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Halacha und Agada

In der jüdischen Tradition wird oft zwischen Halacha, der normativen Tradition bzw. den Rechtsvorschriften des Judentums, und der Agada, der nichtgesetzlichen erzählten Tradition, unterschieden. Halacha kommt von dem hebräischen Wortstamm „gehen“; Halachot (Plural) regeln also, wie man als Jüdin oder Jude gehen und leben, sich verhalten soll. Grundsätzlich lässt sich sagen: Alles, was nicht Halacha, Gebotsverständnis und -auslegung ist, ist Agada. Die Halacha ist in ständigem Fluss, weil sie sich an verändernde Umstände und geografische Gegebenheiten anpassen muss. Trotzdem versucht man schon immer, für alle Juden in allen Regionen verbindliche und einheitliche Rechtsgrundlagen zu schaffen. Frühe halachische Werke sind die [Mischna][1], der babylonische [Talmud][2] oder auch die großen Kommentarwerke wie die des Philosophen Maimonides aus dem 12. Jahrhundert. Die Agada beinhaltet rabbinische Texte, Parabeln, Legenden, Diskussionen über Lehrmeinungen, Kabbala, Fabeln, Gedichte, Gebete und volkstümliche Texte, die biblische Texte aufnehmen, umdeuten oder erweitern. Agadische Texte lassen deutlich die Lebenswelt erkennen, in der sie entstanden sind, und sie entstehen auch heute neu, wenn zum Beispiel Feministinnen Texte der Hebräischen Bibel auslegend weiterschreiben. Die Halacha entwickelt sich freilich ebenso weiter, ist jedoch in viel stärkerem Maße an die vorangegangenen [Tora][3] -Auslegungen gebunden.

[1]: "Mischna"
[2]: "Talmud"
[3]: "Tora"

Mischna

Die Mischna ist das erste Werk, das mündliche Überlieferung des Judentums, die sogenannte mündliche [Tora][1], niederschreibt. Sie wird auch als Gesetzeskodex verstanden und ist eine Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen. Aufgeschrieben wurde sie wahrscheinlich im 3. Jahrhundert u.Z., hatte aber verschiedene Vorstufen und ist über einen längeren Zeitraum zusammengetragen worden. Als „Redakteur“ dieser Überlieferungen gilt Rabbi Jehuda HaNassi („der Fürst“).  Die Mischna ist in sechs „Ordnungen“ unterteilt, die wiederum verschiedene Traktate (insgesamt gibt es 63 Traktate) enthalten. So geht es zum Beispiel in der 5. Ordnung mit dem Titel „Heiligtümer“ um Opferriten und Speisevorschriften, insgesamt sind dort elf Traktate enthalten. Nicht in die Mischna aufgenommener Traditionsstoff wurde in der Tossefta („Ergänzung“ oder „Hinzufügung“) schriftlich festgehalten. Eine der beiden (nahezu) vollständig erhaltenen Handschriften der Tossefta stammt aus der 1349 im Pogrom vernichteten jüdischen Gemeinde Erfurt. Sie wird heute in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt.

[1]: "Tora"

Septuaginta

Große jüdische Bevölkerungsgruppen lebten schon seit dem babylonischen [Exil][1] (586 v.u.Z.) in der [Diaspora][2], d.h. außerhalb des Landes Israel und passten sich dortigen Gegebenheiten an: Ein Kernsatz im Judentum lautet: „Dina malkuta dina“; das Gesetz eines Landes ist Gesetz. So war auch ihre Alltagssprache meist nicht Hebräisch, schon gar nicht das biblische Hebräisch. Im hellenistischen Kulturbereich bemühten sich die Juden deshalb um eine griechische Übersetzung der Bibel. Es entstand die sogenannte Septuaginta. Der Name basiert auf der Legende, dass 70 Männer damit beauftragt wurden, die Hebräische Bibel ins Griechische zu übersetzen. Sie taten das individuell und in Abgeschiedenheit. Als sie wieder zusammenkamen, stellte man fest, dass die 70 Übersetzungen genau deckungsgleich waren. Bedenkt man, dass jede Übersetzung Interpretation ist und jeder Übersetzer eigene Ideen und eigene Wortwahl einbringt, ist das als großes Wunder zu verstehen. Das Wunder war ein göttliches, will die Legende  vermitteln, denn Gott wollte, dass auch die griechische Übersetzung Gottes Wort ist. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nutzen die Septuaginta heute, um das Textwachstum der Bibel nachzuvollziehen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass Hebräische Bibel und griechische Übersetzung nicht in allen Punkten übereinstimmen. Manche biblischen Texte kamen dazu, andere wurden verlängert oder verkürzt. Oft werden andere Wörter benutzt, die zeigen, wie eine bestimmte Geschichte zur Zeit der griechischen Übersetzung verstanden wurde. Die Septuaginta ist also ein Fenster in das frühe hellenistische Judentum, in zeitgenössische Vorstellungen von Gott und in die Texte, die man als autoritativ ansah.

[1]: "Exil"
[2]: "Diaspora"

TANACH

Der Begriff ist ein Akronym und steht für die drei Schriftengruppen innerhalb der Hebräischen Bibel: [Tora][1] (Gesetz / Weisung), „Newiim“ (Propheten) und „Ketuwim“ (Schriften). Die Tora ist dabei von größter Bedeutung, enthält sie doch die 613 Ge- und Verbote, die grundlegend für das Selbstverständnis des Judentums sind.

[1]: "Tora"

Talmud

Der Talmud ist eine traditionelle Schrift des Judentums und setzt sich aus der [Mischna][1] und deren Kommentar, der „Gemara“, zusammen. Der Name Talmud kommt vom hebräischen Verb für „lernen“ oder „lehren“. Es gibt zwei verschiedene Versionen des Talmud,  den Palästinensischen (oder Jerusalemer) und den Babylonischen Talmud, wobei der Babylonische Talmud etwas später, wohl im 8. Jahrhundert, kodifiziert worden ist.

[1]: "Mischna"

Targum

Jüdische Bevölkerungsgruppen mussten schon immer in der [Diaspora][1] , d.h. außerhalb von Israel, leben und sich dortigen Gegebenheiten anpassen. Auch ihre Umgangssprache war nicht immer Hebräisch, schon gar nicht das biblische Hebräisch, in dem die größten Teile der Hebräischen Bibel geschrieben waren. Im hellenistischen Einflussbereich, z.B. in Ägypten, bemühten sich die Juden deshalb um eine griechische Übersetzung der Bibel, in Palästina um eine Übersetzung in das Aramäische. Diese aramäische Übersetzung nennt man Targum, was genau dies bedeutet: „Übersetzung“.

[1]: "Diaspora"

Tora

Tora ist ein hebräisches Wort und bedeutet „Lehre“ oder „Weisung“. Der Begriff bezeichnet den ersten und wichtigsten Teil des Alten Testaments bzw. der Hebräischen Bibel, nämlich die Bücher Genesis (1. Buch Mose), Exodus (2. Buch Mose), Levitikus (3. Buch Mose), Numeri (4. Buch Mose) und Deuteronomium (5. Buch Mose). In der Hebräischen Bibel werden diese Bücher allerdings mit dem ersten Wort des jeweiligen Textes bezeichnet, heißen also „Bereschit“ („Am Anfang“), „Schemot“ („Namen“), „Va-Jikra“ („Gott rief“), „Be-Midbar“ („In der Wüste“) und „Dewarim“ („Worte“). Neben der Tora enthält das Alte Testament/die Hebräische Bibel nach jüdischem Verständnis auch noch die „Newi‘im“ („Propheten“), die beim Buch Josua beginnen und mit Maleachi enden, und die „Ketuwim“ („Schriften“), die poetische Literatur wie die Psalmen, beinhaltet, aber auch weisheitliche Literatur wie das Buch Hiob, historisches Material wie die Chronikbücher und apokalyptische Texte wie das Danielbuch. Im jüdischen Gebrauch heißt die Bibel dann auch [TANAKH][1], ein Akronym, das sich aus den Anfangsbuchstaben von Tora, „Nevi’im“ und „Ketuvim“ zusammensetzt. Wann und wie sich die einzelnen Bücher zu einem festgelegten Kanon fanden, ist in der Forschung nicht ganz geklärt. Man geht allerdings davon aus, dass erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert endgültig feststand, was in der Tora, den „Newi’im“ und den „Ketuwim“ aufgenommen werden sollte. Die Tora erzählt von der Schöpfung der Welt und der Menschen, von der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies, von der Sintflut, vom Turmbau zu Babel, von den Vorfahren des jüdischen Volkes (Abraham, Isaak, Jakob und ihren Frauen) und ihren Nachkommen, vom Schicksal des Volkes in Ägypten, von der Wüstenwanderung und den Gesetzen Gottes, die am Sinai dem Mose übergeben werden. Diese Gesetze und auch die Idee vom Bund zwischen Gott und dem Volk Israel begründen das Selbstverständnis des Judentums und bilden die Grundbausteine der jüdischen Religion. Neben dieser sogenannten „schriftlichen Tora“ stehen alle anderen biblischen Bücher sowie die frühe rabbinische Literatur, zu der u.a. der [Talmud][2] und die [Mischna][3] gehören und die als „mündliche Tora“ bezeichnet werden. Die mündliche Tora ist der Schlüssel zum Verständnis der schriftlichen und daher in gewisser Weise dieser sogar übergeordnet. Die „mündliche Tora“ erlaubt es dem frühen Judentum, immer wieder aktuell Lehren in der Tradition zu verankern, um geschichtlichen Erfordernissen zu entsprechen. Die Idee dahinter ist, dass die „schriftliche Tora“ von Gott gegeben und Mose auf dem Berg Sinai anvertraut wurde, und diese dann von Generation zu Generation (schriftlich und mündlich) weitergegeben wird. Dabei kommt es zu „Neuerungen“ (chiduschim), die jedoch das „Alte“ und Überlieferte identisch in neuer Zeit zum Ausdruck bringen. Für den gottesdienstlichen Gebrauch wird die Tora von einem Schreiber ([Sofer][4]) handschriftlich und mit besonderen Gebeten und Vorbereitungen auf eine große Pergamentrolle geschrieben, die aus etwa 40 Bögen besteht und auf Holzstangen aufgerollt ist. In der [Synagoge][5] wird diese Torarolle im [Toraschrein][6] aufbewahrt und zum Lesen zur [Bima][7] gebracht. Der Schrein ist Richtung [Jerusalem][8] orientiert, im mitteleuropäischen Raum also an der Ostwand.

[1]: "TANACH"
[2]: "Talmud"
[3]: "Mischna"
[4]: "Schofar"
[5]: "Synagoge"
[6]: "Toraschrein"
[7]: "Bima"
[8]: "Jerusalem"