Altenburg Anfang der zwanziger Jahre. Bertha zog nach Leipzig, wo zu dem Zeitpunkt etwa 700 000 Menschen wohnten und 12 500 der Einwohner waren jüdisch. Bertha wohnte in der Kohlgartenstraße 38. Ihre Tochter Gertrud wohnte wahrscheinlich bis zu ihrer Ehe mit Alfred Münzer bei ihr. Sophie und Frederich Fernich wohnten Am Brühl 29. Heinrich Seckel, seine Frau Edith und ihre zwei Kinder wohnten zunächst in der Körnerstraße 7 und zogen dann um in die Waldstraße 72. Klara und Max Wohlgemuth wohnten in der Richard-Wagner-Straße 8, bis sie ihr Zuhause und Geschäft in der Leplaystraße 10 einrichteten. Spätestens im Juni 1938, wahrscheinlich aber schon vorher, versuchte die Familie Seckel Deutschland zu verlassen. Die Tochter von Heinrich schrieb später in einem Bericht, dass Heinrich im Juni 1938 allein in die USA gereist war, um dort nach Sponsoren für seine Familie zu suchen. Im November 1938 war er allerdings wieder in Leipzig und erlebte mit, wie sein Kleidergeschäft während der Reichspogromnacht (Kristallnacht) niedergebrannt wurde. Danach wurde Heinrich in Dachau inhaftiert und erst im Dezember wieder freigelassen. Am 23. Dezember 1938 meldete Heinrich Seckel für sich und seine Angehörigen, die durch Geburt oder Heirat einen direkten Bezug zu Themar hatten, nämlich für seine beiden Schwestern Klara und Sophie und für seine Mutter Bertha, die aufgezwungenen Zusatzvornamen „Israel“ und „Sara“ an. Vom Herbst 1938 bis Juli 1941 ist es acht Menschen aus Berthas engstem Familienkreis gelungen Deutschland zu verlassen: drei von Berthas Töchtern, dem Sohn Heinrich, zwei Schwagern und drei Enkelkindern. Der erste, dem die Flucht gelang, war Alfred Münzer, der Ehemann von Gertrud. Er ging Anfang November 1938 in die USA und war bereits vor der Reichspogromnacht in Sicherheit. In den USA wohnte Alfred zunächst in New York und wartete dort auf seine Frau und Tochter Ingrid Dorothea. Heinrich Seckel ging im August 1939 – kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – nach England. Seine Aufgabe, wie zu der Zeit vieler deutscher Juden, bestand darin, seine Familie zu sich nach England zu holen und dann gemeinsam weiterzuziehen. Heinrich immigrierte am 29. Juli 1940 in die USA. Der Krieg erschwerte die Emigrationen erheblich, machte sie aber noch nicht vollkommen unmöglich. So gelang es Sophie und Frederich Fernich am 19. Mai 1940 – nur Wochen bevor Deutschland in Frankreich die Kontrolle übernahm – Europa über St. Nazaire in Frankreich zu verlassen. Ein Jahr später, am 22. Mai 1941, als die Zeit bereits sehr knapp wurde, verließ Gertrud Münzer, geb. Seckel, mit ihrer sechsjährigen Tochter, Ingrid Dorothea, Europa von Lissabon aus. Heinrich Seckels Ehefrau Edith, geb. Glassmann, und die gemeinsamen Kinder Joachim-Philipp und Ilse konnten ebenfalls fliehen. Sie waren Anfang Juli 1941 auf einem der allerletzten Schiffe, die Flüchtlinge aus Europa herausbrachten, und trafen Heinrich in Painesville. Aus der Einzahlungskarte in der Datenbank des „Jewish Transmigration Bureau“ (Büro jüdischer Auswanderung) erfahren wir, dass Sophie Fernich versucht hatte ihre Mutter, Bertha Seckel, zu sich in die USA zu holen. Sophie machte im Februar 1941 eine Anzahlung, um die Immigration der Mutter in die USA finanziell zu sichern. Die Warteliste war aber so lang, dass Bertha nicht rechtzeitig dran kam und im Oktober 1941, als die deutschen Behörden die Ausreisen endgültig verbaten, noch immer in Deutschland war. Am 20. März 1942 schlossen die Amerikaner Berthas Akte und erstatteten Sophie die Anzahlung. Berthas und Klaras Situation in Deutschland wurde mit der Zeit immer schlimmer. Anfang 1939 wurden die Leipziger Juden gezwungen in eins der sogenannten „Judenhäuser“ zu ziehen. Aus mehreren Archivdokumenten, unter anderem aus der Einzahlungskarte im „Jewish Transmigration Bureau“ (siehe oben), wissen wir, dass die Familie Seckel zunächst in das „Judenhaus“ in der Humboldsraße 10 kam. Auch Hilda, Gertrud und Heinrich Seckel wohnten dort, bevor sie emigrieren konnten. Die ersten Deportationen aus Leipzig begannen am 21. Januar 1942, allerdings schafften Bertha und Klara, diesen zu entgehen. Klara konnte auch die Deportation am 10. Mai 1942 ins Ghetto Belzyce vermeiden, weil ihre Fähigkeit mit Pelzen zu arbeiten und ihre Zwangsarbeit als Schneiderin als unentbehrlich angesehen wurden. Bertha, die zu dem Zeitpunkt 75 Jahre alt war, wurde im Mai 1942 auf die Liste für die Deportation in das sogenannte „Ruhestandghetto“ in Theresienstadt gesetzt. Auch andere Familienmitglieder der Familie Grünbaum befanden sich auf diesem Transport: Hugo Grünbaum und seine Frau Klara aus Themar; Minna Rosenthal, geb. Grünbaum, aus Apolda und Karl Grünbaum mit seiner Ehefrau Hulda aus Erfuhrt. Aus Berthas Sterbeurkunde erfahren wir, dass Bertha gerade in Theresienstadt ankam, als ihr Schwager Hugo Seckel und seine Frau Else, aus Theresienstadt weiter nach Treblinka deportiert wurden. Berthas Schwägerin Rosa Herzberg, geb. Seckel, war zu dieser Zeit ebenfalls in Theresienstadt. Bertha Seckel, geb. Grünbaum, starb am 30. November 1942, kaum zwei Monate nachdem sie in Theresienstadt angekommen war. Am 17. Februar 1943 wurde Klara mit mindestens 116 weiteren Leipziger Juden zusammengetrieben und nach Berlin gebracht. Von dort aus wurden die meisten, höchstwahrscheinlich auch Klara, am 26. Februar 1943 nach Ausschwitz deportiert.

Bertha Strasser (1882–1943)

Im Jahr 1910 kamen der Bonbon-Kocher Paul Strasser (1879), evangelischer Konfession, mit seiner jüdischen Frau Berta geb. Rochocz (geb. 1882) und ihren Kindern Charlotte und Heinrich aus Halle nach Apolda. Hier wurde ihnen 1910 ihr drittes Kind, Tochter Gertrud geboren. Strasser übernahm in der Grünstraße 1 die Leitung der Schokoladenfabrik von Cäsar Kister. Am 11. November 1913 brach in der Fabrik ein Brand aus, der auch das nebenstehende Wohnhaus der Strassers vernichtete. Daraufhin verlegte der Kaufmann sein Kontor in die gegenüberliegende Hausnummer 4. Die Gebäude wurden wieder aufgebaut, die Versicherung hatte die Schäden übernommen. Im Januar 1914 wurden vom Architekten Hermann Schneider die Zeichnungen für den Wiederaufbau bei der Stadt eingereicht. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges bekundete Paul Strasser seine patriotische Gesinnung, indem er für die Heeressoldaten seine „Soldaten-Sanitäts-Drops“ sowie „Schokoladen-Feldpostbriefe“ zum Verschicken an die Front inserierte. Erst 1915 wurde die Firma als „Schokoladenfabrik Paul Strasser“ ins Gewerberegister eingetragen. Die zuvor schon dort tätige Berta Strasser wurde als Prokuristin bestätigt. Kurz vor der Abschaffung der Fürstenherrschaft wurde Paul Strasser für sein patriotisches Handeln vom Großherzog Wilhelm Ernst mit dem „Ehrenkreuz für Heimatdienst“ ausgezeichnet. Im September 1943 nahm sich Berta aus Verzweiflung über die Folgen, die ihr „Jüdischsein“ für die Familie mit sich gebracht hatte, mit Leuchtgas das Leben.

Alfred Schmieder (1903–unbekannt)

Alfred Schmieders Mutter Margaretha war nach Nazi-Lesart eine „Halbjüdin“, und folglich war ihr Sohn Alfred ein „Judenstämmling“. Er führte den von seinen Schwiegereltern übernommenen Textilbetrieb erfolgreich weiter durch die 1920er Jahre, bis er im Jahre 1935 im "Stürmer- Kasten" der NSDAP lesen musste, dass er auf der Liste der sogenannten „Judenstämmlinge“ unter der Nummer 109 geführt wurde. Das schien neben der Peinlichkeit des öffentlichen Anprangerns auch einige Begehrlichkeiten zu wecken unter Mitgliedern der Nazipartei, die das lukrative Unternehmen besser in "arische" Hände legen würden. Es muss seit 1935 mehrere Versuche gegeben haben, dem Fabrikinhaber unangenehme Besuche abzustatten mit dem Ziel, die Firma aus den Händen von Schmieder auf diese oder jene Weise zu entwinden. Diese Problematik war nach Aussage einer Nichte namens Rosner eine mögliche Ursache dafür, dass sich Alfred 1937 in seinem Wohnzimmer eine Schrankwand einbauen ließ, die eine sorgsam getarnte Geheimtür enthielt, durch die das Ehepaar Schmieder bei unangenehmen Besuchen sich in ein dahinter befindliches Zimmer zurückziehen konnte. Als uns diese Geschichte bekannt wurde, beschlossen wir, dazu wieder ein neues Heft in der Reihe der „Apoldaer Judengeschichten“ zu schreiben und herauszugeben: „Die Geheimtür“, das im Jahre 2016 als Nummer 7 erschienen ist.

Familie Salomon

Oskar Salomon wurde als Drittes von 5 Kindern 1863 in Halle/Saale geboren. Er war verheiratet mit Martha, 1873 geb. Heilbrun aus Eisleben. Dr.med. Oskar Salomon führte langjährig eine Facharztpraxis für "Haut- und Harnkrankheiten" Adelheidstr. 12 in Gera. Ihre zwei Söhne Fritz (1895) und Hans (1898) absolvierten erfolgreich das Gymnasium Ruthenäum Gera und wurden Soldaten im Ersten Weltkrieg. Fritz starb 1917 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen. Hans erlitt den Verlust des rechten Armes. Er studierte Jura und wurde Amtsgerichtsrat Dr. jur. in Gera. Im Novemberpogrom 1938 kam er in Schutzhaft nach Buchenwald. Dr. Oskar (77), Martha (68) und Dr. Hans Salomon (43) setzten am 18.09.1941 gemeinsam ihrem Leben ein Ende. Auch Oskars Schwestern in Halle, Elise und Margarethe, sein Bruder Paul mit Ehefrau Lucie flüchteten kurze Zeit später durch eigene Hand in den Tod. 

Bertha Schäfer (1890–1945)

Die jüdische Familie Langer war 1905 vor den Auswirkungen der mit der russischen Revolution verbundenen Juden-Pogrome nach Gera geflohen. Berta (1890 in Lodz geborene Langer) schloss 1916 die Ehe mit dem Nichtjuden Alfred Schäfer (1892 in Gera). Sie hatten die Töchter Martha (1914 in Gera) und Elfriede (1919 in Gera). Alfred Schäfer war gelernter Porzellandreher und arbeitete als Krankenpfleger am Städtischen Krankenhaus. Er wurde 1933 fristlos entlassen, arbeitet zwischenzeitlich in Fabriken und ab 1936 in den Milbitzer Heilanstalten. Am 03.11.1944 wurde er verhaftet und in das Arbeitslager für scheidungsunwillige Ehepartner aus Mischehen der Buna-Werke Schkopau gebracht. Dort erlebte er 1945 die Befreiung. Berta war Arbeiterin in verschiedenen Geraer Industriebetrieben. Sie wurde Mitglied der KPD und war aktiv in den örtlichen Geraer Nebenorganisationen. 1934 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im September 1944 verhaftet, kam sie ins Ausländerlager Leumnitz und im Dezember nach Ravensbrück. Dort wurde sie am 11.02.1945 umgebracht. Sie wurde 54 Jahre alt. Bertas ältere Tochter Martha bekam ein Kind, wurde der Rassenschande beschuldigt und kam schon im August 1944 ebenfalls nach Ravensbrück. Sie wurde dort befreit und heiratete 1948 in den USA den in Gera geborenen Leo Organek (gestorben 1995 in New York). Elfriede musste Zwangsarbeiten und überlebte. Verlege-Ort ist vor ihrer Wohnung Schmelzhüttenstr. 33.

Anna Schalscha (1890–1942)

Die Witwe Anna, 1867 geb. Bender, war verheiratet mit Louis Schalscha (1866-1928). Sie hatten zwei Töchter, Edith und Ellen. Edith war verheiratet mit dem nicht-jüdischen Geraer Schauspieler Heinz Schmidt-Lorenz, der 1935 starb. Als die Witwe Edith im Mai 1942 nach Belzyce deportiert wurde, war sie 50 Jahre alt. Danach gibt es kein Lebenszeichen mehr. Sie wurde ein Opfer des Holocaust. Um ihrer eigenen Deportation zu entgehen, beging ihre Mutter Anna im Juli 1942 Suizid und starb an einer selbst herbeigeführten Leuchtgasvergiftung. Ellens Mann stammte aus Breslau und hieß Leipziger. Nur Ellen hatte einen Pass und verließ Deutschland zunächst allein Richtung Westen. Ihr Mann schaffte es 1938 mit der 16 jährigen Tochter Steffi über die grüne Grenze zu fliehen. Die Familie traf sich in Brüssel wieder und floh weiter nach Paris. Von dort konnten sie mit falschen Pässen über Lissabon nach Brasilien emigrieren. Ellen starb 1969. Louis und Paul Schalscha waren Brüder. Die Chrom-Lederfabrik Schalscha mit Ladengeschäft bestand von 1898-1930. Louis starb 1928. Darauf zogen Paul und Frau Else nach Berlin. Deren Sohn Franz war verheiratet mit Hilde, geb. Mazur. Franz und Hilde Schalscha flohen bereits 1933 nach Südafrika und lebten noch 1998 in Bulawayo (Simbabwe). Fritz Schalscha aus Breslau, geb. 14.09.1896, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Ob er mit den Geraer Schalschas verwandt war, ist noch unbekannt. Verlege-Ort  des Stolpersteins ist vor dem unteren Eingang des KuK Gera. Frau Schalschas letzte freigewählte Wohnung war Rudolf-Ferber-Str. 1. Der Hauseingang befand sich etwa 70 Meter südwestlich. (Haus abgerissen)

Rudolf Scheffel (1901–1943)

Rudolf Scheffel wurde am 6. Juni 1901 in Debschwitz bei Gera geboren. Er war seit 1922 Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschland) und der KPD. Bereits 1923 wurde Rudolf Scheffel wegen seiner politischen Tätigkeit für kurze Zeit in „Schutzhaft“ genommen. Wegen seiner Erfahrungen in der Verwaltungsarbeit als Mitarbeiter im Thüringer Volksbildungsministerium in Weimar wurde er 1924 Geschäftsführer der „Ostthüringer Arbeiterzeitung“ und ab 1925 leitender Mitarbeiter des Verlags „Junge Garde“ in Berlin. In dieser Zeit war er auch Mitglied des ZK der KPD. Die erste Verhaftung von 6 Wochen erfolgte unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933. Weitere Verhaftungen folgten. Am 17.08.1943 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 8.09.1943 im Zuchthaus Berlin-Plötzensee vollstreckt.
Verlege-Ort des Stolpersteins ist vor der Wohnung damals Wettiner Str. 11.

Aloys Scholze (1893–1942)

Aloys Scholze (04.09.1893 in Dresden) war katholischer Priester und ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus aus Gewissens- und religiösen Gründen. Er hatte 6 Geschwister. Sein Vater war ein Dresdner Buchhändler. Nach Weltkriegsteilnahme und dem Studium der katholischen Theologie in Breslau wurde Aloys Scholze 1921 in Paderborn geweiht. Als Kaplan war er in Gera an St. Elisabeth von 1921-25, danach war er in Leipzig-Lindenau tätig. Im Jahr 1929 wurde er Pfarrer. Zuerst in Kunnersdorf auf dem Eigen/Lausitz. Von 1931-41 übernahm er das Pfarramt in Leutersdorf/ Lausitz. Er betätigt sich als Fluchthelfer über die nahe gelegene Grenze zur Tschechoslowakei. Die am 15.3.1933 gelungene Flucht des SPD-Abgeordneten Dr. Helmuth Klotz wird Scholze später zum Verhängnis. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges leistet er trotz Verbotes Seelsorge an französischen Kriegsgefangenen. Er predigt auch in französischer Sprache. Am 5. Juni 1941 wird Scholze verhaftet. Er kommt ins Dresdner Polizeigefängnis und nach Brüx /Böhmen. Über Maltheuern wird er am 2. August ins KZ Dachau gebracht. 13 Monate lebt er im Priesterblock. Dort stirbt er am 01.09.1942. Seine letzte Ruhestätte bekam er 2011 in der Hofkirche, der Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen an der Seite weiterer Schicksalsgefährten. Pfarrer Aloys Scholze wurde 49 Jahre alt.
Verlege-Ort  des Stolperstein ist Nikolaistr. vor dem Treppenaufgang zur kath. Kirche. 100m südlich des alten Pfarrhauses, z. Zt. Brachfläche, andere Straßenseite.

Hans Simmel (1891–1943)

Hans Simmel (geb. 1891 in Berlin) war verheiratet mit Else (1895 in Groß-Umstadt geb. Rapp) Sie hatten die Kinder Marianne (geb. 1923), Eva (geb. 1925), Arnold (geb. 1926) und Gerhard (geb. 1930). Im 1. Weltkrieg war Hans Simmel Soldat. Professor Dr.med. Hans Simmel war Internist und von 1928-33 Leiter des Geraer Waldkrankenhauses. Weil er jüdische Großeltern hatte (die zum evangelischen Christentum konvertiert waren) wurde er von den Nationalsozialisten diffamiert. Er wurde verhaftet, zu Unrecht beschuldigt, um ihn aus seinem Amt zu drängen. Es kam zum gerichtlichen Vergleich. Er blieb entlassen. Die Zulassung zum Führen einer Privatpraxis wurde ihm verwehrt. Sein Wohnhaus Vollersdorfer Str. 13 musste er zwangsverkaufen. Die Familie zog nach Stuttgart. Im Novemberpogrom 1938 wurde Prof. Dr. Simmel dort verhaftet. Er kam ins KZ Dachau. Anfang 1939 gelang ihm, seiner Frau auf getrennten Wegen, und den Kindern die Flucht in die USA. Als Prof. Simmel 1943 in Colorado Springs stirbt, ist er 52 Jahre alt. Dr.med. Else Simmel praktizierte später in New York. Tochter Marianne wurde Lehrerin, Eva Laborantin, Arnold Physiker, Gerhard war Student in Princeton, New Jersey. Dr. med. Erna Philipp (geb. 1900 in Dortmund) war nicht mit Familie Simmel verwandt. Sie war 33 Jahre alt, als sie ungekündigt und freiwillig von Kiel nach Gera kam, um sich bei Professor Simmel internistisch fortzubilden. Die Zeitung Geraer Beobachter attackierte Frau Philipp, weil sie Jüdin war. Als sie wieder entlassen wurde, war sie ganze zwei Wochen angestellt. Es kam auch hier zu einem Vergleich, aber sie blieb entlassen. Am 18.11.1935 gelang Frau Dr. Philipp die Flucht nach Beirut im Libanon. Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor dem rechten Seiteneingang des historischen Krankenhauses. Nach einer Umverlegung befindet er sich in einem unteren Sandweg auf der Rückseite des Gebäudes.

Julius Simsohn (1888–1945)

Julius Simsohn (geb. 1888 in Memel) war seit 1923 verheiratet mit der Christin Margarethe (1897 in Crossen a.d.Oder geb. Drobbe). Ihr einziger Sohn war Werner (geb. 1924 in Berlin). Die Familie lebte zunächst in Berlin, wo sich die Eltern kennengelernt hatten. 1927 zog die Familie nach Gera. Julius wurde Geraer Filialleiter eines Berliner Konfektionshauses. Nachdem die Firma Konkurs gegangen war, macht sich Julius als Kaufmann selbständig mit dem Verkauf von Textilien, Wäsche und Kurzwaren ohne Ladengeschäft.1938 musste Julius aufgeben. Er wurde Bauhilfsarbeiter und Margarethe wurde Haushälterin bei Frau Schalscha und verwitweten Tochter Edith Schmidt-Lorenz. Im Novemberpogrom 1938 wurde Julius Simsohn verhaftet und nach Buchenwald gebracht und wieder entlassen. 1944 erneut verhaftet, wurde er im Juni nach Auschwitz deportiert. Er starb am 7. Februar 1945 in Mauthausen. Seinem Sohn, Werner Simsohn (1924–2001) dem mutigen Historiker und Autor jüdischen Lebens in Gera, ist es zu verdanken, dass jüdisches Leben in Gera wieder nachlesbar ist.
Verlege-Ort des Stolpersteins ist vor der Wohnung ab 1934 Nestmannstr.1.

Familie Sinenski

Leiser (geb. 1885) und Lea Sinenski (1898, geb. Smolenski) stammten aus dem im Ersten Weltkrieg stark zerstörten Grajewo. Wie andere jüdische Flüchtlinge suchten sie in Deutschland Zuflucht vor Pogromen und erwarteten für sich Zukunftschancen. Das 34 und 21 Jahre alte Ehepaar kam nach Gera und hatte hier drei Söhne: Max (1922 geb. in Grajewo), Bernhard (1925 in Gera) und Jakob (1929 in Gera).Vater Leiser übte den Beruf eines Schmiedes aus, Mutter Lea war Hausfrau. Für sie völlig unerwartet wurde die Familie am 28.10.1938 zusammen mit den anderen polnischen Juden gewaltsam über die deutsch-polnische Grenze bei Zbaszyn (Bentschen) gebracht. Zu diesem Zeitpunkt war Leo 53, Lea 40, Bernhard 12 und Jakob 9 Jahre alt. Sohn Max, der sich später Mordekhaj nennt, überlebte allein durch Flucht aus dem Ghetto als 17jähriger 1939 von Polen nach Palästina. Er lebte noch 1994. Ihr Zufluchtsort 27.06.1941 während des Krieges wurde das sowjetisch besetzte ostpolnische Bialystok, unweit ihrer Heimat Grajewo. In Bialystok leben zwangsweise bis 60.000 Juden. Nahezu alle fielen bis 1943 dem anonymen Massenmord zum Opfer; im Ghetto Bialystok und in den Lagern Treblinka, Majdanek, Lublin, Theresienstadt und Auschwitz u.a. Drei- bis vierhundert Überlebende verließen Bialystok nach 1945 überwiegend nach Palästina. Eine Studie von vier Bialystoker Schülern stellte 1998 noch zwei jüdische Einwohner fest. Der Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor der damaligen Wohnung. Die am 07.06.2010 unter Mitwirkung von Schülern der Europaschule Ostschule dort verlegten 5 Steine wurden am Donnerstag, den 15.07.2010 von Unbekannten mit einer Chemikalie übergossen. Die Oberfläche färbte sich schwarz und die Schrift war unlesbar. Ein Stein wurde am 19.07.2010 im Beisein der Polizei ausgegraben zum Zweck der kriminaltechnischen Untersuchung. Er wurde am 06.02.2011 an gleicher Stelle wieder eingefügt. Die Lesbarkeit konnte wiederhergestellt werden. Das Geburtsjahr 1920 von Max muss nach neuen Erkenntnissen auf 1922 geändert werden. Schreibweise im Koblenzer Gedenkbuch: Sejnenski.

Familie Sklow

Hermann (Heymann) Sklow (geb. 1870) stammte aus Schneidemühl (Pommern) und war in Gera verheiratet mit Betty (1880 in Magdeburg geb. Behrendt). Sie hatten zwei Töchter Charlotte geb.1905 in Berlin und Helene geb.1907 in Gera, gest.1979 in New York.  Hermann hatte eine ältere Schwester Johanna (geb. 1868) und zwei jüngere Schwestern, die Ernestine (geb. 1871) und Marta (geb. 1882) hießen. Johanna und Mann Alexander Klar (geb. 1871), Ernestine Riffa, sowie Marta und ihr Mann Markus Katz (geb. 1878) wurden von Berlin aus deportiert. Der Mann von Ernestine, Karl Riffa (geb. 1876) flüchtete vor der Deportation in den Tod (Suizid). Weitere Geschwister von Hermann sind alle als Kleinkinder gestorben. Charlotte heiratete Willy Rosenthal. Sie bekamen drei Kinder: Brigitte (1925-1983) Ursula (geb. 1928) und Peter (geb.1929). Familie Rosenthal gelang die Flucht in die USA. Auch Helene floh über Kuba in die USA. Hermann Sklow war von 1896 bis 1933 im bekannten Geraer Traditions-Kaufhaus Hermann Tietz beschäftigt (Stammhaus der späteren Warenhauskette HERTIE, viel später Konsument-Warenhaus, danach Horten). Zuletzt als der langjähriger Direktor in der Geraer Filiale. Er war 63 Jahre alt als er 1933 in Folge der Zwangsenteignung seine Stelle verlor. Die Familie verließ Gera und zog nach Berlin. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde Hermann 1937 verhaftet und wegen Devisenvergehens verurteilt. Sein letzter Aufenthaltsort war das Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Dort kam er am 18.10.1938 ums Leben. Hermann ist im Grab seiner Schwiegereltern in Berlin-Weissensee bestattet. Er wurde 68 Jahre alt. Betty war Passagier der legendären MS St. Louis 1939. (Spielfilm). Die Einreise in Cuba wurde ihr verweigert. Über Antwerpen in Belgien und Holland gelingt ihr später die Flucht in die USA. Sie lebte mit ihren Töchtern in New York.
Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor dem Wohnhaus Agnesstr. 26.

Familie Sommerfeld

Paula Sommerfeld war seit 1929 alleinerziehende Mutter. 1927 war in Gera ihre einzige Tochter Ruth geboren worden. Ein erster schwerer Schicksalsschlag traf die Familie. Der Familienvater Bendet Sommerfeld war im Alter von 30 Jahren an einem Gehirntumor gestorben. Paula war ein Teenager von 15 Jahren, als sie mit ihrer ganzen Familie in Gera ankamen. Es waren Paulas Vater, der Witwer Jacob Rubinson, ihre Stiefmutter Masha Milewicz, und ihre Geschwister Jenny, Alex und Elke. Sie waren aus Grajewo im russisch besetzten Ostpolen vor den Judenpogromen nach Gera geflüchtet. In Gera hat sie wohl Anfang der zwanziger Jahre ihren Mann Bendet geheiratet. Auch er stammte aus Grajewo. Eine Besonderheit: Beide waren auf den Tag genau gleichalt. Die junge Witwe Paula Sommerfeld meldete noch im Todesjahr ihres Mannes auf sich selbst ein Handelsgewerbe an, das bis zum 12. Oktober 1938 bestehen sollte. Außerdem half sie mit in der Geraer Firma ihres Schwagers Jacob Wernik, ebenfalls aus Grajewo.Am 28. Oktober 1938 wurden Paula, sie selbst jetzt 40 Jahre alt, und ihre 11jährige Tochter Ruth Opfer der Polen-Aktion der Nationalsozialisten. Gemeinsam mit weiteren Familienangehörigen und tausenden Leidensgenossen kamen sie per Bahn an die damalige deutsch-polnischen Grenze. Dort wurden sie Ende Oktober im Freien im Niemandsland ausgesetzt. Der inzwischen 12jährigen Ruth gelang die Flucht nach England. Jüdische Hilfsorganisationen kauften jüdische Kinder frei. Wenige Tage vor Kriegsausbruch 1939 gelangte sie in einen Kindertransport. Von Warschau fuhr sie mit der Bahn zum Ostseehafen Gdynia und mit dem Schiff nach Birmingham. Dort lebte sie in einer Gastfamilie. Sie beendete ihre Schulbildung, studierte Pädagogik und war zuletzt Subdirektorin einer jüdischen Schule in London. Frau Ruth Sommerfeld starb 2006 in London im Alter von 78 Jahren. Ihre Mutter Paula Sommerfeld durfte nicht mit nach England. 1938–41 fand sie Unterkunft bei ihrer Tante, die in der Kleinstadt Zelwa in Weißrussland lebte. Dort lebte sie bis zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Wenige Tage nach der Besetzung von Zelwa wird sie an einem unbekannten Tag auf dem Weg ins Ghetto Wilna von einem Sonderkommando ermordet. Von ihren 42 Lebensjahren hat Paula Sommerfeld rund 25 Jahre in Gera gelebt.
Verlege-Ort der Stolpersteine ist vor der ersten gemeinsamen Wohnung Schulstraße 20.

Ehepaar Spiegel

Das kinderlose jüdische Ehepaar David und Deborah Spiegel befand sich mit über 1.200 Leidensgefährten im Deportationszug der Reichsbahn DA 27 Weimar-Belzyce vom 10. Mai 1942. Nach der Ankunft im besetzten Ostpolen verliert sich ihre Spur. Als sie ermordet werden, sind sie 60 und 62 Jahre alt. Vermutlich kamen sie in ein Massengrab.  Ihr Geburtsort war Dolina in Galizien (Österreich-Ungarn). 1914-18 war David Soldat der k.u.k. Monarchie. Danach sind sie nach Gera gekommen. David Spiegel handelte mit Geflügel und Wäsche. Frau Deborah ist Näherin. Die beiden helfen wohl auch Bruder bzw. Schwager Jakob in dessen Geschäft. David wurde am 10.11.1938 gemeinsam mit 40 weiteren jüdischen Männern aus Gera nach Buchenwald gebracht. Im Rahmen der „Rath-Aktion“ kamen in jenen Tagen 10.000 jüdische Männer aus ganz Deutschland dort an. Bis zum Frühjahr 1939 kamen die meisten wieder frei. Nach Davids Entlassung versuchte das Ehepaar illegal über die grüne Grenze nach Polen zu kommen. Der Fluchtversuch scheiterte, weil sich Deborah dabei ein Bein brach. Sie kamen nach Gera zurück. Zuletzt lebten sie in einem Zimmer zur Untermiete im Steinweg 15. Diese Stolpersteine sind der einzige Ort des Gedenkens an David und Deborah Spiegel, die etwa 25 Jahre in Gera lebten.