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Projekt zur Erinnerung an die Deportation von Jüdinnen und Juden aus Thüringen vor 80 Jahren

Sammelort für die Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft in Thüringen vor ihrer Deportation 1942: Die ehemalige Viehauktionshalle in Weimar 2013, zwei Jahre später wurde sie durch Brandstiftung zerstört. Foto: Erinnerungsort Topf & Söhne

Jüdisches Leben in Thüringen und seine Zerstörung


Über 6.000 Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft lebten vor 1933 im Gebiet des heutigen Thüringen, für 48 Orte ist jüdisches Leben belegt. Die Synagogen in Eisenach, Erfurt, Gera, Gotha, Meiningen, Nordhausen und anderen Gemeinden prägten das Stadtbild, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung wurde von jüdischen Bürgerinnen und Bürger mitgestaltet.


Dieses reiche jüdische Leben wurde im Nationalsozialismus zerstört. 1933 setzte die systematische staatliche und gesellschaftliche Entrechtung, Beraubung und Vertreibung ein. Die Shoah begann in Thüringen mit zwei großen Deportationen 1942: am 9. Mai wurden 513 Männer, Frauen und Kinder aus 42 Orten in der Viehauktionshalle in Weimar gesammelt und von dort am nächsten Morgen in das Ghetto Bełżyce verschleppt. Nur eine junge Frau überlebte. Am 19. September wurden 364 Menschen aus 38 Orten in das KZ Theresienstadt deportiert. Viele von ihnen wurden später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, das vom Erfurter Unternehmen J. A.Topf & Söhne mit Leichenverbrennungsöfen und Lüftungstechnik für die Gaskammern beliefert wurde. In der letzten Deportation am 31. Januar 1945 wurden 101 Personen nach Theresienstadt verschleppt.


Mit der Arbeit am Gedenkbuch wird die Gesamtzahl der Todesopfer ermittelt. Sicher ist: Etwa 2.500 Menschen aus Thüringen starben in der Shoah. 


WebsiteFlyer



Schreiben gegen das Vergessen

Ein Kooperationsprojekt des Erinnerungsortes Topf & Söhne, der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, der Landeszentrale für politische Bildung und der Künstlerin Margarete Rabow lädt dazu ein, 80 Jahre nach dem Beginn der Deportationen an die Menschen in Thüringen zu erinnern, die durch die antisemitische Ausgrenzung und Gewalt im Nationalsozialismus um ihr Leben gebracht wurden.


Die Künstlerin Margarete Rabow hat eine Gedenkaktion entwickelt, an der sich viele Menschen beteiligen können. Die Namen der Todesopfer der Shoah einer Stadt, einer Region oder eines ganzen Landes werden im öffentlichen Raum mit weißer Schulkreide auf den Boden geschrieben, die Aktion wird live gestreamt und filmisch dokumentiert.


Jeder Name ein Mensch, eine Geschichte, eine zerstörte Biografie, ein vernichtetes Leben. Schreiben Sie mit uns die Namen der Todesopfer der Shoah aus Thüringen in diesen vier Schreibaktionen:


Erfurt 9. Mai 11–13 Uhr · Willy-Brandt-Platz
An diesem Tag wurden Menschen aus Erfurt und anderen Orten in Thüringen nach Weimar und von dort am nächsten Tag in das Ghetto Bełżyce deportiert. 80 Jahre danach werden die Namen der Menschen aus Erfurt geschrieben, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus ermordet wurden.


Die Schreibaktion wird von der Künstlerin Margarete Rabow mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne, dem Rabbiner der jüdischen Landesgemeinde Alexander Nachama und weiteren Partnern gestaltet.


Meiningen 9. September 11–13 Uhr · Marktplatz
Es werden die Namen der Menschen aus Meiningen geschrieben, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens und ihrer jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus ermordet wurden.


Die Schreibaktion wird von der Künstlerin Margarete Rabow mit der Stadt Meiningen, der B.M. Strupp-Stiftung und dem Eine-Welt-Verein Meiningen e. V. gestaltet.


Gera 11. September 12–14 Uhr · Johannisplatz
Es werden die Namen der Menschen aus Gera geschrieben, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus ermordet wurden.


Die Schreibaktion wird von der Künstlerin Margarete Rabow mit der Gedenkstätte Amthordurchgang e.V., dem Jugendhaus Shalom und weiteren Partnern gestaltet.


Weimar 19.September 10–16Uhr · Stéphane-Hessel-Platz
An diesem Tag wurden Menschen aus Weimar und anderen Orten in Thüringen in das KZ Theresienstadt deportiert. 80 Jahre später werden die Namen aller Menschen aus Thüringen geschrieben, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus ermordet wurden.


Die Schreibaktion wird von der Künstlerin Margarete Rabow mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, dem Erinnerungsort Topf & Söhne, dem Rabbiner der jüdischen Landesgemeinde Alexander Nachama, der Stadt Weimar, dem Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar und weiteren Partnern gestaltet. Von allen Namen werden mit einer analogen 16 mm Filmkamera Einzelaufnahmen gemacht. Es entsteht ein Film mit 24 Bildern/Namen pro Sekunde.


Für Ihre Beteiligung an den Schreibaktionen ist eine Anmeldung erforderlich: www.schreiben-gegen-das-vergessen.eu

Impressionen der Schreibaktion in Erfurt
Online-Gedenkbuch für die ermordeten Jüdinnen und Juden aus Thüringen

Von den über 6.000 Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft in Thüringen, deren Namen überliefert sind, fielen etwa 2.500 Personen der antisemitischen Verfolgung und Vernichtung zum Opfer. Um an alle Ermordeten dauerhaft zu erinnern, erstellt der Erinnerungsort Topf & Söhne gemeinsam mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek ein digitales Gedenkbuch. Es enthält die Namen, die Lebensdaten, den Wohnort sowie den Deportations- und Sterbeort. 


Dieses Gedenkbuch nutzt die Daten des Bundesarchivs, die im Projekt gemeinsam mit lokalen Forscher*innen zur jüdischen Geschichte in Thüringen überprüft und ergänzt werden. Es wird am 1. September 2022 freigeschaltet und stellt ein Angebot für die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte vor Ort dar, das fortlaufend aktualisiert werden kann.

Seminar im Erinnerungsort Topf & Söhne: Zusammenleben in Vielfalt – Der jüdische Beitrag zur Stadtgeschichte und zu unserer Gegenwart

Teil des Erinnerungsprojektes 80 Jahre nach den Deportationen ist ein Seminar für Jugendliche ab Klasse 9 zum jüdischen Leben, seiner Zerstörung im Nationalsozialismus und den Gefahren des Antisemitismus heute.


Die Teilnehmenden setzen sich mit religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten jüdischen Lebens auseinander und erkennen es als einen wichtigen Bestandteil der Geschichte und Gegenwart. Mithilfe einer VR-Brille können sie in die jüdische Geschichte Erfurts eintauchen und die 1884 geweihte und 1938 zerstörte Große Synagoge virtuell erkunden.


Anhand der Biografien jüdischer Erfurterinnen und Erfurter erfahren sie von der antisemitischen Diskriminierung im Alltag und der Radikalisierung der Gewalt bis zur Shoah. Sie entwickeln dabei ihre eigenen Fragen und verknüpfen so die gemeinsam erarbeitete Geschichte mit ihrer Gegenwart. Sie setzen sich dadurch mit den Zusammenhängen von Vorurteilen und politischer Verfolgung im Nationalsozialismus, der Wirkungsweise von Diskriminierung in Geschichte und Gegenwart und der Bedeutung von Grundrechten für das Individuum und die Gesellschaft auseinander.


Das Seminar dauert 6 Stunden und ist kostenfrei. Es wird zu festen Terminen ab September 2022 angeboten.


Die Nutzung der VR-Brille mit der Anwendung der Großen Synagoge ist nach Anmeldung auch Einzelbesucher*innen möglich.

Grußwort

Write their Names!


Wie werden wir der Opfer des Holocaust gedenken, wenn immer weniger Zeitzeugen von den Verbrechen des Nationalsozialismus berichten können? Wie halten wir die Erinnerung an die vielen verfolgten und ermordeten Menschen lebendig?


In Wien und mehreren deutschen Städten haben Freiwillige bereits zehntausende Namen ermordeter Jüdinnen und Juden mit Kreide auf Asphalt geschrieben und so öffentlich sichtbar gemacht. Das »Schreiben gegen das Vergessen« ist dabei zugleich auch ein Schreiben gegen die eigene Sprachlosigkeit angesichts der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus. Die schiere Menge der Namen auf Straßen und Plätzen macht das ungeheure Ausmaß der Vernichtung sichtbar.


Ich lade deshalb alle Bürger*innen herzlich ein, mitzuschreiben – bis alle Namen aufgeschrieben sind.


Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff
Chef der Staatskanzlei Thüringen sowie Beauftragter für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus

Kontakt

Wissenschaftliche Leitung:

PD Dr. Annegret Schüle

Gedenkbuch und Bildungsangebot:

Leonie Dellen

Ein Kooperationsprojekt von

Gefördert von