Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.
Die noch existierenden jüdischen Friedhöfe im Landkreis Nordhausen

Im Judentum hat der Friedhof viele Namen. Zu den bekanntesten gehören wohl „Haus der Ewigkeit“, „Haus des Lebens“ oder auch „Hof des Todes“. Sie signalisieren: Das Grab ist auf unbegrenzte Zeit vorgesehen. Der Friedhof muss die ewige Ruhe der darauf bestatteten Personen gewährleisten. Umbettung und Räumung sind nur ausnahmsweise zulässig. Daher wurden die steinernen Zeugnisse meist nicht verändert und bieten eine gute Quelle für die Forschung.


Da die Restaurierung von Grabmalen nicht unbegrenzt möglich und zudem auch sehr kostenintensiv ist, müssen innovative technische Verfahren zur Dokumentation und Informationsvisualisierung Anwendung finden. Dadurch sind auch neue Formate der kommunalen Erinnerungsarbeit möglich: Gedenkveranstaltungen zu verschiedenen Anlässen, durch die das Erinnern wachgehalten wird, gefördert durch die Verknüpfung wertvoller und historisch unersetzbarer Quellen und Erinnerungsorte mit partizipativen Formaten für eine interessierte Öffentlichkeit. Ohne derartige Informations- und Kommunikationsstrukturen folgt eine Verblassung des Erinnerns und schließlich das Vergessen. Die Umsetzung des Projektes „Digitalisierung der jüdischen Friedhöfe im Landkreis Nordhausen“ an der Hochschule Nordhausen wird von der Thüringer Staatskanzlei unter Einbindung eines dichten Kooperations- und Partnernetzwerks unterstützt.

Kontakt

Projektleiterin

Dr. phil. Marie-Luis Zahradnik

marie-luis.zahradnik@hs-nordhausen.de

Digitale Dokumentation und virtuelle Kontextualisierung

Im Rahmen des Projekts soll die digitale Dokumentation und virtuelle Kontextualisierung der jüdischen Friedhöfe in Bleicherode, Ellrich und Nordhausen und ihrer einzelnen Grabmale in 3D sowie die geschichtliche Aufarbeitung erfolgen. Dazu werden zunächst die Geländesituation virtuell erfasst und mit Kontextinformationen zu den Grabmalen und Transkriptionen und Übersetzungen der Inschriften der Grabmale in Beziehung gesetzt.


Viele Grabmale, auf denen Namen noch lesbar sind, stammen aus einer Zeit, zu der die Juden bereits verbindliche Familiennamen hatten. In Folge der Niederlage Preußens gegen Napoleon gehörten u. a. Bleicherode, Ellrich und Nordhausen zum Harz-Department des neu gebildeten Königreichs Westphalen (1807 bis 1813/14), in dem Juden 1808 Zunamen annahmen mussten. Zuvor waren Familiennamen bei den Juden nicht verbreitet, sondern dem Namen, den ein Kind bekam, wurde zur Unterscheidung der Name des Vaters oder des Wohnortes hinzugefügt. Viele Grabmale auf den Friedhof zeugen von Namen, die auf mehrere Generationen von Familien zurückgehen.


Die Eulogien sind besonders auf den Grabmalen aus der Anfangszeit der Friedhöfe mehrheitlich in hebräischer Sprache vorhanden und kunstvoll poetisch und religiös formuliert. Die Interpretation der religiösen Anspielungen von Worten und Wortgruppen aus der Heiligen Schrift des Judentums setzt ein tiefgründiges Wissen der jüdischen Theologie voraus.

Inschrift Jente mit deutscher Übersetzung

‏[...יר]את ד׳ והגונה‏‎

‎‏פה‏‎

‎‏נטמנת אשת חיל‏‎

‎‏מעשיה היתה נעימה‏‎

‎‏כל ימיה הלכה בדרך‏‎

‎‏ישרה ה״ה האשה חשובה‏‎

‎‏יענטה אשת כ׳ איצק‏‎

‎‏הלכה לעולמה בי׳ ב׳ ו׳ כסליו‏‎

‎‏תקמ״ז לפ״ק הביאה חיים על ל״ט‏‎

‎‏שנים גופה יישן ארצה‏‎

‎‏ונשמתה לגן עדן נרצה‏‎

‎‏תנצב״ה‏‎

[...] den Ewigen ehrfürchtend und würdig

Hier

ist geborgen ›die tüchtige Gattin‹,

ihre Taten war sie anmutsvoll,

all ihre Tage ›ging sie auf rechtem

Weg‹, es ist die angesehene Frau,

Jente, Gattin des geehrten Izek,

›sie ging hin in ihre Welt‹ am Tag 2, 6. Kislev

547 der kleinen Zählung. Sie errichte ein Alter von 39

Jahren. Ihr Leib schlafe in der Erde

und ihre Seele ist im Garten Eden willkommen.

Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens

(Übersetzung: Nathanja Hüttenmeister – Steinheim-Institut, Essen, 2021)

Jüdischer Friedhof Nordhausen

Der unter Denkmalschutz stehende jüdische Friedhof in Nordhausen ist mit einer Fläche von ca. 50 Ar, 477 Grabstellen, darunter 354 mit einem Grabstein, fünf mit einer Metalltafel und einer mit einer Glastafel der größte und der jüngste der erhalten gebliebenen Friedhöfe im Landkreis Nordhausen. Ein Grabdenkmal für die 12 im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus der Gemeinde wurde im September 1921 eingeweiht. Es bezeugt die Bedeutung, Loyalität und Anpassung der jüdischen Gemeinde an die Lebenswelt im damaligen Deutschland.


Die jüdische Synagogengemeinde wurde um 1808 neu gegründet, seit sich nach der Einführung des „Code Napoleon“ im von Napoleon Bonaparte 1807 neu gegründeten Königreich Westphalen Juden in Nordhausen niederlassen duften. Die wachsende Zahl ihrer Mitglieder und deren wirtschaftlicher Erfolg machten es möglich, Boden auf dem „Töpferfelde“ für einen Friedhof zu erwerben. Der bis dahin genutzte, ältere jüdische Friedhof lag außerhalb der Stadt und ist heute nur durch die Namen der umgebenden Straßen und Gebäude zu erahnen. Die Einweihung des neuen Friedhofs fand am 1. September 1828 statt. Die Anlage wurde in den Jahren 1854 und 1865 durch den weiteren Kauf von Land vergrößert. Das ältere Areal war durch einen Eingang im Osten zu erreichen. Heute befindet sich dort der Urnenhain. Der erste Eingang wich dem neuen eisernen Toreingang mit dem Magen David, dem Davidstern im Westen. Dieser besteht bis heute und wurde im Spätsommer 2019 saniert. Zwei Jahre nach dem letzten Grundstückskauf wurde 1867 ein Leichenhaus, dem 1900/01 der Bau einer Leichenhalle folgte. Sie wurde durch die Bombeneinwirkungen 1945 stark beschädigt, sodass sie 1960 abgerissen wurde. Die Treppenstufen der Leichenhalle sind heute noch vorhanden. Im August 1928 wurde der Friedhof mit einem Urnenhain für die Anhänger der Feuerbestattung erweitert, der eine moderne Alternative und Bruch mit der traditionellen Bestattungskultur darstellte.


Die älteren Grabstellen auf dem jüdischen Friedhof in Nordhausen sind traditionell als Einzelstellen in Reihen chronologisch angelegt. Doch bereits ab den 1870er Jahren wurden zunehmend Doppelgräber oder für Ehepaare nebeneinander angelegte Einzelgräber üblich. 21 verstorbene Kinder wurden in einem Kinderfeld beigesetzt.


Der jüdische Friedhof in Nordhausen weist nicht nur die meisten noch erhaltenen Bauten und Grabmale auf, sondern auch mehr Symbole aus dem Judentum wie die segnenden Hände, die Levitenkanne, ein aufgeschlagenes Buch, die abgebrochene Säule und der Baumstamm sind zu finden.


Erstbestattung: 1828
Letzte Bestattung: 1980
Anzahl der Grabstellen: 477, erhaltene Grabsteine: 359
Größe der Anlage: 5.000 m²

Stempel Goldschmidt

Stempel Goldschmidt (von hinten)

Objekt mit lokalgeschichtlicher Bezugnahme

Das Petschaft des jüdischen „Commissionairs“ und „Waarenmaklers“ Isaak Joseph Goldschmidt

Mit dem Namen auf dem Petschaft begann die Recherche nach Herkunft und geschichtlichem Hintergrund, in der Hoffnung mit den Ergebnissen die Lücke in der Forschung über die Geschichte der Juden in Nordhausen im 19. Jahrhundert wieder ein Stück weiter zu schließen.

Das Petschaft gehörte Isaak Joseph Goldschmidt, der in den zur Verfügung stehenden Quellen erstmals im „Nordhäusisches wöchentliches Nachrichts=Blatt“ im Jahr 1845, im Adressbuch der Stadt Nordhausen des Jahres 1846 und in der Seelenliste der jüdischen Gemeinde aus dem Jahr 1847 zu finden ist. Laut Seelenliste war er mit Julie, geb. Baer, verheiratet. Aus der Ehe gingen zunächst drei Kinder hervor: Joseph (3 Jahre), Israel (2 Jahre) und Jeannette (1/2 Jahr). Laut Eintrag im Geburtenregister folgten im Jahr 1852 noch eine weitere Tochter, Caroline, und im Jahr 1854 der Sohn Jacob.

Isaak Joseph Goldschmidt war als Kommissionär und Warenmakler in Nordhausen tätig. Mit welchen Waren er genau handelte, lässt der detaillierte Eintrag im Adressbuch der Stadt Nordhausen aus dem Jahr 1865 erkennen. Er war demnach Kaufmann und betrieb eine Leder-, Rohprodukte-, Lumpen-, Knochen- und Haarhandlung. Auch als Kommissionär und Auktionskommissar, als Agent der Assurantie-Compagnie in Amsterdam, sowie als Agent der Frankfurter Feuer-, Lebens- und Transport-Versicherungsgesellschaft „Providentia“ in Frankfurt a. M. und der Lebensversicherungs- und Ersparnisbank in Stuttgart bestritt er seinen Lebensunterhalt. Die Firma „J. J. Goldschmidt“ war zunächst in der Bäckerstraße 461, dann in der Engelsburg 433 und zuletzt in der Pfaffengasse 512 niedergelassen.

Goldschmidt organisierte nicht nur Auktionen für eigene Waren, sondern wurde auch im Auftrag tätig: So zeigen die hier abgedruckten Anzeigen aus dem Jahr 1845, dass er z. B. für Carl Bötticher verschiedene Textilien versteigerte, sich für den Kaufmann H. L. Beushausen um den Verkauf eines Wohnhauses kümmerte und für in der Anzeige nicht genannte Auftraggeber Mieter suchte.

Der Kaufmann Goldschmidt war in einem für Angehörige jüdischen Glaubens typischen Bereich tätig. Er lebte in einem Jahrhundert mit vielen Umbrüchen und Neuerungen, wie die gesellschaftliche und rechtliche Emanzipation der Juden und ihre Integration in den zuvor Christen obliegenden Berufsfeldern. Durch die Bildung von berufsorientierten Vereinen, etwa dem „zur Beförderung des Ackerbaues, der Handwerke, Künste, Lehrer- und wissenschaftlichen Bildung unter den Juden in der Provinz Sachsen“  unterstützten sie diese Entwicklung. Besonders zielte dies auf ärmere Juden ab, die im Handwerk und in der landwirtschaftlichen Arbeit ihr Einkommen finden sollten. Jedoch blieb die Mehrheit der Juden in Folge einer lang gelebten Tradition, wegen bestehenden Geschäftskontakten und aus Sicherheits- und Identifikationsgefühl im Handel und im Geldgeschäft. Besonders der Agrar- und der Handwerkssektor waren in Folge der Auswirkungen der „industriellen Revolution“ krisengeschüttelt und daher keine sicheren Tätigkeitsbereiche.

Im Adressbuch des Jahres 1874 ist Isaak Joseph Goldschmidt zum letzten Mal unter den 19 Kommissionären gelistet, von denen zwei weitere der jüdischen Gemeinde in Nordhausen angehörten: Seligmann Schlesinger und Hermann Schottländer.

Suizid – Das Schicksal von Caroline Goldschmidt

Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters erlitt die Familie ein weiteres Schicksal: In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1876 nahm sich die jüngste Tochter Caroline Goldschmidt das Leben. Aus der Eintragung über einen „Selbstmord“ im Sterberegister der jüdischen Gemeinde in Nordhausen geht hervor, dass sich die Tochter Goldschmidts aus „Schwermuth“ ertränkte.

Über die Ursachen für Caroline Goldschmidts Schwermut konnte nichts herausgefunden werden. Nicht unwahrschein­lich ist, dass der Verlust ihres Vaters ihren Gemütszustand beeinflusst hat. Vermutlich wird sie damit auch eine sichere Existenzgrundlage verloren und an gesellschaftlicher Stellung eingebüßt haben. Zu dieser Zeit war es noch unüblich, als junge Frau und zudem ledig selbst einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Erwerbsmöglichkeiten wie als Magd, Dienst- oder Kindermädchen waren Alternativen. Ob diese ihrer bisherigen Stellung in der Gesellschaft entsprochen haben, ist fraglich. Die Angabe im Sterberegister, dass Caroline Goldschmidt ihren Tod durch Ertränken herbeiführte, bedarf ebenfalls der näheren Erörterung. Der Wassertod ist wohl eine der emotional besetzten Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen. Oft als „Armentod“ bezeichnet, gingen zu allen Zeiten Menschen aus der Not heraus ins Wasser, da Gift u. ä. für sie unerschwinglich war und daher oft der zugleich grausamste Tod durch Ersticken gewählt wurde. Darüber hinaus leitet sich bei der Wahl des Wassertods auch das Motiv der Liebe bzw. des Liebeskummers, wie es in der Lyrik dargestellt wird, als ein Grund für eben diese Methode ab. Zudem ist Ertrinken in der abendländischen Kulturgeschichte ein eher weiblich konnotierter Tod.

Auf dem jüdischen Friedhof in Nordhausen findet man das Grab von Caroline Goldschmidt. Die noch lesbaren hebräischen Buchstaben der im schlechten Zustand befindlichen Inschrift zeigen die traditionell übliche Einleitungsformel wie etwa „Hier ist verborgen/begraben. Darüber hinaus wird im hebräischen Text Caroline Goldschmidt als „Jungfrau“ beschrieben. Dies gibt den Hinweis, dass sie in keiner ehelichen Verbindung stand. Es war üblich, dass die unverheirateten Töchter keinen eigenen Haushalt unterhielten, sondern bis zur Heirat im Haus der Eltern lebten. Ob zur Bestattung von Caroline Goldschmidt die Riten nach jüdischem Brauch vollzogen wurden, ist ungewiss.

Messing-Siegel aus Nordhausen

Objekt mit lokalgeschichtlicher Bezugnahme

Das Pessach-Siegel des Schächters, Kantors und Lehrers Nathan Havelland

Das Messing-Siegel ist ein Geschichtsträger, dessen Fund bereits an einen geschichtlichen Ort mit lokalem Bezug zu Nordhausen hat. Sehr wahrscheinlich stammt das Siegel aus dem Ende des 18. Jhd. bis in die erste Hälfte des 19. Jhd. und wurde genutzt, um die kascherisierten Gegenstände und Lebensmittel für Pessach als koscher zu zeichnen. Die eingearbeitete Öse am Messinggriff legt nahe, dass der Stempel genutzt und mitgetragen wurde wie an Ketten oder Bändern, um den Hals oder am Gürtel.

Übersetzung der hebräischen Inschrift:

(Koscher für) Pessach

(bestätigt/geprüft) durch

Nathan HaFel-Land (abgekürzter Beiname)

Der übersetzte Beiname „Nathan HP"L“ gibt einen Hinweis auf den Besitzer Nathan (Philipp) Havelland. Es ist sehr gut möglich, dass Nathan Havelland das Siegel an einem Band bei sich trug, um damit eine rituelle Handlung zum Pessach auszuführen, die ihm als Schächter oblag.

Den genauen Zeitpunkt, wann Nathan Havelland nach Nordhausen kam und die Ämter des Kantors, Schächters und Lehrers bekleidete, ist nicht bekannt. Jedoch können aus den Quellen über die Geburten seiner Kinder und u. a. auch aus den Angaben in den Adressbüchern von Nordhausen annähernd ein Zeitraum bestimmt werden. Während die ersten vier Kinder in Brandenburg und Harzgerode zur Welt kamen, wurde seine Tochter Ernestine um 1818 dann in Nordhausen, ihr folgten nach zwei Brüder. Die erste Geburt in Nordhausen lässt die Annahme zu, dass Nathan Havelland spätestens um 1817 nach Nordhausen kam. In Personalunion als Kantor und Schächter der jüdischen Gemeinde amtierte er zwischen 1820 bis 1822 und 1832 bis 1854 und verstarb 1856.

Jüdischer Friedhof in Bleicherode

Der unter Denkmalschutz stehende jüdische Friedhof in Bleicherode ist der älteste noch erhaltene Begräbnisplatz im Landkreis Nordhausen. Neben der „Alten Kanzlei“ in der Hauptstraße 131, in der sich bis zur Errichtung der Synagoge im Jahr 1880/82 der Betsaal und die Schule befanden, und einigen repräsentativen Gebäuden ehemaliger Fabrikanten aus der jüdischen Gemeinde, gehört der Friedhof zu den wichtigsten Zeugnissen der großen jüdischen Vergangenheit in Bleicherode. Die 155 Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde erwarb das Friedhofsgelände im Jahr 1728. Das insgesamt ca. 64 Ar große Areal liegt am Nordhang des „Vogelberges“ und reicht bis zur Schustergasse hinab. Der Friedhof wurde im Süden beginnend hangabwärts angelegt und füllt mit etwa 227 Grabstellen auf 12 terrassenförmigen Ebenen die oberen ca. 33 Ar des Areals aus.


Die 194 erhaltenen Grabsteine und vier Metalltafeln zeigen mit ihrer Vorderseite in Richtung Norden. Damit unterscheidet sich der Friedhof von anderen jüdischen Friedhöfen. Zwar nicht verbindlich, aber doch üblich geworden ist eine Ausrichtung der Gräber nach Osten. Auf manchen alten Friedhöfen sind sie jedoch zum Ausgang hin ausgerichtet. Männliche und weibliche Verstorbene wurden in gemischten Reihen zusammen beigesetzt. Bei den älteren Gräbern in den ersten elf Reihen im Süden, wurden die Grabstätten in Form von Einzelgräbern chronologisch angelegt. Bei verstorbenen Ehepaaren wurde oft eine identische Grabsteingestaltung als Zeichen der familiären Zugehörigkeit gewählt. Ab der zwölften Reihe, angelegt ab den 1890er Jahren, kommen vermehrt Doppelgräber der Familien vor. Eine Urnenbeisetzung von 1908 weicht von der jüdischen Bestattungskultur ab. Symbole aus dem Judentum wie ein aufgeschlagenes Buch, eine abgebrochene Säule und das Herz sind zu finden. Aber auch nicht typisch jüdische Symbole wie ein Schmetterling und florale Verzierungen sind sichtbar. Am noch existierenden Eingang in der Schustergasse befand sich ein um 1866 errichteter Schuppen für den Leichenwagen, dessen Bodenplatte und Reste des Felssteinsockels noch zu sehen sind. Ebenso befindet sich dort ein mit Backsteinen eingefasster Brunnen.


Der Friedhof ist in einem guten Zustand und kann nach Absprache gemäß jüdischer Bekleidungsvorschrift betreten werden.


Erstbestattung: vermutlich 1660, 1728 Kauf des Platzes durch die jüdische Gemeinde
Letzte Bestattung: 1938
Anzahl der Grabstellen: 227, erhaltene Grabsteine: 194
Größe der Anlage: 3.300 m²



Der jüdische Friedhof in Ellrich

Bereits im Jahr 1320 wird nachweislich über Juden in Ellrich berichtet. Die kontinuierliche Präsenz jüdischen Lebens im Ort wurde allerdings auch hier durch zeitweise Vertreibungen unterbrochen.


Der erste jüdische Friedhof aus der Zeit des 14. und des 16. Jahrhunderts lag vor dem Wernarer Tor und wurde bis ca. 1750 als Begräbnisort genutzt, wurde dann aber zu klein und ist spurlos verschwunden. Die nach dem 30-jährigen Krieg ständig wachsende jüdische Gemeinde in Ellrich brauchte neben der Synagoge für die Lebenden nun auch einen größeren Ort für ihre Verstorbenen.


Im Jahr 1782 erwarb die jüdische Gemeinde an der Töpferstraße nahe der Jüdenstraße ein Grundstück, um einen neuen Friedhof darauf zu errichten. Für 1787 wird berichtet, dass in Ellrich 114 Juden lebten, im Jahr 1840, dem Höchststand jüdischer Seelen im Ort, waren es 146.


Vom heutigen Eingang des Friedhofs führt eine mit Bäumen bestandene Allee in S-Form zum anderen Ende des Areals. Von den 76 noch vorhandenen Grabstellen besitzen 64 einen Grabstein. Die älteren Gräber nördlich des Eingangs sind in nach Geschlecht getrennten Reihen angelegt, wie es häufig auf alten jüdischen Friedhöfen Tradition gewesen ist. So sind die Frauen in den ersten neun noch sichtbaren Reihen bestattet worden, dann folgten die Reihen der männlichen Verstorbenen. Rund 42 % der Grabsteine, auf denen die Namen noch lesbar sind, gehören Frauen. Familiengräber sind auf dem Friedhof nicht zu finden. In der Gestaltung und dem Material identische Grabsteine lassen vermuten, dass es familiäre Verbindungen geben könnte. Nach 1877 nahm die traditionelle Form der getrennten Bestattung ab, es wurden Reihen mit Verstorbenen beiderlei Geschlechts angelegt. Symbole wie die Sanduhr, der sich selbst in den Schwanz beißenden Schlange als Symbol der Ewigkeit (Ouroboros), der Schild (Magen) David in Form eines sechseckigen Sternes, der Schmetterling und florale Verzierungen sind zu beobachten.


Südlich des Eingangs finden sich zwei kleine, eng beieinander liegende und umrandete Gräber ohne Grabstein. Möglicherweise sind sie in dem Bereich, der für die Bestattung von Kindern vorgesehen war. Die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Ellrich weisen eine lange Verwendung der traditionellen Schreibweise von hebräischen Segenssprüchen (Eulogien) auf der Vorderseite des Grabsteins auf, die sich auch auf den wenigen Grabmalen aus der Zeit nach der Jahrhundertwende in deutscher Sprache finden lassen.


Erstbestattung: vermutlich 1823
Letzte Bestattung: 1928
Anzahl der Grabstellen: 75, erhaltene Grabsteine: 64
Größe der Anlage: 2.400 m²

Der nicht mehr existierende jüdische Friedhof in Sülzhayn

Der jüdische Friedhof in Sülzhayn ist nicht mehr sichtbar. Sehr wenige Quellen geben Auskunft über die frühere Existenz.


Bereits im 16.Jahrhundert ließen sich Juden im Ort Sülzhayn nieder. Der Grund dafür war die Ausweisung der Juden aus der zum damaligen Zeitpunkt bedeutenden Handelsstadt Nordhausen. Die jüdischen Familien mussten in das Umland ausweichen. Die Restriktionen der Niederlassungsfreiheit wurden erst im Jahr 1807 durch den im von Napoleon Bonaparte neu gegründeten „Königreich Westphalen“ gültigen „Code Napoleon“ genannten Gesetz aufgehoben. Die Juden wurden den Buchstaben nach Staatsbürger mit allen Rechten.


Durch die noch erhalten gebliebenen Verwaltungsvorgänge zur Gleichstellung der Juden in den Archivakten lassen sich Angaben über die jüdische Bevölkerung in Sülzhayn machen. Mit der Annahme neuer Zunamen der im „Westphälischen Königreich“ lebenden Familienoberhäupter waren in der Zeitung „Nordhäusisches wöchentliches Nachrichts꞊Blatt“ vom 7. November 1808 wurde 11 jüdische Familien in Sülzhayn angeführt. Im Verlauf der folgenden Jahre erfolgte offenbar der Umzug vieler jüdischen Familien in das attraktivere Nordhausen, so dass die Gemeinde irgendwann zu klein wurde, um weiter bestehen zu können. Um 1834 wurden ca. 417 Einwohner und 74 Häuser in Sülzhayn gezählt. Darunter waren auch Juden, die nicht nur ihre Lebensmittelpunkte, sondern auch religiöse Plätze im Ort aufbauten. So soll sich unterhalb des „Heilands“ eine Synagoge befunden haben. Gegenüber dem „Heiland“ zwischen der Sackbergtreppe und dem Sackberg, beim heutigen Aussichtpunkt „Freier Platz“ gab es einen jüdischen Friedhof.


Größe der Anlage: ca. 550 m², rechteckiges Areal

Der nicht mehr existierende jüdische Friedhof in Werna

Über das vergangene jüdische Leben in Werna geben nur sehr wenige Quellen Auskunft.


Bereits im 16. Jahrhundert ließen sich Juden im Ort Werna nieder. Der Grund dafür war die Ausweisung der Juden aus der zum damaligen Zeitpunkt bedeutenden Handelsstadt Nordhausen. Die jüdischen Familien mussten in das Umland ausweichen. Die Restriktionen der Niederlassungsfreiheit wurden erst im Jahr 1807 durch den im von Napoleon Bonaparte neu gegründeten „Königreich Westphalen“ gültigen „Code Napoleon“ genannten Gesetz aufgehoben. Zu dieser Zeit lebten rund 18 jüdische Familien in Werna. Im Verlauf der folgenden Jahre erfolgte offenbar der Umzug vieler jüdischen Familien in das attraktivere Nordhausen, so dass die Gemeinde irgendwann zu klein wurde, um weiter bestehen zu können.


Religiöse Orte jüdischen Lebens waren nachweislich eine 1793 gebaute oder sanierte Synagoge, eine Mikwe für rituelle Waschungen und ein Friedhof. Der Standort von der Synagoge und der Mikwe sind nicht bekannt.


Die Begräbnisstätte für die verstorbenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde ist ein rund 738 m² großes Areal am sogenannten Judenberg.


Ältere Ortsansässige können sich erinnern, dass sich auf dem Friedhof viele Einzelgrabstellen befanden, die jedoch in den letzten Jahrzehnten eingeebnet wurden. Die Grabsteine standen der Erinnerung nach nicht aufrecht, ein Hinweis darauf, dass es sich um sehr alte, aus der Anfangszeit der Gemeindeansiedlung im 16. Jhd. gehandelt haben könnte. Nach der Judenemanzipation wurden die Grabsteine in eine aufrechtstehende Position, zuerst allerdings ohne Sockel, gebracht. Ein Fragment eines Grabsteins aus hellem Sandstein im Boden belegt, dass es auch aufrechtstehende Grabsteine gab.


Mit dem der Auflösung der jüdischen Gemeinde in Werna, vermutlich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde auch der Friedhof nicht mehr genutzt.


Größe der Anlage: ca. 738 m², rechteckiges Areal