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Israelsonntag der Kirchen

Zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Aw im jüdischen Kalender findet eine [Trauerperiode][1] von etwa drei Wochen statt, weil in dieser Zeit das jüdische Volk immer wieder von Katastrophen betroffen wurde: nach der Tradition wurden sowohl der erste als auch der zweite [Tempel][2] in [Jerusalem][3] [Jerusalem][3]  586 v.u.Z. bzw. 70 u.Z. am 9. Aw zerstört, außerdem fanden immer wieder [Pogrome][4] und Vertreibungen an diesem Tag statt. Die evangelischen Kirchen Deutschlands beziehen sich ebenfalls auf diese Ereignisse, wenn sie am 10. Sonntag nach Trinitatis (11. Sonntag nach Pfingsten) den „Israelsonntag“ begehen.
Vom Mittelalter bis in die 1960er Jahre hinein wurde dieser Tag „Judensonntag“ genannt. Lukas 19,41-48, das Weinen von Jesus über Jerusalem, war der übliche Lesetext. Dieser Abschnitt des Lukasevangeliums wurde so interpretiert, dass die Juden ihr Heiligtum, den Tempel, als Strafe für die Tötung ihres Messias verloren hatten, darum auch Jerusalem zerstört und das jüdische Volk in alle Welt zerstreut wurde. Früher wurde dieser Tag genutzt, um Juden – als vermeintlich einzig möglicher Weg zu ihrer Rettung – zur christlichen Taufe zu bewegen. Da dieser Weg freilich so gut wie nie gewählt wurde, waren Zwangsbekehrungen und Pogrome die Folge. Heute wird der Israelsonntag als Aufruf zur Buße und Umkehr an die Christen verstanden, die Schuld der Kirchen bei Verfolgung und Ermordung der Juden zu erinnern sowie Antisemitismus und Rassismus entgegen zu treten. Das Neue Testament und die Kirche werden nun als Teile der Glaubensgeschichte von Gott mit Gottes Volk gesehen. Dementsprechend wird jetzt meist Markus 12,28-34 als Evangeliumslesung gewählt, ein Text, in dem Jesus das „Schma Israel“, das Glaubensbekenntnis Israels, bekräftigt. Die liturgische Farbe ist Violett, die Farbe für Buße und die Bitte um Vergebung.

[1]: "Trauerperiode der drei Wochen"
[2]: "Tempel"
[3]: "Jerusalem"
[4]: "Pogrom"

Jerusalem

Die Stadt, die auf Hebräisch „Jeruschalajim“ und auf Arabisch „Urschalim al-Quds“ („Jerusalem das Heiligtum“) genannt wird, ist mehr als ein Ort in Israel. In ihr vereinigen sich antike und moderne Kultur, jüdische, christliche, armenische, muslimische und viele andere Lebensweisen. Sie ist der Sehnsuchtsort vieler Menschen. Für Juden ist Jerusalem seit alter Zeit der „Wohnort Gottes“ in Gottes [Tempel][1], der Wirkungsort der Vorfahren Abraham und Sara, der Könige David und Salomon, sowie der zukünftige Heilsort, wenn sich die Welt ihrem Ende zuneigt. Im Alten Testament, der hebräischen Bibel, wird Jerusalem mehr als 600 Mal erwähnt. Dort ist die Stadt das Findelkind, das von Gott aufgezogen wird (Ezechiel 16) oder auch die Braut Gottes (Psalmen). In jeder [Synagoge][2] ist die Wand, die nach Osten bzw. nach Jerusalem zeigt, besonders gekennzeichnet und der Platz für den [Toraschrein][3]; schon die [Mischna][4] hat diesbezügliche Regelungen getroffen. In vielen jüdischen Haushalten bezeichnet ein [Misrach][4] die Gebetsrichtung nach Jerusalem. Vergisst man die Stadt Jerusalem, singt der Beter in Psalm 137,5, so soll die rechte Hand verdorren, Leben also unmöglich sein. Für Muslime ist Jerusalem neben Mekka und Medina die drittheiligste Stadt, wenn sie auch nicht im Koran Erwähnung findet. Am Ort des Felsendomes soll Mohammed in den Himmel aufgebrochen sein, um sich dort mit anderen Propheten zu treffen. Für Christen ist Jerusalem heilig, weil die Stadt eng mit der Lebens- und Leidensgeschichte von Jesus Christus verbunden ist. Im Neuen Testament wird Jerusalem mehr als 100 Mal erwähnt. Erste Erwähnungen von Jerusalem finden sich in ägyptischen Texten aus dem 19. und 18. Jahrhundert v.u.Z., dann auch in den sogenannten Amarna-Briefen aus dem 14. Jahrhundert v.u.Z. Wahrscheinlich bedeutet ihr Name „Stadtgründung des Gottes Schalim“; die Namensdeutung „Stadt des Friedens“ ist eine spätere schöne rabbinische Tradition. Archäologische Funde gibt es schon aus der Kupfersteinzeit zwischen 4500 und 3150 v.u.Z. Frühe biblische Berichte lassen sich oft nicht archäologisch belegen. Laut dem Alten Testament, der hebräischen Bibel, erbaute David oder sein Sohn Salomon in Jerusalem einen Palast und einen ersten Tempel für Gott. Assyrer und Babylonier sowie weitere Volksgruppen versuchten immer wieder, Jerusalem einzunehmen, da die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt im goldenen Halbmond war und sich auf wichtigen Handelswegen von Norden nach Ägypten im Süden befand. Der Babylonier Nebukadnezar II. eroberte Jerusalem 597 und 586 v.u.Z. und führte viele Bewohner ins [Exil][5]. In Babylon gründeten sich daraufhin [Diaspora][5]gemeinden, später auch in Ägypten. Der zweite Tempel wurde nach der Eroberung durch die Perser ab dem 6. Jahrhundert v.u.Z. errichtet. Später wechselten sich dort griechische, römische und jüdische Herrscher ab, die den Tempel jeweils ihren Gottheiten weihten. Der zweite jüdische Tempel wurde 70 u.Z. von den Römern zerstört. In Jerusalem entstand eine römische Kolonie, die später zu einer christlichen Stadt umgebaut und ab dem 7. Jahrhundert u.Z. von Byzanz erobert wurde. Später wechselten sich die Herrscher über Jerusalem weiter ab. Jerusalem als Stadt und als Sehnsuchtsort der jüdischen Menschen wird in der Kunst als wichtiges Motiv gesehen und auch in der Literatur und der Musik kommt Jerusalem immer wieder vor.

[1]: "Tempel"
[2]: "Synagoge"
[3]: "Toraschrein"
[4]: "Mischna"
[5]: "Exil"

Jom Haschoa

Dieser Gedenktag ist neueren Datums und wird seit 1951 in Erinnerung an die Opfer der [Schoa][1] (der Verfolgung und geplanten Judenvernichtung im Dritten Reich) und zu Ehren der Widerstandskämpfer in den Ghettos begangen. Während der Schoa (auch manchmal „Holocaust“ genannt) starben weltweit sechs Millionen Juden. Am Vormittag ertönen in Israel für zwei Minuten lang Sirenen, alle unterbrechen ihre Arbeit und das öffentliche Leben ruht. In der Gedenkstätte Yad Vashem wird an diesem Tag eine Gedenkzeremonie abgehalten.

[1]: "Schoa / Holocaust"

Jom Hasikaron

Der Jom Hasikaron (Deutsch: „Erinnerungstag“) geht der Feier des Unabhängigkeitstages (Jom Ha’azma’ut) voraus. Er erinnert an die gefallenen Soldaten des Unabhängigkeitskrieges von 1948 und an die Opfer des Terrorismus und gehört zu den neueren Feiertagen, die vor allem im Staat Israel begangen werden. Auf den Soldatenfriedhöfen finden Gedenkfeiern statt, ebenso Schweigeminuten für die Gefallenen der israelischen Armee. Die angehängten Bildbeispiele zeigen israelische Briefmarken aus den 1960-er Jahren, die an Jom Hasikaron erinnerten und in alle Welt verschickt wurden.

Jom Ha‘azma’ut

An diesem Tag feiern Juden auf der ganzen Welt die Ausrufung der Unabhängigkeit des Staates Israel am 15. Mai 1948. Der Jom Hasikaron (Deutsch: „Erinnerungstag“) geht diesem Tag voraus. Dabei gilt jedoch der jüdische Kalender, der Feiertag fällt daher meist nicht mit dem 15. Mai zusammen. Die jüdischen New Yorker Musiker „The Maccabeats“ verarbeiten das Thema in „Yom Haatzmaut“, einem ihrer weniger bekannten Songs. Dieser enthält originale Filmausschnitte, die die damalige Erklärung der Unabhängigkeit sowie frühes Filmmaterial aus Israel zeigen. Die Liedzeilen sind an den Text der Unabhängigkeitserklärung angelehnt.

Jom Jeruschalajim

Der „Jerusalemtag“ ist ein neuer jüdischer Feiertag und erinnert an die Befreiung und Wiedervereinigung der Stadt Jerusalem im Jahre 1967. Damals hatte die israelische Armee im sogenannten Sechs-Tage-Krieg die Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens besiegt, die geteilte Stadt wurde wieder vereint. Die sogenannte Klagemauer (= Westmauer des einstigen Tempels als dessen letztem baulichen Rest) kam zusammen  mit der Altstadt Jerusalems unter israelische Kontrolle. Eine Ausnahme ist der Tempelberg selbst, dessen Verwaltung kurz nach der Eroberung Jerusalems der islamischen Religionsbehörde „Waqf“ übertragen wurde. Am 25. Jahrestag dieses Ereignisses veröffentlichte die israelische Regierung das hier gezeigte Bild. Der Felsendom ist in der linken unteren Bildhälfte zu sehen.

Jom Kippur

Auf [Rosh Ha-Shana][1] folgen zehn Bußtage, die mit Jom Kippur, dem Versöhnungstag, enden. In der jüdischen Tradition ist dies der wichtigste Feiertag des Jahres, denn an ihm wird die Sünde der Menschen von Gott vergeben. Der Versöhnungstag ist von Gedanken und Gebeten von Reue, Buße, Umkehr und eben Versöhnung mit Gott geprägt. Wer Jom Kippur traditionell feiert, fastet an diesem Tag. Auch die Körperpflege (mit Ausnahme des Benetzens der Hände und der Augen) wird unterbrochen. Vor dem [Synagoge][2]nbesuch entzündet man zu Hause ein Licht, das an die Verstorbenen erinnern soll und 24 Stunden lang brennt. Alle Gewänder und auch die Ausstattung der Synagoge sind in Weiß gehalten. Der gemeinsame Abendgottesdienst beginnt mit den Anfangsworten „Kol Nidre“, zu Deutsch „Alle Gelübde […]“, es folgt eine Erklärung, dass alle Gelübde und Schwüre nun nichtig sind. Die gesamte Nacht und der darauffolgende Tag sind dann verschiedenen Gebeten und Ritualen gewidmet. Zum Ende des eintägigen Fasten-Festes wird der Mondsegen im Freien erteilt. Es folgt das Fastenbrechen, das sogenannte „Anbeißen“, mit einem festlichen Mahl und Wünschen für ein gutes Jahr. Im folgenden Video sehen Sie, wie Kantor Azi Schwartz und die jüdische Gemeinde im Gottesdienst in der Park Avenue Synagogue New York das Ende von Jom Kippur feiern. Zu hören ist ein Segenslied beginnend mit den Worten „Baruch ata Adonaij“ („Gesegnet seist du, Herr“) und das dramatische Glaubensbekenntnis „Schma Israel“ im Wechselgesang, unterlegt mit der Orgel. Am Ende erklingt der [Schofar][3], das Widderhorn, der so lange wie möglich geblasen werden soll.

[1]: "Rosch HaSchana"
[2]: "Synagoge"
[3]: "Schofar"

Judeneid

Der Begriff bezeichnet eine Eidesformel für Juden, aufgezeichnet auf einem Stück Papier oder einem Dokument, mit deren Hilfe mittelalterliche Juden einen Schwur vor Gericht ablegen konnten. Damals schwor man im christlichen Kontext auf das Neue Testament oder auf den Namen Jesu Christi, was aber den Juden nicht möglich war. Daher wurde für die nichtchristliche Bevölkerungsgruppe der Juden im Mittelalter ein besonderes Eidformular benötigt. Der älteste Judeneid aus dem Mittelalter hat sich in Erfurt erhalten.

Kantor / Kantorin

Der Chasan, „der Vorsänger“ oder Kantor, empfängt im Gottesdienst der [Synagoge][1]  zusammen mit dem [Kore][2] und dem [Rabbiner][3] oder der [Rabbinerin][3] die [Torarolle][4], die aus dem [Toraschrein][5] genommen wurde, an der [Bima][6]. Er oder sie hat dann die Aufgabe, aus der Torarolle vorzulesen bzw. im Sprechgesang vorzutragen. Die ersten Kantoren werden schon im römischen Reich erwähnt. Dort stellte diese Funktion eine ehrenhafte Aufgabe dar, die dem Gemeindeleiter gleich kam. Belege ab dem 9. Jahrhundert erwähnen vor allem seine musikalische Tätigkeit. Im Mittelalter wurde die Rolle des Kantors oft vom Vater auf den Sohn übertragen, und auch heute noch sind die Namen einiger bekannter Kantorenfamilie überliefert. Neben einer schönen Stimme gehören auch die genaue Kenntnis der Liturgie, der hebräischen Sprache und eine untadelige Lebensführung zu den Charakteristika eines Kantors oder einer Kantorin. Ausbildungsstätten für Kantoren und Kantorinnen gibt es vor allem in Israel, in den USA, in Großbritannien, aber auch in Deutschland. Hier bildet das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam Kantoren und Kantorinnen aus. In liberalen Gemeinden können auch Frauen das Kantorenamt bekleiden. Sie werden dann Chasanot genannt.

[1]: "Synagoge"
[2]: "Baal Kore"
[3]: "Rabbiner / Rabbinerin"
[4]: "Tora"
[5]: "Toraschrein"
[6]: "Bima"

Kippa

Die Kippa, eine kreisförmige Kopfbedeckung, die traditionell von Männern und heute manchmal auch von Frauen getragen wird, drückt die Ehrfurcht vor Gott aus und den Gedanken, dass es etwas gibt, das „über einem“ existiert. Vor Gott bedeckt man ehrfürchtig das Haupt beim Gebet, beim Studium religiöser Texte und besonders in der [Synagoge][1] und auf dem [Friedhof][2]. Übrigens: Das Tragen einer Kopfbedeckung ist im Judentum ein (alter) Brauch, kein Gebot! Kippot (Plural) sind in Israel und in anderen Gegenden, in denen viele Juden leben, Teil des Alltags und überall zu sehen. Dort, wo Juden wegen ihres Glaubens angegriffen werden oder wo nur wenige Juden leben, verbergen sie ihre Kippa oft unter Hüten oder Mützen. Manche entschließen sich auch, die Kippa nur in geschlossenen Räumen oder zu Hause aufzusetzen, um verbale oder andere Angriffe zu vermeiden. Kippot können sowohl einfach wie auch farbenprächtig sein. Sie werden genäht, gehäkelt oder gestrickt und bestehen aus den unterschiedlichsten Materialien. Manchmal kann man darin eine Aussage erkennen: Ältere deutsche Juden bevorzugen eine schlichte schwarze Kippa, und in Israel kann man mit einer gestrickten oder aber gehäkelten Kippa eine politische Aussage verbinden. Dort enthalten Kippot für Kinder auch Motive aus Kinderfernseh-Programmen. Wer seine Kippa im Freien trägt, tut gut daran, sie mit einer Klammer oder Spange in den Haaren zu befestigen. Wem diese in ausreichendem Maße fehlen, auf eine Art Pflaster zurückgreifen, um sie zu befestigen. 

[1]: "Synagoge"
[2]: "Friedhof"

Konservatives Judentum

Das Judentum ist in seinen Strömungen so bunt wie vielfältig. Das Konservative Judentum (Conservative Judaism) entstand im 19. Jahrhundert aus dem amerikanischen Reformjudentum und siedelt sich zwischen dem [orthodox][1]en und dem Reformjudentum an. Ihr Ziel war es, Gesetze und Praktiken des orthodoxen Judentums den modernen Lebensweisen von Juden anzupassen. Im deutschsprachigen Raum wird es eher zum liberalen Judentum gezählt, in Israel nennt man es „masorti“,_ _„traditionell“. Der [Rekonstruktionismus][2] entstand aus dieser Bewegung heraus. Juden, die dem Konservativen Judentum angehören, glauben, dass die schriftliche ([Tora][3]) und die mündliche Überlieferung ([Talmud][4]) des Wortes Gottes nicht direkt von Gott am Berg Sinai an die Menschen übermittelt, sondern über einen langen Zeitraum von Menschen entwickelt wurden. Mit den Methoden der wissenschaftlichen [Exegese][5] können die heiligen Schriften ausgelegt werden. Die Regeln des Judentums, die „Halacha“, werden im Konservativen Judentum wert geschätzt, sollen aber den jeweils neuen Zeiten angepasst werden. Die meisten Mitglieder dieser Bewegung halten die Speisegebote ([koscher][6]e Lebensweise) und die Regeln zum Schabbat ein, allerdings werden viele diesbezügliche Regeln etwas milder ausgelegt. Mann und Frau gelten als gleichwertig, seit 1984 können auch Frauen Rabbinerinnen werden. In den USA entwickelte sich das Jewish Theological Seminary zur wichtigsten Ausbildungsstätte des Konservativen Judentums. In den Vereinigten Staaten befinden sich auch die meisten Gemeinden. Nach Israel kam die Bewegung in den 1970er Jahren durch Auswanderung amerikanischer Rabbiner. Das Oberrabinat des Staates Israel erkennt Übertritte zum Judentum nach konservativen Regeln nicht an. In Deutschland gibt es wenige Gemeinden dieser Richtung in Berlin, Hamburg und in Weiden in der Oberpfalz.

[1]: "Orthodoxes Judentum"
[2]: "Rekonstruktionistisches Judentum"
[3]: "Tora"
[4]: "Talmud"
[5]: "Exegese"
[6]: "Koscher"

Liberales Judentum / Progressives Judentum / Reformjudentum

Das Liberale Judentum ist ein Paradebeispiel für die bunte Vielfalt der Strömungen im Judentum, die regional unterschiedlich und aus den jeweiligen geschichtlichen Voraussetzungen heraus entstanden sind. Die Ursprünge dieser Bewegung liegen in Deutschland und gehen hier u.a. auf Abraham Geiger zurück. Heute gibt es verschiedene Reformgruppen oder auch liberale oder progressive Gruppen, die sich unter einem Dachverband, der Weltunion für progressives Judentum, vereinen. Mitglieder dieser verschiedenen Gruppen unterteilen die Gebote des Judentums in ethische und rituelle Gesetze. Erstere werden als zeitlos verstanden, letztere als etwas, was den jeweiligen Umständen angepasst werden muss. Anders als in der [Orthodoxie][1] versteht man Offenbarung nicht als einmalig und unveränderlich ([Tora][2]) sondern als ständig stattfindender Dialog zwischen Gott und den Menschen. Wie im [Konservativen Judentum][3] können die heiligen Schriften durch wissenschaftliche Methoden wie die [Exegese][4] ausgelegt werden. Die Liturgie der liberalen Gemeinden ist eine Mischung aus Hebräisch und der jeweiligen Landessprache, Musikinstrumente sind erlaubt. Mann und Frau werden als gleichberechtigt verstanden, Frauen können heute selbstverständlich Rabbinerinnen werden. In den USA hat die Richtung des „Reform Judaism“ die meisten Mitglieder, dort werden Kinder als jüdisch anerkannt, wenn sie nur eine jüdische Mutter oder nur einen jüdischen Vater haben. In Deutschland gibt es rund 20 liberale Gemeinden. Auch das Abraham-Geiger-Kolleg, ein Rabbinerseminar, rechnet sich dieser Bewegung zu. Im Staat Israel hingegen bildet das Liberale Judentum eine verschwindend kleine Minderheit.

[1]: "Orthodoxes Judentum"
[2]: "Tora"
[3]: "Konservatives Judentum"
[4]: "Exegese"

Menora

Die Menora ist ein siebenarmiger Leuchter mit je drei Lichtern an den beiden Armen und einem auf der Mittelsäule. Eine mögliche Deutung: Die Menora symbolisiert die Schöpfung der Welt in sieben Tagen. Verbunden ist die Menora mit dem Heiligtum ([Tempel][1]) in [Jerusalem][2]. Die Bauanleitung ist im 2. Buch Mose, Kapitel 25,31–40, aufgeschrieben. Eine Darstellung kann auf dem Titus-Bogen in Rom gefunden werden, auf dem Gegenstände aus dem geplünderten Jerusalemer Tempel abgebildet sind. Weil die Menora in den Tempel gehört, benutzen religiöse Juden keinen siebenarmigen Leuchter. Deshalb entstanden Leuchter mit sechs, acht oder neun Armen; ein solcher mit acht Armen (plus einem Licht als „Helfer“ zum Anzünden) wird zu [Chanukka][3] genutzt und „Chanukkia“ genannt. In den [Synagogen][4] brennt hingegen das „ewige Licht“, auf Hebräisch „Ner Tamid“. Das Symbol der Menora wurde vom Staat Israel übernommen. Es erscheint im Staatswappen, auf Dokumenten und Münzen.

[1]: "Tempel"
[2]: "Jerusalem"
[3]: "Chanukka"
[4]: "Synagoge"

Mesusa

Eine Mesusa, auf Deutsch „Türpfosten“, ist eine längliche Kapsel aus Holz, Metall oder Glas (das Material ist nicht festgelegt), die in der oberen Hälfte des rechten Türrahmens in  jüdischen Häusern und Wohnungen schräg stehend befestigt wird (mit Ausnahme von Badezimmern und Toiletten). Sie enthält eine kleine Pergamentrolle mit Abschnitten aus der Tora (5. Mose 6,4–9 und 11,13–21). Viele Jüdinnen und Juden schreiben der Mesusa eine schützende Wirkung zu. Sie berühren die Mesusa, wenn sie durch die Türen gehen und küssen danach die Hand, die die Mesusa berührt hat. Aber auch für weniger fromme Juden steht sie symbolisch für den Segen, den man sich für das Haus oder die Wohnung erhofft. Der eigentliche Grund für das Anbringen einer Mesusa ist jedoch das biblische Gebot: „Schreibe sie (diese Worte) an die Pfosten deines Hauses und in deine Tore!“ (5. Mose 6,9 und 11,20)

Mikwe

Die Mikwa oder auch Mikwe ist ein Tauchbad für den ganzen Körper und dient der Reinigung. Allerdings geht es dort nicht um Körperhygiene, sondern um Reinigung zu rituellen Zwecken. Symbolisch stellt das Bad in der Mikwa einen Neuanfang dar, ein neues Beginnen oder die Befreiung von innerlicher und äußerlicher Unreinheit. Jede jüdische Gemeinde sollte eine Mikwa besitzen, die aus fließendem Wasser gespeist wird. Das kann Quellwasser, Flusswasser, Regenwasser oder aber auch Grundwasser sein. Wichtig ist, dass es natürliches Wasser ist, das sich bewegt und die Mikwe immer wieder neu füllt. Zusätzlich Wasser darf allerdings dazu gegossen und gegebenenfalls auch geheizt werden. Mittelalterliche Beispiele für „Mikwa‘ot“ (Plural von Mikwa) lassen sich in [Sondershausen][1] und [Erfurt][2] finden, moderne kann man auf den Internetseiten der jüdischen Gemeinden in Deutschland sehen, die oft auch Bildmaterial ihrer Gebäude zur Verfügung stellen. Wie benutzt man das Tauchbad? Idealerweise betreten Männer und Frauen die Mikwa einzeln oder in kleinen Gruppen, nach Geschlechtern getrennt, unbekleidet, ohne Schmuck, Lippenstift oder Nagellack und bereits gereinigt, denn es geht ja hier nicht um das Waschen des menschlichen Körpers, sondern um rituelle Reinigung. Im Wasser taucht man dann dreimal vollständig unter, manchmal mit der Hilfe einer Begleiterin oder eines Begleiters, die/der beobachtet, dass man auch vollständig von Wasser bedeckt war. Dazu werden Segenssprüche gesprochen. Im alten Israel wurde das Tauchbad wohl immer dann benutzt, wenn man in den [Tempel][3] von [Jerusalem][4] gehen wollte oder wenn man mit einem Toten in Berührung gekommen war. Überall im antiken Israel wurden bei archäologischen Grabungen „Mikwa‘ot“ gefunden, vor allem in Tempelnähe in Jerusalem, aber auch z.B. bei einer Ausgrabung in der antiken Siedlung von Qumran am Toten Meer vor den Häusern der Bäcker und vor einem großen Raum, der wahrscheinlich für Festmähler vorgesehen war. Wann die Sitte aufkam, dass Frauen nach der Menstruation, am Tag vor der Hochzeit oder nach der Geburt eines Kindes die Mikwa benutzen, ist nicht ganz klar. Auch Männer besonders frommer Glaubensrichtungen benutzen die Mikwa, so z.B. vor dem [Schabbat][5] oder vor Feiertagen, besonders vor [Jom Kippur][6]. Die Mikwa kann auch für das rituelle Reinigen von Geschirr und anderen Küchenutensilien benutzt werden, nämlich dann, wenn es noch nicht benutzt wurde oder verunreinigt war und nun wieder „gekaschert“ (=für den [koscher][7]en Gebrauch nutzbar) gemacht werden muss. Das kann auch vor [Pessach][8] der Fall sein, wenn besonders reines Geschirr benutzt werden soll. Allerdings hängt es wie bei vielen religiösen Ritualen auch hier von der Art der Frömmigkeit ab, ob man die Mikwa benutzt, wie oft und zu welchen Gelegenheiten.

[1]: "Sondershausen"
[2]: "Erfurt"
[3]: "Tempel"
[4]: "Jerusalem"
[5]: "Schabbat"
[6]: "Jom Kippur"
[7]: "Koscher"
[8]: "Pessach"

Mischna

Die Mischna ist das erste Werk, das mündliche Überlieferung des Judentums, die sogenannte mündliche [Tora][1], niederschreibt. Sie wird auch als Gesetzeskodex verstanden und ist eine Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen. Aufgeschrieben wurde sie wahrscheinlich im 3. Jahrhundert u.Z., hatte aber verschiedene Vorstufen und ist über einen längeren Zeitraum zusammengetragen worden. Als „Redakteur“ dieser Überlieferungen gilt Rabbi Jehuda HaNassi („der Fürst“).  Die Mischna ist in sechs „Ordnungen“ unterteilt, die wiederum verschiedene Traktate (insgesamt gibt es 63 Traktate) enthalten. So geht es zum Beispiel in der 5. Ordnung mit dem Titel „Heiligtümer“ um Opferriten und Speisevorschriften, insgesamt sind dort elf Traktate enthalten. Nicht in die Mischna aufgenommener Traditionsstoff wurde in der Tossefta („Ergänzung“ oder „Hinzufügung“) schriftlich festgehalten. Eine der beiden (nahezu) vollständig erhaltenen Handschriften der Tossefta stammt aus der 1349 im Pogrom vernichteten jüdischen Gemeinde Erfurt. Sie wird heute in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt.

[1]: "Tora"

Misrach

Misrach ist das hebräische Wort für „Osten“. Beim Gebet bezeichnet es die Richtung, in die Jüdinnen und Juden beten und sich verneigen. Dabei geht es aber nicht um die Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs sondern die Richtung, in der [Jerusalem][1] und damit der einstige [Tempel][2] liegt. In der Architektur von [Synagogen][3] wird die nach Osten zeigende Wand als Misrachwand bezeichnet. Dort befindet sich der [Toraschrein][4], darüber oft ein kleines Fenster, Misrachfenster genannt. Auch in Privathäusern wird die Ostrichtung gekennzeichnet, und zwar mit einem kleinen Teppich, einer Zeichnung oder ähnlichem, an denen man sich beim Gebet orientieren kann. Diese sind oft sehr aufwendig gestaltet, enthalten den Gottesnamen oder die Namen der zwölf Stämme Israels, Symbole, Bilder vom Tempelberg oder eine [Menora][5]. Dieses Objekt, das die Gebetsrichtung im Haus zeigt, wird ebenfalls Misrach genannt.

[1]: "Jerusalem"
[2]: "Tempel"
[3]: "Synagoge"
[4]: "Toraschrein"
[5]: "Menora"

Orthodoxes Judentum

Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern „orthos“ (richtig“) und „doxa“ (Lehre) zusammen, folgerichtig verstehen sich orthodoxe Juden als „der richtigen Lehre angehörend“. Der Begriff entstand im 19. Jahrhundert in Abgrenzung zum damals entstehenden Reformjudentum. Im heutigen orthodoxen Judentum wird zwischen modern-orthodox und ultraorthodox unterschieden, wobei die Entwicklungslinien innerhalb der Orthodoxie nicht gerade verlaufen. So wird zum Beispiel der Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jahrhundert die neo-orthodoxe Bewegung gründete, von beiden modernen orthodoxen Strömungen als Inspiration in Anspruch genommen. Das orthodoxe Judentum orientiert sich an [Tora][1] und [Talmud][2], also der schriftlichen und mündlichen Lehre, die das Judentum begründet. Das rabbinische Judentum wird als die Instanz verstanden, die das Wort Gottes auf die jeweils moderne Zeit hin interpretiert und es Juden und Jüdinnen ermöglicht, ihr ganzes Leben als Gottesdienst zu verstehen und zu entfalten. Vielfältige religionsgesetzliche Vorschriften, die „Halacha“, bestimmen den Tagesablauf und alltägliche Entscheidungen zu Fragen der Ernährung ([koscher][3]), der Führung des Haushalts, der Rollen von Frau und Mann, der Kindererziehung, der Kleidung und Haartracht, der einzelnen Rituale, die man in Gemeinschaft und individuell einhält und durchführt. Nach orthodoxem Verständnis ist man dann ein Jude, wenn man von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nach den Regeln der Orthodoxie zum Judentum übergetreten ist.

[1]: "Tora"
[2]: "Talmud"
[3]: "Koscher"

Pessach

Das achttägige Pessachfest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und die vorangegangene Leidenszeit in der Sklaverei. Es wird im Frühjahr gefeiert, der traditionellen Zeit für die Ernte der Wintergerste. Bevor Pessach beginnt, findet in den Familien ein gründlicher Hausputz statt, der u.a. auch alles Gesäuerte aus den Wohnungen entfernt. Alle Küchengeräte werden ausgekocht, besonderes Geschirr wird hervorgeholt. Zum Pessachfest gehört die sogenannte Sederfeier, bei der die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt und besondere symbolträchtige Speisen gereicht werden. Ungesäuertes Brot (Mazzen) erinnert daran, dass die Israeliten keine Zeit hatten, das Brot aufgehen zu lassen, als sie überstürzt aus Ägypten flohen. Bitterkraut und Salzwasser erinnern an die Tränen, die man in Israel geweint hatte. Charosset, eine Mischung aus Äpfeln, Nüssen und Honig, hat eine ähnliche Farbe wie der Lehm, mit dem die jüdischen Sklaven Ziegel hatten formen müssen. Ein Knochen mit Fleisch daran dient der Erinnerung an das Opfer im Jerusalemer Tempel zu Pessach. Ein gekochtes Ei symbolisiert das Opfer, das man zum Wallfahrtsfest mitbrachte. Die Speisen werden mit Wein gesegnet. Neben dem Becher für den Propheten Elia kommt in manchen Familien noch ein Becher Wasser für Moses‘ Schwester Miriam hinzu, die nach der biblischen Tradition eine wichtige Rolle beim Auszug aus Ägypten gespielt hatte. Die gemeinsame Mahlzeit unterbricht das Vortragen der Texte, die dem Tag seine Bedeutung geben, die sogenannte Pessach-Haggada (auf Deutsch: Pessach-Erzählung). Eingeläutet wird das Verlesen der Texte durch vier Fragen beginnend mit den Worten „Ma Nischtana“, die das jüngste anwesende Kind stellt, und die dann durch Lesung und Erklärung beantwortet werden. Neben den symbolträchtigen Speisen und den wichtigen Texten zum Fest steht in vielen Familien auch der Gesang im Mittelpunkt. Typisch ist zum Beispiel das Lied „Dajenu“, das die göttlichen Geschenke an das Volk Israel beschreibt. Das am Ende jeder Zeile immer wiederholte Wort „Dajenu“ bedeutet „es wäre für uns genug gewesen“. Ausgesagt werden soll, dass schon ein einziges Wunder Gottes genügt hätte, Israel aus der Sklaverei zu retten, dass Gottes Wunder aber weit über ein einziges hinausgingen und hinausgehen.

Rezeptvorschlag für ungesäuertes Brot: 200 g Mazzenmehl (oder eine Mischung aus Weizenvollkorn und Gerstenvollkornmehl zu gleichen Teilen) sowie etwas Salz werden mit 50–80 ml Wasser verknetet, welches löffelweise dazugegeben wird. Der Teig wird in 5 bis 6 gleichgroße Portionen geteilt und rund ausgerollt. Anschließend wird das Brot im heißen Backofen bei 200 Grad knusprig gebacken.

Rezeptvorschlag für Charosset: Für das Fruchtmus werden zwei Äpfel geschält und gerieben und jeweils eine kleine Tasse gemahlene Mandeln, Nüsse und Rosinen untergemischt. Anschließend wird ein Esslöffel Honig hinzugegeben, etwas Zimt und Zitronensaft und gegebenenfalls Wasser, bis ein verstreichbarer Teig entsteht.

Pogrom

Das Wort kommt aus dem Russischen und bedeutet „Zerstörung“ oder „Massaker“. Es bezeichnet gewaltsame Ausschreitungen einer Völkergruppe gegen eine andere, die mit Plünderungen, Gewalt oder Vertreibung einhergehen. So wird die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde in [Erfurt][1] 1349 als Pogrom bezeichnet. Für die im Nationalsozialismus verwendete (im Berliner Volksmund entstandene) Bezeichnung „Reichskristallnacht“ für die [Synagoge][2]nzerstörungen und Judenverhaftungen um den 9. November 1938 herum wird häufig der Name „Novemberpogrome“ gebraucht.

[1]: "Erfurt"
[2]: "Synagoge"