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Gefundene Objekte: 147

W

Emmy Weber (1909–1944)

Dr.med. Emmy Weber (geb.1909) war die einzige Tochter des Journalisten Waldemar Weber (geb.1882) und Frau Elly (geb.1883). Waldemar war im Ersten Weltkrieg Offizier. In den späten 20er Jahren war er zeitweise Chefredakteur der Geraer Zeitung. Nach 1934 verlor er seine Stelle weil seine Frau Elly Jüdin war. Man nannte das eine Mischehe. Er weigerte sich über ein Jahrzehnt bis zum Tod standhaft, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Tochter Emmy hatte als Kinderärztin Berufsverbot. Ihre Beziehung zu einem nicht-jüdischen Mann wurde verboten und fand durch die Kriegsereignisse nicht statt. Für Mutter und Tochter stand die Deportation nach Theresienstadt und für den Vater die Einweisung in ein Arbeitslager unmittelbar bevor. Am 15.10.1944 beging die Familie dreifachen gemeinschaftlichen Suizid durch Leuchtgasvergiftung in ihrer Wohnung. Waldemar war 62, Elly 61 und Emmy 35 Jahre alt.
Verlege-Ort des Stolperstein ist vor ihrer ehemaligen elterlichen Wohnung Burgstr. 5 (Haus 1945 zerstört).

Familie Wernik

Die Großfamilie Wernik kam aus Grajewo in Ostpolen nach Gera. Während des 1.Weltkriegs wurde die strategisch wichtige Kleinstadt Grajewo zu 90 Prozent zerstört. Als 1918 wieder Frieden in Europa herrschte, tobten an der russisch-polnischen Grenze noch lange grausame Kämpfe. Wieder war Grajewo stark betroffen. Ein Zurück nach dem Krieg gab es also nicht. Im Gegenteil, weitere Familienmitglieder zogen nach Gera. Am Ende des 1. Weltkrieges waren David und Klara ein junges Paar, Klara war gerade 18 Jahre alt und David 26. Klara aber stammte aus Galizien. Da weitere galizische Juden in Gera lebten, werden sie sich hier kennengelernt, möglicherweise auch nach ostjüdischem Ritus geheiratet haben. Der Gebetsraum der galizischen Juden war ganz in der Nähe. Sie beziehen hier die erste eigene Wohnung. David arbeitete mit in der Firma seines Bruders. 1923 wird in Gera Sohn Max geboren, 1929 Tochter Lotte.
Die Männer der Familie Wernik waren seit Generationen Pferdehändler. Sie hatten es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Pferde spielten zu der Zeit eine überaus wichtige Rolle. Davids Bruder Jacob Wernik hatte in Gera eine Großhandlung „Siepp & Wernik“ für technische Öle, Fette und Schmierstoffe. Nach 1933 nimmt die Judenfeindlichkeit weiter zu, die vierköpfige Familie muss umziehen. Zunächst geht es zu den Eltern zurück in die Lutherstraße. Als der Vater das Haus verkaufen muss, ziehen sie 1935 in eine kleine Wohnung in der Schülerstraße.
Sie geraten 1938 in die unerwartete Polen-Aktion. Mit etwa 130 anderen Geraern kommen sie nach Bentschen. Von dort gehen Mutter und Kinder nach Galizien zur Verwandtschaft. 1939 wird Galizien zunächst russisch besetzt. Max ist gerade mal 18 Jahre alt. Er wird Soldat der sowjetischen Roten Armee. Er überlebt das Kriegsende und ist im Sommer 1945 für kurze Zeit noch einmal als Soldat in Gera. Da ist er 22 Jahre alt. In Folge des Überfalls der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion werden an unbekannten Tagen nach dem 20. Juni 1941 Klara und Charlotte von Sonderkommandos ermordet. David wird nach Auschwitz gebracht und stirbt dort 1942. Verlege-Ort ist vor der ersten gemeinsamen Wohnung.

Karl Wetzel (1907–1944)

Karl Wetzel wurde am 19.10.1907 geboren. Er war tätig in der SAJ und trat 1927 in die SPD ein. Er wurde am 11.08.1934 und am 17.05.1935 verhaftet. Er starb am 03.03.1944 als Soldat der Strafdivision 999 an der Front. Er wurde 36 Jahre alt.

Erich Wilke (1900–1934)

Erich Wilke wurde am 06.08.1900 in Gera geboren. Er wurde Textilkaufmann und trat 1919 in die KPD ein. Dort war er Kreisvorsitzender der Roten Hilfe und Mitglied im Rotfrontkämpferbund. Am 28.2.1933 und erneut am 5.6.1934 wurde er verhaftet. Nach Verhören unter schwerer Folter starb er am 24.07.1934 im Geraer Gerichtsgefängnis. Drei Tage später erhielt die Ehefrau die Nachricht, dass ihr Mann sich in der Zelle erhängt habe. Er wurde 33 Jahre alt.
Aus Gera unterm Hakenkreuz S.85

Linda Wiszenko (1908–1988)

„Den Namen Wiszenko hörte ich das erstemal 1987 bei einem Gespräch in der Arbeitsgruppe 'Jüdisches Leben im Kulturbund Apolda'. Ende April 1988 besuchte ich sie in ihrer noblen Villa in der Straußstraße. Zen Ablauf dieses Gesprächs habe ich wiedergegeben in dem Heft 'Apoldaer Judengeschichten"“ Nr. 10. „Der geheimnisvolle Schneider. Hereingeweht vom Winde der Geschichte', Apolda 2018, S. 5-11.
Dame, was ich bzw. die Arbeitsgruppe 'Jüdisches Leben' des Kulturbundes vorhatten. Wir hatten uns, angeregt durch die Existenz des Namens der Bernhard- Prager-Gasse von Apolda, hauptsächlich um die Rekonstruktion einer Familiengeschichte der Pragers gekümmert, deren Name offensichtlich für viele ältere Apoldaer noch eine richtige Leuchtkraft hatte. Man sprach mit Hochachtung von diesem Bernhard und seiner Frau Gertrud, die in den Hungerzeiten nach dem Krieg und während der Inflation den Müttern in ihrer Gasse die Milch für ihre Kinder bezahlten.
Und deswegen das war der Aufhänger für mein Gespräch hätten wir uns entschlossen, anlässlich seines 100. Geburtstages am 29. Juni eine Gedenktafel an seinem Haus anzubringen.
Diese Eröffnung und Beschreibung unseres Vorhabens fand sichtlich das Interesse von Frau Wiszenko und weckte eine freudige Erwartung. Mein Hinweis, dass es in der unteren Otto-Nuschke-Straße (heute: Goerdelerstraße) im Schaufenster des Gardinenladens Koppe demnächst eine Ausstellung über die Apoldaer Juden zu besichtigen gäbe, ließen ihre Augen aufleuchten. 'Diese Ausstellung schaue ich mir sofort an, wenn ich wieder in der Stadt zu tun habe!', teilte sie mir begeistert mit.
 'Gut, Frau Wiszenko, schauen Sie sich die Tafeln in Ruhe an vielleicht fällt Ihnen dazu noch einiges ein, von dem wir noch nichts wissen', antwortete ich ihr.  'Herr Franz, ich kann Ihnen etwas mitgeben, was Sie vielleicht interessiert'. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und trat an einen Schrank, aus dem sie eine Mappe hervorzog. Linda griff in die Mappe und holte ein Stück aus Stoff heraus und zeigte es mir. Mit großen Augen blickte ich auf den sogenannten Judenstern, den sie auf den Tisch gelegt hatte. 
'Das ist der Stern, den mein Lejzor seit 1941 tragen musste. Normalerweise sollten sie ihn an der Jacke aufnähen. Aber Lejzor fand es abscheulich, wenn er gute Freunde oder Bekannte besuchte und dann mit dem Stern vor ihnen erschien. Deshalb hat er das gelbe Zeichen auf einen Stern aus Pappe genäht und hinten mit einer Verschlussnadel zum Anstecken an die Kleidung versehen. So konnte er den Stern auch abnehmen, wenn er es wollte. Hier, Herr Franz, den können Sie in Ihrer Ausstellung gern zeigen!'
Bei diesen Worten der alten Frau wurden mir die Augen feucht. 'Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll für dieses Vertrauen! Sie dürfen gewiss sein ich bewahre ihn zu treuen Händen auf!', sprach ich zu ihr und drückte ihr gerührt die Hand. 'Darf ich gelegentlich noch einmal wiederkommen, Frau Wiszenko?"fragte ich sie zum Abschied.
'Aber gern, kommen Sie nur, ich erzähle Ihnen noch mehr'. Ich winkte Frau Wiszenko noch einmal zu und rief: 'Dann bis zum nächsten Mal!' Es dauerte auch nicht mehr lange bis zu unserem nächsten Treffen. Inzwischen hatte ich den Stern bereits in die Ausstellung eingefügt.
Beim nächsten Besuch bei der Witwe des Schneiders ergab sich ein Gespräch, das noch tiefer führte als das letzte. Sie eröffnete mir nämlich, dass sie auch noch ein Stück aus dem Eigentum der Pragers besaß: einen Chanukka-Leuchter, den das Ehepaar vor seiner Deportation dem Schneider übergeben hatte als Andenken. Ich staunte über den hübschen Leuchter, der zwar, aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammend, keinen besonderen Kunstwert hat, aber durch
den Gebrauch bei der Fellhändler-Familie aus der Sandgasse einen hohen symbolischen Erinnerungswert besitzt.
'Herr Franz, Sie können den Leuchter mitnehmen, wenn Sie wollen. Ich bin eine alte Frau, wir hatten auch keine Kinder, so dass ich nichts an jemanden zu vererben habe', sagte die Schneidersfrau zu mir, die offensichtlich Zutrauen gefunden hatte zu uns, die wir für sie ganz erstaunlicherweise nach einem längst vergessenen Lebenskreis von Menschen forschten, die wie ihr verstorbener Mann zu den Juden gehörten.
Ich antwortete: 'Ich bin ganz bewegt von dem, was Sie mir erzählt haben von Ihrer Freundschaft mit den Pragers, die Sie nicht vergessen können.'
' Wissen Sie was', erwiderte sie und holte noch einmal die Mappe hervor, aus der sie bereits den Judenstern herausgenommen hatte, 'ich schenke Ihnen alles, die Papiere, die Dokumente und Ausweise meines Mannes, seinen Schriftwechsel mit den Behörden und die Fotos. Ich freue mich, wenn es in gute Hände
kommt und dort bleibt! Ich glaube mich zu erinnern, dass ich Linda Wiszenko nach diesen Worten umarmte. Als ich die Mappe in meiner Tasche verstaute, sagte sie zu mir einige Sätze, die ich nie wieder vergessen konnte. 'Sie wissen ja, Herr Franz, dass ich evangelisch getauft bin, eine Frau, wie es in Apolda Tausende davon gibt. Wir haben aus Liebe geheiratet, mein Mann hat meinen Glauben akzeptiert, und ich habe auch nicht versucht, ihn zum Christen zu bekehren. Wenn ich heute das Wort 'Jude' höre, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Das ist alles die Strafe dafür, dass ich als Kind die Tochter von Dattelbaums in der Müllerstraße, wo wir wohnten und die garstig zu uns war, beschimpft habe: 'Du Judenmensch!'.
Hier hatte jemand ein Schuldbekenntnis abgelegt, wie es selten aus deutschen Mündern zu vernehmen ist: mit einer Erschütterung darüber, dass man selber den gewöhnlichen Antisemitismus einer ganzen Geschichtsepoche wie selbstverständlich geteilt hat mit den meisten anderen Deutschen. Linda war die Witwe des ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiters Leiser Wiszenko, der aus der Zwangsarbeit im Dreiwegelager Weißenfels nach Apolda zurückkehren konnte. Nach den aufregenden Besuchen bei ihr war sie selbstverständlich hoch interessiert daran, an dem Gedenken zum 100. Geburtstag von Bernhard Prager teilnehmen zu können, das am 29. Juni 1988 in der unteren Dr.-Otto- Nuschke-Straße stattfand. Das Foto zeigt sie als Greisin mit aufrechtem Gang, angetan mit einer dunklen Jacke. In der Hand das Einladungsschreiben der Arbeitsgruppe Christliche Kreise haltend. Sie lauscht aufmerksam, was Jugendchor und Sprecher von sich geben.
Geboren am 12. Dezember 1908 in Apolda, wurde sie evangelisch getauft und konfirmiert. Nach dem Abschluss ihrer Schulzeit ging sie zur Arbeit 'in die Wolle' und wurde Heimarbeiterin. Am 29. Dezember 1930 heiratete sie den 'israelitischen' Schneider Lejzor don Wiszenki (so die Heiratsurkunde. Der Name taucht in verschiedenen anderen Varianten auf, siehe 'Judengeschichten' Nr. 10). Kinder bekamen sie keine.
Als sich 1942 die Deportation der jüdischen Familie Prager abzeichnete, vertraute Bernhard Prager seinem jüdischen Freund Wiszenko einen Chanukka-Leuchter aus seinem Besitz an, sicher in dem Wunsch, ihn in gute Hände gegeben zu haben. Leider dauerte die meinerseits mit großer Dankbarkeit erworbene Bekanntschaft mit der alten Dame nur noch kurze Zeit: einen Monat nach ihrer Teilnahme an der Gedenkfeier für Prager verstarb sie. Eine Mitteilung über ihren Tod sandte mir der im gleichen Hause wohnende Dr. Zorn.Die Kreiskommission 'Verfolgte des Naziregimes' veröffentlichte am 13. August 1988 eine Todesanzeige in der Tageszeitung 'Das Volk'.“

Familie Wertheimer

Mendel und Sara (geb. Gutmann) Wertheimer heirateten 1849 in Marisfeld und hatten acht Kinder. Die Familie zog vermutlich Mitte der 1860er Jahre nach Themar, wo sich bessere ökonomische Möglichkeiten erboten. Ausserdem ereignete sich zu der Zeit ein schreckliches Feuer in Marisfeld, so dass mehrere Familien nach Themar zogen. Die ganze Familie wohnte bis einige Jahre zusammen in Themar, nach Tod von Mendel Wertheimer 1973 zogen die Kinder in die Städte Magdeburg, Chemnitz, später Plauen, Zwickau und Erfurt. Minna, Albert and Leopold Wertheim migrierten in die USA. Einer der Söhne, Louis Wertheimer (geboren 1855) blieb in Themar und heiratete Emma Frankenberg, die Tochter einer anderen jüdischen Familie in Themar. In den späten 1880er Jahren hatten drei der Wertheimer Brüder, Julius, Adolf und Albert, erfolgreiche Frauenmodegeschäfte (Damenkonfektion und Kinder Bekleidung) in mehreren sächsischen Städten etabliert. Minna Wertheim blieb bis an ihr Lebensende in Brooklyn, New York.

Felicitas Werschker (1916-2001)

Felicitas Werschker (geb. Israel) wurde am 19.12.1916 in Weimar geboren. Kurz nach ihrer Geburt zogen ihre Eltern, Arthur und Herta Israel (geb. Lewin), nach Ilmenau. Werschker wuchs als einziges jüdisches Mädchen in ihrem Alter in Ilmenau auf. Zunächst besuchte sie dort die Grundschule und ging dann später aufs Lyzeum, dass sie allerdings mit 17 Jahren ohne Abschluss verlassen musste, um zu ihrer Tante nach Berlin zu ziehen.   In einem Zeitzeugeninterview beschreibt sie ihre Kindheit und ihr Aufwachsen in Ilmenau. Werschker beschreibt ihre Kindheit und das Familienleben als idyllisch. Ihre Eltern besaßen ein Haus in der heutigen Straße des Friedens, in dem sie im Erdgeschoss ein Einzelhandelsgeschäft betrieben. In Ilmenau gab es zu ihrer Zeit eine kleine jüdische Gemeinde von etwa 10 bis 12 jüdischen Familien. Ihr Leben in der Stadt beschreibt Werschker aber bewusst als „nicht typisch jüdisch“. „Nur zu hohen Feiertagen kam jemand, um den Gottesdienst zu halten. Außerdem kam ab und zu ein jüdischer Lehrer aus einer anderen Stadt, um uns zu unterrichten. Sonst gab es nichts besonders Jüdisches.“ (S.30)   Den Antisemitismus in Ilmenau nahm Werschker anfangs als einen unterschwelligen wahr. Doch mit der Machtübernahme des NS-Regimes begannen die sozialen Ausgrenzungen. Freundinnen war es nicht mehr erlaubt sich mit ihr zu treffen und sie u.a. durfte nicht mehr an Schulaufführungen teilnehmen. Ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins machte sich breit. Bald darauf wurden die Schikanen gegen die Familie öffentlicher und drastischer. Wachen wurden vor dem Geschäft ihrer Eltern aufgestellt, die Kunden daran hinderten das Geschäft zu betreten und angepöbelt. Die Schaufenster wurden mit Parolen beschmiert. Mit 18 Jahren verließ Werschker Ilmenau und zog zu ihrer Tante nach Berlin. Ihre Eltern folgten ihr wenige Zeit später und erwarben in Berlin ein kleines Hutgeschäft. Aber auch dort hörten die Diskriminierungen nicht auf. Im April 1939 emigrierte Felicitas Werschker nach England. Ihre Eltern wurden am 27.11.1941 von Berlin nach Riga deportiert und dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet.