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Ausstellung im Haus Schulenburg – Jüdische Architekten der Moderne und ihr Wirken in der Welt

Geplant ist eine Exposition mit großformatigen und zum Teil bislang unveröffentlichten schwarz-weiß Fotografien von Bauten ausgewählter jüdischer Architekten, die im Geiste der Moderne arbeiteten. Vom bekannten Potsdamer Einsteinturm (Erich Mendelsohn), über die Berliner Volksbühne (Oskar Kaufmann), die Weiße Stadt in Berlin-Reinickendorf (Bruno Ahrends), die Synagoge in Bad Nauheim (Richard Kaufmann) oder der ikonischen Tankstelle von Arne Jacobsen in Kopenhagen, führt der Weg über Tel Aviv zum Boat House von Arieh Cohen und zum Zina-Dizengoff-Platz von Genia Averbuch. Mit Richard Neutra, seiner Villa Schulthess in Havanna und dem Kaufmann Desert House in Palm Springs sowie dem Lowell Beach House in Newport Beach von Rudolf Schindler geht der Blick nach mittlerweile 13 Jahren Projektarbeit bis in die Karibik und nach Kalifornien. Durch die Einladung für Jean Molitor zu einem Arbeitsaufenthalt am Thomas Mann Haus in Pacific Palisades im April 2022 ist jetzt auch das Wohnhaus der Manns, erbaut 1940/41 von Julius Ralph Davidson, ein wichtiger Eckpunkt in der Sammlung von bau1haus.


Diese einzigartige Architektur-Foto-Sammlung von Jean Molitor erlaubt es einer breiten Öffentlichkeit erstmals, jenen Architekten der Moderne weltweit nachzuspüren. Viele von ihnen und ihre Bauten sind heute in Vergessenheit geraten, wurden nach 1933 nicht nur verfolgt, sondern sogar aus der Fachliteratur gestrichen. So kamen sie auch nach 1945 als jüdische Architekten kaum oder gar nicht mehr vor. Einzige Ausnahme bildete Erich Mendelsohn. Die Architekturhistorikerin Myra Warhaftig hat sich in ihrem 2005 erschienenen Lexikon „Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933“ dieser Thematik angenommen.


Das Bauhaus, die wichtigste Kunstschule der Weimarer Republik bestand von 1919 bis 1933. Ihr Einfluss war so bedeutend, dass umgangssprachlich der Begriff „Bauhaus“ oft mit der Moderne in Architektur und Design gleichgesetzt wird. Das Bauhaus ist Teil einer internationalen Modernisierungsbewegung. Direkt am Bauhaus Dessau erhielten mindestens 9 jüdische Studenten ihre Architektenausbildung, zahlreiche jüdische Künstler besuchten die Werkstätten für Malerei, Keramik, Wandmalerei oder Fotografie. Am Bauhaus lehrten Marcel Breuer und Fred Forbát. Breuer war der einzige jüdische Angehörige des 24-köpfigen Meisterkollegiums, Forbát erbaute das Mommsenstadion in Berlin. Arieh Sharon, der Vater der israelischen Moderne, war als Mitglied der Architekturabteilung am Bauhaus Dessau, mit dem Bau der Bundesschule des ADGB in Bernau bei Berlin beschäftigt.


Unabhängig vom Bauhaus arbeiteten viele jüdische Architekten und auch einige Architektinnen in ihren Büros in den Formen der Moderne. Auch jüdische Bauherren waren begeistert von den neuen architektonischen Möglichkeiten, von der kühnen Ästhetik, den flachen Dächern, großen Fenstern oder ganzen Fensterbändern sowie vom Einsatz moderner Materialien. Architekten wie Erich Mendelsohn, Bruno Ahrends, Ernst Ludwig Freud, Oskar Kaufmann, Ossip Klarwein, Marcel Breuer oder Fred Forbát waren durch die politischen Veränderungen in Europa gezwungen, zu emigrieren. Viele Schicksale verliefen tragisch. Nicht allein die Architekten selbst hatten ein schweres Schicksal, auch ihr bauliches Erbe. Oft wurden die jüdischen Erbauer oder Bauherren totgeschwiegen, ihre Häuser enteignet. Bei Büropartnerschaften mit nichtjüdischen Architekten wurden die jüdischen Büropartner nach 1933 nicht mehr erwähnt. Auch die Ehe mit einem Juden oder einer Jüdin führten zu Repressalien, es blieb nur die Flucht ins Ausland. 


Die von der Ästhetik des Bauhauses geprägte Architektur des jungen Staates Israel ist jedoch in ihrer Dichte und Qualität im weltweiten Vergleich ein Sonderfall, eine Erfolgsgeschichte. Jüdische Architekten wollten mit ihren Bauten in Palästina und später in Israel die wegweisenden Gesellschaftsmodelle des neuen Staates repräsentieren. Die „Weiße Stadt“ innerhalb von Tel Aviv trug maßgeblich dazu bei, dass der Name Bauhaus zum Schlagwort, zur Marke wurde. Heute umfasst die „Weiße Stadt“ über 4.000 Gebäude, die überwiegend in Bauhausformen errichtet wurden.


Die historisch-architektonische Spurensuche führt von Deutschland in die Welt. Neben den herausragenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Bauten werden die Lebenswege einiger Architekten anhand von Kurzbiographien in Deutsch und Englisch aufgezeigt. Die Ausstellung im Henry van de Velde Museum - Haus Schulenburg stellt wieder einen ersten wichtigen Schritt dar. Von ihr kann erneut ein Impuls ausgehen, der das Anfangskonzept im Rahmen einer wachsenden Wanderausstellung, die von Berlin ausgehend, durch weitere Stationen in Deutschland bis nach Tel Aviv trägt.


Haus Schulenburg hatte 2016 durch die erste Ausstellung von bau1haus einen Grundstein für den Erfolg in Richtung Ausstellungsöffentlichkeit gelegt und mit angemessener Weitsicht das Potential dieses derzeit einzigartigen Projektes erkannt. Das Projekt bau1haus ist mittlerweile weltweit präsent. Neben internationalen Ausstellungen in Kiew, Tirana, Skopje, Portiers, Ankara, Vancouver, Guadalajara, Havanna und Ibiza gab es 2019 zum Thema jüdische Architekten eine erste kleine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Center Tel Aviv.

Haus Schulenburg

©Alexander Jörk

Vor 100 Jahren als Wohnsitz für die Familie Schulenburg konzipiert, ist Haus Schulenburg heute ein Museum, ein Veranstaltungsort und, wie schon damals, ein Gesamtkunstwerk. 1913/14 realisierte Henry van der Velde dieses Haus im Auftrag von Paul Schulenburg, ein erfolgreicher Textilfabrikant aus Gera, der van der Velde 1906 auf der Dresdener Kunstgewerbeausstellung kennenlernte und ein Speisezimmer bei ihm erstand. Nach den beiden Weltkriegen und einem Leerstand war das Haus in keinem guten Zustand. 1996 wird die Villa von Dr. Volker Kirstein erworben und mit viel Idealismus und Hartnäckigkeit originalgetreu rekonstruiert, wodurch sie heute wieder in alter Pracht erstrahlen darf. Seit 2007 stehen Haus und Garten unter Denkmalschutz.


Während des Themenjahrs „Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen“ (1.10.2020–30.9.2021) finden zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen im Haus Schulenburg statt, die vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Künstler*innen und Musiker*innen oder Interpreten jüdischer Musik eine Bühne bieten.


Website Haus Schulenburg
Digitaler 360º Rundgang im Haus
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