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Die Hebräische Bibel – der TaNaKH

Titelabb.: Hebräische Bibelhandschrift (Kat.-Nr. 2.1), Fol. 158v (Ausschnitt)
Abb. 2.1: Hebräische Bibelhandschrift (Kat.-Nr. 2.1), Fol. 228v–229r (Ende des Buches der Könige – Anfang des Propheten Jeremia)
Abb. 2.2: Fragment einer Tora-Rolle (Kat.-Nr. 2.2, Ausschnitt)
Abb. 2.3: Biblia Hebraica, Venedig 1544 (Kat.-Nr. 2.6), Fol. 15r (Text von Genesis 24:11–35)

Als Hebräische Bibel bezeichnen wir die von Juden und Christen gleichermaßen als Heilige Schrift anerkannten Bücher, die im wesentlichen in hebräischer, zu geringen Teilen auch in aramäischer Sprache abgefasst sind. In Anzahl und Umfang der Bücher entspricht die Hebräische Bibel dem Alten Testament nach Martin Luther (der sich bei seiner Auswahl der Bücher ausdrücklich an die hebräische Vorlage hielt), doch sind die Bücher teils anders gereiht als in der Lutherbibel. Der Kanon der Hebräischen Bibel, also die verbindliche Sammlung der als zugehörig betrachteten Schriften, besteht aus drei Teilen: der Tora ( תורה , wörtlich etwa „Unterweisung“, die sogenannten 5 Bücher Mose), den Propheten (Neviʾim = נביאים , wozu auch die Bücher Josua–Könige zählen) und den sogenannten Schriften (Ketuvim = כתובים , wozu neben den poetischen und Weisheitstexten sowie den Festrollen [Megillot] auch die ganz am Ende des Kanons plazierten Bücher Esra, Nehemia und Chronik gehören). Das aus den Anfangsbuchstaben der drei Titel zu bildende Kunstwort TaNaKH ( תנ״ך ) dient in der jüdischen Tradition auch als Name für die Bibel als Ganzes. Andere Bezeichnungen sind Chumasch ( חמש , wörtlich etwa „Fünfbuch, Pentateuch“) für die fünf Bücher der Tora sowie Arbaʿa we-ʿEśrim ( ארבעה ועשרים , „vierundzwanzig“) – entsprechend der Gesamtzahl der Bücher – für den TaNaKH. Die Zahl 24 (im Unterschied etwa zu den 39 alttestamentlichen Büchern der Lutherbibel) kommt durch eine Zählweise zustande, bei der thematisch zusammengehörige Bücher (z.B. Esra und Nehemia oder die 12 Kleinen Propheten) strukturell als Einheit betrachtet werden. Vor der Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg (um 1450) erfolgte die Vervielfältigung des Bibeltextes wie bereits Jahrhunderte zuvor: durch Abschreiben des Textes von einer Vorlage. Diese Vorlage ist seit der Kanonisierung des hebräischen Bibeltextes in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten praktisch unverändert geblieben – zunächst als reiner Konsonantentext, seit dem 8. Jh. dann erweitert um Lesezeichen für Vokale und Akzente, die über bzw. unter die Konsonanten geschrieben werden und einer unmissverständlichen Fixierung der Lesung des (an sich nicht immer eindeutigen) Konsonantentextes dienen. Zugleich mit den Vokal- und Akzentzeichen wurde der Text um weitere Anmerkungen erweitert, die sich außerhalb des eigentlichen Textblockes finden und als Masora bezeichnet werden. Diese Randglossen beinhalten statistische und textkritische Hinweise zu zahlreichen Textstellen und zeugen von der Sorge jüdischer Gelehrter um die genaue und fehlerfreie Wiedergabe des biblischen Textes (vgl. Kat.-Nr. 2.1). Von der Bezeichnung Masora haben diese Gelehrten, die im 8.–10. Jh. in Palästina und Babylonien tätig waren, den Namen Masoreten erhalten. Das entstandene Gesamtwerk, der vokalisierte und kommentierte Text der Hebräischen Bibel, wird daher auch masoretischer Text genannt. Die ältesten Bibelhandschriften dieser masoretischen Tradition stammen aus dem späten 9. Jh.; der früheste vollständig erhaltene Kodex, der nach seinem Aufbewahrungsort in der Russischen Nationalbibliothek als „Kodex Leningradensis“ bekanntgeworden ist, wurde im Jahre 1008 in Kairo vollendet. Auch wenn die ältesten Handschriften sämtlich im orientalischen Raum entstanden sind, weisen die in Europa verfassten Bibelhandschriften in ihrer Textgestalt keine nennenswerten Abweichungen von jenen auf. Markante Unterschiede finden sich lediglich im Schrifttyp und in der äußerlichen Gestaltung. In Aschkenas, das im Mittelalter das Gebiet von Nordfrankreich und Deutschland umfasste, entstand – sicherlich unter dem Eindruck zeitgenössischer Entwicklungen in der christlichen Kunst – eine Reihe repräsentativer, kostbar ausgestatteter und illustrierter Bibelhandschriften, darunter die berühmte zweibändige Bibel von 1343 aus der jüdischen Gemeinde in Erfurt (heute in der Staatsbibliothek zu Berlin), die als größte hebräische Handschrift überhaupt gilt.

Die Herstellung derart voluminöser Manuskripte war aufwendig und teuer. In der Regel waren mindestens zwei Schreiber am Werk: einer für den Konsonantentext, dem als dem eigentlichen Gotteswort stets ganz besondere Sorgfalt gilt, und einer für die Vokalzeichen und masoretischen Anmerkungen, denen als zweifellos wichtigem, aber doch menschengemachtem Zusatz zum heiligen Text nicht die gleiche Bedeutung wie dem Konsonantentext zukommt. Ein drittes Gestaltungselement bilden die oft sehr fein ausgeführten Illuminationen, die in der Regel die Titelseiten der biblischen Bücher zieren (Abb. 2.2.1). Nicht in jeder Handschrift konnte der hohe Gestaltungsanspruch bis zuletzt durchgehalten werden, so dass immer wieder Seiten mit unvollendeten oder nicht ausgeführten Zierelementen zu finden sind (Abb. 2.1). Als Auftraggeber solch prächtiger Handschriften, zu denen auch das gezeigte Jenaer Exemplar gezählt werden kann, werden meist wohlhabende Privatpersonen vermutet. Für rituelle Zwecke, etwa im synagogalen Bereich, kämen solche Kodizes ohnehin nicht in Betracht, da für die Lesungen im Gottesdienst nur eigens dafür angefertigte Schriftrollen Verwendung finden. Diese Schriftrollen aus Pergament werden bis heute nach strengen Maßstäben hergestellt; die ihnen zugesprochene Heiligkeit (insbesondere im Falle der Tora) setzt einen fehlerfreien Text voraus, der von einem eigens dafür ausgebildeten Schreiber unter Beachtung besonderer Reinheitsvorschriften mit Tinte auf Pergament zu schreiben ist. Der Text dieser Tora-Rollen (aber auch anderer ritueller Texte wie dem des Buches Ester) besteht nur aus dem als heilig geltenden Konsonantengerüst, ohne Vokalisierung und andere Anmerkungen aus der masoretischen Tradition. Als einzige Zierelemente fallen hier einzelne mit sogenannten Krönchen oder Lilien versehene Buchstaben ins Auge sowie die auch aus anderen Handschriften bekannte Praxis, durch Auseinanderziehen der Buchstaben am Zeilenende das ästhetische Erscheinungsbild eines Blocksatzes zu gewährleisten (Abb. 2.2).

Seit den siebziger Jahren des 15. Jh. erschienen hebräische Texte auch im Druck, zuallererst in Italien (vgl. Kat.-Nr. 7.1), darunter komplette Ausgaben der Bibel und später des Talmud. Waren die ersten Bibelausgaben ausschließlich von jüdischen Druckern zum Gebrauch in jüdischen Kreisen hergestellt worden, sollten die zu Beginn des 16. Jh. in Venedig erschienenen Drucke, die gleichermaßen von jüdischen und christlichen Nutzern rezipiert worden sind, eine nachhaltigere Wirkung entfalten. Herausgegeben wurden die unter dem Namen „Rabbinerbibeln“ bekanntgeworden Drucke von Daniel Bomberg (van Bomberghen), einem christlichen (!) Verleger aus Antwerpen, der mit päpstlicher Erlaubnis seit 1515 in Venedig eine auf hebräische Werke spezialisierte Druckerei betreiben konnte. Selbst im Hebräischen nicht unbewandert, versicherte sich Bomberg für seine Editionen der Unterstützung jüdischer Mitarbeiter, um einen hohen qualitativen Standard zu gewährleisten. Die erste Bibelausgabe erschien 1517 und wurde von Felix Pratensis besorgt, einem getauften Juden, der aus einer Rabbinerfamilie stammte und dem Augustinerorden beigetreten war. Schon äußerlich erkennbares Merkmal dieser Bibel ist ihre dreigeteilte Struktur, indem jede Seite nicht nur den vokalisierten hebräischen Text, sondern auch die (ebenfalls vokalisierte) aramäische Übersetzung (Targum) sowie Kommentare bedeutender Gelehrter enthält, darunter Rabbi David Qimchi (RaDaQ, vgl. Kap. 5) und Rabbi Salomo ben Isaak (RaSCHI, vgl. Kat.-Nr. 2.4). 1524–25 brachte Bomberg eine deutlich erweiterte zweite Ausgabe heraus, deren Bearbeiter, ein Jude namens Jakob ben Chajjim ben ʾAdonija, dem hebräischen Text erstmals die komplette Masora hinzugefügt hat.

Eine besondere Herausforderung hebräischer Bibeldrucke im Vergleich mit anderen hebräischen oder lateinischen Druckwerken stellt die komplexe Schrift aus Buchstaben, Vokal- und Akzentzeichen dar. Zudem sind auch oft, wenn nicht die gesamte Masora, zumindest für das Textverständnis wesentliche Randbemerkungen aus den Handschriften in die Drucke übernommen worden, namentlich die als Ketiv/Qere bezeichneten Verbesserungsvorschläge (vgl. Kat.-Nr. 2.6 mit Abb. 2.3). Darüber hinaus sind in den Bombergʼschen Drucken immer wieder Varianten verzeichnet, in denen einzelne Handschriften (meist minimale) Abweichungen von dem als Vorlage genutzten Mastertext aufweisen (vgl. Kat.-Nr. 2.4). Auch wenn diese Abweichungen oft nur orthographischer Natur sind und in der Regel keinerlei inhaltliche Relevanz besitzen, nehmen sie doch bereits den Ansatz einer kritischen Textedition vorweg, wie sie für die moderne Bibelwissenschaft heute selbstverständlich ist.

Abb. 2.1
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Abb. 2.2
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Abb. 2.3
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